Seelenworte

Frankenstein am Genfer See

Hallo zusammen!

Literaturgeschichte ist … manchmal seltsam. Manchmal sogar noch viel seltsamer, als man meint.
Wie sehr, möchte ich heute anhand meiner liebsten Zusammenkunft von literaturgeschichtlichen Ereignissen illustrieren, zumal diese so wunderbar in den schummrigen Herbst passen.

Auftritt 1: Lord Byron

Unsere Geschichte beginnt mit Lord Byron; so wie viele seltsame Geschichten mit ihm beginnen.
Schließlich gibt es genug Eigenheiten rund um ihn, dass man damit vermutlich ein ganzes Blog über lange Zeit betreiben könnte. So könnte man darüber sprechen, dass er, während er das Trinity College in Cambridge besuchte, einen Bären als Haustier hielt und an der Leine führte – da ihm Hunde verboten waren, Bären aber nirgendwo explizit untersagt wurden. Aber das soll nicht unser Thema sein; ebensowenig, dass er seinem verstorbenen Hund Boatswain ein Grabdenkmal errichten ließ, das sogar größer ist als sein eigenes. Ja, es geht nicht mal darum, dass eine von Byrons leiblichen Töchtern Ada Lovelace war, die als Mathematikerin als eine der Wegbereiterinnen des modernen Computers und des Programmierhandwerks gilt.

Nein, wir schreiben den Sommer 1816. Byron flieht England, primär verfolgt von Schulden sowie seinem eigenen Ruf, der nach einer Affäre mit der verheirateten Lady Caroline Lamb1 sowie zumindest unter dem Verdacht, er habe eine sexuelle Beziehung zu seiner Halbschwester Augusta Leigh unterhalten, reichlich ruiniert war.
Er bezieht die Villa Diodati2 am Genfer See, die Ort unserer Handlung sein wird.

Auftritt 2: Percy und Mary

Ebenfalls am Genfer See gastiert ein junges Paar. Ich sage bewusst nicht Ehepaar, denn er, Percy Shelley, war zwar verheiratet, aber nicht mit der jungen Frau, Mary Godwin, mit der er dort verweilte. Zwar sollten sie irgendwann heiraten, aber davor sollte Percys bisherige Ehefrau, durch seine Liebesaffäre entehrt, erst Selbstmord begehen müssen – und das passierte alles später.
Vor Ort sind die beiden aber nicht nur, weil auch sie wegen ihres Lebenswandelns sozial auf der Flucht sind, sondern auch wegen Marys Stiefschwester Claire Clairmont. Auch Claire war, wie Caroline Lamb, von Byron besessen, hatte bereits eine Affäre mit ihm gehabt und wusste, dass er zum Genfer See wollte. Ihr Plan war, ihre Affäre wieder aufleben zu lassen – und man muss sagen mit Erfolg, denn im Januar des Folgejahres sollte sie schließlich seine Tochter zur Welt bringen; aber nein, nicht die zuvor erwähnte Ada, sondern Allegra Byron.

Auftritt 3: Tambora

Ein Versatzstück fehlt jedoch noch. Das Jahr 1816 ist inzwischen auch als „das Jahr ohne Sommer“ bekannt, denn 1815 brach der indonesische Vulkan Tambora aus und diese gewaltigen Naturkatastrophe brachte Auswirkungen für das gesamte Weltklima. Der Himmel ist bedeckt, Temperaturen fallen, Regen beherrscht das Bild. Oder um Mary Godwin zu zitieren: „[I]t proved a wet, ungenial summer, and incessant rain often confined us for days to the house.“3

Wenn sie dort vom Haus spricht, dann redet sie von der Villa Diodati, denn nicht nur Claire findet Byrons Nähe. Im Endeffekt suchen Byron, Claire, Mary, Percy und noch Byrons Leibarzt John Polidori gemeinsam Zuflucht.4
Eine Zuflucht, der es an Wein nicht mangelt; und Wein, dem es – wie man so mutmaßt – an Laudanum nicht mangelt. All dies, und Gruselgeschichten.

