Ich habe Bücher gelesen: Q3/26
Hallo zusammen!
Und so ging schon wieder ein Quartal dahin – ein Quartal, in dem ich Bücher gelesen habe, an denen ich euch hier und heute gerne teilhaben lassen möchte.
Insofern ohne weitere Umschweife: ran ans Werk!

Ann Leckie: Der Rabengott
Wo fange ich an?
Das erste, was mich an diesem Fantasy-Roman gepackt hat, ist die Erzählweise – denn im Zentrum der Geschichte steht eine Erzählung in der zweiten Person. Korrekt: zweite Person, du. Der fiktive Erzähler des Buches berichtet dir von dem, was dir widerfahren ist. Irre spannend!
Alles dreht sich um einen Mann namens Mawat, der zu Beginn der Geschichte zusammen mit seinem Begleiter Eolo – oder sollte ich sagen: zusammen mit dir – anlässlich des bevorstehenden Todes seines Vaters nach Vastai heimkehrt, um dort sein Erbe als neuer, oberster Diener des örtlichen Rabengottes1 anzutreten. Doch kommt nichts, wie es geplant war und bald schon sind Mawat und Eolo (du) in eine wilde Usurpation verstrickt.
Jener fiktive Erzähler? Sehr, sehr schnell ist zu erahnen, dass es sich dabei auch um einen Gott handelt. Ein Gott, der seine Worte sehr mit Bedachtet wählen muss, denn – auch das lernt man schnell – was ein Gott sagt, ist wahr. War es jedoch, bevor der Gott es sagte, noch nicht wahr, so muss jener Gott gewissermaßen aus seiner eigenen Kraft die Differenz begleichen.
Das heißt, jener fiktive Erzähler muss sehr bewusst jedes seiner eigenen Worte auf die Goldwaage legen – und wird gerade darum zu einem unzuverlässigen Erzähler.
Ein großartiges Buch für alle, die Lust auf Fantasy und frische Ideen haben.
H.P. Lovecraft – Die Farbe aus dem All
Ich hab zuletzt noch mal ein wenig von Lovecraft gelesen; nichts davon zum ersten Mal, aber zur Auffrischung. Die beiden anderen Werke findet ihr weiter unten, aber Die Farbe aus dem All wollte ich gesondert hervorheben – denn mein Gott ist diese Erzählung gut!
Wenn man einen Text sucht, der Lovecrafts Qualitäten gekonnt in den Vordergrund rückt (der bedächtige Aufbau steigernder Befremdung, das wachsende aber zugleich die längste Zeit nicht greifbare Grauen, der unzuverlässige Erzähler etc.), und dabei seine Probleme, allen voran seinen gerade aus heutiger Sicht schwer erträglichen Rassismus, in den Hintergrund treten lässt, dann ist man hier richtig.2
Im Grunde ist die Geschichte einfach und es passiert gar nicht endlos viel, aber die Dichte und Beklommenheit, in der Lovecraft schildert, wie ein Landstrich von einer fremdartigen Kraft heimgesucht und buchstäblich leergesaugt wird, ist herausragend. Dabei sind es gerade die Abstraktheit und der Surrealismus dessen, was dort geschieht, worin der Reiz liegt. Der allgegenwärtige Cthulhu hat in der Popkultur zu Unrecht so sehr „Lovecraft = Tentakel“ verankert, und dass der Widersacher sich hier als eine Farbe außerhalb des irdischen Spektrums manifestiert, ist ein brillanter Zug.
Wer sich also immer mal gefragt hat, was eigentlich alle immer mit diesem Lovecraft haben – Die Farbe aus dem All ist ein gutes Beispiel. Fand übrigens auch der Autor selbst, der den Text auch als sein bestes Werk bezeichnet hat.
Graham Walmsley: Stealing Cthulhu
Wer sich nun fragt, warum ich mal wieder bei Lovecraft gelandet war – wegen dieses Buches hier. Nominell ist Stealing Cthulhu ein Rollenspiel-Werk, wenn auch regellos, das sich schlicht damit befasst, wie man Rollenspiel-Mythos-Abenteuer leiten kann, die stärker dem direkten Vorbild Lovecrafts folgen und weniger dem, was jene daraus formten, die in seinen Fußstapfen wandeln.
