Seelenworte

Vom ausgehöhlten Schmuck der Gelehrsamkeit (und Sieben)

Hallo zusammen!

Während meines Urlaubs (da kommt auch noch ein Artikel zu) habe ich, neben diversen anderen Dingen, auch meine private Bibliothek mal wieder erweitert und generell umgebaut. Das wiederum brachte mich dazu, über Bibliotheken in Medien und spezieller, über Bibliotheken in Filmen nachzudenken.
Und darüber möchte ich heute reden.

Abbildung © 1995 New Line Cinema

Bibliotheken im Film

Bibliotheken sind zweifelsohne beliebte Orte in Filmen und Serien. Als ich dieser Tage auf dem DORP-Discord erwähnte, dass ich eben diesen Artikel hier gerade plane, dauerte es auch nicht lange, bis mir eine immense Zahl von Beispielen um die Ohren geworfen wurden. Und innerlich, gebe ich zu, griemelte ich schon ein wenig, denn unzählige der Beispiele bekräftigten nur eine These, die eh in mir schwelte.

Schauen wir einfach mal, da gibt es schon wirklich ein paar ziemliche Klassiker. Da ist der Anfang von Ghostbusters, wo sie ihren ersten Geist eben in einer Bibliothek konfrontieren. Indiana Jones und der letzte Kreuzzug hat die wahrlich ikonische Szene, in der das X den Punkt markiert und sie sich durch den Boden in die Katakomben arbeiten. In der 1999er-Mumie lernen wir die weibliche Hauptrolle Evelyn kennen, als sie mit umfallenden Regalen ihre ganze Bibliothek zerlegt. Breakfast Club spielt zu großen Teilen in einer Bibliothek, in der die Protagonisten nachsitzen müssen. Und John Wick kann ja überall töten, eben auch in der Bib.

Aber fällt euch schon was auf?
Sie jagen Geister, zerschlagen Böden, werfen Regale um, sitzen nach und töten Menschen – aber was sie nicht machen, ist lesen. Oder recherchieren.

Und das bringt uns zu dem Film, der zu einem gewissen Maße glaube ich mit für meine ästhetische Liebe für Bibliotheken verantwortlich ist:

Sieben und die Recherche Somersets

In David Finchers Sieben gibt es diese unglaublich starke, zentrale Sequenz, in der die beiden Hauptfiguren – Brad Pitts Detective Mills und Morgen Freemans Detective Somerset – jeweils Recherchen zu ihrem düsteren Fall anstellen. Doch wo Mills in seiner modernen Wohnung von den grauenvollen Eindrücken des Tatorts zermürbt wird, zieht es Somerset in die stille, ruhige, wissende Atmosphäre der Bibliothek.

Die Szene ist aus zwei Gründen in meinen Augen anders: Einer ist die gezeigte, ehrliche Recherche. Somerset, wie er durch die Reihen streift, die passenden Bücher heraussucht, sie an einem Tisch sichtet, sie fotokopiert – wenn er noch einen Zettelkasten genutzt hätte, wäre es quasi die perfekte ästhetische Idealisierung meines Studienalltags damals an der RWTH.
Natürlich ist der Film darin nicht komplett alleine; ich möchte gar nicht behaupten, Sieben wäre der einzige Film, der so etwas zeigt. Nicht ausnahmslos alle Filme nutzen Bibliotheken nur als pure Kulisse. Die Unbestechlichen hat eine der vielleicht ikonischsten Bibliotheksszenen der Filmgeschichte mit einer atemberaubenden letzten Aufnahme, aber es ist letztlich Archiv-Recherche inklusive eines Mitarbeiters, der ihnen die Sachen heraussucht. Die Neun Pforten zeigt Bibliotheksrecherche, aber dort ist sie Mittel zum Zweck (und Rahmen für eine unheimliche Begegnung), sie steht nicht derart im Rampenlich.
Sicherlich, auch in Sieben dient die Bibliotheksszene dazu, die Handlung voranzubringen. Aber vergleicht die Inszenierung, die Regisseur Fincher und Cinematograph Darius Khondji in Sieben wählen mit den anderen Filmen, und ich denke, ihr seht den Unterschied.
Und das bringt uns zu meinem zweiten Grund …

