Seelenworte

Von der Herausforderung letzter Sätze

Hallo zusammen

Ich schrieb ja neulich mal einen Artikel Vom Zauber erster Sätze, über die Magie, die halt nunmal einem wirklich guten, ersten Satz eines Romans innewohnen kann. (Also … neulich … vor einer Weile … 2013? Oh Jesus …)
Nun ja, seit ich also … kürzlich … diesen Artikel schrieb, wollte ich auch immer mal ein Pendant über beste letzte Sätze schreiben. Und es sollte sich zeigen, das ist gar nicht mal so einfach. Da ich aber (in diesem Fall wirklich) jüngst mal wieder von der Bedeutsamkeit eines guten Endes schrieb, dachte ich mir, ist das eine gute Chance, die Idee nochmal aufzugreifen.

Offenbar sind markante, letzte Sätze schwerer

Keine Frage, viele erste Sätze sind ikonisch. Man denke an Pride and Prejudice („It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.“), an Gibsons Neuromancer („The sky above the port was the color of television, tuned to a dead channel.“)1 oder an Orwells 1984 („It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thirteen.“).
Aber wenn man auf die gleichen Bücher schaut, können ihre letzten Sätze nicht immer mithalten. Ach so, Spoiler, übrigens – ist bei dem Thema schwer zu vermeiden. Von den genannten würde ich nur 1984 denkwürdig nennen, denn „He loved Big Brother“ als letzter Satz ist natürlich vernichtend, im Kontext all dessen, was in dem Buch bis dahin passiert ist. Die anderen beiden … na ja, enden halt, aber ohne einen Paukenschlag, ohne eine letzte Kehre. Sie enden. Tolle Bücher, aber nicht, worum es mir hier geht.

Komisch, eigentlich

Diese Erkenntnis, die auch der Grund für die 13 Jahre Verzögerung dieses Artikels sein könnte, kam für mich tatsächlich unerwartet. Vielleicht ist das Kino daran Schuld. Gerade Popkornfilme seit den 2000ern haben es gefühlt zu einer Kunst erhoben, auch ihrerseits mit eben solch einem Paukenschlag zu enden. Das ein „Ding“, was das Publikum nochmal beeindruckt, und dann der harte Schnitt auf einen je nach Genre melancholischen, fröhlichen oder gerne auch treibenden Nachspann. Das geht wortlos, wenn etwa Neo am Ende vom ersten Matrix buchstäblich die Grenzen der Wirklichkeit überwindet und zu den Klängen von Rage against the Machine in die Kamera fliegt.
Aber denkt alleine mal an gefühlt alle Superhelden-Filme zwischen Ende der 90er und dem Beginn des MCU – der sonore Monolog, der nochmal den Abschluss des Filmes umreißt, die langsame Kamerafahrt um den Protagonisten, der von einer meist erhöhten Position auf die Stadt blickt, in der die Handlung gespielt hat und der sich noch einmal zu der Queste bekennt, auf der er sich (nun) befindet? Es ist ja schon ein Klischee.

Das erste Mal das Gefühl, hinter das Phänomen zu kommen, hatte ich glaube ich, als ich die letzten Zeilen von Grady Hendrix‘ My Best Friend’s Exorcism las.

Abby Rivers and Gretchen Lang were best friends, on and of, for seventy-five years, and there aren’t many people who can say that. They weren’t perfect. They didn’t always get along. They screwed up. They acted like assholes. They fought, they fell out, they patched things up, they drove each other crazy, and they didn’t make it to Halley’s Comet.
But they tried.2

Ich glaube (und hoffe), selbst ohne das Buch zu kennen, wird klar, warum das ein starker Abschluss ist. Es geht ja offenbar um zwei beste Freunde – steckt ja schon im Titel – und dieser letzte Absatz sagt finde ich zwei wichtige Dinge geradezu perfekt: Es wird nicht alles immer rund laufen, aber es kann die Mühen dennoch wert sein.
Dann ist da jedoch der Teil mit dem Halleyschen Kometen – und der wiederum erfordert etwas Kontext direkt aus dem Buch.
Und darin steckt, glaube ich, des Pudels Kern.

