Seelenworte

Vom Leben abseits sozialer Medien – ein Abstinenz-Update nach mehr als einem Jahr

Hallo zusammen!

Eigentlich wollte ich diesen Artikel ziemlich exakt zum „Jahrestag“ meiner (weitgehenden) Abkehr von sozialen Medien geschrieben haben, aber … Leben kam quer. Heute aber (von euch aus gesehen: gestern) sitze ich nun hier, frischen Kaffee an meiner Seite, und denke mir … dann wollen wir mal.

Ein paar Grundlagen

Dieser Artikel hier ist faktisch der vierte Teil in einer Chronik; er ist alleine verständlich, aber wenn ihr der ganzen Sache vom Grunde auf folgen wollt, findet ihr hier Links zu allen bisherigen Artikeln zum Thema. Wie bei quasi all diesen Artikeln gilt, dass es mir hier in erster Linie um meine persönliche Erfahrung und Meinung geht, weshalb ich auch nicht jede einzelne Aussage mit Quellen belegen werde. Das heißt nicht, dass ich nicht glaube, dass ich da durchaus an einem intersubjektiven Kern dran bin, aber am Ende des Tages ist dies hier ein Blog, keine wissenschaftliche Arbeit.
Okay?
Okay.

Am 24. Januar 2020 berichtete ich hier auch öffentlich von etwas, was de facto aber schon seit Jahresbeginn galt – dass ich mich, aus diversen Gründen, aus den sozialen Medien zurückziehen würde. Den Begriff verwende ich hier primär wirklich im Sinne von Facebook, Twitter, Instagram und co. – ich weiß, dass der Begriff manchmal weiter gefasst wird, aber da ich beispielsweise YouTube nur unter Vermeidung der Kommentarbereiche und Messenger wie WhatsApp wirklich nur zum Kontakt mit Menschen verwende, die ich ohnehin persönlich kenne, fallen die für mich noch mal in eine andere Kategorie.

Beobachtungen

Zwei Trends haben sich für mich im Laufe des Jahres im Kontakt mit Mitmenschen immer wieder herauskristallisiert. Der erste davon ist eigentlich für mich fast amüsant: Die Rate, in der mir Leute Links oder Screenshots von Dingen schicken, die auf sozialen Medien gepostet wurden, ist seit meinem klar erklärten Ausstieg immens gestiegen. Es ist fast, als wäre die FOMO – die fear of missing out – etwas, was auch auf andere projiziert wird; die gut gemeinte Sorge, dass ich ja sonst verpassen würde, was da abgeht. Macht euch da mal eine gedankliche Markierung dran, wir kommen drauf zurück.

Der andere Trend ist komplexer. Weniger häufig als die FOMO-Proxys, aber doch immer wieder traf ich auf Leute, die offenbar den Drang hatten, die sozialen Medien in Schutz zu nehmen. Nicht zwingend, was dort so passiert, sondern tatsächlich die Medien im Sinne der Plattformen, die sie sind. Es seien die Leute, nicht das Internet, was da wirke. Durch soziale Medien träten nur dunklere Tendenzen der Menschen deutlich (und reichweitenstärker) hervor; und immerhin würden die sozialen Medien ja auch viele gute Seiten haben. Ja, ja natürlich. Das ist ein Argument. Ich bin mir aber nicht sicher, ob’s ein gutes Argument ist. Gun’s don’t kill people, und so – und keine Sorge, ich sage nicht, dass Waffen und soziale Medien gleichzusetzen sind, aber auch darauf kommen wir noch mal zurück.