Fantasmagoriana

Sie beginnen mit deutschen Schauergeschichten, die ins Französische übersetzt worden waren, schreibt Mary weiter, bevor jedoch Byron einen folgenschweren Vorschlag machen soll: „’We will each write a ghost story‘, said Lord Byron, and his proposition was acceded to.“5

Mary Shelley, geborene Godwin
(Gemälde von Richard Rothwell)

Und damit ist es Zeit, dem notdürftig verhüllten Gesamtbild vollauf ansichtig zu werden – denn natürlich: Als Mary Godwin dann eines späteren Tages Percy Shelley heiratet, wird sie Mary Shelley. Die Mary Shelley. Und die Schauergeschichte, die sie im Rahmen dieses Wettstreits schreiben sollte, ist keine geringere als Frankenstein.6
Ein Stück Weltliteratur, geboren aus dem Ennui eines Jahres, das Zeitgenossen bald Achtzehnhundertunderfroren schimpfen.

Doch ist es nicht Frankenstein allein. In etwas komplexerer Urheberschaft verarbeitet John Polidori ein verworfenes Fragment Byrons seinerseits zu einer Geschichte und das Ergebnis ist Der Vampyr, der gemeinhin als der Urvater des modernen Vampirromans gilt. Sicherlich, die Sagengestalt ist älter, aber das moderne Vampirbild, nicht als Monster, sondern als einer, der in hohen sozialen Schichten unter den Menschen wandelt? Das fängt hier an.
Ohne Vampyr keine Carmilla. Ohne Vampyr kein Dracula.7
Es ist nur fair zu erwähnen, dass hier tatsächlich die Urheberschaft bzw. der Grad der jeweiligen Schöpfungshöhe etwas undurchsichtig ist. Stephen King findet da in seinem Danse Macabre sehr klare Worte:

In point of fact, Polidori’s novel isn’t very good … and it bears an uncomfortable resemblance to ‚The Burial‘, the short story written by his immeasurably more talented patient, Lord Byron. There is perhaps a breath of plagiarism there. We do know that Byron and Polidori argued violently shortly after the interlude at Lake Geneva, and that their friendship ended. It is not entirely beyond supposition that the similarity between the two tales was the cause.8

Alles ist verbunden

Alles, alles daran fasziniert mich. Wir reden hier von einem Sommer und, in weitesten Teilen, von der Zusammenkunft von fünf Menschen. Claire Clairmont zieht die Shelleys zu Byron. Sie alle sind, aus verschiedenen Gründen, irgendwie wegen Affären England entflohen und finden sich nun am Genfer See ein, ausgerechnet, als die Welt wahrhaftig apokalyptische Züge im Jahr ohne Sommer annimmt. Und dort, mit genug Langweile, Wein, Talent und Laudanum bewaffnet, verfassen sie mehrere Werke, die als Grundpfeiler von allem, was sich heute „Horror“ nennt, niemals wegzudenken wären.
Byron und die Shelleys sollten noch über Jahre ihre Wellen schlagen, wenn man ihre Zeit in Pisa und den von ihnen mitbegründeten Pisan Circle einrechnet, für den heute hier der Platz fehlt, aber dennoch – dieser Sommer ist für die Schauerliteratur gleich dem Blitz, dessen Einschlag Frankensteins Monster mit Leben erfüllt.

Schaurige Simulacra

Das geht ja sogar soweit, dass diese Zeit am Genfer See in sich wiederum ihren Weg in verschiedene Horrorgeschichten gefunden hat. 1989 schreibt Tim Powers etwa seinen Vampirroman The Stress of Her Regard9, der seinen Protagonisten an der Seite der gesamten Gemeinschaft vom Genfer See, aber auch Figuren wie John Keats und anderen gegen Vampire kämpfen lässt.

Ken Russells Gothic findet eine entschieden nicht NSFW zu nennende Interpretation der Ereignisse.
(Gothic © Virgin Films 1988.)

