Seelenworte

Alles Wichtige unter dem Himmel

Hallo zusammen!

Heute vor fünf Monaten habe ich hier im Blog den Artikel Nichtig und klein veröffentlicht, in dem ich lang und breit dargelegt habe, warum ich mich vorerst aus den sozialen Medien zurückziehen wollte. Heute vor sechs Monaten war Weihnachten, grob der Zeitpunkt an dem die Idee keimte, mit der ganzen Sache ernst zu machen.
Vor etwa einer Woche hingegen hatte ich mein siebtes Twitterjubiläum.
Nicht der schlechteste Zeitpunkt, um mal eine erste Bilanz zu ziehen. Macht’s euch bequem, ich wollte den Gedanken den nötigen Raum geben, insofern ist’s selbst für meine Verhältnisse was länger geworden.

„Alles unter dem Himmel“ war die historische Benennung des Herrschaftsanspruchs chinesischer Kaiser1. Ich mochte die Bildsprache hinter der Formulierung schon immer, will sie daher heute auch mal ausleihen, jedoch mit einem wichtigen Zuschnitt versehen. Was ist denn wichtig von all dem, was wir unter dem Himmel vorfinden und wichtiger noch: Hat mich die Social-Media-Abstinenz in der Frage vorangebracht?
Schauen wir mal.
Vorweg – dies ist wie sein genannter Vorgänger ein subjektiver Text. Weder erhebe ich einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, noch einen auf Wissenschaftlichkeit. Ersteres beanspruche ich höchstens insofern, als dass ich glaube, in meiner anekdotischen Betrachtung dennoch ein paar intersubjektive2 Punkte zu haben, sprich dass vermutlich das, was mir daran letztlich guttut, auch zumindest einigen anderen Menschen guttun würde. Letzteres gehe ich hier vielleicht auch mal an, separat, dann auch mit Quellen und Fakten, aber wenngleich ich auch dieses Mal hier und da Dinge referenziere, nehmt diesen Text als das, was er ist.

Also. Erkenntnisse?

Nun, zunächst kann man natürlich festhalten, dass ich mir ein … bemerkenswertes Jahr ausgesucht habe, um das hier durchzuziehen. Sei es nun Corona, sei es Black Lives Matter, 2020 ist vielleicht das schlechteste, vielleicht das beste Jahr, sich ein wenig von der Welt zurückzuziehen.
Aber darauf komme ich später zurück.

Fangen wir doch mal kleiner an – habe ich etwas über mich selbst gelernt? Aber ja.
Zum einen ist es eine interessante Erkenntnis, wie viel wir doch sozialmedial letztlich für unser Publikum tun. Und damit meine ich nicht mal explizit amoralische Handlungen3, nicht mal offensichtlich extern motivierte Handlungen wie das Fotografieren einer Mahlzeit vor dem Essen für Instagram, sondern … im Grunde alles.
In dem Moment, wo wir etwas teilen, entkoppeln wir uns selbst zu einem gewissen Maß vom Augenblick. Foto machen, Posting schreiben, Hashtags überlegen, Likes checken, Kommentare beantworten. All das nimmt etwas von jenem Augenblick weg. Und ich glaube, dass einem das gar nicht so klar wird, wenn man man sich selbst in der Situation befindet. (So war es jedenfalls bei mir.)
Das ist das gleiche Argument, weshalb ich Leuten immer rate, in Urlauben, bei Wanderungen etc. erst zu gucken und dann vielleicht ein Foto zu machen. Meinetwegen, wenn es euch glücklich macht, dann macht gerne ein Selfie vor der tollen Küstenlandschaft, aber schaut euch doch vorher die Küstenlandschaft erst einmal an.
Bewusst.

If nothing we do matters …

Lasst mich kurz ein Zitat zweckentfremden. An einer Stelle in der Serie Angel gelangt der titelgebende Charakter zu einer maßgeblichen Erkenntnis: „If nothing we do matters … then all that matters is what we do.“
Es ist nicht nur einer meiner liebsten Momente in der Serie, es ist auch tatsächlich eine starke Erkenntnis. Und auch wenn es bei Angel um moralische Stärke geht, um das richtige Handeln in einem Kampf zwischen Gut und Böse der so in unseren Leben nicht existiert, so lässt sich die Lektion dennoch übertragen.
Grundsätzlich nicht mal nur auf soziale Medien. Es ist der gleiche Gedanke, aus dem heraus wir schon Kindern sagen, sie sollen sich nicht verbiegen, um ihren Freunden zu gefallen. Der gleiche Gedanke, aus dem heraus wir Leuten sagen, sie sollen „einfach“ sie selbst sein, egal was andere Menschen ihnen sagen.4
Nur eskalieren wir das massiv, wenn wir beginnen, unser Tun und Treiben in sozialen Medien zu teilen. Jetzt mögt ihr widersprechen und sagen, ihr würdet euch nicht für eure Likes interessieren, euch wäre es egal, was andere sagen … aber damit seid ihr dann argumentativ grob auf einem Level mit Leuten, die einem erklären, Werbung würde sie ja gar nicht beeinflussen, auch wenn so ziemlich jede Statistik, die ich kenne, offenbart, wie fatal diese Selbst-Fehleinschätzung ist.

Ich, für mich, habe es jedenfalls als sehr befreiend empfunden, das Maß meiner Mitteilung erheblich zu reduzieren. Befreiend von etwas, von dem mir vorher nicht mal bewusst war, wie sehr es mich (belastend) beeinflusst hat.
Und hier schlägt sich entsprechend der Bogen zum Angel-Zitat; die einzigen Personen, für die ich (nicht-beruflich) Dinge tun, sind meine direkten Freunde und ich selbst. Ganz gleich ob ich koche, schreinere, wandere, ich tue diese Dinge für mich. Und ich tue in diesen Momenten genau diese Dinge (und nichts anderes nebenher) für mich.
Fokus, das ist ein verbindendes Element, was diesen aktuellen Text und meinen Artikel dieser Tage über meinen Wunsch nach Fokus beim ‚Machen von Dingen‘ zusammenführt. Das ist allerdings mehr als ein purer Zufall.
Wie oft liest man, gerade mit einem gewissen anklagenden Unterton beispielsweise gegenüber „den jungen Leuten“ oder „den Millennials“, dass die nie das Handy aus der Hand legen würden. Es ist aber eigentlich falsch, solche Beobachtungen auf das Handy zurückzuführen. Das ist nur die technische Notwendigkeit. Was Leute – und das ist überhaupt keine Generationsfrage, das gilt für jede Altersgruppe – nicht aus der Hand legen können ist das Tor zur Außenwelt. Das ist diese zu Recht gern genannte Fear Of Missing Out (FOMO), diese irrationale Sorge, dass man, egal was man tut, gerade andernorts etwas noch besseres verpasst. Wie relevant diese Verbindung ist, wurde mir aber auch tatsächlich erst grob in Monat 2 meiner Social-Media-Abstinenz wirklich klar, als ich im frühen Nachmittag bemerkte, dass ich mein Handy morgens auf dem Nachttisch hatte liegen lassen. Prä Abstinenz wäre mir das recht sicher nicht passiert.

Gemeinsam, einsam, allein?

Um kurz zwei Dinge einzuschieben: Anders als diverse Studien und Statistiken möchte ich an dieser Stelle zwei Aspekte aus dem schwammigen Begriff sozialer Medien ausklammern. Zum einen würde ich YouTube und (hypothetische) andere Videoplattformen nicht zählen, es sei denn, man engagiert sich selbst in den Kommentarbereichen dieser Seiten. Meine Nutzung von YouTube unterscheidet sich faktisch nicht von meiner Nutzung von Netflix, da mein Hauptzugang (ein FireTV Stick) die Kommentare nicht mal anzeigen kann.
Ebenso und für den folgenden Teil wichtiger: Messenger wie WhatsApp und Telegram zähle ich persönlich nicht zu dem, was unter „Social Media“ fällt, solange die Kontakte Leute aus dem direkten Umfeld sind. Die direkten Freunde, direkte Bekannte.

Denn ja, natürlich, gerade in Zeiten von Corona, Social Distancing und der Gefahr eines Lockdowns könnte man nun natürlich annehmen, dass eine doppelte Isolation durch die Abkehr von Twitter & co. auch doppelt schwer wiegen würde.
Für mich persönlich kann ich sagen: Nein, nicht wirklich.
Um auch hier möglichen Kommentaren zuvor zu kommen: Ja, mir ist bewusst, dass es Leute gibt, für die Twitter & co. wahrlich Lebensretter waren oder sind. Leute, die im Alltag keinen Anschluss finden. Leute, die vielleicht aus körperlichen oder gesundheitlichen Gründen nicht unter Menschen können. Leute, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Minderheitsgruppe oder aufgrund ihrer speziellen Interessen keinen Anschluss finden.
Ja. Weiß ich. Und natürlich ist das in dem Fall grundsätzlich eine gute Sache.

Als mich aber vor einer Weile ein Freundin fragte, ob ich denn nicht während der Pandemie nun gänzlich vereinsamen würde hier in der Eifel, musste ich selbst kurz in mich hineinhorchen, weil ich die Frage zuvor nicht erwogen hatte – aber nein, das tat und tue ich nicht. Zum einen, weil es ja durchaus Alternativen gibt, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben; explizit erneut vor allem jenen Menschen, die ohnehin meinen Freundeskreis bilden. Wir haben während der Hochphase der Kontaktbeschränkung häufiger telefoniert, wir haben uns häufiger als sonst noch Textnachrichten geschickt und gelegentlich haben wir uns im Discord getroffen – und das war gut, wichtig, es war aber auch genug.
Es fällt nicht allen Menschen gleich leicht, auch mal mit sich selbst allein zu sein. Es fällt auch nicht allen Menschen gleich leicht, in einem akuten Moment einmal nicht konkret mit etwas beschäftigt zu sein. Aber wie ein Medikament, dass die Symptome unterdrückt, jedoch nicht heilt, sind glaube ich auch in vielen Fällen und für viele Leute soziale Medien eher ein Sedativum, in dessen taubem Schleier man gar nicht genötigt ist, sich mit solchen Hürden auseinanderzusetzen.
Ich für meinen Teil aber glaube, dass eine solche Auseinandersetzung mit sich selbst gut und wichtig ist. Es wäre polemisch und falsch zu sagen, dass uns soziale Medien pauschal zu schlechteren Menschen machen. Ich bin mir aber recht sicher, sie machen uns in dieser Hinsicht zumindest auch nicht zu besseren.

Reden wir noch mal über den 24/7 Newscycle

Neben dem Argument, soziale Medien seien, nun, sozial, ist eigentlich das, was man mir am häufigsten in den letzten Monaten entgegengehalten hat, das, dass diese Kanäle doch auch wichtige Informationsquellen seien. „Niemand“ lese heute noch Zeitung, und all das. Und boy oh boy wäre an dieser Stelle viel zu sagen, was den Rahmen sprengen würde5, darum möchte ich mich abschließend für heute auf zwei Aspekte beschränken.
Zum einen ist da der in letzter Zeit von mir hier so oft erwähnte 24/7-Nachrichtenzyklus. Wir sprachen schon darüber, aber zur Auffrischung: Die meisten Nachrichtenportale verdienen online ihr Geld über Werbung. Werbung und die zugehörigen Metriken funktionieren über Aufrufe. Das zentrale Handlungsmotiv ist es also am Ende des Tages, möglichst viele Leute dazu zu bekommen, möglichst oft auf die Seite zu gehen oder diese neu zu laden. Das Resultat ist eine völlig enthemmte Dauerbeschallung, die in keiner Relation mehr zu der Geschwindigkeit steht, in der sich Nachrichten entwickeln. Nicht einmal ein so brennendes und konstant im Fluss liegendes Thema wie Corona.
Es gibt eine Reihe von Eckpunkten, an denen man diese Entwicklung nachzeichnen kann, auch vor sozialen Medien. 9/11 war so ein Fall. Terrorismus hatte es immer gegeben, aber neben dem schieren Maßstab dieser Anschläge darf man auch nicht unterschätzen, dass in diesem Fall die ganze Welt live zuschauen konnte. Gerade auch durch den relativ großen zeitlichen Abstand zwischen Einschlag der Flugzeuge und Fall der Türme hatten viele Menschen die Chance, noch einzuschalten und aus den Ereignissen in New York eine kollektive Erfahrung zu machen.
Nur dass das heute im Grunde für alles zu gelten scheint. Als beispielsweise Notre Dame brannte, gab es wenig, was jeder individuell beitragen konnte. Natürlich war es ein wichtiges Ereignis, natürlich betraf es ein zentrales kulturelles Werk der westlichen Welt, aber am Ende des Tages brannte ein Gebäude. Es gab Löscharbeiten. Dann dauerte es noch mal lange, den genauen Schaden zu bestimmen. Indem wir dieses Ergebnis nun aber nehmen, mit konstanten Live-Berichten durch die ganze Nacht versehen, mit einem Nachrichtenticker, kontinuierlichen Updates, indem wir es für jene, denen das wirklich nahegeht, über Stunden hinweg immer tiefer einmassieren, wie schrecklich die Bilder sind und indem wir gleichzeitig jenen eine Bühne bereiten, die schon früh gewillt waren zu erklären, die anderen sollten mal nicht so betroffen sein wegen eines brennenden Hauses wenn in der Welt doch zugleich dieses oder jenes andere, vielleicht schlimmere Ereignis auch stattfände – indem wir all dies tun, machen wir nichts besser.

