Seelenworte

Von Ungewissheit, verlorener Autonomie und einer undurchsichtigen Sanduhr

Hallo zusammen!

Es ist Samstag, der 08. August, wenn dieser Artikel online geht, was bedeutet, dass ich morgen eigentlich mehrfach im Rahmen der RatCon auf der Bühne erscheinen sollte. Das … wird nicht passieren.
Um die Umstände zu verstehen, muss ich ausholen …
Und vorweg: Das ist mal wieder so ein richtig langer Artikel. Wenn euch mein Wirken aber interessiert, ist er glaube ich lesenswert; sowohl aus sich heraus, als auch im Hinblick auf alles, was in Zukunft so kommen mag, denn das wird eine Erfahrung sein, die bei mir noch lange nachhallt.

In nur einem Lidschlag

Am Freitag, den 31. Juli, bin ich morgens kurz zu meinem Hausarzt. Die Symptome sind in dem Kontext gar nicht so wichtig, es schien mir eine Lappalie rund um ein vielleicht entzündetes Augenlid zu sein und ich wollte da nur kurz jemanden schauen lassen, bevor ich für das Wochenende zu einem Geschäftstermin Richtung Koblenz aufbrechen sollte.
Das … kam nicht so. Ich nehme hier aber mal bewusst direkt zum Anfang Spannung raus: Im Endergebnis ist alles gut und niemand, der das liest, muss ich akut um mich sorgen.

Der Verfasser dieser Zeilen, jetzt auch mit paralleler Schnittstelle … oder so.

Schnell wurde mir klar, dass meine Hausärztin das alles mit deutlich mehr Unruhe betrachtete als ich – und als ich dann von ihr vorübergehend fahruntüchtig erklärt wurde und eine Einweisung in die Neurologie des Krankenhauses im semi-nahen Euskirchen in der Hand hatte, schwante mir nichts Gutes. (Ich bin bisweilen ein richtiger Blitzmerker, ich weiß …)
Der ganze Aufnahme-Prozess war auch eine fortführend wilde Erfahrung, bei der mir vor allem bewusst wurde, dass alle Ärzte ebenfalls diese gewisse Besorgnis ausstrahlten, die ich nicht erwartet hatte. Ich war ja noch immer irgendwo in dem „nur eine Kleinigkeit“-Modus, und irgendwie wollte es nicht recht zusammenpassen, wie ich plötzlich von Untersuchung zu Untersuchung gelotst wurde und dabei Sätze fielen wie: „Kann der Patient noch selbstständig zum CT gehen?“
Na ja, wir gehen das jetzt nicht Event für Event durch, aber sagen wir einfach, als ich morgens aufgestanden war, hatte ich nicht damit gerechnet, nach diversen EKGs, zwei CTs, einer Röntgenaufnahme und ein paar Blutproben in der 24-Stunden-Überwachung des Stroke Unit, also der Schlaganfallstation, zu landen.

Und weil ich ja noch aus allem irgendwie hoffentlich auch für andere Menschen sinnvolle Gedanken abzuleiten versucht habe, habe ich derer drei von meinem Aufenthalt mitgebracht – und diese möchte ich heute mit euch teilen.

Von der Ungewissheit

Wie ich da nun also am Überwachungsmonitor lag, blieb mir zwangsläufig viel Zeit, um nachzudenken. Das konstante EKG war irgendwann zu ignorieren, aber die halbstündigen Blutdruck-Messungen und die nur unwesentlich weniger häufig erscheinenden Blutzucker-Messungen ließen an wirklichen Schlaf eh nicht denken.
Doch wo die 24-Stunden-Überwachung ein relativ absehbares Ende finden würde, nach vierundzwanzig Stunden halt, so überwog darüber hinaus eine Menge Ungewissheit.
Ungewissheit, was die Ursache meiner Odyssee sein mochte. Zwar wurden nach und nach erste schlimme Dinge – wie der besagte Schlaganfall oder eine Krebserkrankung – ausgeschlossen, aber die Liste blieb lang und bedrohlich.
Und damit ging auch eine Ungewissheit des Ausgangs einher. Wie gesagt: Ich weiß jetzt, dass es keiner der möglichen Schicksalsschläge werden sollte, aber ich wusste es nicht in jenem Moment. Und die spätere Erkenntnis negiert leider nicht die Gefühle in jenen Stunden, auch nicht rückwirkend.