Und drei Jahre zuvor bereits dreht der zelebrierte Horrorfilmer Ken Russell Gothic, eine surrealistisch-horrorhafte Adaption einer Nacht in der Villa Diodati, in der Byron mit seinen Gästen vermittels ihrer Schauergeschichten mehr ruft, als sie beabsichtigt haben.

Powers‘ Roman hat Höhen und Tiefen, aber hat definitiv seine Momente, wenn man über seine Tendenz hinwegsehen kann, seine Protagonisten verstümmeln zu wollen. Russells Film ist … ähem … horny auf eine Weise, die im heutigen Kino unvorstellbar scheint, und hat nur vage etwas, was man eine kohärente Handlung nennen könnte, aber beeindruckende Bilder, die kann er.

Der Punkt all dessen

Lord Byron (Gemälde von Thomas Phillips)

All das in nur einem Sommer vor 210 Jahren. King nennt es „one of the maddest British tea parties of all time“10, was ich verkürzt, aber charmant finde.

Okay, schön und gut, aber was ist mein Punkt, fragt ihr?

Zum einen: Trivialliteratur ist nicht trivial. Aber wer hier mitliest, weiß das vermutlich.

Zum anderen aber: All die weirden Hobbyprojekte, die wir alle so haben, die Kurzgeschichten und Romane, Filme, Podcasts und Rollenspielbücher? Niemand kann sagen, ob manche davon nicht Spuren hinterlassen werden, die wir selbst in dem Moment nicht mal erahnen können.
Ich sage nicht, dass beispielsweise irgendwas aus meiner Feder ein unentdecktes oder verkanntes Werk von solcher Tragweite ist.

Aber wenn mir eines hoffentlich gelungen ist, dann zu zeigen, dass die Literaturgeschichte ein bisschen wie eine Rube-Goldberg-Maschine funktioniert, und immer wieder die skurrilsten Ereignisse einander bedingen und keiner vorhersagen kann, was da am Ende der ganzen Kette steht.

In Mary Shelleys Vorwort zu Frankenstein, das ich hier schon mehrfach zitierte, schreibt sie:

Many and long were the conversations between Lord Byron and Shelley, to which I was a devout but nearly silent listener. During one of these, various philosophical doctrines were discussed, and among others the nature of the principle of life, and wether there was any probability of its ever being discovered and communicated. […] Night waned upon this talk, and even the witching hour had gone by before we retired to rest. When I placed my head on my pillow, I did not sleep, nor could I be said to think. My imagination, unbidden, possessed and guided me, gifting the successive images that arose in my mind with a vividness far beyond the usual bounds of reverie.11

Ich liebe diese Stelle, denn egal ob ich jetzt mit Freunden zusammensitze, ob ich an unsere jahrelangen Schwarzwaldurlaube zurückdenke – weniger Laudanum, ähnliche Gespräche – oder ob ich mit Freunden gar an kreativen Projekten arbeite: Es ist unter anderem genau dieses Gefühl, was Shelley dort beschreibt, was ich so mag. Es verleiht der Entstehung ihres Werks finde ich eine Form von Menschlichkeit, frei von dem Unsinn eines Geniegedankens. Diese jungen Leute – und jung sind sie, Byron 28, Polidori 21, Percy 24, Mary 19 und Claire 18 –, die mit ihren kreativen Ideen bis in die Morgenstunden diskutieren, waren wir da nicht alle mal?

Darum wollte ich darüber schreiben. Denn auch diese literarischen Urväter waren (hoch) komplexe und teils (höchst) problematische Menschen, aber vor allem waren sie Menschen. Und alles rund um den Sommer 1816 in der Villa Diodati verankert das für mich auf profane, aber gerade darum wundervolle Weise in der Wirklichkeit.

Viele Grüße,
Thomas

PS: Solch einen Ritt durch die Literaturgeschichte habe ich hier glaube ich noch nicht hingelegt. Lasst mich wissen, ob das was für euch ist!