Die Kulturfrage

Es ist ja nicht mal Subtext. Die Wachleute in der Bibliothek sind klar als sympathische Figuren inszeniert, wenngleich auch ihnen die gleiche Apathie anhaftet, die fast alle Menschen in Sieben auf die eine oder andere Form in ihrem Griff zu haben scheint. Und doch bringt es Somerset auf den Punkt:
„Gentlemen, Gentlemen! I’ll never understand. All these books, a world of knowledge at your fingertips, and what do you do? You play poker all night.“
Das ist einerseits natürlich thematisch relevant für den Film: Somerset und Mills sind in vielen Punkten Gegensätze. Somerset der erfahrene, ruhige, kultiviertere von den beiden, Mills jung, energetisch, aber auch voller Emotion – eine Dichotomie, die letztlich auch das Finale des Films klar bestimmen wird.
Die Bibliothek mit klassischen Werken ist auch ein Kontrastpunkt zum Widersacher des Films, John Doe, der seinerseits seine Gedanken in nahezu unlesbare Traktate schreibt, Kladde um Kladde, und diese in Regalen bei sich daheim verwahrt. Es hat ja seinen Grund, dass dieser Prozess sogar die Titelsequenz des Films bildet.
Aber in dem ganzen Dialog zwischen Somerset und den Wachleuten steckt eben auch grundsätzlich eine Kulturfrage. In einem Film, in dem es so sehr ums Verrohen, ums Abstumpfen der Leute geht, wirkt das Gespräch zwischen den hoch über Somerset aufragenden Wachleuten mit ihrem Pokerspiel und ihm, unten in den schattigen Gängen der dunklen Bibliothek, wie eine Art Kapsel, die die Essenz des Films noch mal verdeutlicht – und dabei eine unglaubliche Ehrerbietung vor den Bibliotheken eben als Hort des Wissens und als Sammelstätte von Kultur darstellt.
„How’s this for culture?“, fragt schließlich ein Wachmann. Er richtet das, in meinen Augen, gleichermaßen an Somerset wie auch an den Zuschauer, denn schon die Perspektive lässt es fast so aussehen, als blicke der Wachmann einen direkt an. Er lässt Bachs Air erklingen und verleiht damit nicht nur der Bibliotheksszene etwas getragenes, sondern bildet auch noch mal einen neuen Kontrast zu den grauenvollen Bildern, die Mills im Zuge der gleichen Sequenz daheim beschaut.
„Somerset keeps looking for books“, steht im Drehbuch. „From far away come the strains of MOZART MUSIC filling the air. High, drifting music […]. Somerset stops. Listens. He closes his eyes and soaks it in.“
Der Film inszeniert es letztlich subtiler, aber die Charakterisierung ist eindeutig. Apropos Drehbuch, das Zitat stammt aus dem Shooting Script von 1994. Die älteste mir bekannte Fassung ist von 1992 – und auffällig ist, dass diese gesamte Szene dort noch gar nicht existiert. Eine späte, aber doch wertvolle Ergänzung.

Die Symbole der Gelehrsamkeit

Viele Filme schmücken sich mit Bibliotheken – gerne mehrgeschossig, in klassischer Architektur, traditionelle Buchrücken dicht an dicht. Aber oftmals erinnert es mich ein wenig an Dark-Academia-Einrichtungsvideos auf YouTube, die empfehlen, Bücher nach ihrer Optik auszusuchen, nach ihre Farbe zu sortieren oder sie mit dem Rücken zur Wand zu stellen, falls dieser nicht ästhetisch genug ist. Oder die Buchseiten herausreißen, um sie als Wanddeko zu verwenden. Sie schmücken sich mit den ästhetischen Symbolen der Gelehrsamkeit, aber sie versäumen zu erkennen, dass gleich welche Auflagen gleich welcher Bücher in gleich welchen Regalen stehen, es das Wissen darin ist, auf das es ankommt.
Es geht auch nicht um die eine geheime Botschaft, die eine vergessene Formel, es geht um den gesammelten Kultur- und Wissensschatz der Menschheit. Somerset weiß das. Somerset schmückt sich nicht nur, er investiert auch die Arbeit, die nötig ist. In dieser Sequenz hier ist es nicht nur die Geradlinigkeit Mills‘, die im Kontrast zu Somerset steht – der Unterschied liegt auch in der Frage, die sie verfolgen. Mills sucht nach dem „Wer?“, eine zu dem Zeitpunkt unlösbare Frage, nur um am Ende frustriert den Fernseher anzumachen. Somerset aber stellt die viel weitreichendere, schwierigere und sicherlich abgründigere Frage: „Warum?“
Mills will eine Lösung, Somerset will verstehen – und das Verständnis ruht im Kulturerbe. Das öffnet ihnen letztlich den Weg.
Das ist es auch, was diese Sequenz für mich so besonders macht – sie nimmt sich lange Minuten Zeit, um die unterschiedlichen Formen der Suche nach Wissen zu skizzieren, und darüber zugleich den Figuren eine schärfere Kontur zu verleihen.

Man könnte, oberflächlich betrachtet, fast vermuten, dass all dies zugleich ein Abgesang ist. Ein Abgesang auf Somerset als belesenen, hyper-intelligenten Menschen, dessen tiefster Konflikt ohnehin schon der mit jener Welt ist, in der er leben muss. Die schon erwähnte steigende Apathie, aber auch die Tatsache, dass Somerset auf dem Weg in die Rente ist und das ja sogar in dieser Szene mit den Wachleuten thematisiert wird, sind leicht so zu lesen.
Aber ich denke nicht. Bei aller Düsternis ist und bleibt Sieben in meinen Augen am Ende ein hoffnungsvoller Film. Ein Film, der dazu aufruft, das zu erhalten, was wir an Kultur und Miteinander haben. Denn letztlich sagt er es selbst am deutlichsten:
„Earnest Hemingway once wrote: The world is a fine place, and worth fighting for. I agree with the second part.“

Viele Grüße,
Thomas

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