Cui bono

Es hat sich durchaus eine Menge getan, seit ich den ersten Artikel zu diesem Thema hier vor mehr als einem Jahr veröffentlicht habe – und aus allen möglichen Richtungen sind interessante, kritische Stimmen ertönt. Netflix hat mit Das Dilemma mit den sozialen Medien eine sehenswerte Doku zu dem Thema veröffentlicht, die in meinen Augen deutlich besser wäre, wenn sie darauf verzichtet hätten, sie mit unterwältigenden Black-Mirror-artigen Einspielern „aufzupeppen“, deren Sachteil aber dennoch sehr klar und deutlich macht, dass wenig von den negativen Faktoren Zufall ist.
Die Wired hatte jüngst erst einen spannenden Artikel darüber, dass der Algorithmus, der Erinnerungen an vergangene Ereignisse hochkramt, ganz fatale Folgen haben kann, wenn diese vergangenen Ereignisse gar keine positiven Erinnerungen sind.
Und dann ist da beispielsweise das ebenfalls taufrische und mehr als anderthalbstündige Video, in dem Lindsey Ellis Cancel-Mechanismen auf Twitter am eigenen Beispiel nachzeichnet und recht gut darlegt, warum Empörung und Aufmerksamkeitsökonomie einander befördernde Elemente sind. Tatsächlich folgt sie damit in vielen Punkten dem, was YouTuberin ContraPoints in einem vergleichbar langen Video auch schon dargelegt hat.
(Und ich weiß, alles was „Cancel“ als Thema anrührt führt auch schnell zu Abwehrhaltungen; ihr müsst ihnen ja nicht zustimmen. Aber zur Kenntnis nehmen sollte man diese Argumentationen; ohne dass ich jetzt heute noch mal tief in das Echokammer-Thema einsteigen wollen würde.)

Das verbindende Element ist nicht neu: Es geht darum, die Aufmerksamkeit der Nutzer zu fangen. Und dabei geht es im Endeffekt darum, Gewinne zu maximieren – denn bei einer endlichen Menge an verfügbaren Nutzern und zugleich dem Streben nach immer stärkerem Wachstum bleibt am Ende nur, aus eben jenen Nutzern längere Nutzungszeiten herauszupressen. Darum können wir endlos scrollen, ohne bei einem Neuladen ggf. Gefahr zu laufen, das Interesse zu verlieren. Darum suchen immer schwerer nachzuvollziehende Algorithmen nach immer neuem Input, um uns festzuhalten. Darum ist die alte Binsenweisheit am Ende doch wahr: Wenn das Produkt dich nichts kostet, bist du das Produkt.

Aber im Zuge dieser Artikel hier folgen daraus denke ich zwei Konsequenzen.
Einerseits natürlich: Indem ich mich selbst aus der Gleichung entferne (indem ich die Plattformen nicht mehr nutze), erreiche ich für mich alleine eine zusätzliche Distanz zwischen den damit verbundenen negativen Einflüssen und mir. Zugleich bleibt aber die Frage, inwiefern wir gesamtgesellschaftlich vor einem Problem stehen, das Aufmerksamkeit verdient. (Pun intended.) Das ist in vielerlei Hinsicht eine heikle Thematik, doch zwischen all den oben genannten Beispielen, im Schatten von Querdenkern und erstürmten Regierungsgebäuden ist die Frage vermutlich eine, die wir – „wir“ im Sinne der Gesamtgesellschaft – nicht ewig ignorieren können.

Rein für mich gesprochen

In meinem ersten Artikel zum Thema schrieb ich:

Was ich mir erhoffe, und was ich über die letzten Wochen teils rückblickend bemerkt habe, sind stärkerer Fokus bei den Dingen die ich tue, und einfach generell mehr Zeit – es ist irre, wie lange wir alle pro Tag auf unsere kleinen Bildschirme starren.
Was ich zudem wie gesagt bemerkt habe, ist, wie schnell es geht, dass einem der ganze Kram fremd erscheint. Auch etwa, wie oft, wie stetig und wie schamlos Leute im persönlichen Beisammensein für teils lange Momente auf ihr Handy schauen. Das ist ein eigenes Thema, aber es sind Momente, in denen man Leute bitten wollen würde, doch einfach gerade im Hier und Jetzt zu sein. Zumindest, wenn man sich dann nicht langsam wie ein Guru fühlen würde mit all den Achtsamkeits-Aufrufen.
Für mich aber ist es das Ziel, das Ziel für dieses Jahr.
Mehr im Hier und Jetzt sein.