Zumal ich auch guten Gewissens sagen kann, dass ich mich nicht schlechter informiert fühle. Ich hatte das in meinem letzten Artikel zu dem Thema ja schon so formuliert, aber es ist nun wirklich so, dass wir über diese Kanäle nicht besser informiert werden, nur mehr.
Es gibt zweifelsohne Kategorien von Nachrichten, die haben eine immanente Rechtfertigung für einen konstanten Informationsfluss. Unwetter beispielsweise, wo es für die Leute womöglich akut und kurzfristig handlungsrelevant ist, wie sich die Lage entwickelt.
Aber das sind die seltenen Ausnahmen.

Niemand braucht meinen Hot Take

Die andere, für mich große Erkenntnis, die spätestens durch mein Projekt für mich selber immer klarer wurde, ist eng damit verbunden. Es ist die klare Erkenntnis, dass es viele Themen gibt, zu denen niemand meinen Hot Take braucht. Das habe ich im Falle von CoVid-19 und jüngst im Falle von Black Lives Matter ja auch bewusst so nach außen kommuniziert. Es gibt Themen, von denen habe ich womöglich mehr Ahnung als viele andere, und dort spricht nichts dagegen, dass ich mich mitteile. Aber in vielen, vielen anderen Fällen braucht die Welt meine Meinung nicht.
Und, liebe Leserin, lieber Leser, deine auch nicht.
Dass jeder zu allem eine Meinung hat, geht völlig in Ordnung. Dass jeder zu allem seine Meinung auch mit allen teilen möchte, das fällt wohl auch in die Kategorie der Dinge, die nichts besser machen.
Wenn an vielen Stellen im Internet aufgerufen wird, eure Meinung in die Kommentare zu posten oder eben euch über soziale Medien zu Wort zu melden … dann geht es oft nicht um eure Botschaft. Erneut geht es um Klicks, es geht darum, dass Engagement mit Postings deren intrinsische Reichweite erhöht.6 Was es allerdings schafft, ist eine Umgebung, in der eben doch jeder aufgerufen scheint, seine Stimme mit in dem Chor der Meinungshabenden einzureihen – doch selten in einer Form, die uns weiterbringt. Ihr lest dort dann Leute, deren Meinung sich mit eurer deckt; das freut dann. Ihr lest aber auch Leute, die die Gegenposition vertreten, und das ärgert dann. Das ärgert euch, aber auch die Leute untereinander, weshalb es vermutlich nicht lange dauert, bis die ersten Menschen sich angiften. Das mag sich im ersten Moment toll anfühlen, wie ein Eintreten für eure Meinung und die Meinungsfreiheit insgesamt – es bringt nur niemanden weiter. Denn sinnvolle Diskursbeiträge erwachsen daraus nicht, das Gespräch bleibt fundamental leer, weil man ja doch nur reihum seine Meinung auf den Tisch legt und keinerlei Wechselwirkung stattfindet.7 Und je öfter ihr eure Meinung auf den Tisch legt und öfter euer Gegenüber nicht drauf eingeht, desto unglücklicher werdet ihr. Wann immer ihr denkt: „Oh Gott, wie oft muss ich das den Leuten denn noch erklären“ – immer dann kratzt ihr an diesem Punkt.
Ich weiß, dass es mir oft genug so ging.
Oder, weil ich ja doch nicht umhin kommen kann, mal wieder einen Marcus-Wiebusch-Liedtext zu zititeren, wie es Kettcars Den Revolver entsichern so treffend heißt:

Keine einfache Lösung haben, ist keine Schwäche.
Die komplexe Welt anerkennen, keine Schwäche.
Und einfach mal die Fresse halten, ist keine Schwäche,
nicht zu allem eine Meinung haben, auch keine Schwäche.

Fazit, Junge!

Je mehr ich mich von den sozialen Medien distanziere, desto mehr erkenne ich sie – zur Erinnerung, subjektiv, für mich – als einen Ort, der mich persönlich bestenfalls nicht positiv, eher aber negativ beeinflusst hat.
Sie suggerieren eine Chance auf Meinungsaustausch und Informationserwerb, sind aber in meinen Augen weder für das eine noch das andere geeignet; schon alleine, weil die Interessen der Plattformbetreiber und teilweise auch jener, die die Inhalte bereitstellen, in keiner Weise mit einer solchen Bestrebung kompatibel wären.
Sie sind in meinen Augen zugleich immanent manipulativ und möchten uns zu Verhalten verleiten, was im Endeffekt nicht gut für uns ist. Im Gegenteil denke ich, dass sie im Grunde verhindern, dass wir, losgelöst von der Anerkennung anderer, Selbstzufriedenheit erfahren.

Ich bin nun seit etwa einem halben Jahr nicht in den sozialen Medien aktiv – und ich kann ehrlich sagen, dass ich seither weit ausgeglichener und glücklicher bin. Wie zuvor sage ich nicht, dass das für euch auch gelten muss. Aber wenn ihr irgendwo auch das Gefühl habt, dass es euch alles weniger gibt, als es nimmt, wenn ihr das zumindest in Betracht zieht – dann zieht doch auch in Betracht, eurer Online-Persona ein Ende zu bereiten.
Eines jedenfalls kann ich sicher sagen – ich werde dem ganzen Zinnober wohl auch weiterhin erst einmal fernbleiben.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Disclaimer am Rande: Natürlich ist Tianxia ein weitaus komplexeres Thema und lohnt sicher auch mal einer näheren Betrachtung. Aber … machen wir es uns nicht komplizierter als nötig. 
  2. Wir unterscheiden ja alltagssprachlich zwischen subjektiv und objektiv, aber erkenntnistheoretisch extrem wichtig ist auch die Kategorie intersubjektiver Erfahrungen – also Erfahrungen, die zwar persönlich, aber von mehr als einer Person gemacht werden können. Bestätigte Ergebnisse aus Experimenten sind nicht zwingend direkt objektive Wahrheiten, aber eben intersubjektive Erkenntnisse. Auch das – im Kern genug Thema für einen eigenen Artikel. 
  3. Wer den Bereich in einer rein narrativen Form beleuchtet haben möchte, kann etwa zu Corridor Digitals neuem Kurzfilm You Monster greifen. 
  4. Das aus einem YouTube-Kanal entsprungene Rollenspiel-inspirierte Lied Literally Everyone Else in the World hat da ein paar verdammt ins Schwarze treffende Verse, wenn sie singen:
    You’ll be told „Don’t worry what people say, be yourself!“
    Which is right but it’s alarming cause it reveals that there are people who don’t want you to be yourself at all
    It’s hard to just be one person
    One person is a lot for one person to be
     
  5. Weiterführende und über diesen Artikel hinausgehende Diskussionsanregungen für die Schulklasse nach der Lektüre wären unter anderem die maßgebliche Verbreitung von Fake News über soziale Medien, die Existenz von Echokammern, die notwendige Verkürzung von teils eigentlich nicht zu kürzenden Meldungen für umfangsbeschränkte Dienste, die sich selbst verstärkenden Empörungs-Effekte der Outrage-Ökonomie, das Ausbleiben rechtsstaatlicher Prinzipien in der „Schuldig bei Anklage“-Mentalität verschiedener Netz-Gruppen und natürlich die Frage, inwiefern all diese Aspekte zur fortschreitenden Polarisierung der Gesellschaft beitragen. Alles gute Themen – aber für ein anderes Mal. 
  6. Ich bin mir bewusst, ähnliche Worte am Ende eines jeden DORPCasts zu sagen und das muss ich in dem Kontext akzeptieren. Wenngleich DORPCast-Kommentare weder die Reichweite noch irgendein werbefinanziertes Einkommen für uns beeinflussen; etwas anderes wäre es denke ich, wenn wir die Diskussionsaufforderung auf Facebook und Patreon ausweiten würden. Was wir bewusst nicht tun. 
  7. Das ist hier jetzt erst einmal steil behauptet, ich weiß. Erneut – das machen wir mal wann anders als eigenes Thema. Ihr könnt das jetzt erst mal akzeptieren, könnt selber Pressetexte und Forschung zu dem Thema lesen oder mir diese Prämisse auf dem Weg zur Konklusion in Frage stellen, das überlasse ich euch. 

Das Machen von Dingen

Hallo zusammen!

Urlaub für Hausbesitzer in Quarantänezeiten

Ich hatte jüngst eine Woche Urlaub und ihr kennt das schon, das zieht Gedankengänge nach sich. Allerdings war ich nicht so viel wandern und nicht verreist, sondern habe mich in der Zeit mal vermehrt mit der Renovierung meines Hauses befasst. Das ist zwar ein konstant laufendes Projekt, aber ab und zu braucht es einfach den Fokus einiger freier Tage. Und so ergibt es sich, dass auch die Natur der Gedankengänge heute eine etwas andere ist …

Also … reden wir einmal vom Machen von Dinge

Wenn du was machst, mach‘ es gründlich

Ich denke, wie so mancher anderer, so bin ich auch ich mit diesem Mantra aufgewachsen. Wenn du was machst, dann mach‘ es richtig wäre noch eine andere Variante davon. Ich finde, es ist durchaus ein guter Ratschlag. Ja, ein Erfolgsgesellschaft-Turbokapitalismus-Arbeiterdrohnen-haft zu missbrauchender Ratschlag ist es auch, aber ich finde ihn dennoch ziemlich wertvoll.
Ich mag keine halben Sachen. Und ja, manchmal bedeutet das halt auch, dass Dinge was länger dauern. Gerade bei nicht-beruflichen Projekten führt das natürlich gerne auch mal zu Momenten, wo Leute dann murren, ich solle es ihnen sonst doch einfach schicken, was ich bis dahin schon habe, oder dass dieses oder jenes Prop gut genug sei, oder der Schnitt so bleiben könne … all sowas. Auch da ist wahres dran, aber ich persönlich habe oft den Eindruck, dass wir mittlerweile weit über eine Pareto-Verteilung1 hinaus eher an einem Punkt sind, wo vielen auch 50% schon gut genug sind und … so ticke ich einfach nicht.
Dennoch ist es immer wieder spannend, Ideal und Wirklichkeit abzuwägen – so wie auch hier. Dieses Haus, durch das ich mich renoviere, ist ja mein Elternhaus; jene Eltern, denen ich zu einem großen Teil auch meinen Arbeitsethos verdanke. Und irgendwie amüsiert und beruhigt es mich doch, dass ich hier rund ums Haus immer wieder auf (gut versteckte) Ecken stoße, wo ich einfach sehe, dass auch meine Eltern manchmal Fünfe haben gerade sein lassen. Das erdet ja irgendwie.

Das Projekt ist das Ziel

Zeter und Mordio schreien mag ich aber dennoch nicht. Ich denke – und das ist ein wichtiger Denkschritt – Lernenden ein Ideal zu vermitteln, auch wenn man dem selber auch nicht immer gerecht wird, entwertet das Ideal nicht.
Was ich bei mir vielmehr immer wieder entdecke, ist, dass ich einen immensen Wert im Projekt selbst – im Gegensatz zum Abschluss des Projektes – empfinde. Erneut, nicht als Ausrede, Deadlines zu reißen, nicht als Entschuldigung für unerfüllte Qualitätsansprüche, aber einfach als Teil der eigenen Wahrnehmung jener Aufgaben, die vor einem liegen.
Ein Haus ist ein guter Lehrmeister in diesem Sinne. Ein Haus wird nicht fertig. Natürlich werden einzelne Projekte fertig, natürlich gibt es am anderen Ende des Spektrums den Punkt, an dem man effektiv auf einer Baustelle wohnt – aber für jedes abgeschlossene Ding, tritt auch wieder ein Neues auf den Plan. Nun kann man verzweifeln angesichts einer solch bodenlosen Aufgabe – oder man zieht seine Freude aus den Teilerfolgen, aus dem Fortschritt, ebenso aus der eigenen Fortentwicklung.
Auch das ist definitiv etwas, was man auf jede Form von langfristigem, kreativem Projekt übertragen kann. Im Endeffekt gibt es methodisch wenig Unterschied dazwischen, einen Roman zu schreiben, einen Film zu produzieren oder neue Küchenfronten zu schreinern.
Man macht einen Plan, man gruppiert den überwältigend hohen Berg von Teilaufgaben in einzelne Wegstücke und dann arbeitet man halt daran, bis es vollendet ist. Und dann richtet man den Blick auf die nächste Aufgabe.

Slow is smooth and smooth is fast

Es gibt allerdings noch einen Satz, einen Leitspruch, der meine Art zu arbeiten über die letzten vielleicht zehn Jahre stark beeinflusst hat und für den meine Eltern weniger was können.
Ich habe ihn aus dem Making Of von Black Hawk Down – ich sagte ja schon oft genug, Erkenntnisse kann man wirklich überall finden, wenn man die Augen offen hält –, er stammt aber letztlich aus dem amerikanischen Militär. Das ist jetzt echt nicht meine Nische und definitiv nichts, wo ich meine Ideale sonst wiederfinden würde, aber dieser eine Satz, der stach sofort heraus. Slow is smooth and smooth is fast; vielleicht frei übersetzt so viel wie langsam ist gleichmäßig und gleichmäßig ist schnell.