  1. Wirklich nur als Randnotizen, aber zum einen verdanken wir Lamb die zitatwürdige Beschreibung Byrons als „mad, bad and dangerous to know“, und zum anderen schrieb Lamb – noch immer von Byron besessen – den Roman Glenarvon, der als gothic novel auch schon irgendwie im Sogkreis dieses Artikels schwimmt. ↩︎
  2. Okay, Kaninchenbau, aber die Villa Diodati ist benannt nach der Familie, die das Anwesen besaß. Erworben wurde es von Charles Gabriel Diodati. Der wiederum war ein Urenkel des Theologen Giovanni Diodati, und der wiederum war ein Onkel Gabriel Diodatis, der seinerseits wiederum ein Schulfreund von John Milton war. Ihr wisst schon, Paradies Lost und so. Milton selbst hat die Villa entgegen aller Behauptungen nie besucht – schlicht, weil er schon tot war, als sie gebaut wurde –, aber ein gewisses Renommee und eine Aura großer Literatur haftete ihr schon damals an. ↩︎
  3. Shelley, Mary: Author’s Introduction to the Standard Novels Edition (1831). In: Frankenstein. London: Penguin 1994. Seite 6. ↩︎
  4. Noch so eine Randnotiz, später im Sommer sollte auch M.G. Lewis dort noch einkehren, der seinerseits unter anderem mit seinem Roman The Monk unbestreitbar Teil des schauerliterarischen Kanons ist. Er ist aber, nach allem, was ich weiß, erst eingetroffen, nachdem, worüber ich hier schreibe, schon seine Bahn genommen hatte. ↩︎
  5. Shelley, Mary: Author’s Introduction to the Standard Novels Edition (1831). In: Frankenstein. London: Penguin 1994. Seite 7. ↩︎
  6. Natürlich war es unvermeidlich, dass irgendwie auch in Frage gestellt wurde, ob die junge Frau wirklich die Urheberin dieses literarischen Meilensteins gewesen sein mag. Im frühen 19. Jahrhundert mag das (leider) nicht überraschen, aber selbst ein vergleichsweise modernes Buch wie das 1999 erschienene Horrorlexikon von Fuchs/Alpers/Hahn ist sich nicht zu schade, einen Nebensatz einzustreuen wie: „Es wird wohl nie eindeutig zu klären sein, wieviel an diesem Roman wirklich von der jungen Autorin stammt und wie groß der Anteil der illustren anderen zu dieser Zeit dort versammelten Autoren ist.“ Denn Gott bewahre, dass ein Werk von wegweisendem literarischen Renommee ohne Beteiligung mindestens eines Schniedels in die Welt entlassen worden sein könnte …
    (Zitiert nach: Alpers, Fuchs, Hahn (Hrsg.): Lexikon der Horrorliteratur. Erkrath, Fanpro 1999. Seite 291.) ↩︎
  7. Okay, einer noch aus der Kategorie „Alles hier ist irgendwie Byron“: Wenn ihr die anderen Fußnoten auch gelesen habt – da verwies ich ja auf Caroline Lambs literarische Byron-Verarbeitung Glenarvon. Der Protagonist jenes Romans, der offensichtliche Platzhalter für den realen Byron, heißt Ruthven – der gleiche Name, den Polidori dann später für seinen titelgebenden Vampyr wählte. ↩︎
  8. King, Stephen: Danse Macabre. The Anatomy of Horror. London & Sydney: Futura 1981. Seite 78f. ↩︎
  9. Auf Deutsch mit der gewohnten Treffsicherheit deutscher Buchtitel als Die kalte Braut erschienen und vergessen … ↩︎
  10. King, Stephen: Danse Macabre. The Anatomy of Horror. London & Sydney: Futura 1981. Seite 77. ↩︎
  11. Shelley, Mary: Author’s Introduction to the Standard Novels Edition (1831). In: Frankenstein. London: Penguin 1994. Seite 8f. ↩︎