Und da kann ich eigentlich guten Gewissens einfach einen Haken dran machen. Die Regeneration der eigenen Aufmerksamkeitsspanne ist nichts, was sofort passiert, aber sie ist auch nicht zu leugnen. Der Zeitgewinn, von dem ich da schrieb, ist zweifelsohne gegeben und ich kann gar nicht ausreichend deutlich sagen, wie sehr mir nicht fehlt, was ich dafür „aufgegeben“ habe.
Ich fühle mich auch einfach ruhiger und weniger gestresst als zuvor. Es ist natürlich kein Allheilmittel und es gibt genug andere Dinge, die mich auf Trab halten – aber gerade darum ist es ja nur umso mehr ein Anlass, einen nachgerade unnötigen, weiteren Stressfaktor schon mal zu eliminieren.
Gerade in Zeiten von COVID-19 – ein Zeitraum, der ja nahezu deckungsgleich mit meinem Selbstexperiment ist – kommt zudem hinzu, dass ich unvorstellbar froh bin, nicht Teil der kontinuierlichen Aufregungswellen gewesen zu sein. Wie ich auch schon mal schrieb: Egal wie schnell veränderlich die Situation in der Pandemie sein mag – und das ist sie –, sie wird nie so schnell sein, dass ich dafür einen Live-Ticker brauche. Diese Verwechslung von „gut informiert sein“ mit „viel informiert sein“ ist sicherlich einer der Kerne des Problems, aber – wie viele andere Facetten des Themas auch – ist es zugleich interessant, wie klarer und immer klarer einem das wird, je weiter man zurücktritt.
Nirgends wird es deutlicher als in all den verzweifelten Versuchen, Relevanz zu suggerieren, wenn Nachrichtenmagazine zu einem „Experten“ umschalten, der ein Stimmungsbild aus den sozialen Medien wiedergibt. Ich habe lang und oft genug hier gegen Torwächter gewettert um eine Demokratisierung von Veröffentlichungswegen nur gutheißen zu können. Was wir (bisher?) im Sinne schiere Medienkompentenz aber nicht hinbekommen, ist zu unterschieden, dass nur, weil jemand gehört werden kann, es nicht bedeutet, dass er gehört werden muss. (Und nebenbei, das Nicht-Unterscheiden-Können von qualifizierten und unqualifizierten Meinungsgebern ist ja auch durchaus ein Puzzlestück des Elends, durch das wir hier kollektiv seit vielen Monaten waten.)

Kleptokratische Turbokapitalisten

Als gesamtgesellschaftliche Perspektive wird es jedoch schwerer, die Sache anzugehen. Erneut will ich einfach festhalten, dass die Plattformen schlicht nicht die Interessen ihrer Nutzer vertreten. Sie vertreten die Interessen der Anteilseigner. Beides kann (und wird oft) eine gemeinsame Schnittmenge aufweisen, aber es darf zugleich kein Grund sein, beides zu verwechseln. Das ist jetzt erst mal alles keine Überraschung und ich will’s auch nicht als solche darstellen. Er bedarf aber dennoch der Betonung.
Da ist es egal, ob wir vielleicht Hoffnung keimen sehen, weil soziale Medien von einer unterdrückten Bevölkerung genutzt werden, um einen Tyrannen zu entmachten oder ob wir womöglich Sorge verspüren, weil Rechtsradikale soziale Medien nutzen möchten, um bei uns einen Umsturz herbeizuführen. Egal ob soziale Medien dazu dienen, kreative Projekte oder karitative Maßnahmen über Grenzen und Distanzen hinweg zu ermöglichen, egal ob sie als Safe Space für Minderheiten fungieren oder ob sie andererseits Gruppen nur ermöglichen, diese Minderheiten ins Visier zu nehmen. Den Plattformbetreibern ist es egal, solange der Tagesbetrieb läuft.
Man darf sich in dem Punkt einfach keinen Illusionen hingegeben: Egal ob „Teile deinen Freunden mit, was du gerade so treibst“ oder „Sei Teil der Speerspitze einer neuen gesellschaftlichen Bewegung“, es sind am Ende des Tages (inzwischen sehr perfektionierte) Nebelkerzen um zu verschleiern, dass schlussendlich kleptokratische Tendenzen einer turbokapitalistischen Gesellschaftsstruktur vor allem in eine Richtung streben: mehr Interaktionen, also mehr Wachstum, also mehr Gewinn.