Wer alles schnell macht läuft Gefahr, Dinge hektisch zu tun, in jedem Fall aber weniger gründlich. Das mag im ersten Schritt so wirken, als wäre man schneller, aber in der Regel rächt sich das irgendwann. Der kleine Flüchtigkeitsfehler, der eingangs harmlos wirkte und war, wird mitgeschleift und erst irgendwann später merkt man, dass es zu neuen Problemen führt. Wenn man ihn denn überhaupt rechtzeitig bemerkt und nicht erst, nachdem das Projekt schon halb in den Ventilator geflogen ist.
Manche Handgriffe macht man vielleicht einfach nur doppelt, weil sie beim ersten Mal nicht saßen, aber wenn die Gesamtzahl der Handgriffe hoch genug ist, addieren sich auch kleine, unnötige Dopplungen mit der Zeit auf.
Zweimal messen, einmal schneiden/sägen, wie es im Handwerk so weise heißt.

Dabei ist die Idee auch wirklich nicht neu. Es gibt da ein geflügeltes Wort im Französischen, „Habillez-moi lentement, je suis pressé“, das gerne mal (fälschlicherweise) Napoleon in den Mund gelegt wird2, das denselben Sinn hat: „Kleidet mich langsam an, ich bin in Eile“.
Andere Metapher, gleicher Gedanke.

Ganz bei dem, was man tut

Wenn wir uns damit aber zunehmend von „fachlich seriösen“ Quellen entfernen, muss hinsichtlich meines eigenen Arbeitsethos, aber im Grunde hinsichtlich meiner ganzen Weltsicht irgendwie auch Yoda genannt werden. Ja ja, Star Wars.
Wenn Yoda in Empire Strikes Back Gründe nennt, warum er Luke nicht für geeignet hält, die Ausbildung zum Jedi anzutreten, sagt er unter anderem: „All his life has he looked away. […] Never his mind on where he was, what he was doing!“
Lässt man mal außen vor, dass die Worte aus dem Mund einer großartigen Puppe kommen, findet man doch eine Menge Wahrheit darin; sogar sehr nah eigentlich an dem eingänglichen Credo, Dinge wenn, dann richtig zu tun.
Ich habe ja auch in letzter Zeit häufiger hier davon geschrieben und im DORPCast davon gesprochen, dass ich kein Multitasking mag, dass ich großen Wert in Fokus und Aufmerksamkeit sehe. Lieber in jedem Augenblick in einer Sache vollständig aufgehen, als drei Sachen halbherzig nebenher tun.
Ich bin dabei nicht absolut; ich höre auch Podcasts bei stumpferen Tätigkeiten oder lasse Musik bei der Arbeit laufen, man muss da denke ich nicht zu drakonisch mit sich sein. Umgekehrt kann ich aber auch sagen, dass nahezu alle Missgeschicke im Haushalt – jeder vergossene Kaffee, jeder Fauxpas beim Kochen, jeder handwerkliche Denkfehler – am Ende darauf zurückzuführen sind, dass ich nicht völlig bei der Sache war. Vielleicht war ich in Gedanken schon beim nächsten Schritt, oder der nächsten Aufgabe, jedenfalls aber nicht dort, wo ich hätte sein sollen und wollen.
Was für mich persönlich dahingehend gut funktioniert, ist, mir das immer und immer wieder bewusst zu machen. Das schafft Bewusstsein, das schärft die eigene Aufmerksamkeit – und ja, mit der Zeit kann man sich durchaus verbessern.

Wir sind Schöpfer

Ein letzter Gedanke aber noch, völlig abseits von Arbeitsethik und Selbstverbesserung. Eine Sache, die denke ich einen roten Faden zieht durch all die Aspekte, die ich hier angesprochen habe, aber auch durch das menschliche Schaffen allgemein, ist … nun, eben jenes Schaffen.
Ich glaube, in uns als Menschen ist das Erschaffen, ist der kreative Prozess durchaus veranlagt. Darum setzen sich Menschen hin und schreiben Bücher, selbst wenn sie keinen großen Markt sehen, anstatt sie nur zu konsumieren. Deshalb gehen Menschen hin und schreinern sich eigene Möbel, obwohl das doch in unserer (post-)industriellen Gesellschaft gar nicht mehr nötig sein sollte.
Auch hier im Blog habe ich dahingehend ja schon oft den Begriff der getriebenen Geister bemüht, den ich von einer Dozentin aufgeschnappt habe. Ich denke noch immer, dass das stimmt. Wenn man aber über seinen eigenen Tellerrand blickt, wenn man all die verschiedenen Schaffungsprozesse mal zusammen betrachtet – das Schreiben, das Zeichnen und Malen, das Singen, Musizieren, Tanzen, das Schreinern, Nähen, Häkeln, Architektur, Inneneinrichtung – alle Prozesse, an deren Ende etwas da ist, was vorher nicht da war – dann kommt man nicht umhin zu bewundern, wie viele dieser getriebenen Geister es doch gibt.
Wir sind nicht alle Schriftsteller. Oder Sänger.
Aber nahezu jeder trägt etwas in sich, was er ausdrücken möchte, dem er Sinn verleihen möchte, das er schaffen möchte.

Und ich finde, das ist etwas, was man sich vielleicht zwischen COVID-19 und dem anhaltendem Rassismusproblem, zwischen graßierendem Autoritarismus und unbelehrbaren Klimaleugnern, auch noch mal vor Augen führen kann.
Denn auch wenn die aktuelle Zeit es manchmal schwerer macht, es zu sehen … wir Menschen, wir können auch schon durchaus ziemlich großartig sein.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Kurz gesagt die Theorie, dass 80% aller Auswirkungen auf 20% aller Ursachen fußen. Im Projektmanagement gerne darauf verkürzt, dass 80% eines Produktes mit 20% des Aufwands erreicht werden; die Sache ist an sich deutlich vielschichtiger, aber darauf läuft es in dem Zusammenhang hinaus. 
  2. Ich habe mal versucht, den wirklichen Urheber zu recherchieren, aber das scheint unmöglich. Es gibt den französischen Ausspruch; es gibt ihn als „Dress me slowly, I’m in a hurry“ auch auf Englisch und als „Vísteme despacio, que tengo prisa“ auch auf Spanisch. Auf Portugiesisch habe ich ihn u.a. als „Vista-me devagar, pois tenho pressa“ auch gefunden, mit ein paar grassierenden Variationen, für deren Feinheiten meine Portugiesisch-Kenntnisse aber nicht ausreichen. Verräterisch oft Napoleon zugeschrieben, teils aber auch irgendeinem anderen, lokal opportun erscheinenden Regenten, der grob in das „kluger Feldherr“-Motiv passt. Nun gut. Nehmen wir es einfach mal als markiges Zitat hin, dass wohl nachweislich zumindest schon seit Jahrhunderten kolportiert wird. 

Ein einzelner Gedanke zum Thema Rassismus

Hallo zusammen!

Heute Abend sehr ungewohnt ein Posting ganz aus der Hüfte. Ich habe eben einen Artikel für morgen eingesetzt, aber irgendwie ist es gerade schwer, zu irgendetwas zu schreiben, ohne sich halt auch Gedanken zu dem Thema Rassismus zu machen. Ich denke, das geht in vielen Köpfen gerade ruhelos um; die Berichte aus Amerika zeigen ein Entsagen von so vielen Idealen und Werten, an die ich glaube, lassen mich zu einem großen Teil fassungslos zurück  – und machen mir zugleich nur schmerzhaft bewusst, dass es eben auch kein rein amerikanisches, sondern ein uns ebenso betreffendes Problem ist.

Also will ich dazu eigentlich etwas schreiben, denn aus ethischer Sicht ist es natürlich ebenso eine Handlung, tatenlos zu bleiben.
Nur gilt hier, noch viel mehr als schon beim Corona-Thema zuvor, ganz klar: Die Welt braucht meinen persönlichen Rassismus-Hot-Take gerade nicht. Wirklich nicht.1

Was sie aber sicher braucht, sind neue oder neu nuancierte Perspektiven. Von Betroffenen. Und von jenen, die sich fachlich, die sich wissenschaftlich mit der Sache befassen. John Green hat mit Freunden und Kollegen diese Playlist unter dem Motto „Black Voices / Black History“ zusammengestellt, um einen Startpunkt2 zu bieten. Vielleicht ja auch für euch?

Morgen, wie gesagt, etwas ganz anderes an dieser Stelle.
Aber einmal mehr kann ich nur sagen: Gebt weiter auf euch Acht. Seid gut zueinander.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Ich habe (sehr ungeordnete) Gedanken dazu, und irgendwann werde ich hier sicherlich auch mal darüber schreiben, aber nicht heute. (Und auch nicht morgen.) 
  2. Ein entsprechendes Pendant für den deutschsprachigen Raum habe ich leider nicht im Angebot und etwas derartiges selbst zu kuratieren geht über das hinaus, was ich inhaltlich adäquat zu dem Thema derzeit leisten kann. 

Die Wiederentdeckung der Komplexität

Hallo zusammen!

In gewisser Weise fühlen sich meine heutigen Gedanken an wie eine Verlängerung gleich zweier Artikel, die ich in letzter Zeit geschrieben hatte. In Five shades of grey hatte ich um Nuancen in der Diskurskultur, popkulturell wie politisch, geworben, und in Misstraut den Narrativen gemahnt zu hinterfragen, in welchen Kontext Informationen gestellt werden und welche Zusammenhänge das suggeriert … und welche es erzeugt.

Wenn ich nun weiter verfolge, was (und wie) über das Themenfeld COVID-19 berichtet wird – mit einer Dichte, die mit kontinuierlicher Vehemenz auch meine anhaltende Social-Media-Abstinenz umgeht und dennoch zu mir vordringt –, so bilde ich mir ein, daran einen roten Faden zu bemerken, der mich wirklich unglücklich macht.
Die Situation ist nicht einfach. Wir (als Menschen) stehen einer in dieser Form ungekannten Pandemie gegenüber, erleben (u.a. hier in Deutschland) bisher völlig undenkbare Maßnahmen und erfahren all dies, eingehüllt vor allem in einen Mantel aus Ungewissheit.
Der Zustand des Nichtwissens ist ein wichtiger Schritt in der Wissenschaft und ein faszinierender Teil ordentlicher Forschung besteht ja letztlich darin, sich mit offenen Fragen auseinanderzusetzen. Wer an ein Thema nicht nur mit einer Hypothese, sondern mit einer vorgefassten Meinung oder einem fest erwarteten Ergebnis herangeht, der betreibt keine Wissenschaft, der versucht im Grunde nur, seine Position zu verteidigen.
Daraus ergibt sich aber gerade auch, dass wir viele Antworten jetzt noch nicht haben.

Und dann stehen da auf der einen Seite Wissenschaftler und Wissenschaftsvertreter wie Christian Drosten von der Berliner Charité oder Lothar Wieler vom RKI und argumentieren, erklären, versuchen zu begründen.
Und auf der anderen Seite steht die Presse, die mit provokativen, suggestiven und binären Fragen gefühlt das Thema doch immer wieder verfehlt. Das ist dabei nicht gemünzt als Vorwurf an eine kritische Presse; im Gegenteil, eine kritische Presse ist gut und wichtig. (Wenn ihr jetzt zustimmt, behaltet das mal im Hinterkopf, ich komme darauf zurück.)
Aber wenn gefühlt jedes Mal in jeder Pressekonferenz zum jetzigen Zeitpunkt – Leser aus der Zukunft, es ist Ende März 2020, als ich das hier schreibe – ein Reporter fragt, ob denn schon absehbar sei, wann die Maßnahmen gelockert werden, dann … ist das halt einfach eine Frage, die Stand heute niemand beantworten kann.

Es gibt gewissermaßen ethisch zwei Gründe, warum ich derartige Fragen für problematisch halte. Einerseits nähren sie indirekt ein bestimmtes – da haben wir es wieder – fälschliches Narrativ; das Bild von den Wissenschaftlern, die um den heißen Brei reden, das Bild von den Politikern, die sich nicht festlegen wollen. Haltet auch den Gedanken.
Andererseits habe ich aber auch mein Problem damit, weil man oft geradezu heraushören kann, wie im Grunde nicht nach Informationen, sondern nach Schlagzeilen gefragt wird. In der kurzen Fragerunde nach der Pressekonferenz, in der Merkel den einheitlichen Maßnahmenplan der Länder vorstellte, zielten die ersten Fragen zielstrebig nicht auf die Maßnahmen, sondern auf einen möglichen Dissens, ja „Streit“ zwischen ihr und Söder ab. Ja, das kann man thematisieren; aber wenn das die erste Frage ist, die unmittelbar nach Verkündung heraufbrodelt, dann kann man auch dran fühlen, welchen Artikel der Journalist dort in Gedanken vielleicht schon formte.