Dann fragt man sich halt doch unweigerlich: Ist das einer dieser Momente, von denen man manchmal liest? Diese unscheinbaren Begebenheiten, in denen „sich in einem einzigen Augenblick alles ändern sollte“, weil am Ende eine Diagnose steht, die womöglich die bisherige Lebensführung unmöglich machen wird? Gerade zu Beginn, wo alle mir gegenüber so ausgesprochen vorsichtig waren in der Wortwahl bei allen Formulierungen aller bisherigen Erkenntnisse, war es schwer, diesen Gedanken abzulegen.
Stephen King hat da eine Passage in seinem Buch On Writing, die seit Jahrzehnten in meinem Kopf steckt, weil sie so gut verdeutlicht, wie schnell sich Dinge ändern können. Er schreibt da über seinen schweren Unfall, als er als Fußgänger von einem Van erfasst wurde: „I set out on that walk around four o’clock in the afternoon, as well as I can remember. Just before reaching the main road (in western Maine, any road with a white line running down the middle of it is a main road), I stepped into the woods and urinated. It was two months before I was able to take another leak standing up.“1

Erneut: Jetzt weiß ich, dass es am Ende alles glimpflich vonstatten gegangen ist. Aber wenn man an all den Maschinen hängt und einem der behandelnde Arzt sagt, dass es nichts Schlimmes sein muss, aber durchaus eine relevante Chance besteht, dass es etwas Schlimmes sein kann, dann sickert einem das unweigerlich in die Knochen. Und als ich da lag, den konstanten Tönen der Überwachungsmaschinen lauschte, an die Decke starrte und noch immer versuchte zu begreifen, was da zwischen meinem Frühstücksbrot und diesem Moment passiert war, lag diese Ungewissheit spürbar in der Luft.
Natürlich auch die Ungewissheit, wie lange dies alles nun andauern würde.

Von verlorener Autonomie

Der andere Aspekt, der wohl unweigerlich an Krankenhausaufenthalten hängt, ist ein Verlust der eigenen Autonomie. Fremdbestimmtheit ist etwas, womit ich mich ohnehin nie wohl fühle, aber in einem Krankenhaus ist die Tragweite zwangsläufig größer.
An dem Überwachungsmonitor im Stroke Unit eh. Da führten mehr Stränge von meinem Körper zur großen Maschine, als insgesamt zu dem Rechner führen, auf dem ich diese Zeilen gerade tippe, und schon alleine daher war mein Aktionsradius … begrenzt. Und auch wenn das Personal wie gesagt alles getan hat, um mögliche Wünsche zu erfüllen: Wenn im Grunde der gerade einzig gegebene Kontakt zu seinem normalen Leben noch das Handy ist, und man nichtmal selbstständig an die Steckdose kommt, um es zu laden, birgt alleine diese Nichtigkeit mit der Zeit ein Gefühl von Hilflosigkeit.

