(Urlaubsgedanken und Allerlei zugleich)
Hallo zusammen!
Es ist schon wieder Zeit ins Land gezogen seither, aber die beiden Wochen rund um Ostern hatte ich tatsächlich mal wieder Urlaub und damit Gelegenheit, ein bisschen Abstand zum Alltag zu nehmen. Ich bin zwar nicht verreist, aber selbst beim Urlaub auf Balkonien drängten sich mir ein paar Gedanken auf, die ich hier erwähnenswert finde. (Und da ich zugleich einige Dinge endlich mal voranbringen konnte, gibt’s ein Mini-Statusupdate gleich dazu.)
Ernst ist das Leben
Im Grunde sagt der Titel es schon klar: Die Welt ist gerade in vielerlei Hinsicht kein guter Ort und mir missfällt, was all das mit uns als Gesellschaft, aber auch mit mir macht.
Der heimtückische Trick, der damit einhergeht, ist das mit so vielen Dingen verbundene Gefühl von Alternativlosigkeit. Egal auf welcher Ebene. Beispiele kann man quasi überall finden:
Viele Politiker:innen und Prominente haben sich als moralisch korrupt erwiesen, also wächst die Annahme, dass dies für alle gilt.
Viele Firmen scheinen nur von halsabschneiderischem Eigeninteresse gelenkt, also ist es allzu leicht zu vermuten, dass es für alle gilt.
Aber genauso: Wenn nur genug Leute die Kunde der unausweichlichen KI-Revolution predigen, erscheint es irgendwann fast irrsinnig, die Botschaft zu hinterfragen; egal wie notwendig das objektiv ist.
Gleiches gilt für all die süßlich codierten Gruppenzwänge der sozialen Medien … und so fort.
Hinzu kommen zahllose Achsen der gesellschaftlichen Polarisierung und die Normalisierung einer zynischen Verbitterung, denen man sich in ihrer Allgegenwärtigkeit auch nur wirklich durch aktive Reflexion widersetzen kann. Und muss.

Es ist nur leicht zu vergessen.
Und egal wie reflektiert man ist, egal wie sehr man glaubt, sich nicht all dem Drängen zu unterwerfen, letztendlich schabt all dieses beständige Bombardement doch an unser aller Selbst.
Je stressiger unser Alltag ist, je mehr komplexe und kräftezehrende Entscheidungen wir im Laufe eines Tages schon treffen mussten, desto angeschlagener ist unsere Resilienz, all dem zu trotzen. So musste ich durchaus (mal wieder) überrascht feststellen, wieviel Last ich doch von meiner eigenen Brust gehoben fühlte, je länger ich Zeit zum verschnaufen hatte.
Auch gesundheitlich ist’s tatsächlich derzeit nicht immer ganz einfach. Ich kann den genauen Punkt nicht beziffern, aber seit grob einem Dreivierteljahr habe ich das Gefühl, dass meine Long-Covid-Situation nach einer relativ langen Zeit der Verbesserung nun vielmehr begonnen hat, zwischen extremeren Punkten zu oszillieren.1
An manchen Tagen ist’s alles ganz hervorragend, aber gerade wenn ich den Bogen überspanne, scheint es mir, als seien im gleichen Maße, wie die Gipfel höher geworden sind, auch die Täler tiefer geworden. Alles noch immer in einem Rahmen, den ich managen kann, aber auch das hilft natürlich nicht dabei, die tägliche Alltagslast zu schultern.
Ich witzle ja schon eine Weile, dass mein Leben Long-Covid-bedingt zu einer Art permanenten Ressourcen-Management-Spiel geworden ist. Macht da mal einen gedanklichen Pin rein, ich komme nochmal darauf zurück.
Auf der anderen Seite fiel auch die Artemis-II-Mission genau in den Zeitraum meines Urlaubs. War das nicht wundervoll?