Aber gut, damit sind wir wieder bei Klick-Ökonomien und den Verwertungssystemen moderner privater Nachrichten, das sei ein Thema für ein anderes Mal.
Kommen wir zu dem ersten Punkt zurück, zum Unwillen, offene Ist-Zustände zu akzeptieren. Wir (als Gesellschaft) haben es, so scheint mir, gehörig verlernt, mit Unsicherheiten und Nuancen umzugehen. Natürlich, das ist auch unangenehm. Wir (als Menschen) mögen Sicherheiten, darauf sind wir nicht zuletzt evolutionär gepolt. Aber die komplexeren Systeme der Welt sind zu groß, zu vielgestaltig, zu vertrackt, um so etwas zu erlauben.
Und sie sind unaufgeräumt.
Wenn wir die Geschichte der Coronavirus-Pandemie in der Zukunft erzählen, dann wird es hoffentlich eine Erzählung des Erfolgs sein. Die Geschichtsbücher werden von dem Institut schreiben, dem es schlussendlich gelungen ist, einen wirksamen Impfstoff oder zumindest ein stark effektives Therapeutikum zu entwickeln und der Betrachtungswinkel wird derer sein, die aus dem Tunnel heraus ins Licht getreten sind. Aber wir sind noch im Tunnel und werden das noch eine Weile sein. Es bringt auch nichts, loszulaufen in der Hoffnung, dass es das besser macht – es erhöht nur die Chance zu straucheln.

Ich hatte in dem Narrativa-Artikel von der narrative fallacy geschrieben, dem Trugschluss, bei dem wir eine gegebene Sachlage durch einen äußerlich zugewiesenen Kontext so verzerren, dass die eigentlichen Fakten verlorengehen. Es gibt da aber noch ein schönes Denkmodell, vor dem wir uns hier in Acht nehmen müssen, der sog. nirvana fallacy.
Der „Nirvana-Fehlschluss“ geht so: Ausgehend von einer regelrecht perfekten Idealvorstellung wird eine vorgeschlagene Maßnahme abgewogen und dann aufgrund ihrer Unzulänglichkeiten, gemessen an der postulierten Utopie, verworfen. Die Maßnahme hätte dabei Dinge besser machen können, aber weil sie die Dinge nicht perfekt gemacht hätte, wird sie lieber zerredet.

Wir werden im Zuge der anhaltenden Krise nicht nur Erfolge feiern können. Immer wieder wird man sich die Frage stellen müssen, ob die aktuellen Maßnahmen richtig sind – auch das ist eine Sache, die Lothar Wieler in den Pressekonferenzen immer wieder betont – und erst in der Rückschau werden wir mit Sicherheit sagen können, was die richtigen Reaktionen waren oder gewesen wären. Schon weil wir gar keine Referenzen für die aktuelle Situation haben.
Wovor wir uns in Acht nehmen müssen, ist, Rückschläge, Fehlschläge und schlicht Unannehmlichkeiten, die auf uns zukommen, als Grund zu sehen, eine bestimmte Maßnahme oder gar die Maßnahmen in ihrer Gesamtheit geradeheraus abzulehnen. Damit das allerdings verständlich ist, greifbar wird, dafür ist eines notwendig, das – auch für uns (als Vertreter des Kulturbetriebs im allerweitesten Sinne1) – eine immense Aufgabe darstellt.

Wir müssen die Komplexität der Welt wiederentdecken, die so bitterlich konträr ist zu der schwarzweißen Nachrichtenmaschinerie und Internet-Kultur.
Und wir müssen lernen, mit dem Ungewissen zu leben und ein Maß der Unkontrollierbarkeit zu akzeptieren.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Das ist übrigens ein anderer Aspekt, über den ich ein anderes Mal mal mehr schreiben sollte. Wir sind alle Sender in dieser modernen Welt, richtig? Anders als im Grunde die Mehrheit aller Generationen vor uns, die medial reine Empfänger waren, sind wir durch YouTube, Podcasts, aber auch einfach durch Social Media, Blogs und traditionelle Webseiten alle zu einem Teil der Vierten Gewalt geworden, korrekt?
    Gut, weil damit gehen nicht nur Privilegien einher, sondern auch Verantwortung. Jeder, der sich in irgendeiner Form schaffend in die Öffentlichkeit begibt, ist auch automatisch jemand, der anderen Halt, Eskapismus oder Leitung bieten kann. Wann, wenn nicht jetzt, wäre ein guter Zeitpunkt, sich einer solchen Verantwortung bewusst zu werden? 

Liebe in den Zeiten der Corona

Hallo zusammen!

Ich hab ja in meinem Leben schon eine Menge getan. Filme gedreht. Bücher veröffentlicht. Video-Bühneninstallationen gefertigt, einen Tanzball mit 800 Tänzern mit ausgerichtet. Nicht ganz „mit den Delfinen geschwommen und in einen Vulkan gestiegen“, aber soweit kein schlechter Lauf.

Was ich in der letzten Woche nun auch getan habe, war, in mehreren gemeinnützigen Organisationen Veranstaltungen und dergleichen aufgrund einer um sich greifenden Pandemie zuerst abzuwägen und dann abzusagen. Das hätte ich jetzt nicht für die Bucket List gebraucht.

Aber gut, harte Fakten: Unser Training beim Saltatio – Historisches Tanzen Aachen e.V. ist vorerst bis Ende der Osterferien auf Eis. Unsere geplanten Tanzbälle im Juli und November sind auf dem Prüfstand. Die offizielle Mitteilung dazu gibt es hier.
Gestern nun haben wir die Dracon 14, die kleine und sympathische Pen&Paper-Convention in der Eifel, ebenfalls auf unbestimmte Zeit verschoben. Die offizielle Mitteilung wiederum dazu lest ihr hier.

Das ist alles seltsam, und wie ich die letzten Tage schon mehrfach sagte – auf sowas bereitet dich keiner vor, wenn du ein Ehrenamt übernimmst. Okay, genau genommen bereitet dich keiner auf irgendwas vor, wenn du ein Ehrenamt übernimmst, aber dass ich mal abends nach der Arbeit da säße und Pandemiepläne lesen würde, dass ich mal Pressemitteilungen zum Umgang mit einer Virusepidemie schreiben müsste, das habe ich nicht kommen sehen.

Tatsächlich denke ich jetzt schon seit einigen Tagen – und das blitzte dieser Tage in meinem Artikel über Narrative in dem Wort „Disruption“ bereits durch – wie wir später in der Rückschau sehen werden, dass gerade eine Zeitenwende, einen kulturellen Paradigmenwechsel miterleben.
Niemand braucht meinen Corona-Hot-Take. Ich weiß. Es geht mir erneut auch weniger um den Virus; wie zuvor gesagt ist diese Seite nicht der richtige Ort, um seine Corona-Informationen einzuholen.1
Doch so wie es zu meinen Lebzeiten ein klares kulturelles Davor und ein Danach gab als 9/11 passierte, und in kleineren Wogen ebenso nach Brexit und Trumpwahl, so bin ich mir sicher, dass wir mindestens gesellschaftlich und in der Kulturindustrie ein Vor und Nach COVID-19 haben werden. Freilich sind Spekulationen darüber genauso müßig wie haltlos, aber zumindest als irgendwie hauptberuflich Kulturschaffender geht einem das natürlich schon durch den Kopf.
Vor allem aber wünsche ich gerade Künstlern die, anders als ich, für ihre Kunst auf ein Live-Publikum angewiesen sind, ehrlich alles Gute für die kommenden, sicherlich schwierigen Wochen.

Damit mein Blogtitel aber nicht nur akademisches Anbiedern an Márquez ist (und ein Sprachspiel, das vermutlich schon ein Dutzend Leute vor mir gebracht haben), ein letzter, mir sehr wichtiger Appell – seid gut zu den Menschen um euch herum. Jeder hat in unruhigen Zeiten jemanden, dem er ein wenig Halt bieten kann.
Seid da für jene Menschen.
Seid gut zueinander.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Aber schön: Hört in der Sache bitte auf die offiziellen öffentlichen Quellen, lest Bekanntmachungen beim RKI und eurem Gesundheitsamt, bevor ihr euch der Klick-Ökonomie unserer Nachrichten unterwerft. Deaktiviert ‚News Alerts‘ auf eurem Handy. Geratet nicht in Panik, aber nehmt es ernst und handelt verantwortungsbewusst. Vertraut Fachleuten und Wissenschaftlern, aber seid auf der Hut bei „Experten“, bei denen unklar ist, woher sie ihre Expertise ziehen. Und ja, das gilt überall, im Zweifel halt auch hier. 

Misstraut den Narrativen

Hallo zusammen!

1994 erscheint die zweite Auflage eines Buches namens Come As You Are. Michael Azerrad liefert mit dem Buch eine Biografie nicht nur einzelner Personen, sondern vielmehr der Band Nirvana ab.
Doch zwischen der Erstauflage 1991 und dieser von 1994 ist etwas Gravierendes geschehen und im Schatten des Selbstmords von Frontmann Kurt Cobain ergänzt Azerrad ein letztes Kapitel. Es ist mehr als 20 Jahre her, dass ich das Buch gelesen habe, aber der Schlussakkord ist mir nie aus dem Kopf gegangen. Azerrad beschreibt wie Cobain bei einem von dem Autor besuchten Konzert der Band, in einen Arztkittel gehüllt, Hand in Hand mit einem krebskranken Jungen, im Lichte eines einzelnen Scheinwerfers die Bühne verlässt und dann scheinbar, von einem Moment auf den anderen, verschwindet.
Es ist ein perfekter, dramatischer und halt ganz offenbar sehr einprägsamer Abschluss eines Narrativs, einer sinnstiftenden Erzählung (in diesem Fall biografischer) Ereignisse.
Und es ist aus diesen Gründen auch heimtückisch.

Wir Menschen denken in Geschichten. Geschichten sind, psychologisch gesehen, ein Werkzeug, das wir nutzen, um einer zutiefst chaotischen Existenz eine Form von Sinn zu verleihen. Das ist ganz normal.
Heikel wird es durch einen uns aber ebenso innewohnenden Trugschluss. Manchmal als narrative fallacy bezeichnet, neigen wir nämlich umgekehrt auch dazu, zu versuchen, die Wirklichkeit den Grundregeln vom Geschichtenerzählen zu unterwerfen – doch nicht immer ist jene Wirklichkeit so klar aufgebaut. Willkürliche Ereignisse gelten als schlechtes Storytelling, ein Mindestmaß an Ursache und Wirkung ist die Grundannahme; aber keine Grundannahme, der die Welt immer bereit ist zu folgen.

Das Buch-Ende ist auf vielen Ebenen erzählerisch super gewählt. Es ist ein metaphorischer Abschluss, der wesentlich würdevoller wirkt als jede Schilderung von Cobains Tod.1 Es ist für den Autor ein guter, persönlicher Schlussstrich, präsentiert als ein Bild, das er auch nicht aus dem Kopf bekam. Es hat ein Element von Güte durch den krebskranken Jungen und es hat, als Literaturwissenschaftler gesprochen, auch noch ein Bild von Reinheit und Unschuld in Form des Arztkittels.
Es scheint wie der logische Abschluss des Bildes, das in dem Buch von Cobain gezeichnet wurde, in dem eine gleichsam kreative wie gepeinigte Seele fast wie Ein Engel auf Erden fortgeht und die Welt zurücklässt.
Es ist aber auch, und das ist der wichtige Punkt, nicht das Ende von Cobains Leben gewesen. Es ist eine schlussendlich willkürliche Erinnerung, ein vom Autor gewähltes Schlaglicht, zeitlich, räumlich und Kausal getrennt von Cobains Tod.

Narrative dieser Art sind in gewisser Weise bedeutungsstiftend für unsere Wahrnehmung von Geschichte. Ich bin mir schon lange sicher, dass die starke Präsenz des zweiten Weltkriegs in Filmen, Romanen und Spielen, gerade gemessen im Vergleich zum ersten Weltkrieg, auch darin begründet ist, dass die intrinsischen Narrative so stark sind. Nazis sind die historischen Bösewichte (und halt auch in einem Maße böse wie es selten anzutreffen ist), der Zusammenschluss vom Rest der Welt um sie aufzuhalten ein sehr starkes Bild und selbst die historischen Persönlichkeiten sind oft sehr klar geschnitten.2
Gemessen daran ist der erste Weltkrieg ein grenzenloser Scherbenhaufen von einem Weltenbrand, der aus so vielen Richtungen und durch so viele Personen gleichzeitig in eine völlige Katastrophe geleitet wurde, dass es schwer ist, einen Faden zu weben.

Aber das sind alles historische Perspektiven. Versuche, mittels Erzählung die Vergangenheit in eine verdauliche Form zu bringen.
Es endet aber nicht mit vergangenen Tagen – auch unsere Wahrnehmung der Gegenwart wird immer wieder dadurch geformt. Und nirgendwo ist das für mich zuletzt so deutlich geworden wie beim Themenfeld Coronavirus3 4.