Meta-Analyse statt Top 10

Ich glaube, der fundamentale Unterschied erster und letzter Sätze ist vor allem der Kontext der Geschichte. Der gute erste Satz muss per Definition für sich alleine stehen können (denn es gibt ja kein „davor“), der letzte Satz hingegen muss sich in irgendeiner Form aus dem speisen, was im Buch zuvor passiert ist.
Selbst für mein Positivbeispiel 1984 gilt das ja. Dass die Uhren zu Beginn 13 schlagen, ist für sich genommen schräg, ungewöhnlich, aber der letzte Satz mit „Big Brother“ funktioniert nur, wenn wir das Buch kennen. Weil aber das Buch letztlich so sehr Teil unseres Zeitgeists geworden ist, weil die Idee hinter „Big Brother“ heute vielleicht aktueller ist als je zuvor, bemerken wir gar nicht, dass wir die Kenntnis des Kontexts „anwenden“. Weil das ‚weiß man ja‘, überspitzt gesagt.

Ein anderes Beispiel, dass ich beim Recherchieren für diesen Text mehrfach vorfand, weil es Leser:innen wirklich getroffen hat, ist der letzte Satz des ersten James-Bond-Romans, Casino Royale.
Die letzten Worte, die Bond in dem Buch spricht, sind zugleich die letzten Worte der Geschichte – und er sagt „The bitch is dead.“ Und ich verstehe, warum das Leute faszinierend finden, denn gerade der Kino-Bond der allermeisten Filme ist so eine elegante Figur, die stets einen spritzigen Spruch und eine witzige Entgegnung auf den Lippen hat, die nichts anficht, dass dieser vulgäre Satz heraussticht.
Aber im Kontext ist es auch hier viel, viel drastischer. Die Frau, von der er spricht, ist Vesper gewesen, seine Begleiterin durch dieses Buch. Vesper, der er sein Leben und den erfolgreichen Abschluss der Mission verdankt. Vesper, die ihm in so vielerlei Hinsicht das ganze Buch überlegen war. Vesper, die er im Rahmen seiner misogyn-chauvinistischen Möglichkeiten wirklich, ernsthaft geliebt hat.3
Es ist nicht einfach nur ein vulgärer Satz; es ist nicht nur, dass Bond da ein böses Wort gesagt hat. Dies ist der Punkt, an dem Bond bricht. Buch-Bond wird – viel mehr als selbst Daniel Craigs Film-Bond – noch über Bücher hinweg von Vespers Tod und seiner Mitschuld heimgesucht werden. Vespers Tod und sein Unvermögen, ihn zu verhindern, sind Hammer und Amboss, zwischen denen die Figur Bond erst wirklich geschmiedet wird, und all der Frust, all der Zorn darüber kanalisiert sich darin, dass er sie dort so charakterisiert.
Aber dafür muss man das Buch gelesen haben. Dafür braucht man den Kontext.

Das macht es jedoch auch ungleich subjektiver

Wie immer bei so einem Artikel sind zwei Dinge wichtig: Diese Auswahl speist sich natürlich aus meiner Leseerfahrung und meinen Vorlieben; und daraus wiederum folgt, dass die Chance hoch ist, dass dein Favorit nicht dabei ist. (Natürlich steht die Kommentarspalte jederzeit offen.)
Ich glaube aber, im Falle der Enden ist es ungleich stärker ausgeprägt, erneut aus der Kontext-Thematik heraus. Denn ob man jetzt den ersten Satz eines Buches gut findet, klar, das ist persönliche Vorliebe. Aber ob man jetzt ein Ende gut findet, da greift erneut die Kontext-Frage und viel, viel mehr als beim Auftakt steht hier zusätzlich im Raum, die wie Leseerfahrung in ihrer Gesamtheit gewesen sein mag. Ein Buch, das einen berührt und emotional wirklich bereichert (oder zumindest erreicht) hat, startet hier von einem ganz anderen Punkt aus als eines, das einen kaltgelassen hat.