Zwischen all den Kriegen, den Autokraten und Faschisten, Umweltkataklysmen und Realwelt-Dystopien unserer Zeit gab es da plötzlich für ein paar Tage etwas, wo selbst die negativsten Misanthropen nicht so richtig was dran aussetzen konnten. Für einen Moment konnte man noch mal im positivsten Sinne daran fühlen, wie es ist, wenn die Menschheit gemeinsam nach Fortschritt strebt. Für einen Moment – ein Aspekt, auf den mich mein Kumpel Marcel zu Recht aufmerksam machte – waren Staatsbürgerschaften und Geschlechterrollen einfach mal egal und vier Menschen flogen so weit ins All, wie niemand je zuvor. To boldly go, wie eine berühmte Utopie prägte, where no man has gone before.
Ich weiß nicht, wie es euch geht – aber ich könnte durchaus mehr davon vertragen und weniger vom Rest.
Heiter ist die Kunst
Beflügelt von diesem positiven Menschheitsereignis, aber auch wirklich befreit dadurch, dass ich merkte, wie eng die Schraubzwinge zuletzt um meine Brust gespannt gewesen war und wie frei ich gerade mal wieder atmen konnte, bot sich also eine Chance für einen kleinen, mentalen „Reboot“.
Und was gibt’s da besseres in so einem Moment als eine gesunde Prise l’art pour l’art, also Kunst rein der Kunst willen? Keine wirtschaftlichen Verlagsinteressen, keine Likes oder andere Kennzahlen, sondern einfach das Machen um des Machens willen?

Somit kann ich auch verkünden, dass ein anderer Knoten endlich durchtrennt und Der Pakt der Weißen Nächte endlich, endlich vollendet ist. Er ist nicht fertig, aber alle Kapitel sind geschrieben, die Handlung reicht vom Anfang über die Mitte bis zum Ende und hier geht es nun wirklich weiter.
Gerade derzeit lese ich jeden Tag noch ein letztes Mal mit dem Rotstift in der Hand über das Manuskript drüber, und sowie ich das vollendet habe – vielleicht noch im April, sonst Anfang Mai – geht der Text raus an meine getreuen Testleserinnen.
Spätestens dann ist es nicht mehr allein mein komisches, kleines Projekt im stillen Kämmerlein. Dann ist es ein Buch, ein richtiges Buch, das Menschen werden lesen können.
(Und ein umfangreiches Buch dazu, jedenfalls für meine Verhältnisse. Der Pakt bringt in etwa die zweieinhalbfache Zeichenmenge vom letzten Kind von Kaltenstein auf die Waage, so zur Relation.)
Und wo wir von richtigen Büchern sprechen, auch die zweite Auflage von Tänze von einst ist an einige alte wie neue Testleser:innen rausgegangen und sollte im Mai dann in den Druck gehen. Dazu gibt es, wenn es soweit ist, definitiv noch einen eigenen Beitrag oder zwei. Aber für den Moment kann ich sagen, dass es selbst verglichen mit der Sonderausgabe Das Tanzbuch 2022, die wir rund um unseren Wuppertaler Tanzball veröffentlicht haben, ein spürbares Update darstellt. Verglichen mit der ersten Taschenbuch-Edition, eben Tänze von einst von 2020, ist es sogar wirklich substanziell erweitert und verbessert.
Das sind nun beides Bücher. Der Grund, dass ich für den Titel dieses Artikels aber ganz bewusst das unfassbar generische Verb „machen“ gewählt habe, ist vielleicht der letzte Urlaubsgedanke, der damit noch einhergeht. Denn ja, für euch, die ihr hier mitlest, sind die Bücher vermutlich das „greifbarste“ Element meines Tuns. Manche von euch besuchen vielleicht auch das Tanztraining, was ich freitags in Aachen gebe, dann seit ihr sicherlich auch Nutznießer, dass ich gerade für mein relativ neues Trainingsformat namens „Tanzwerkstatt“ Recherche und Planung betrieben habe.
Aber auch korrekt ist, dass ich in meinem Urlaub ebenso viel Zeit in meiner wirklich konkreten, nicht-metaphorischen Werkstatt verbracht habe, oder auch in meinem Garten, in dem irgendwann dieser Tage die Zwiebeln langsam das Erdreich durchstoßen sollten.
All dies steckt in dem Verb „machen“, aber erstaunlicherweise auch in dem Wort „Kunst“. Zumindest jeder, der irgendwie ein Ventil findet, um seiner Selbst Ausdruck zu verleihen in dem was er tut, kratzt daran, Kunst zu erschaffen. Doppelt, wer es vermag, in dem Akt der Erschaffung bereits die gesuchte Genugtuung zu finden, nicht erst in der „Auswertung“ in Form von Klick-Raten und Like-Zahlen.2
Und auch das ist etwas, was uns der Alltag aus dem Gemüt saugen kann wie ein Raubtier das Mark aus den Knochen. Es ist so unendlich viel leichter, nach einem Arbeitstag vor dem Fernseher oder gar dem Smartphone zu versacken, als noch einem kreativen Handwerk nachzugehen. Denn eigentlich – hier ist der versprochene Rückgriff – spielen wir ja alle jeden Tag ein Ressourcen-Management-Spiel; für mich persönlich hat sich die ganze Long-Covid-Erfahrung nur als eine Linse erwiesen, die das viel deutlicher in den Fokus gebracht hat. Die Lohn- und Brotarbeit, die ununterbrochenen Weltuntergangszyklen in den Medien, die permanente Beschallung durch diese elende Aufmerksamkeits-Ökonomie, all das zehrt an jedem einzelnen von uns. Ich kann das nur schlicht nicht mehr ignorieren, weil meine „Energie-Ressource“ zu langsam nachwächst.
Das Schlimme ist nur: Es ist leichter, zu versacken, aber es ist nicht besser für uns.