Et tu, brute, mögen nun jene denken, die das Thema nicht mehr hören können. Und glaubt mir, ich verstehe euch. Aber mich interessiert hier und heute gar nicht der Virus und was er macht, sondern was wir damit machen. Genauer, wie wir darüber reden.
Wer den Nachrichten dazu über diverse Quellen folgt, der liest unterschiedlichste Szenarien. Die Grippe-Analogien, Populär-Medien-Rückgriffe, Pandemie-Deklarationen, Artikel und Überschriften von absurdem Alarmismus, Infektionsquoten als so rasender Prozess, dass er Live-Ticker rechtfertigen soll, Schüren und Verurteilen von Massenpaniken und immer mal wieder das Bild der spanischen Grippe als einen (extrem bedenklichen) Versuch eines historischen Vergleichs. Oh, und weit weniger medizinische und wissenschaftliche Fachleute vor den Mikros als mir lieb ist, sicherlich auch, weil das dröflizgste fabrizierte Duell zwischen SARS-CoV-2 und Influenza zumindest einen Schleier hängen kann über die wissenschaftlich korrekte aber verunsichernde Wahrheit, dass diese Situation neu ist und wir vieles halt noch gar nicht wissen können.

Warum ist das interessant? Also gerade auch für mich und die Dinge, wie ich hier so schreibe?
Realität ist komplex. Narrative helfen uns, komplexe Fakten in verständliche Geschichten zu strukturieren – aber das beinhaltet immer eine Selektion und Ausrichtung (an und für sich neutraler) Fakten.
Und dieser Prozess erfolgt stets mit einer Agenda. Und hier gilt es schließlich, aufmerksam zu sein.

In diesem Punkt ist Corona gerade pointierter, aber auch typisch für viele Themen, die uns heute sorgen. Sei es die Flüchtlingskrise, Diskussionen über einen Rechts- oder Linksruck, sei es der Klimawandel oder eben Corona – es ist immer interessant zu beachten, wer spricht.
Man muss vorsichtig sein, um nicht zu weit in Aluhut-Territorien zu geraten, aber klar:
Ein Politiker möchte ggf. auch einfach an der Macht bleiben, an die Macht kommen oder aber jene an der Macht diskreditieren.
Eine Firma mag ihre wirtschaftliche Position schützen wollen in einer Phase der Unsicherheit. Auch Medienunternehmen sind solche Firmen und wollen natürlich auch weiterhin die Augenpaare auf sich gerichtet haben.
Fachleute wollen vielleicht die Fakten so herunterbrechen, dass jedermann sie versteht, schießen aber eventuell über das Ziel hinaus oder scheitern am Transfer.
Privatpersonen sind vielleicht auch einfach besorgt und möchten ihrer Sorge Ausdruck verleihen, ein Ventil, schüren ungewollt damit aber nur die Hysterie anderer.
All das ist normal, aber es ist ab und zu wert, es sich noch mal bewusst zu machen.

Viel prekärer ist aber ein anderer Faktor: Dieses Narrativ, das wir uns selbst aus unseren zu komplexen Eindrücken der Welt gebaut haben, es wird quasi ein Platzhalter für die Welt. Das Problem ist nur, dass dieses introspektive Spiel von Flüsterpost mit der Zeit dazu führt, das einstmals kleine Vereinfachungen, die uns beim Verstehen geholfen haben, uns nun mittelfristig an den Punkt bringen können, an dem neu hinzukommende Fakten nicht mehr passen bzw. nicht mehr zu passen scheinen.5
Ist COVID-19 nicht schlimmer als die Grippe? Ja, dann müssen alle anderslautenden Berichte Panikmache sein und Hysterie von Schneeflocken.
Ist COVID-19 die schwarze Pest des 21. Jahrhunderts? Na, dann kann die Fall-Sterbezahl vom RKI ja kaum stimmen, dann verheimlichen sie uns was, wollen die Schlafschafe ruhig halten.
Das wirklich traurige ist, mit welch messerscharfem Automatismus unser Hirn uns Rettungsanker baut, wenn wir drohen, unser Weltbild anzweifeln zu müssen.
Das ist psychologischer Selbstschutz. Aber in unserer komplexen Welt ist es auch fatal.

Kritisches Denken wird ja schon seit einer Weile (völlig zu Recht) als wichtige Tugend der Gegenwart hofiert. Wichtig ist aber dabei nicht nur, bloße Fakten kritisch zu hinterfragen. Auch der Kontext, in dem sie präsentiert werden, ist relevant. Und jener, in den wir sie dann in unserer eigenen Weltsicht einordnen.

Cobains Tod ist eine ziemlich schreckliche Angelegenheit, die zwar in Azzerads letztem Kapitel ihren symbolischen Abschluss erfährt, aber deren Konsistenz und Konsequenz nicht zuletzt nachträglich von jenen ins Bild gebracht wird, die es schildern. In Wirklichkeit verbleibt auch nach mehr als einem Vierteljahrhundert ein Kuddelmuddel aus Was-Wäre-Wenn-Fragen und schwer zu vereinbarenden Meinungen.
COVID-19 ist weder einfach nur die Grippe noch das Ende unserer Zivilisation, aber das heißt nicht, dass es nicht etwas dazwischen sein kann. Etwas Neue. Eine Disruption. Eine Graustufe. Und je eher wir das akzeptieren, desto eher haben wir eine Chance, die Welt ein wenig besser zu begreifen.

„Die Welt“, sagte ein Dozent mal zu mir, „ist voller Unsinn.“ Die Weisheit dieser Worte folgt mir Jahr für Jahr.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Ich habe übrigens kein Interesse an der Diskussion, ob es Freitod oder Mord war. Es ist aber auch tatsächlich für diesen Artikel völlig unerheblich. 
  2. Mir ist klar, dass das stark vereinfacht ist und beispielsweise Facetten wie die europäische Tendenz den Krieg im Pazifik zu ignorieren sträflich ausblendet; aber erneut, auch darum soll es heute im Detail nicht gehen. 
  3. Einfach damit es gesagt ist: Dieses Blog ist keine Quelle für medizinische Ratschläge zum Thema COVID-19. Befolgt die offiziellen Weisungen, nehmt die Ratschläge wirklicher Gesundheitsexperten ernst, haltet euch an die Hygiene-Konzepte, bleibt wachsam; aber vermeidet Panik. Klar? Klar. 
  4. Es sei außerdem direkt betont, dass jede Kritik an den Narrativen, die den Coronavirus umgeben, in keiner Weise die Ernsthaftigkeit der aktuellen Situation in Frage stellen soll. 
  5. An dieser Stelle kommen konkret natürlich auch noch viele Faktoren ins Spiel, die ebenfalls einen Einfluss auf das Problem haben; logische Trugschlüsse etwa. Namentlich etwa die häufige Verwechslung von Kausalität und Korrelation, sowie das apeal to authority-Problem, bei dem wir dazu neigen, Möglichkeiten unbewusst als unzweifelhafte Sicherheiten begreifen. Aber das sprengt den Rahmen für heute. 

Die kleine Playlist zum sozial-medialen Ausstieg

Hallo zusammen!

Ich hatte euch ja versprochen, meinen gestrigen Artikel mit weiteren Stimmen zu untermauern – und dieser Chor soll heute erschallen.
Ich habe mich bemüht, quer durch alle möglichen Bereiche zu sammeln und hoffe, eine halbwegs interessante Gesamtzusammenstellung bieten zu können.1
Wichtig: Es geht mir dabei nicht darum, euch zu bekehren. Ich glaube durchaus, dass sehr viele Leute ohne soziale Medien ein sehr viel glücklicheres Leben führen würden und dass unsere Gesellschaft in ihrer Gesamtheit auch davon profitieren würde, aber darum geht es mir nicht. Nicht heute.
Heute geht es mir vor allem darum, greifbar zu machen, was mein Antrieb war.

Der YouTube-Kanal Veritasium etwa hat zum Jahreswechsel Neujahrs-Vorsätze thematisiert, aber damit auch indirekt genau in mein Horn gestoßen:

Autor und YouTuber John Green hat ja nun schon ein Jahr lang Abstand genommen von Twitter und anderen sozialen Medien (zu den Anfängen siehe auch hier) und berichtete jüngst noch mal, wie es sich auf sein Leben ausgewirkt hat – und warum er es weiterhin so halten wird:

Noch ein YouTuber – und dann wechseln wir das Feld auch mal – wäre Casey Neistat, dessen innovativer Umgang mit neuen Medien ihm schon viele Auszeichnungen eingebracht hat, der den sozialen Medien aber auch großteilig den Rücken gekehrt hat:

Auch von ihm gab es dann später noch ein Update dazu. Dann wäre da aber auch Simon Sinek. Sinek ist Autor und Unternehmensberater (bzw. motivational speaker) und durchaus einer der Interessanteren seiner Zunft, wenn man mich fragt. Sinek (in etwas anderem Kontext) hat sich in der Sache auch schon vor längerem geäußert:

Mehrfach.

In die gleiche Nische fällt wohl auch Seth Godin (den ich hier auch in der Vergangenheit dann und wann zitiert haben dürfte), und der da auch klare Worte findet. Wenn auch ein wenig mit einer Kartoffel gefilmt:

Tech Insider hatte auch ein Video zu dem Themenfeld, und auch wenn es etwas … sehr reißerisch in seinem Enthusiasmus ist, finden sich darin ebenfalls viele der gleichen Punkte wieder:

Und wem diese Leute alle zu obskur sind, dem kann ich noch Schauspieler Joseph Gordon-Levitt bieten, der zwar nicht direkt für einen Social-Media-Ausstieg wirbt, aber die Probleme ebenfalls sehr, sehr klar benennt:

Aber was weiß schon ein Schauspieler, right? Na, wo wir gerade bei TED Talks sind, Dr. Cal Newport ist Computerwissenschaftler und forscht auch viel über die Schnittpunkte des Analogen und Digitalen:

Es gibt auch noch diverse längere Formate – Podcasts vor allem – zu dem Thema, aber ich denke, mit der obigen Zusammenstellung ist ja schon mal ein gewisses Fundament gelegt.
Bewusst verzichtet habe ich übrigens auf alle Videos der Geschmacksrichtung „I quit social media for 30 days“2; das ist ja nicht der Punkt. Mit geht’s für mich ja nicht um Detox, mir geht’s um kalten Entzug.3

Und wer weiß, vielleicht gibt es dem einen oder anderen ja auch den Schubs, des es braucht, sich anzuschließen.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Mit Ausnahme des Tech-Insider-Videos sind alle hier zitierten Personen Männer; das ist mir bewusst. Das liegt nicht mal daran, dass es nicht auch viele vergleichbare Perspektiven von Frauen gibt, aber es scheint mir, als wären die Nuancen des Themas dort noch mal andere – viele berichten beispielsweise von durch soziale Medien extrem verstärkte Unsicherheiten wegen ihres Äußeren; etwas, was ich gerne glaube, aber was in meiner Erlebniswelt eine weit geringere Rolle spielt, und wie eingangs gesagt, soll heute ja nicht generell bekehrt, sondern vor allem mein Standpunkt illustriert werden. 
  2. Technisch gesehen fällt das Tech-Insider-Video in die Kategorie, aber sie bleibt ja nach dem Monat offline, darum habe ich da mal ein Auge zugedrückt. 
  3. Vielleicht werde ich in Zukunft auch noch mal Updates zu dem ganzen Vorhaben schreiben; vielleicht auch nicht. Es wird völlig darauf ankommen, ob ich was zu sagen habe, was ich berichtenswert finde. 

Nichtig und klein

Hallo zusammen!

Okay, dieses Gespräch hier und jetzt, ich denke es ist überfällig. Vor grob einem Jahr habe ich bewusst begonnen, meine Social-Media-Präsenz zu reduzieren und, gewissermaßen parallel dazu, immer wieder über eben jene sozialen Medien zu schimpfen.
Aber es ist Zeit, aus diesem impliziten Thema mal ein explizites Thema zu machen.

Fangen wir kurz mit den allgemeinen Grundlagen an – oh, und ich werde heute mal auf Quellen verzichten. Nicht weil ich keine habe, aber weil ich heute erst mal meine eigenen Gedanken formulieren möchte. Wenn ihr dann anschließend tiefer und breiter aufgestellt in das Thema eindringend wollt, wird mein nächster Beitrag hier etwas für euch sein, in dem ich quasi eine Playlist zu dem Thema zusammengestellt habe.

Aber nun gut, die Basics. Immer mehr Forschung hinsichtlich dessen, was soziale Medien mit uns machen, geht in eine indirekte Form von chemischer Abhängigkeit. Likes, Kommentare, allgemein Interaktionen in sozialen Medien schütten Dopamin aus, ein Glückshormon, und insofern bieten sozialmediale Interaktionen auf eine Weise eine Form künstlicher Gratifikation, die gar nicht unähnlich ist zu Drogen- oder Alkoholkonsum.
Das ist (nach heutigem Forschungsstand) schlecht und richtig, ist aber nur am Rande mein Thema.