Da aber nun Empörung die Leute eher anregt, sich zu beteiligen, sind dies alles zugleich Mechanismen, durch die gedankenvolle, friedliche Interaktionen nicht belohnt werden. Es sind Plattformen, die Empörung und Lautstärke zu ihren Waffen machen und für die ihre Nutzer am Ende nur jene sind, die die notwendige Munition bereitstellen. Und die Ziele.

Okay Boomer

Lasst uns aber zum Ende noch mal ein paar Dinge differenzieren. Zum einen: Ich bin Jahrgang 1983, ich bin gerade eben noch kein digital native und mir ist klar, dass die Art, wie die jüngeren Generationen mit der Welt — analog wie digital – interagieren, anders ist, als ich es noch kennengelernt habe. Das ist soweit ja ganz normal.
Auch will ich an dieser Stelle nicht leugnen, dass die sozialen Medien nicht auch positive Effekte haben können. Besagte Safe Spaces, Antrieb zu notwendiger gesellschaftlicher Veränderung, tolle kreative und soziale Projekte. All das ist wahr. Ob Fridays for Future oder Project for Awesome, es gibt eine Menge positiver Veränderungen in der Welt, die ohne soziale Netzwerke so nicht denkbar wären.
Wir müssten halt nur lernen, lese und höre ich manchmal, soziale Medien auf eine Art verantwortungsvoll zu verwenden, die das Gute ausnutzt und das Schlechte minimiert. Hier nur bin ich persönlich zunehmend an dem Punkt, an dem ich zweifle, ob das möglich ist. Nicht weil ich Menschen das nicht grundsätzlich zutraue, aber weil die Plattformen zumindest jetzt, wie sie derzeit sind, geradezu darauf optimiert wurden, dies zu verhindern. Das Kartendeck ist gezinkt und die Nutzer werden immer die schlechtere Hand haben.

Und darum auch mein Verweis weit, weit oben auf das „Guns don’t kill people“-Argument. Es gibt in jeder Gesellschaft Einflüsse, die irgendwann als etwas deklariert werden, was aufgrund ihrer innewohnenden Kosten-Nutzen-Rechnung einer Reglementierung bedarf. Wir machen das eher halbgar mit Alkohol und Tabak, teilweise mit Glücksspiel, wir machen das zumindest hier in Deutschland sehr strikt im Bezug auf Waffen in der Hand der Zivilbevölkerung. Und vielleicht kommen wir irgendwann an einen Punkt, an dem die Plattformen zumindest, um im Bild zu bleiben, mit fairen Karten spielen müssen.

Am Ende des Tages muss aber jeder selber verantworten, wie er sein Leben gegenüber sich und seinen Mitmenschen lebt. Auch wenn ich dieses Mal mehrfach deutlich über meine eigene Position hinausgeblickt habe, so möchte ich dennoch erneut betonen, dass es mein Eindruck ist; ein Eindruck, der durchaus auf Recherche basiert, aber der – erneut – nicht mit einer wissenschaftlichen Arbeit zu verwechseln ist. Es wäre aber auch unehrlich im Rahmen dieser Artikel zu verhüllen, dass mein Bild der sozialen Medien, mit jedem Monat Abstand und jedem Meter Distanz, nur immer negativer wird.

Leeres Verlangen

FOMO steht für fear of missing out. Interessant finde ich dabei, rein sprachlich, wie ungerichtet dieser Ausdruck ist. Er beschreibt die Angst, etwas zu verpassen, ohne in irgendeiner Form zu benennen, was dieses etwas ist. Etwas könnte ja dort im Netz sein, was besser ist, als das, was ich gerade habe. Und wenn ich nur lang genug nach unten scrolle, vorbei an Aufregern, Krisen, Empörung, unerreichbaren Schönheitsidealen und Hiobsbotschaften, werde ich dieses etwas schon finden. Und dann ist es besser. Also, es sei denn, weiter unten ist etwas noch besseres.
Und wenn man das kritisch betrachtet, wird finde ich umso klarer, worum es am Ende des Tages wirklich geht: So richtig geht es eigentlich um nix.
Es geht um starke, polarisierende Emotionen … über nix.

Viele Grüße,
Thomas

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