Aber gerade darum ist das Buch finde ich auch spannend. Mir fällt ad hoc kein Autor ein, dessen Werk vermutlich so systematisch auch aus einer reinen Spielpraxis heraus analysiert und – im Falle von Stealing Cthulhu – systematisch dekonstruiert wurde wie das Lovecrafts. Klar, in den Adern jedes Fantasy-Rollenspiels fließt auch eine Prise Tolkien, aber wo dort gefühlt der Blick meist mehr rein auf seiner Weltgestaltung liegt, besitzt die Lovecraft-Exegese eine Breite, die weit darüber hinausgeht.
So konkret wie Walmsley hier habe ich es aber noch bei keinem gesehen. Schritt für Schritt geht er die Aspekte (und später die Kreaturen) der Geschichten Lovecrafts durch, kategorisiert und skizziert sie, und verdeutlicht dann in Vorschlägen möglicher Rekombinationen jener Aspekte ihre Funktion. Klingt jetzt sehr technisch, ist aber eine wirklich faszinierende Lektüre; für den Rollenspieler, aber ich glaube auch einfach für jeden intensiveren Leser Lovecrafts.
Stealing Cthulhu hat aber noch einen zweiten, faszinierenden Aspekt: Walmsley hat sich für die gedruckte Version seines Essays gleich dreifach Unterstützung geholt und hat seine Thesen von Gareth Ryder-Hanrahan, Kenneth Hite und Jason Morningstar kommentieren lassen. Und diese Kommentare finden sich so auch direkt im Buch.
Also: buchstäblich. Das gesamte Buch ist von handschriftlichen Kommentaren durchzogen, sodass man bei der Lektüre das Gefühl hat, selbst die redigierte Fassung eines vergessenen Manuskripts zu lesen. Eine super-spannende Lese-Erfahrung und auch inhaltlich eine Bereicherung.
(Mit Dank an den DORP’schen Matthias, ohne den ich vielleicht nie auf dieses Kleinod gestoßen wäre.)
Allerlei Star Wars
Bevor wir aber zum allgemeinen „Sonstigen“ kommen, noch ein anderer Schnelldurchlauf:
- Gray, Claudia: Master and Apprentice ist im Kern ein Roman über die Beziehung zwischen einem noch sehr jungen Obi-Wan Kenobi und seinem Meister Qui-Gon Jinn. Ist okay, aber … mehr auch nicht.
- Johnston, E.K.: Queen’s Peril und Queen’s Hope sind die Fortsetzungen zu Queen’s Shadow, über das ich letztes Mal sogar ausführlich geschrieben habe. Sie behalten die dort schon umrissenen Qualitäten bei und vollbringen das wirkliche Kunststück, zwischen den Lücken der Filme eine bedeutsame, eigene Trilogie zu formen. Eine tolle Buchreihe.
- Miller, John Jackson: The Living Force ist ein Roman, der nie wirklich zu sich findet. Auf der einen Seite stehen eine interessante konkrete Prämisse (die Schließung von Jedi-Außenposten aus Kostengründen und der damit verbundene Relevanzverlust des Ordens) sowie ein interessanter Fokuspunkt (der Rat der Jedi, der nochmal selbst zu solch einem Posten ausrückt, um verlorengegangene Volksnähe wiederzufinden), und beides wird komplett durch einen hanebüchenen Plot und Figuren entwertet, die es kaum schaffen, mehr als Karikaturen ihrer Selbst zu sein.