Wir haben auch eine ziemlich rapide explodierende Depressions- und Selbstmord-Quote gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die wenn schon nicht kausal, dann zumindest in einer interessanten Korrelation zu der vermehrten Nutzung sozialer Medien steht. Insbesondere, seit quasi alle großen Netzwerke rund um ihren jeweiligen Börsengang begonnen haben, mithilfe von Algorithmen dafür zu Sorgen, dass die Feeds der Leute weniger von ihren Kontakten und Freunden und mehr von wirtschaftlich interessanten Inhalten gefüllt werden. Wirtschaftlich interessant, das sind Werbetreibende auf der einen Seite, und ‚Engagement‘ generierende Inhalte – vieles davon schlussendlich „Aufreger“ – auf der anderen Seite. Es gibt massenweise Studien, Paper, Podcasts und TED Talks die alle ein ähnliches Bild zeichnen, in dem aus der Dissonanz zwischen dem projizierten, scheinbar perfekten Leben der anderen und dem Wissen um die Probleme des eigenen, eine quasi omnipräsente Form des Impostor-Syndroms resultiert. Konzentriert in dem Fehler, nicht zu erkennen, dass die eigene scheinbare Inadäquanz gemessen am Außenbild der anderen einzig aus dieser allgemein praktizierten Scharade erwächst, in der sich jeder bestmöglich inszeniert und zugleich nicht realisieren kann, dass die anderen das natürlich auch tun.
Das wiederum führt uns tatsächlich von einer Seite an das Thema aus meiner eigenen Sicht heran.

Es fehlt aber noch ein Baustein, und in meinem persönlichen Fall war das tatsächlich mein besagter Urlaub in den letzten Wochen. In diesem Urlaub habe ich nicht wie sonst meine Social-Media-Präsenz reduziert, sondern für einige Woche quasi auf Null reduziert.
Das war nett, es war schön für eine Weile aus dem alltäglichen Irrsinn zu treten, aber den wahren Effekt habe ich erst erkannt, als ich nun wieder zurück war.
Denn nun, zurück dort wo Milch und Internet fließen, konnte ich wieder Blicke werfen auf Facebook, Twitter und Instagram und was ich bemerkte, hatte ich nicht erwartet. Denn im Grunde alles, was ich dort sah, erschien nichtig und klein.

Versteht mich nicht falsch – ich bin sicher, dass zumindest alles, was nicht von Firmen oder Bots gepostet wurde, für die betreffende Person sicherlich relevant und wichtig war. Entweder genuin, oder in der kalkuliert-unbewussten Jagd auf Affirmation, Gratifikation und Dopamin.
Aber … ganz ehrlich? So vieles, so endlos vieles war für mich selber eigentlich völlig irrelevant.

Vieles, was ich las, waren Meinungen. Meinungen zu Politik – aber in das Wespennest habe ich ja die Tage erst mit einem Artikel hier gestochen –, aber auch Meinungen zu trivialen Dingen, Popkultur etwa. Es hat mich wenig Zeit gekostet und keinerlei Absicht erfordert, aus verschiedenen Mündern sehr scharfe Meinungen darüber zu lesen, warum Star Wars Episode 9, oder Frozen 2, oder die neue Witcher-Serie, oder die neue Pokémon-Spiele, oder [jedes andere, gerade diskutierte Medienprodukt] Mist sei und die Macher nie wieder in ihrer jeweiligen Branche Arbeit finden sollten.
Wir haben hier im Blog oft genug Themen in diese Richtung gehabt; es ändert ja nur nichts daran, dass das Problem bestand hat.
Mit diesen Postings konfrontiert, aber zugleich durch diese Linse von größerem Abstand betrachtet, wuchs in mir ein Gedanke, den ich nicht mehr abschütteln konnte … ich möchte das nicht mehr.
Das gleiche gilt für den 24/7-Newscycle (und dessen Niederschlag in den sozialen Medien), dessen Tempo schon lange weit jenseits der real vorhandene Menge wirklich berichtenswerter Informationen steht. Wir sind nicht besser informiert, wir sind nur mehr informiert, eingesperrt in einem Hamsterrad aus Aufmerksamkeitsökonomie, versagender medialer Finanzierungsmodelle und der Notwendigkeit, zu berichten, selbst wenn die Sachlage noch vollends ungeklärt ist.

Nun kann man seine Social-Media-Feeds – je nach Plattform besser oder schlechter – kuratieren und ich war lange ein starker Verfechter, dass man sich seine Erlebniswelt zu einem gewissen Maße halt online selber formen muss.
Aber warum?
Warum sollte ich?

Zum einen stellt sich die Frage fundamental, wenn man sich vor Augen führt, dass diese Plattformen, die wir nutzen, ganz in ihrem innersten Kern darauf ausgelegt sind, uns das zu hindern, unseren Konsum zu moderieren. Es gibt wenig Leute, die in Interviews konstant so unendlich elend und unglücklich über ihr eigenes Werk wirken wie ITler Aza Raskin, der Erfinder des „infinite scroll“.
Wo ich Fokus in meinem Leben suche, propagieren soziale Medien Ablenkung. Ich lese analoge Bücher, mein bevorzugtes Medium für Musik ist Vinyl, ich weigere mich, nebenher etwas anderes zu tun, während ich Serien oder Filme schaue und wenn ich Videospiele spiele, möchte ich eigentlich ungestört genau das tun. An sich ist es absurd, wie lange ich gebraucht habe, um zu erkennen, dass die Multitasking-Always-On-Realität sozialer Medien diametral zu dem steht, wie ich mein Leben leben möchte.
Soziale Medien sind ein Werkzeug, sicherlich, aber zunehmend muss ich mir wohl eingestehen, dass sie schlicht nicht das Werkzeug sind, nach dem ich suche. Ein Hammer mag der beste Hammer der Welt sein, wenn ich aber eigentlich Schrauben in die Wand drehen wollte, ist es dennoch ein guter Zeitpunkt, das eigene Handeln zu überdenken.

Es gibt aber natürlich noch die andere Seite, die professionelle Seite. Meine Buchleser, DORPCast-Hörer, ihr die ihr dieses Blog lest – vielleicht ja sogar weil ihr einem Link auf Twitter gefolgt seid.
Schlussendlich stellt sich aber – frei nach Seth Godin; wie gesagt, ergänzende Quellen nächstes Mal – ein wenig die Frage, welche Story ich erzähle.
Ich möchte weiterhin Medien feilbieten. Ich möchte im DORPCast mit Michael über unser Hobby reden. Ich möchte sporadisch Romane schreiben und euch damit unterhalten. Gleiches gilt für Videoprojekte. Gerne bin ich mal in anderen Podcasts zu Gast, oder halte für die Arbeit mein Gesicht in die Kamera. Und definitiv möchte ich weiterhin bloggen, schussendlich ja auch mit der Hoffnung, dem einen oder anderen dabei zu helfen, ein besseres, zufriedeneres Leben zu führen in dem er Unfug vermeiden kann, den ich schon für ihn durchgekaut habe. (Das heißt nicht, dass alles, was für mich Gold ist, das auch für andere sein muss. Inklusive dessen, wovon ich heute schreibe. Aber es ist eine Reflexionsfläche; keine Antwort, mehr eine stetige Einladung zu fragen.)

Es gibt aber noch ein anderes Narrativ. Die Rolle stetig, immer, jederzeit bereit zu sein, wild über Medien zu diskutieren, diese halt implizierte Bereitwilligkeit, mir immer und jederzeit auch sagen lassen zu wollen, warum jemand etwas, was mir lieb und teuer ist, seinerseits aber doof findet und die suggerierte Bereitschaft, danach darüber diskutieren zu wollen.
Das ist eine sozialmedial sehr beliebte Rolle. Das ist eine von außen betrachtet tolle Position, um sich darin zu befinden. Sie ist allerdings auch – wenigstens in meinem Falle – zu einem gewissen Maße schlicht nicht Ausdruck dessen, was ich möchte.
Ich muss wirklich nicht noch ein Gespräch darüber führen, ob jetzt „The Last Jedi“ oder „The Rise of Skywalker“ Star Wars zerstört habe. Echt nicht.

Das führte zwangsläufig natürlich zu der Frage, ob das eine egoistische, vielleicht sogar narzisstische Position ist. Wer Sender sein möchte, ohne Empfänger zu sein, nimmt zweifelsohne eine Position ein, in der er scheinbar seine Botschaft höher einordnet als die anderer Leute.
Aber bei näherer Betrachtung ist es ja nicht der Fall. Die Kommentare auf der DORP, auf YouTube und hier im Blog sind immer offen. Und wie immer gilt: Ich antworte vielleicht nicht immer, aber ich lese sie alle.
Auch kann man mir immer Mails schicken. Egal ob an info AT thomas-michalski.de oder an thomas.michalski AT die-dorp.de, ich bin zu erreichen.
Aber dieses konstante, ununterbrochen andauernde Gespräch, dieses colloquium omnium contra omnes, da muss ich einfach raus.
Da … bin ich nun raus.

Eines gehört noch gesagt: Ich mag daran scheitern. Es haben genug Leute vor mir schon ihre sozialmedialen Hüte genommen, nur um dann 30, 60, 90 Tage später wieder aufzutauchen. Das ist denkbar. Aber meine Wortwahl ist bewusst, es wäre aus meiner heutigen Sicht ein Scheitern.

Also, was passiert nun.
Löschen werde ich keinen Account. Der Twitter-Account wird bleiben, wird aber vor allem eine Weiterleitung dieses Blogs sein. Wenn ihr also auf mehr Inhalte hofft, sorry. Wenn ihr Feedback habt, aber dort antwortet, sorry. Wenn ihr darauf keinen Bock habt und geht – fair. Vermutlich werde ich Twitter tatsächlich auf den meisten meiner Endgeräte auch einfach sperren.
Facebook wird bleiben, aber vor allem weil ich auch beruflich nicht um den Messenger herumkomme und weil ich dort einige Seiten mitbetreue. Erwartet keine persönliche Beteiligung.
Dieser Blog wird, wie es einst war, mehr oder weniger Ground Zero meiner Gedanken. Wenn ihr wissen wollt, was ich so treibe, ist es sicherlich nicht verkehrt, mir hier zu folgen. Wahlweise via WordPress, via Mail oder per RSS-Feed. Ist alles im rechten Menü zu finden.
Die DORP bleibt unberührt.

Generell gilt, wenn euch das nicht passt, euch das ärgert oder ihr halt einfach keine Lust habt, mir anderweitig zu folgen – das passt schon.

Was ich mir erhoffe, und was ich über die letzten Wochen teils rückblickend bemerkt habe, sind stärkerer Fokus bei den Dingen die ich tue, und einfach generell mehr Zeit – es ist irre, wie lange wir alle pro Tag auf unsere kleinen Bildschirme starren.
Was ich zudem wie gesagt bemerkt habe, ist, wie schnell es geht, dass einem der ganze Kram fremd erscheint. Auch etwa, wie oft, wie stetig und wie schamlos Leute im persönlichen Beisammensein für teils lange Momente auf ihr Handy schauen. Das ist ein eigenes Thema, aber es sind Momente, in denen man Leute bitten wollen würde, doch einfach gerade im Hier und Jetzt zu sein. Zumindest, wenn man sich dann nicht langsam wie ein Guru fühlen würde mit all den Achtsamkeits-Aufrufen.
Für mich aber ist es das Ziel, das Ziel für dieses Jahr.
Mehr im Hier und Jetzt sein.

Ach ja, ein Gedanke zum Schluss – nichtig und klein, der Titel dieses Artikels und die schon mal weiter oben gebrauchte Formulierung, ist natürlich ein Zitat aus „Über den Wolken“. Reinhard Mey geht ja eigentlich immer, aber hier trifft es auch einfach so gut dieses unerwartete Gefühl, in das ich da geraten bin.
Nur braucht es in diesem Fall keine Startbahn null drei, keine im Regengrau verschwimmenden Lichter, um das, was uns groß und wichtig erscheint, nichtig und klein wirken zu lassen.
Es reicht auch einfach, das Handy wegzustecken oder den Browser zu schließen.

Viele Grüße,
Thomas

Die Sonne, die im Winter schien

Hallo zusammen!

Erinnert ihr euch vielleicht noch vage an das Gedicht, das ich vor etwas mehr als einem Jahr hier zitiert habe? Es stammt aus der Textsammlung Die torlose Schranke, einem Prä-Zen-Text, in dessen 20. Kōan sich folgende Zeilen finden:

Im Frühling hunderte Blumen; im Herbst der Erntemond;
Im Sommer eine frische Brise; im Winter schließt Schnee sich dir an.
Wenn dir sinnlose Dinge nicht in deinen Gedanken nachhängen, ist für dich jede Jahreszeit gut.

(Deutsch von mir; aus einer englischen Übersetzung von Reps/Zenzaki.)

Und lange habe ich die Wahrheit dieser Worte nicht mehr so gespürt wie jetzt in meinem jüngst vergangenen Urlaub. Es ging wie eigentlich stets zu dieser Jahreszeit in den Schwarzwald und die Erwartung war – gerade wenn das Vorjahr irgendeinen Indikator darstellt – kniehoch durch Schnee schreiten zu können.
Nun, es war die Erwartung, aber was wir bekamen war ein extremes Gegenteil. Mit einer Temperatur von bis zu 25°C in der Sonne war an Schnee nicht zu denken. Natürlich, in der Sonne, die Lufttemperatur war deutlich niedriger, sodass wir beim Wandern dennoch nicht an Jacken und Pullovern vorbeikamen, aber trotzdem, Winter war das nicht. Nicht gefühlt zumindest.