Nehme wir das Ende vom Herrn der Ringe:

But Sam turned to Bywater, and so came back up the Hill, as day was ending once more. And he went on, and there was yellow light, and fire within; and the evening meal was ready, and he was expected. And Rose drew him in, and set him in his chair, and put little Elanor upon his lap.
He drew a deep breath. ‚Well, I’m back,‘ he said.4

Hier kommen denke ich diverse Faktoren zusammen. Lassen wir mal die Frage beiseite, inwiefern Tolkiens getragene Form der Fantasy nun für einen funktioniert oder nicht, so beginnt es ja im Endeffekt schon mit der Frage, wo man sich in der Geschichte selbst wiederfindet.
Wer den Herrn der Ringe wegen der coolen Schlachten und der gruseligen Kreaturen und all sowas liest, der wird vermutlich wenig Wert darin sehen. Und wer – wie ich, als ich das Buch das erste Mal in meinen frühen Teenager-Jahren, noch in der Carroux-Übersetzung, gelesen habe – jetzt eher heldenhafte Fantasy sucht, der findet sich vermutlich bei Aragorn eher wider. Oder zumindest bei Frodo, dem ja ein weitaus mythischeres Ende gegeben wird.
Sam kommt halt nach Hause. Wie uncool ist das denn?!
Überhaupt nicht, sage ich drei Jahrzehnte später. Sam schafft, woran viele zuvor gescheitert sind – sowohl Der Hobbit als auch Der Herr der Ringe sind ja auch Geschichten darüber, ob man mit allem, was man erlebt hat, heimkehren kann in das Leben, das man einst verließ.
Bilbo gelang das niemals wirklich. Frodo versucht es erst gar nicht.
Sam, unfassbar unumstößliches Fundament von allem, was gut ist, kehrt nach Hause und sitzt in seinem Lieblingssessel, umgeben von seiner Familie. Oh möge unser aller Leben hoffentlich solch einen Weg nehmen.5

Und nicht immer ist es nur ein Satz

Ein Ende, das mir beim Lesen wirklich die Tränen der Rührung in die Augen getrieben hat, ist Between Two Fires von Christopher Buehlman. Kein einfach zu lesendes, aber ein phänomenales Werk. Und dieser abschließende Paukenschlag, dessen Annahme am Anfang dieses Textes irgendwie grundlegende Prämisse schien, ist da. Sogar auf der letzten Seite. Aber nicht im letzten Satz. Es sind zwei kleine Gesten, die ich hier nicht mal spoilern muss, aber die, wenn man ihre Tragweite begreift, so schön, so tragisch, so voller Liebe sind, wie ich es selten erlebt habe.
Der letzte Satz ist dennoch gut, aber der Paukenschlag liegt davor.

Und dann sind da Bücher wie Samuel R. Delany Dhalgren – wo wir schon von wirklich schwer zu lesenden Büchern sprechen. Für einen ersten Moment dachte ich wirklich, meine Ausgabe habe einen Druckfehler, denn der erste Satz im ersten Kapitel lautet: „to wound the autumnal city.“
Kleines t, maximal unverständlich.

Und dann kommt man, etwa 800 bibeldünne, eng bedruckte Seiten später beim Ende an, und das lautet:

The sky is stripped. I am too weak to write much. But I still hear them walking in the trees; not speaking. Waiting here, away from the terrifying weaponry, out of the halls of vapor and light, beyond holland and into the hills, I have come to6

Kein Punkt, und auch dieser Satz verläuft im Nirgendwo. Es sei denn, man begreift das Buch als Schleife, denn dann schließt die Ellipse am Ende den Kreis zur Ellipse am Anfang und … na ja, ich würde bei Dhalgren nicht soweit gehen zu sagen, dann ergibt alles Sinn. Aber dann fügen die Teile sich ineinander.

Abschließende Gedanken zu abschließenden Gedanken

Am Ende des Tages ist jedes Buch sein eigenes Kunstwerk – vielmehr „jeder Text“, das alles gilt etwa für Comics, Videospiele oder eben Filme ja genauso – und muss zwangsläufig auf Basis seiner eigenen Bedingungen betrachtet werden.
Bedingungen, deren Bedeutung wiederum durch jene Umstände bedingt wird, in denen wir als Lesende sind, während wir den Text wahrnehmen.

