Vom unnötigen Stress mit dem Stapel ungelesener Bücher

Hallo zusammen!

Wir sind, so als Menschen der westlichen Welt, ein ziemlich bizarres Völkchen. Wir haben ja weiß Gott gerade genug Probleme, von Klimawandel zu Polizeigewalt, vom Kampf um Gleichberechtigung zu einer unberechenbaren Pandemie, die immer, wenn man nicht aufpasst, eine neue Schreckensmeldung generiert. Aber dann, wenn wir mal etwas finden, wo wir es wirklich gut haben, wo wir es möglicherweise besser haben als die allermeisten Menschen in der Vergangenheit es je hätten haben können, dann finden wir treffsicher einen Weg, auch daraus ein Problem abzuleiten.

Worum es mir heute konkret geht, ist das Problem eines Übermaßes an Lesematerial, aber im Grunde gilt das, was ich hier sage, ja genauso für den schier unerschöpflichen Fundus von schaubaren Filmen und Serien auf den Streaming-Plattformen und für viele von uns sicherlich auch für die schiere Menge an ungespielten Video- respektive Computerspielen.
Dieses Kind hat viele Namen, doch auch diese zu betrachten gibt schon einen interessanten Einblick in die Mentalität, mit der wir uns diesem Sachverhalt nähern. Im Deutschen haben wir den Stapel ungelesener Bücher, manchmal liebevoll SuB abgekürzt, der geht ja sogar noch irgendwie. Die Japaner haben ihr Tsundoku, wenngleich mir da das Wissen fehlt, um das sprachlich genauer einzuordnen.
Aber dessen englischsprachiges und auch hierzulande schon oft gehörtes Pendant, der Pile of Shame, zeichnet schon ein anderes Bild. Ein Bild der Schande. Beschämt muss man offenbar sein, dass dieser Stapel aufgekommen ist. Und ja, der Begriff wird oft ironisch gebraucht, klar, und zu diskutieren ob Sprache nun wirklich unser Denken formt ist etwas, was den Rahmen dieses Artikels locker sprengen würde1, aber es ist schon ein interessanter Zug, einen Überfluss an etwas, was man gerne mag, als Anlass von Schande zu bezeichnen, oder?
Im englischsprachigen Videospiel-Bereich stolpert man zudem gerne mal über den Begriff des Backlogs, was auch wenigstens Arbeit und Pflicht suggeriert.

Aber das geht noch weiter: Mehr als einmal habe ich in Gesprächen schon Formulierungen beobachtet, die genau das, also Arbeit und Verpflichtung, nahelegen. „Am Wochenende hab ich mal richtig was abgearbeitet“, sagte ein Kumpel neulich über Netflix. Wegen einiger längere Autofahrten habe ein anderer in Sachen Podcasts „mal gut was wegbekommen“.
Was ein Irrsinn!

Wenn wir jetzt mal Pflichtlektüren für Schule, Studium, Arbeit und Fortbildungen außen vor lassen, so sollte es uns beim Lesen doch um Spaß gehen, um die Freude am Lesen. Und das ist ja auch eine Perspektive, die wir haben. Das Eintauchen in fremde Welten, das Erleben von Abenteuern, so eine Art Surrogat-Erfahrung von Eindrücken, die wir in unserem Leben so einfach nicht haben können2.
Und doch fühlen wir uns – oder viele von uns zumindest – unter Druck gesetzt von dem, was wir alles noch lesen wollen. Und klar, das Leben ist nicht unendlich und es gibt demnach ein Limit dessen, was wir in diesem Leben lesen werden. Auch ist das Auswahl-Paradox sicherlich ein Faktor – die wissenschaftliche These, dass wir, je mehr Auswahl wir haben, desto unwilliger werden, eine Entscheidung zu treffen. Wer schon mal stundenlang vor dem Buchregal stand oder ewig lange durch seine Netflix-Watchlist scrollte um dann doch auf YouTube zu landen, der weiß in etwa, was ich meine.

Aber obgleich das alles wahre Faktoren3 sind und obgleich wir durchaus, denke ich, pragmatisch die Umstände verbessern können, stressfreier und mehr zu lesen – und keine Sorge, ich komme gleich noch mit ein paar handfesten Ansätzen, die zumindest für mich funktionieren – so ist der erste Punkt, für den ich heute hier werben möchte, der, an seiner eigenen Haltung zu arbeiten. Im Zweifel auch schon beginnend mit den Worten, die wir selber wählen, um diesen Umstand unkonsumierter Medien zu benennen.
Das ist ein wenig das, was ich immer meine, wenn ich sage, dass ich zwei Hobbys habe: Bücher lesen und Bücher sammeln. Man kann sicher argumentieren, dass es einen finanziellen Aspekt gäbe – gekaufte, aber ungelesene Bücher sind ja „herausgeworfenes“ Geld. Und viele kennen sicherlich auch ein damit einhergehendes Platzproblem. Natürlich. Aber, und ich denke das ist ein wichtiges ‚aber‘, wem der Erwerb von Büchern Freude bereitet, wem es gut tut, sich mit der Verheißung noch zu lesender Texte zu umgeben, der sollte sich weder von memetischem Internet-Spott noch von sonst etwas einreden lassen, er müsse beschämt sein durch das, was er tue.