Und sonst waren da noch …
- Brackett, Leigh: Das lange Morgen ist ein Roman aus der Feder einer der in meinen Augen sträflichst zu wenig gelesenen, frühen Autorinnen der Science Fiction. Nicht nur ist die aktuelle Neuauflage in Hannes Riffels tollem Carcosa-Verlag ausgesprochen gelungen3, auch die Geschichte muss sich nicht verstecken. In einer postapokalyptischen Zukunft, nachdem die Bomben gefallen sind, hat sich die Menschheit in zutiefst religiös geprägte Kleingruppen zersplittert. Aber zwei junge Männer wollen das nicht auf sich beruhen lassen – und als sie ein Funkgerät in die Finger bekommen und erstmals Beweise haben, dass „da draußen“ noch anderes überlebt zu haben scheint, beginnt ihre persönliche Odyssee. All das ist dem modernen Leser sicher schon mal begegnet, aber Bracketts Prosa trotzt furchtlos dem Zahn der Zeit – und etwa ihre Beschreibung eines Computers lässt sich kaum lesen, ohne an die heutigen KI-Debatten zu denken.4
- Christie, Agatha: Mord im Pfarrhaus nennt sich jene Geschichte, in der Christies berühmte Miss Marple erstmals die Bühne der Literatur betrat. Es ist auch heute noch ein kompetenter, spannender und lesenswerter Whodunit. Audible haben zudem gerade unter der Ägide von Vicki Pepperdine ein Hörspiel daraus gemacht. Kann man sich durchaus auch geben.
- Doctorow, Cory: The Reverse Centaur’s Guide to Life After AI ist natürlich ein Buch sehr am Zeitgeist. Es besitzt nicht die argumentative Finesse von Doctorows Enshittification, über das ich vorletztes Mal hier schrieb, aber mochte, wie er extrem kritisch, aber frei vom ansonsten allgegenwärtigen Alarmismus an das Thema herangeht.5
- Hennen, Bernhard: Das Schwarze Auge – Drei Nächte in Fasar 1: Der Tanz der Rose ist ein Buch, zu dem ich einfach aus beruflichen Gründen gar nicht viel sagen will. Da bin ich wirklich zu befangen. Fantasy mit deutlichem Tausendundeine-Nacht-Anstrich.
- Horowitz, Alexandra: On Looking beschreibt eine Reihe von Spaziergängen durch New York. Der Twist: Auf ihren „Eleven Walks with Expert Eyes“ nimmt die Autorin je eine andere Fachperson mit und zeichnet nach, wie die jeweilige Expertise ihrer Begleitung die Aufmerksamkeit auf ganz unterschiedliche Aspekte lenkt – und damit verbunden, wie viel der Welt um uns herum stetig vorhanden, aber vor uns selbst oftmals verborgen ist. Ein tolles Buch!
- Howard, Robert E.: Conan: Rote Nägel ist zweifelsohne eine der bekannteren Erzählungen um den titelgebenden Barbaren. Wer Conan nur aus den Filmen kennt, wird hier auf eine durchaus andere (und ich finde: interessantere) Figur stoßen; allerdings auch erneut auf manche Passage, die nicht verhehlen kann, dass die Geschichte dieses Jahr 90 geworden ist. Die Ideen sind bis heute toll, die Ausführung ächzt ein wenig. Gelesen habe ich es vor allem in Folge des relativ jungen Prequels, das am Ende dieser Liste steht.
- Ishiguro, Kazuo: Bei Anbruch der Nacht ist eine Kurzgeschichtensammlung des Literaturnobelpreisträgers, in der fünf Erzählungen in unterschiedlichster Form durch das Thema Musik thematisch verbunden werden. Zwei fand ich richtig gut, keine richtig schlecht – aber da es mein Erstkontakt mit Ishiguro war, muss ich alle tiefergehenden Einordnungen schuldig bleiben.
- Lovecraft, H.P.: Das Grauen von Dunwich ist die erste der zwei weiteren Lovecraft-Erzählungen, die ich gelesen habe. Für mich ein Paradebeispiel für ein immenses Bündel toller Ideen, die aber irgendwie nie wirklich rund zu einem erzählerischen Ganzen zusammenfinden.