Ganz gleich, was dieses Handwerk für euch ist oder wäre – Schreiben oder Schreinern, Gärtnern, Kochen, Schneidern, Malen, Musizieren, Tanzen, Inneneinrichtung, Fotografie, Filmemacher, oder, oder, oder – ich glaube fest, wir würden in einer besseren Welt leben, wenn wir uns all dem häufiger hingeben würden. Uns allen würde es schon deshalb besser gehen, weil in diesem Tun ein unendliches Maß an Erfüllung steckt; das ist das eine. Das andere aber ist, dass die Welt auch im gleichen Zuge davon profitieren würde, mehr hand- und menschgemachte Kunstwerke zu erhalten.
Wir würden zwar nicht alle zum Mond fliegen. Aber vielleicht muss es ja auch nicht gleich eine Mondfahrt sein, um mit unseren Mitmenschen Freude und vielleicht sogar Nutzen zugleich teilen zu können.
Doch wenn wir hier schon hoffen und träumen, hängt doch abschließend mal dem Gedanken nach, wie es wäre – und hier beginnt ein zartes Revolutionsbanner im Wind zu wehen, ich weiß – wenn wir die Welt, in der wir leben, insgesamt so verändern könnten, dass wir leichter Zeit und Energie fänden für all diese kleinen und großen Handlungen, Positives zu erschaffen.
Vielleicht denkt ihr jetzt, schön und gut, aber so funktioniert die Welt halt nicht – und dann haben wir den Bogen ganz zum Anfang wirklich erfolgreich geschlagen, denn da ist er wieder, der heimtückische Trick der vorgegaukelten Alternativlosigkeit.
„Das geht so halt nicht“, säuselt eine kalte Stimme.
Und ich will ihr antworten: Aber was, wenn doch?
Etwas, worüber es sich nachzudenken lohnt.
Viele Grüße,
Thomas
- Übrigens ist die ziemlich aktuelle MaiThink-X-Folge zu ME/CFS, Long Covid und co. eine extrem gelungene Aufarbeitung des ganzen Themas, wie ich sie in der Qualität und dem Umfang so noch nicht gesehen hatte.
Als jemand mit einem zumindest bisher eher milden Symptombild finde ich es ein bisschen schade, dass medial der Fokus (aus vielen guten Gründen, freilich) immer auf den eher extremen Krankheitsfällen liegt. Der Haken daran ist, dass ich auch schon mehr als eine Situation hatte, in der meine eigene Krankheit implizit oder explizit in Frage gestellt wurde, weil ich nunmal nach wie vor meinen eigenen Alltag beschreiten kann, solange ich mich an meine Grenzen halte – aber das ich alles in allem Meckern auf hohem Niveau. ↩︎ - Wenn ihr etwas unter anderthalb Stunden übrig habt und euch noch ein wenig damit befassen wollt, die sich die Jagd nach Kennzahlen und messbaren Erfolgsmetriken zerstörerisch auf Kreativität und Schöpfungsvermögen auswirkt, dann ist das aktuelle Folding-Ideas-Video über Dan Olsons Besuch hinter den Kulissen von Mr. Beasts Medienimperium eine wirklich gute Gelegenheit genau dazu. ↩︎






Wen hingegen meine berufliche Arbeit als Verlagsleiter und leitender Layouter für Ulisses Spiele interessiert, findet