Das heißt natürlich nicht, dass es nicht ein paar gute Methoden gäbe, wieder mehr zum eigenen Lesen zu finden; wohlgemerkt sind es Methoden, die für mich funktionieren. Andere Leute, andere Methologien, schätze ich.
– Der vielleicht wichtigste Faktor für mich ist ein guter Zeitpunkt. Ich lese zwar gerne auch noch abends im Bett, aber weiß auch, dass ich dann doch meist schnell müde werde. Daher nehmt euch Zeit, tagsüber zu lesen. Vielleicht in der Pause auf der Arbeit. Vielleicht nach der Arbeit. Sucht euch einen Moment, der für euch passt und geht dem mit Regelmäßigkeit nach.
– Wenn euch das Auswahl-Pardoxon zu oft beißt, versucht vorab, die aktive Auswahl zu begrenzen, beispielsweise in Form eines bewusst verkürzten Lese-Regals.
– Sicher ist es kein Ansatz für jeden, aber meine jährliche Leseliste nebst Ziel, 50 Bücher pro Jahr zu lesen, hat sich als gute Motivation erwiesen. Das klappt aber nur, wenn euch das nicht alternativ wieder Stress bereitet; es ist eine Absichtserklärung, keine Selbstverpflichtung.
– Ihr ahnt es vermutlich schon, nachdem ich dieses Jahr nicht nur einmal, sondern zweimal wortreich gegen soziale Medien ins Feld gezogen bin, aber … wir schauen wirklich, wirklich viel Zeit pro Tag auf unsere Handys. Das ist Zeit, die man zumindest in Teilen auch dazu verwenden kann, in Bücher zu schauen. Selbst wenn ihr mir nicht auf den Pfad fort von allen sozialen Medien folgen wollt4 – schaltet die ollen Dinger wenigstens stumm, während ihr euer Lesefenster habt. Und wenn ihr „partout keine Zeit zum lesen findet“, fragt euch einfach mal selbstkritisch, ob das wirklich so ist, oder ob es nicht vielleicht auch zu einem Teil eine unbewusste Entscheidung zugunsten anderer Prioritäten ist.

Aber noch einmal – obgleich all das für mich sehr wertvoll war, um wieder Freude am und Seelenruhe beim Lesen zu finden, ich denke der wichtigste, zentralste, einfachste und zugleich schwerste Schritt ist im Endeffekt einer, der alleine in eurem Kopf stattfindet.

Ich sprach weiter oben von der Verheißung ungelesener Bücher. Auch in dieser Ansicht bin ich nicht alleine, auch in dieser Ansicht waren andere, klügere Köpfe schneller als ich – Umberto Eco etwa, der nicht nur eine absolut atemberaubende Privatbibliothek besaß, sondern der auch stark die These vertrat, ungelesene Bücher seien wertvoller als gelesene. Sie sind ein Zeichen dafür, dass unsere persönlichen Bibliotheken noch Dinge enthalten, die wir noch nicht wissen. Sie sind, dahingehend, ein Versprechen.

Und darum noch einmal: Genießt das Lesen. Genießt, dass ihr noch Dinge besitzt, die ihr noch nicht gelesen habt. Dinge, die ihr noch lesen werdet.
Diese ganze Conditio humana ist gerade dieses Jahr wirklich vertrackt und komplex genug, auch ohne dass wir uns selbst bei den schönen Seiten des Lebens eben jenes noch unnötig schwer machen.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Die Sapir-Whorf-Hypothese ist so ein Klassiker dieser Theorien im erweiterten Feld der Linguistik, die sich eifrig auch in übergreifenden Fachdisziplinen halten, die aber eigentlich zumindest in ihrem Ist-Zustand eigentlich schon lange wenigstens heftiger, fachlicher Kritik ausgesetzt ist. Und sei es nur, weil die ihr zugrundeliegende Empirie ziemlich problematisch ist und eine Theorie, die aus falschen Prämissen wahre Konklusionen zieht dennoch so nicht stehen bleiben kann.
    Aber wie gesagt, lasst uns das mal wann anders machen, da hängt eine Menge Rabatz dran, wenn man das Fass erst einmal auf hat. 
  2. … was jetzt 2020 keine hohe Messlatte ist, zugegeben. 
  3. Es gibt da natürlich auch diese Fälle von Hype, in denen man Sorge haben mag, nicht mehr Teil des Gesprächs zu sein wenn man dieses oder jenes Buch nicht jetzt, sondern erst später lesen würde. Das lasse ich hier aber mal komplett raus, weil das, ganz ähnlich wie Sapir-Whorf, ein ganz eigenes Thema sein dürfte. 
  4. Und wenn ihr nach mehr Motivation sucht, das doch zu erwägen, dann hat Netflix da auch was sehenswertes am Start. (Auch wenn ich mir wirklich gewünscht hätte, die Macher hätten sich diese narrativen Einspieler verkniffen; nicht nur, weil die dramaturgisch bemerkenswert alle ins Nichts führen, sondern auch, weil sie für mich viel zu stark von dem wirklichen, relevanten, sachbezogenen Kern der Doku ablenken. Aber dieser Kern ist dennoch absolut sehenswert.) 

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