- Lovecraft, H.P.: Der Fall Charles Dexter Ward war die erste seiner Geschichten, die ich je gelesen habe. Für ihn überdurchschnittlich umfangreich ist der Fall tatsächlich ein regelrechter Roman, und auch heute verstehe ich noch, warum mich das Buch und sein erneut sehr behutsam nach und nach enthülltes Mysterium damals schon fasziniert hat.6
- Jeffrey, Sienna: Tanzfotografie: Fotobuch ist ein Buch, bei dem drin ist, was der Titel quasi schon zweimal sagt. Ich fand es interessant, anders als vermutlich die meisten es tun würden, die hier mitlesen.
- Stirling, S.M.: Conan: Blut der Schlange stellt das schon angeteaserte Prequel zu Rote Nägel dar und ist eine gelungene Sword&Sorcery-Geschichte, an der ich einfach durchweg meine Freude hatte. Für mich trifft sie eigentlich recht gut den Ton der Vorlage, ohne – offenbar dieses Mal ein wenig ein durchgehendes Thema hier – in die zeitgeistlichen Fallstricke zu geraten.
Und das war es soweit für heute. Kein überragendes Lesequartal, aber mit ein paar absolut lesenswerten Büchern. Nun steht ja erst mal der Oktober ins Land, meine liebste Zeit für gruselige Literatur, also schauen wir mal, was das Buchregal da dieses Jahr so alles bereithält …
Viele Grüße,
Thomas
- Fun Fact übrigens: Die englische Ausgabe heißt The Raven Tower und ist damit nach jenem Bauwerk benannt, in dem eben jener Rabengott residiert, der dem deutschen Band seinen Titel leiht.
Beides gute Titel, beide passend und ich glaube, insgesamt finde ich den deutschen Titel sogar stärker. Aber so oder so einfach eine spannende Beobachtung. ↩︎ - Lasst‘ das Fass nicht zu weit aufmachen, aber es ist mir doch wichtig zu betonen, dass auch hier, wie so oft im Leben, mehrere Dinge wahr sind: Lovecraft war ein visionärer Autor und sein Erbe durchzieht die Horrorliteratur bis heute, und Lovecraft war – auch im Kontext seiner Zeit ein ungewöhnlich ausgeprägter – Rassist, was zudem, egal wie sehr man Werk und Autor womöglich trennen mag, auch thematisch tief in seinen Geschichten verankert ist. ↩︎
- Bei all meiner üblichen Diskussionsfreude über deutsche Romantitel möchte ich hier auch in diesem Kontext jene Neuausgabe einfach mal loben, die das englische The Long Tomorrow weit sinnvoller verdeutscht hat als die deutsche Erstausgabe, die als Am Morgen einer anderen Zeit erschien. ↩︎
- „In solchen Momenten dachte er: Das ist gar kein richtiges Gehirn, es denkt überhaupt nicht, es heißt nur so, und das, was es weiß, und die Rechenaufgaben, die es löst, sind nur nachgeahmte Gedanken. Nachts jedoch wurde er oft von einem Wesen heimgesucht, einem Wesen mit einem großen pochenden Herzen aus Höllenfeuer und einem Gehirn, das so groß war wie die Scheune zu Hause.“ (Seite 241).
Im Ernst, lest mehr Brackett, liebe Kinder. ↩︎ - Der wirre Titel hat mich anfangs sehr stutzen lassen, fasst aber für mich tatsächlich das Buch insgesamt extrem gut zusammen. Der Autor selbst bringt es hier sehr schön auf den Punkt. Ich fand das tatsächlich auch als Vokabular für mich selbst hilfreich, um ausdrücken zu können, was mich an dem ganzen KI-Thema eigentlich so ärgert. ↩︎
- … und auch einige jener rassistischen Passagen, bei denen ich mich erinnere, dass auch mein 15-jähriges Ich schon sichtlich verwirrt war, und wo ich mich heute nur Frage, H.P., was stimmte denn nur nicht mit dir. Ich denke etwa die beiläufige Charakterisierung von Joseph Curwens Hauspersonal. ↩︎






Wen hingegen meine berufliche Arbeit als Verlagsleiter und leitender Layouter für Ulisses Spiele interessiert, findet