Am Ende ist es ein Trugschluss gewesen, jemals ein „beste letzte Sätze“-Pendant zu meinem alten Blogartikel zu schreiben. Zu Beginn dieses Artikels auf den langen Abstand zu jenem Text herumzureiten war nicht nur Koketterie, sondern es ist Teil der Bedingungen, die uns heute hier zu diesem Abschluss führen.
Nicht nur war die damalige Artikelidee eine im buddhistischen Sinne falsch gestellte Frage. Dieser heutige Text macht auch deutlich, wie sehr ich nicht mehr dort bin, wo ich war, als mir diese Idee kam.

Das Wasser des Flusses fließt immer fort und fort, und wir können eben darum – pantha rhei – niemals zweimal in den gleichen Fluss steigen. Ebenso, wie wir niemals zweimal das Endes eines Buches auf die gleiche Weise lesen können.

Und das ist eine wunderbare Sache.

Viele Grüße,
Thomas

PS: Dieses Pantha-Rhei-Thema? Darauf aber komme ich später diesen Monat noch mal aus einer ganz, ganz anderen Richtung zurück.

  1. Wobei ich es nach wie vor spannend finde, dass die technische Entwicklung hier dem Buch ein wenig einen Streich gespielt hat. Denn wer mit Röhrenfernsehern und analogem Fernsehprogramm aufgewachsen ist, der wird sich an das Rauschen erinnern, was Gibson hier gemeint hat; wer jünger ist und nur Flachbildfernseher kennengerlernt hat, der denkt vielleicht eher an ein strahlendes Blau und könnte nicht weiter von der ursprünglichen Deutung entfernt sein.
    Das ist erstmal einfach kauzig – aber es ist auch ein gutes Beispiel dafür, warum gerade Sprachbilder zunehmend heimtückisch zu interpretieren sind, je weiter man sich vom Zeitpunkt des Erscheinens entfernt. Denn Neuromancer ist während ich das hier schreibe gerade mal 42 Jahre alt; nicht etwa 213, wie es bei Pride and Prejudice der Fall ist.
    Es zeigt, wie wichtig Kontext ist. Macht da mal einen Pin rein. ↩︎
  2. Hendrix, Grady: My Best Friend’s Exorcism. Philadelphia: Quirk Books 2017. Seite 332. ↩︎
  3. Buch-Bond ist als Figur problematisch. Also wirklich problematisch. Irgendwann schreibe ich vielleicht mal mehr dazu, aber wenn die Macher von Skyfall im Audiokommentar darüber sprechen, wie viel Mühe sie sich gegeben haben, Bond nicht als „sex pest“ zu inszenieren, dann sagt Buch-Bond im Zweifel „hold my Martini“. Das ist durchaus auch hier wichtig anzuerkennen, denn am Ende des Tages hat Buch-Bond trotz dieser Veranlagung echte, wirkliche Gefühle für Vesper und ihr Tod mag sein, was ihn für den Rest der mehr als ein Dutzend Flemming-Bücher emotional so abtötet, dass er dem nicht entwächst.
    Das ist keine Rechtfertigung seines Verhaltens. Die Verfehlung Bonds sind Bonds allein. Aber all das schwingt zumindest in diesem letzten Satz mit. ↩︎
  4. Tolkien, J.R.R.: The Return of the King. London: Harper Collins 1999. Seite 378. ↩︎
  5. Und ich lasse hier mal bewusst die Finger davon, inwiefern Tolkien – seinen eigenen Aussagen zum Trotz – mit dem Buch natürlich auch den zurückliegenden Krieg verarbeitet hat und wie sehr in dem Kontext das Heimkehren zu Haus und Liebsten natürlich nochmal eine andere Tragweite hat. Das ist wenn mal einen eigenen Artikel wert. ↩︎
  6. Delany, Samuel R.: Dhalgren. London: Gollancz 2010. Seite 801. ↩︎