Doch auch nach der Überwachung. Man hat ja im Grunde nur zwei gegensätzlichen Möglichkeiten: Man kann den Ärzten sein Vertrauen schenken, oder eben nicht. Ich habe mich für das Vertrauen entschieden und so haben wir dann gemeinsam einen Untersuchungsmarathon eingeleitet, der mich insgesamt nahezu eine Woche vor Ort gehalten hat.
Magnetresonanztomographie, bei der über ein Magnetfeld der Körper in Schichten abgebildet wird.
Elektromyographie, wo mittels elektrischer Impulse Nerven und Muskeln getestet werden.
Transösophageale Echokardiographie, bei der einem über die Speiseröhre eine Sonde bis in die Nähe des Herzens geführt wird, um dort Ultraschallbilder von innen zu machen.
Eine Lumbalpunktion, bei der mit einer Nadel im Bereich der Lendenwirbel eine kleine Menge Hirn- oder Rückenmarksflüssigkeit aus dem Wirbelkanal entnommen wird.
Blutproben, Fachärzte und mehr.
Und während all dieser Schritte ist man zwar da, wirkt man zwar irgendwie mit, aber zugleich ist es leicht, sich auch nur als Spielball einer Kette von Untersuchungen zu fühlen.
Erneut: Keine Kritik meinerseits an den Maßnahmen, ich würde heute wieder genauso entscheiden. Und wenn ich ehrlich bin, fand ich vieles davon auch spannend. Ich meine, hey, ich habe mein eigenes Hirnwasser gesehen – und das ist schon irgendwie cool.
Aber das macht es dennoch nicht einfach.

Einschub: Eine Selbsterkenntnis

Gleichzeitig habe ich gerade darüber durchaus etwas über mich selbst gelernt. Ich habe mich ja die letzten Jahre durchaus immer mal wieder auch – primär aus fachlichem Interesse – mit nicht-europäischer Philosophie beschäftigt und das hat mir erstaunlich viel geholfen. Irgendwo zwischen dem buddhistischen Daseinsmerkmal der Vergänglichkeit alles Seienden („Anicca“) und dem vermutlich ursprünglich persischen Sinnspruch „Auch dies wird vorübergehen“ habe ich da eine Ruhe in mir gefunden, von der ich vorher nicht wusste, dass ich sie besitze.
Ich hab ja immer schon gesagt: Studiert Philosophie – egal ob an der Uni oder privat – nicht, um damit später einen Job zu finden. Macht es, um selbst zu wachsen.
Es geht mir nicht um Eigenlob, es geht mir nicht darum, mich hier als toughen Macher zu verkaufen. Das bin ich nicht. Ich bin vermutlich sogar eher ein sorgenvoller Mensch – aber offenbar keiner, der davon beherrscht wird.
Das war schlicht eine für mich spannende Selbsterkenntnis.

Die undurchsichtige Sanduhr

Das, was jedoch den weitaus tiefsten Eindruck hinterlassen hat, ist gar nicht in dem Sinne eine Erkenntnis, zumindest keine neue. Es ist jedoch ein Gefühl, das gerade noch in jeder Faser in mir widerhallt:

Es sind unendlich fragile Leben in unendlich fragilen Körpern, die wir führen.

Ich bin mir durchaus der Ironie bewusst, dass diese Odyssee genau an dem Tag begann, an dem mein „Things to Come“-Youtube-Video online ging mit der optimistischen Ansage, jetzt wieder mit Volldampf an die offenen Filmprojekte zu gehen.
Mir war nur zu bewusst, gerade in jener ersten Phase der Unsicherheit, dass Der Pakt der Weißen Nächte gerade bei den Testleserinnen ist und ich ja schon gerne in Körper und Geist noch da sein möchte, wenn das Buch nun auch erscheint.
Es ist gar nicht lange her, dass ich mit der Leitung des Ballett-Ateliers in Stolberg an einem Wochenende zusammengekommen bin, um unter anderem über eine nächste Portugal-Reise zu sprechen.
Nur Tage davor sprach ich privat mit Lichte darüber, dass sie und ich beide verschiedene Orte in Nordspanien besuchen wollen, die eigentlich nahe genug beisammen liegen, dass man das vielleicht nächstes Jahr zu einer Reise kombinieren könnte.
Vor einigen Jahren verstarb mein Kollege André Wiesler viel zu früh und plötzlich. Und ich war mir – an all die Geräte angeschlossen – sehr, sehr der Tatsache bewusst, dass ich gerade genau das Alter habe, dass er damals hatte.