Warum also schreibe ich von der gespürten Wahrheit jenes Gedichts? Der Vers „im Winter schließt Schnee sich dir an“ war es ja offenkundig nicht. Aber der danach, in dem liegt denke ich der wahre Kern: „Wenn dir sinnlose Dinge nicht in deinen Gedanken nachhängen, ist für dich jede Jahreszeit gut.“

Und gut, gut war es. Es roch zwar nicht nach Winter – was schade ist –, aber dafür hingen Dutzende anderer Gerüche in der Luft. Und blieb uns zwar das schöne, strahlende Weiß geschlossener Schneedecken vorenthalten, aber dafür bot die Landschaft dutzende anderer, toller Grün- und Braunschattierungen feil. Und es lag zwar nicht dieser kalte, beißende Winterwind in der Luft, den ich so gerne in meinem Gesicht spüre, aber die kristallklare Witterung ließ uns jeden Tag auf die fernen Alpen in deinem Detailgrad schauen, als stünden wir direkt davor.
Kurzum, es war nicht, was wir erwartet haben, aber es war wieder einmal wunderschön.

Und es war wie jedes Jahr eine gute Zeit, um noch einmal durchzuatmen, bevor der ganze Alltag wieder losgeht. Es ist so eine wertvolle Zeit, ein Ritual, was wir uns dort geschaffen haben. Wo nach Weihnachten und Neujahr der Rest der Welt voll guter Vorsätze und erwartetem Tatendrang die Ärmel hochkrempelt, nehmen wir uns noch einen Moment. Ein letztes Zentrum der Ruhe. Ein Chance, noch einmal nicht in Aktionismus, sondern in Reflexion darüber nachzudenken, was dieses neue Jahr 2020 uns bringen wird, bringen soll, bringen könnte.
Welche Ziele, welche Wünsche haben wir? Und wichtiger vielleicht noch: Wo stehen wir überhaupt? Das Ziel zu kennen ist schön und gut, aber eine Route ergibt sich nur im Zusammenspiel mit einem Startpunkt.

Natürlich, ich will das wie immer nicht zu hoch hängen, wurde auch viel gespielt, gelesen, geschaut. Nicht jede Wanderung ist zwangsläufig eine neue Selbsterfahrung und viel hat auch einfach damit zu tun, schöne Natur zu gucken, schöne Eindrücke zu sammeln. Gehen ist eine wundervolle Meditation, aber das ist ein Thema für ein anderes Mal.
In manchem sind wir wohl auch einfach älter geworden – gemessen an unseren ersten Schwarzwald-Touren ist unser Essen extrem gesünder geworden, unser Alkoholkonsum massiv gesunken. Man reift ja auch.
Es war einfach eine gute Zeit – aber nichtsdestotrotz kehre ich auch dieses Mal mit einem bemerkenswert geschärften Selbstgefühl zurück.

Irgendwelche großen Erkenntnisse, mag man fragen? Irgendwelche Epiphanien?
Ja, ja vielleicht eine. Nichts, was die Menschheit maßgeblich verändern wird, aber mich vielleicht. Zumindest ein wenig.
Aber darüber schreibe ich morgen, das ist ein Thema ganz für sich.

Bis morgen also!

Viele Grüße,
Thomas

Five shades of grey (Über Diskurskultur)

Hallo zusammen!

Wenn ich am Fernseher Netflix schaue, mache ich das mit einem ziemlich alten AppleTV. Und weil das so alt ist, ist auch die Netflix-Software darauf ein wenig aus der Zeit gefallen – und zeigt noch immer etwas, was eigentlich schon lange kein Teil mehr davon ist: Bewertungen von 1 bis 5 Sternen.
Heute sind diese ja eigentlich, ganz gleich ob man über Browser, Smartphone oder anderweitig zeitgemäßem Endgerät drauf zugreift, durch ein einfaches „Daumen hoch“/„Daumen runter“-System ersetzt.
Und darüber wollte ich heute mal mit euch reden. (Und wie sie oft geht es eigentlich am Ende um etwas viel globaleres; vertraut mir. Aber Achtung, es wird am Ende ein ernstes Thema.)

Machen wir mal wieder einen weiten Schritt zurück. Wie schon hier und da mal thematisiert, war Anfang der 90er die erste Ausgabe der Video Games für mich ein Moment der Erweckung, eine Form von Publizistik, wie ich sie vorher nicht gekannt hatte und die ihrerseits in mir die erste Keimzelle bot, aus der dereinst die DORP, dieses Blog und all mein anderes Tun sprießen würden.
Aber schon damals fand sich in diesem Magazin eines, was bis heute relativ unverrückbar Teil des Videospiel-Journalismus scheint: Prozentwertungen.
Und auf den ersten Blick erscheint das System ja auch super intuitiv. Es ist eine offensichtlich klar begrenzte Skala, und offenbar hat ein Spiel mit 89% Spielspaß den Redakteuren besser gefallen als ein Spiel mit 75% Spielspaß.
Allerdings gilt dies wirklich nur für den ersten Blick, denn die ultra-feine Granulierung bringt eigene Probleme. Denn jemand muss diese Wertungen ja geben und dass 75% besser sind als 50% ist klar. Aber wie sieht es mit 76% aus? Was kann ein Spiel tun – oder jedwedes Medium, letztlich – was ein Hundertstel mehr Spaß gemacht hat als der andere Titel? Und wer ist in der Lage, das letztlich zu bemessen? Nicht mal objektiv, sondern alleine schon für einen selbst?1

Netflix nun schienen sich des Problems bewusst und entschieden sich daher für eine Fünferskala. Und eine Fünferskala, das ist keine schlechte Wahl. Indem man mit 1 bis 5 Sternen de facto eine Wahl zwischen Nope / nicht meins / neutral / gut / ich liebe es eröffnet, kriegt man eine durchaus nuancierte, aber eben auch zugleich hinreichend grobe Wertung raus. Natürlich kann jeder die fünf Sterne für sich anders aufschlüsseln, anders benennen. Vielleicht legen unterschiedliche Leute auch unterschiedliche Schwellen an, aber die Eckpunkte haben Bestand. Und die schiere (bei etwas wie Netflix absurd hohe) Nutzermenge dürfte die Interpretations-Unterschiede rausschleifen.
Es ist ein bewährtes System, egal ob man Käufe bei Amazon oder Podcasts auf Netflix bewertet.

Jetzt aber hat Netflix, wie gesagt, das System ja schon vor einer Weile geändert. Befreit von der Schwierigkeit, entscheiden zu müssen, ob der Film nun wirklich eine 5/5 oder doch nur eine 4/5 ist, stehen die Nutzer nun Cäsaren gleich oberhalb der Arena und können den Daumen halt heben oder senken, um Wohlgeneigtheit oder Ablehnung zu signalisieren.
Was aber – und jetzt kommen wir langsam zum Kern – dadurch verloren geht, ist eben nicht nur die Nuanciertheit der Ränder, sondern auch die Mitte. Es ist faktisch unmöglich, mit diesem System einen Film „halt okay“ zu finden; er ist entweder Top, oder Flop.2

Es ist der Verlust jedweder neutralen Position. Entweder der Nutzer ist für den Film, oder gegen ihn. Ich habe letztes Jahr Escape Room gesehen, für mich die Verkörperung eines okay-en Films. Ist er gut? Na ja, kein Meilenstein, aber auch nicht wirklich mies. Aber ist er schlecht? Halt auch nicht.
Angenommen ich hätte den nicht im Kino, sondern auf Netflix geschaut. Angenommen, ich hätte den bewerten wollen.
Ihr erkennt das Problem?

Netflix ist dahingehend (wie übrigens ja auch YouTube, eine der wenigen sozialmedialen Plattformen im weiteren Sinne, die negative „Like“-artige Äußerungen zulässt) natürlich auch durchaus kultureller Spiegel unserer Zeit.
Wie jüngst die Debatten um Star Wars wieder zeigen, erlauben auch beispielsweise Fandoms keine Neutralität, keine mittleren Positionen. Die Filme sind entweder großartig, oder abgrundtiefer Mist, wenn ich dem Diskurs folge. Das ist ermüdend, es ist aber vor allem auch nicht hilfreich.
Natürlich erzeugt das vorgeblich eine sehr einfach zu lesende und klare Metrik. Aber in dieser Abstraktionsstufe geht es nicht mehr um die Abbildung eines echten Meinungsspektrums, sondern um die Formung von Oppositionen, und man kann faktisch zwischen zwei binären Positionen nicht diskutieren, weil ja per se keine gemeinsame Fläche gibt.
Weiß und Schwarz können sich ohne Graustufen nicht auf Kompromisse einigen.
Netflix hatte damals zumindest fünf Schattierungen Grau.
Nun nicht mehr.

Aber – bitte einmal durchatmen – es endet ja nicht mit Fandoms. Bei weitem nicht.
Wisst ihr, was auch ein fünfstufiges System ist? Die Einteilung des politischen Spektrums. Ausgehend von einer (traditionell konservativen) Mitte nach links und rechts hinaus, bis hin zu jeweils den extremen Außenpositionen.
Wenn wir nun aber hingehen, und dieses Spektrum analog zum Bewertungsrahmen oben immer weiter reduzieren, immer weiter runterbrechen bis wir nur noch Links und Rechts übrig haben3, ohne Nuance, ohne Mitte, dann haben wir auch hier unvereinbare Oppositionen geformt und jedwedes Fundament für mögliche Kompromisse zunichte gemacht.
Es ist die Natur des Online-Diskurses, denn extreme Positionen generieren Klicks von Zustimmenden wie Widersprechenden, und an den meisten Orten des Internets generieren Klicks letztlich das Einkommen.
Es ist zugleich aber auch eine völlige Verzerrung der Wirklichkeit. Die Escape Rooms unter den politischen Positionen, deren Pendel nun weder besonders nach links oder rechts ausschlägt, sind plötzlich gezwungen, sich zu positionieren. So wird jede moderat linke Position plötzlich zum Aufmarsch des Marxismus, und jede moderat rechte Position zum Einfalltor des Faschismus.

Wie bei jedem komplexen Spektrum ist es natürlich auch im politischen Spektrum absurd, sich in einem zu feingliedrigen System positionieren wollen. Das sind die Online-Tests, bei denen man dann am Ende weiß, dass man x% Sozialist, y% Marxist und z% Faschist ist – das nützt niemandem.
Aber wenn wir am Ende nur noch eine Grenze ziehen, wenn jedes Gespräch die gegen uns ist, dann verlieren wir die Chance, miteinander irgendwo hinzufinden. Und wenn Kompromisse keine Option mehr sind, wenn wir nicht mal mehr fünf Schattierungen Grau schaffen, dann ist der einzige Weg, die eigene Position zu vertreten, am Ende der, der anderen Position den Garaus zu machen.
Natürlich erzeugt das Konflikt.
Konflikt generiert Klicks.
Klicks verdienen das Geld.

Aber wenn wir nicht irgendwann aus der Advertising Inventory Management-Falle raustreten, wenn wir nicht anfangen, von anderen wieder als komplexe, vielgestaltige Persönlichkeiten zu denken4, wenn wir nicht endlich aufhören, jede gegenläufige Meinung als Angriff auf unsere eigenen Positionen und Person zu verstehen, dann wird dieses seltsame Experiment, das unsere moderne Gesellschaft ist, irgendwann ziemlich hart scheitern.

Das endet im politischen Diskurs.
Aber das beginnt für uns alle in jedem kleinen Austausch, und sei es über so etwas triviales wie die Qualität von Filmen und Spielen.

Fünf Grauschattierungen.
Wenigstens fünf.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Der Form halber: Ja, manche Formate versuchen das Problem seit jeher zu begrenzen, indem sie eine Zehnerskala verwenden – aber da diese Skalen nahezu immer mit einer Kommastelle daherkommen, ist es am Ende dann ja doch nur in die eigene Tasche gelogen, denn dann ersetzt man das Problem zwischen 75% und 76% zu differenzieren halt damit, zwischen 7.5 und 7.6 zu differenzieren. 
  2. Ich bin mir bewusst, das Nichtabstimmung eine Option wäre, eine neutrale Meinung auszudrücken. Da es aber faktisch unmöglich ist, zwischen einer Nichtabstimmung als Meinung und einer Nichtabstimmung aus Unlust oder mangelnder Chance zu unterscheiden, spare ich mir das hier an der Stelle mal aus. 
  3. Demokraten und Republikaner, Labour und Tories, etc. Aber tatsächlich auch beispielsweise manifest in allen unsäglichen „Okay, Boomer“-vs-Schneeflocken-Millennial-Diskussionen. 
  4. Imagine others complexely, wie John Green es wundervoll auf den Punkt bringt. 

Das waren Medien 2019

Hallo zusammen!

Wie auch im Vorjahr will ich auch dieses Mal wieder alles etwas gebündelter abhalten, das hat sich denke ich durchaus bewährt. Es gilt dabei wie immer, dass es schlussendlich um Medien geht, die ich 2019 konsumiert habe – das Erscheinungsjahr ist dabei für mich weniger ein Kriterium.