Ihr kennt die Metapher: Jeder von uns hat eine Sanduhr. Unsere Sanduhr läuft jeden Tag, jede Stunde, jede Minute weiter ab – doch was mir in dem so klassischen Bild fehlt, ist das Detail, dass es sich um eine opake, also eine undurchsichtige Sanduhr handelt. So abgedroschen es halt klingt, weiß doch niemand, wieviel Sand, das heißt wieviel Zeit einem am Ende bleibt.
Das ist als Gedanke hier im Blog nichtmal neu. Aber die Intensität, mit der mir das nochmal vor Augen geführt wurde, ist es. Will man denn wirklich einen so gewaltigen Teil seines Lebens mit irgendwelchen Nichtigkeiten füllen? Und ich meine gar nicht die großen Fragen – unglücklich in Beruf oder Partnerschaft und so –, sondern auch die trivial-kleinen, zentralen: Wie kann man denn vor sich rechtfertigen, das eigene Hirn im täglichen Doomscrolling und monotonen Alltag langsam verwelken zu lassen, wenn die eigene Zeit so endlich ist und es so viel gibt, was man mit ihr tun könnte?

Das naheliegende Klischee in dem Kontext ist natürlich die Midlife Crisis – aber auch das meine ich nicht. Nicht jeder Wunsch nach einem erfüllenden Leben ist solch eine Krise. Zu viele Medien haben gerade Menschen mittleren Alters mit dem Wunsch nach Veränderung zu einer abziehbildhaften Karikatur gemacht und damit ungewollt manche ernsthafte Sehnsucht nach einem erfüllenderen Leben gleich mit diskreditiert.
Es geht mir nicht um den Sportwagen, eine Affäre oder eine rein performativ ausgelebte Übersprungshandlung.

Doch wenn Gevatter Tod einem seine skelettierte Hand entgegengestreckt und leise flüstert: „Vergiss nicht, eines Tages haben wir eine Verabredung“, dann hallt das nach. Auch wenn es am Ende bei mir jetzt Entwarnung gab – die sorgenvollen Momente auf dem Weg dahin waren dennoch echt.
Und es war sehr spürbar, wie schmal der Grat sein kann, der mich – mit einem privat und beruflich durchaus erfolgreichen und kreativ erfüllten, aktiven Leben – davon trennen mag, all das mit einer einzigen Diagnose entschwinden zu sehen. Long Covid war diesbezüglich ja schon ein Weckruf, aber gerade diese Stunden der Ungewissheit, sowie auch schlicht die Intensität der Erfahrung waren mehr als das. Das war wie ein Schlag vor die Brust.

Das spannt den Bogen mindestens zu Oliver Burkemans 4000 Wochen – ein hier schon mehrfach erwähntes und absolut lesenswertes Buch, dessen Kernthese an sich schon im Titel steckt: 4.000 Wochen ist eine durchschnittliche westliche Lebenserwartung; zu wenig, um zu viel davon zu verschwenden.
Doch das Wort „durchschnittliche“ trägt in diesem Zusammenhang viel Last, denn darin steckt keine Garantie. Es können auch deutlich weniger Wochen sein, und es kann ein einziger Augenblick sein, der willkürlich darüber entscheidet.

Vielleicht hat es am Ende doch Seneca schon vor zwei Jahrtausenden gut auf den Punkt gebracht, wenn er in Über die Kürze des Lebens schreibt: „Ihr fürchtet alles, als wäret ihr sterblich; ihr begehret alles, als wäret ihr unsterblich.“
Denn auch der erwähnte Sinnspruch des „Auch dies wird vorübergehen“ gilt in beide Richtungen – die schlechten Momente gehen vorüber, die guten jedoch auch. Die meisten Leiden gehen vorüber, das Leben in seiner Gesamtheit jedoch auch.

Lasst uns das, was wir haben, nicht verschwenden.

Viele Grüße,
Thomas

  1. King, Stephen: On Writing. A memoir of the craft. New York: Pocket Books 2002, S. 258. ↩︎