Ach ja, und für die jährliche Statistik – ich habe 2019 36 Filme gesehen, davon exakt die Hälfte im Kino. Ich habe 19 Staffeln von 17 Serien gesehen und ich habe 19 Videospiele gespielt, dieses Jahr ausnahmslos auf der Switch. Und gemäß meiner jährlichen Challenge war ich erfolgreich und habe mit 52 Büchern mein Jahresziel von 50 Büchern geknackt, wobei ich wie immer Graphic Novels gezählt, Rollenspielregelwerke allerdings ignoriert habe, weil Arbeit.
Alles in allem ein gutes Jahr, bei dem nur auffällig ist, dass ich deutlich weniger Filme gesehen habe. Einen tollen Grund dafür habe ich allerdings nicht, insofern … nicht länger aufgeschoben, hier meine Favoriten:

Bücher, Belletristik: Bradley, Alan: The Sweetness at the Bottom of the Pie. Der erste Flavia-de-Luce-Band ist eine toll geschriebene, sympathische Geschichte voll skurriler Figuren und liebe zum Setting.
Bücher, Sachbuch: Hübl, Philipp: Die aufgeregte Gesellschaft. Achtung, Voreingenommenheit1, aber ich fand die zugleich von Philosphie und Neurowissenschaft gespeiste Untersuchung unserer aktuellen gesellschaftlichen Lage extrem spannend und erhellend.
Bücher, Comic: Diverse: Star Wars Vector I: Der Muur-Talisman und Star Wars Vector II: Plage der Vergangenheit. Zugegebenermaßen hat mich kein Comic 2019 wirklich gerockt, aber ich mag Crossover-Events und dieser Mehrteiler quer durch diverse Reihen war schon ziemlich gut umgesetzt.
Spielfilm, Kino: Star Wars: The Rise of Skywalker. Ja. Ja, ich weiß. Ich sehe all die Schwächen des Films, ich sehe all die Probleme. Aber ich bin einfach rundum grinsend aus dem Kino gekommen und manchmal tut es einfach gut, das Kind im Manne mal wieder zu treffen. (Extrem dicht dahinter kommt aber auch Avengers Endgame. Extrem dicht.)
Spielfilm, Heimkino: Interstellar. Die Kunstfertigkeit von Nolans Regiearbeit ist für mich einfach ohne Zweifel, McConaughey und Hathaway kann ich immer wieder gucken und der Film macht einige wirklich schöne Dinge mit Zeitebenen.
Serie: Chernobyl. Die Faktentreue und das Gespür für dennoch nötige, dramaturgische Freiheiten, die exzellente Inszenierung, die tollen Darsteller und ein Thema, das mich seit Jahren reizt, machen die Wahl hier sehr einfach.
Dokus: Abstrakt – Design als Kunst, Staffel 2. Wie auch schon die erste Staffel ist die Auswahl teils ungewöhnlicher Kunstdisziplinen, interessanter Leute, die liebevolle Umsetzung und die Hingabe für den Akt des Erschaffens ohnegleichen.
Animation, Film: Asterix im Land der Götter. Die CGI-Adaption des Comics Die Trabantenstadt ist rundum viel besser gewesen, als ich erwartet habe. Kein Meilenstein, aber nach Jahren der Durststrecke ein Asterix, an dem man einfach Freude haben kann.
Animation, Serie: Der Prinz der Drachen, Staffel 2. Der hier ist ein bisschen schwierig – ich mag die Serie wirklich und empfehle sie von Herzen, es war aber auch die einzige Animations-Staffel, die ich 2019 gesehen habe. Nun ja: gewählt ohne Gegenkandidaten.
Musik: Tessa Violet: Bad Ideas. Ich mag die Künstlerin, ihr immenses Gespür für Selbstinszenierung, aber auch den … ungefilterten Charme, der davon manchmal ausgeht. Als Gesamtprodukt mein Favorit. Aber Kettcars neue EP Der süsse Duft der Widersprüchlichkeit gewinnt, wenn man es rein musikalisch betrachtet.
Podcast: The Chernobyl Podcast. Ja, genau, der zur Serie weiter oben. Serienschöpfer Craig Mazin berichtet in je einer Episode pro Serienfolge über die Adaption, reale Fakten, Anpassungen und zusätzliche Hintergründe. Eine unbezahlbare (und unvergleichliche) Ergänzung.
YouTube: Easy Allies. Lasst mich 2018 zitieren: „Alles was von dort kommt, vom Podcast (gecheated, ich weiß) bis zur Review, all ihre Formate, all das bildet für mich einen maßgeblichen ‚Happy Place‘.“ (Auch wenn Outside Xbox und Outside Xtra auch wichtiger Teil meiner müderer Feierabende sind.)
Videospiel: Hellblade – Senuas Sacrifice. Was. Ein. Tolles. Spiel. Eine mitreißende Story, mit die besten „schauspielerischen“ Leistungen in einem Videospiel und einfach eine von vorne bis hinten atmosphärisch dichte Erzählung, die es auch noch schafft, ein brisantes Thema behutsam einzubetten. Exzellent!
Rollenspiel: Mage: the Ascension – Gods & Monsters. Das war kein Buch, von dem ich wirklich viel erwartet hatte, aber die immense Tiefe und die Bereitschaft, Mythen mit Respekt gegenüber den Kulturen, denen sie entstammen, abzubilden, haben mich ziemlich beeindruckt. Ich singe Magus‘ Loblied ja eh dauernd, aber man übersieht leicht, wie bemerkenswert dieses Spiel auf einer Meta-Ebene ist.

Und das war die Zusammenfassung. Insgesamt bin ich medial mit 2019 ziemlich zufrieden. Es gab so ein paar Kategorien, wo’s mir ein wenig an klar definierten Highlights gemangelt hat, aber insgesamt fand sich eigentlich überall etwas, was mir das Jahr wirklich bereichert hat.
In diesem Sinne: Schauen wir doch mal, was 2020 so zu bieten haben wird. Ich erhoffe wir ja durchaus Großes!
(Und über meine eigenen medialen Beiträge dazu, darüber dann morgen an dieser Stelle hier mehr.)

Viele Grüße,
Thomas


  1. Ich bin mit Philipp Hübl weder persönlich bekannt noch in Kontakt; er war allerdings einer meiner Dozenten an der RWTH Aachen. Insofern ist natürlich nicht überraschend, dass sich sein wissenschaftliches Weltbild und meines in vielen Punkten decken. 

Das war 2019

Hallo zusammen!

Also dann … Zeit für den alljährlichen Blick zurück. Wie ich jetzt schon mehrfach sagte, 2019 war ein … komisches Jahr. Schwer zu greifen, schwer zu kategorisieren, schwer auf den Punkt zu bringen oder in eine Schublade zu stecken. Aber nun denn.

Für mich persönlich würde ich es in vielen Dingen irgendwie als Übergangsjahr bezeichnen. Nachdem 2017 meine Mutter und 2018 mein Vater verstorben sind, war es angenehm, 2019 dahingehend mal wieder ohne große Katastrophen durchleben zu können. Das umfasst die Erkenntnis, dass dieser Herr Michalski in vielen Dingen halt nun vollends ich bin, das umfasst die (wirkliche) Erkenntnis, dass ich ein Haus besitze und nach meinem Gusto formen kann, all diese Dinge. Aber nichts davon sticht so wirklich hervor.
Ich bin nach wie vor von absolut phantastischen Menschen umgeben, wie mich jüngst schon alleine die Weihnachtstage mal wieder gelehrt haben und ich bin nach wie vor dankbar dafür. Aber das ist natürlich etwas, was an dieser Stelle weniger etwas zu suchen hat.

Beruflich war 2019 ein spannendes, forderndes aber auch sehr gutes Jahr. Ich bin mittlerweile Teamleiter im Layout-Bereich von Ulisses Spiele und muss sagen, ich mag diese Aufgabe und die mit ihr verbundenen Herausforderungen sehr. Ich bin stolz auf mein Team, ich bin glücklich mit meinen Kollegen in der gesamten Firma, ich bin am Ende des Tages einfach gerne ein Teil von Ulisses. Und ich bin durchaus auch stolz auf das, was ich dort in der Firma bewege, denn auch wenn die Rollenspielbranche natürlich kein Wallstreet-Karriere-Jet-Set-Leben bietet, so merke ich doch, dass ich in unserer kleinen Nische erfolgreich etwas bewegen kann und bereits bewegt habe, und das ist ein immens gutes Gefühl. Eines, das mich auch voller Freude auf 2020 blicken lässt – aber dazu übermorgen mehr.
Abseits der Layout- und Management-Tätigkeiten sollen an dieser Stelle dazu aber auch die Handbücher des Drachen nicht unerwähnt sein, meine erste, größere, professionelle redaktionelle Arbeit und eine, mit der ich auch jetzt noch wirklich zufrieden bin. Die Monographien enthalten viel schönes Material und Rollenspiel-Essays 2 ist dank vieler toller Autoren exakt zu diesem Spiegel der Vielfalt der Szene geworden, den ich erreichen wollte.
Jedenfalls in meinen Augen.

Mit der DORP haben wir außerdem zum Jahresende Die 1W6 Freude – Dritte Auflage kostenlos im Netz veröffentlicht, ebenfalls ein langgehegtes Projekt, das endlich vollbracht ist. Mit der gedruckten Auflage von Ihr Name ist Mensch haben wir weiterhin auch real daran gearbeitet, (in Form von Spenden) Gutes zu tun. Auch der DORPCast hat alles in allem denke ich ein tolles Jahr und zwei absolut großartige Gäste – Buchhändlerin Katharina Fischer und Politikwissenschaftler Patrick Portz – aufzuzeigen. (Nebenbei, ich habe das glaube ich nie so explizit gesagt, aber es zeigt auch sehr, was mir an Gästen für den Cast immer schon vorgeschwebt hat: Tolle und interessante Leute, aber nicht zwingend die, die man erwartet.)
Mein persönliches Highlight aber dürfte Verdorbene Asche sein, der letztes Jahr im Mai veröffentlichte Grusel-Eifel-Roman von mir, an dem ich lange geschraubt habe, aber der auch das geworden ist, was ich mir erhofft habe. Den siebten Platz beim Goldenen Stephan für so ein nischiges Buch habe ich natürlich auch gerne mitgenommen.

Was war sonst so 2019? Ich bin nach einigen Abwägungen erneut als Schriftführer für Saltatio – Historisches Tanzen Aachen angetreten und einstimmig wiedergewählt worden, was natürlich ein wunderschönes Kompliment ist.

Easy Props hat sich generell ganz hervorragend durch das Jahr geschlagen, nur jetzt die Jahres-Abschluss-Folge hat’s verstolpert – da werde ich die Tage noch rausrücken, wie wir das Chaos auflösen. Tatsächlich gab es sonst wenige neue Videos dieses Jahr, aber der neue Kanaltrailer suggeriert ja schon ein paar Dinge, die bevorstehen.

2019 hatte eine Reihe wirklich schöner Fotoprojekte, von denen es zwei ja auch hier auf die Seite geschafft haben: Elements: Erde, Luft, Feuer, Wasser und Wenn der Spätsommer geht …, aber auch da dürfte 2020 noch manches ergänzen können.

Nicht zuletzt wegen meiner zweiten Portugal-Reise mit dem Ballett-Atelier aus Stolberg, die zusammen mit dem jährlichen Winterausflug in den Schwarzwald auch generelle meine (nicht-beruflichen) Reisen des Jahres abbilden; grundverschieden, aber beide wunderschön.

Was allerdings in dem irgendwie gleichzeitig insgesamt mitschwingt und zugleich nur implizit vorkommt ist ein Gesamtteil Persönlichkeitsentwicklung, von dem mir nie klar ist, wie deutlich das hier zu Tage tritt.
Aber zwischen Führungsposition und kreativer Arbeit, zwischen den Versuchen mit Videos, Fotos, aber auch Texten der Wirklichkeit eine Kontur zu geben, aber auch zwischen diversen „gesellschaftskritischen“ Artikeln über Wikipedia, das Trainieren von überzogener Kritikwilligkeit und das willentliche Aussetzen von Ungläubigkeit, über Torwächter-Probleme bei Wikipedia und bei YouTube, über Medienkonsum und das bewusste Erleben unserer Wirklichkeit, aber auch über den Tod, zwischen all diesen Artikeln steckt eine Suche.
Eine Suche nach dem, was uns ausmacht, was wichtig ist, was es eigentlich heißt, glücklich zu sein. Vielleicht schlägt da doch der Philosoph in mir durch, vielleicht bin ich dahingehend auch wirklich einfach durchgebrannt, aber … wenn das etwas ist, was auch euch umtreibt, was auch euch beschäftigt – nun, es war etwas, was mein 2019 stark geprägt hat und was zweifelsohne auch mein 2020 wieder maßgeblich kennzeichnen wird.
Und es ist eine Entdeckungsreise, auf die ich euch alle sehr gerne hier weiterhin mitnehmen werden.
Nicht morgen, morgen reden wir über Medien 2019.
Aber in der Zukunft. Denn obgleich ich eine Menge über mich gelernt habe im letzten Jahr, am Ziel bin ich in dieser Sache ganz sicher noch lange nicht.

Schauen wir also mal, wohin die Ströme uns treiben werden.

Viele Grüße,
Thomas

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