Seelenworte

Basislevel: Güte

Hallo zusammen!

Disclaimer vorweg

Es gibt ein zwar irgendwie zentrales, zugleich aber schlussendlich irrelevantes Element in diesem Text, dass ich bewusst vage halten werde. Es geht um die Aussage zu einer realen Person, die ich nicht verifizieren kann – und da das Internet zu gut darin ist, aus dem nichts Stürme zu entfachen, will ich da gar nichts riskieren.

Und nun: zum Thema!

Also: Ich war letztes Wochenende in Stuttgart. Da war zwar Comic-Con, aber auch wenn das noch relevant wird: Darum war ich nicht dort. Ich selbst war dort für ein Fortbildungs-Seminar für Führungskräfte, das für sich genommen extrem spannend war, aber zugleich für uns heute nicht weiter relevant ist.
Da ich jedoch zwar Führungskraft mit erstaunlich viel Verantwortung bin, andererseits aber irgendwie gleichzeitig eigentlich niemand für feine Hotels, hab ich einen Abend Hemd gegen Hoodie getauscht, hab mich „rausgestohlen“ und mir halt‘n Burger besorgt.

So saß ich dann also mit meinem Burger in der kalten Nacht auf einer Mauer, als sich ein Stück weiter ein anderer auch niederließ.
Wir kamen dann ins Gespräch – und irgendwann realisierte ich, dass der offenbar weinte. Dorfkind dass ich bin, hab ich halt gefragt, ob alles okay sei. (Also offenbar ja nicht, aber … irgendwo muss man ja anfangen.)
Er war nicht aus Deutschland, erfuhr ich dann, und er war relativ weit angereist wegen der Comic-Con. Auch, weil dort ein:e Streamer:in (da ist es, das vage Element) sein würde, und er ein großer Fan ist. Oder vielmehr wohl: war.

Denn er traf jene Person zwar durchaus, um dann allerdings mit einer harten Realität konfrontiert zu werden – ein Foto, erfuhr er dann, könne er nur gegen einen dreistelligen Betrag machen; ohne Kohle gäb’s nicht mal was zu bereden.
Und so saß er nun, später am gleichen Tag, wütend und enttäuscht auf einer Mauer vor dem Stuttgarter Flughafen, eine schmerzhafte Version von „triff niemals deine Helden“ in den Knochen. Letztlich gedemütigt durch das erhaltene Gefühl, dass er offenbar nicht zahlungskräftig genug war, um Aufmerksamkeit zu verdienen.

Drei Dinge sind mir hier wichtig – einmal, dass ich seine Geschichte halt nicht validieren kann; aber jetzt pauschal auch keinen Grund habe zu zweifeln.
Zum zweiten: Dass die Situation für ihn so entstanden ist, ist in der Sache nicht völlig erstaunlich. Das Kaufen prominenter Aufmerksamkeit auf Cons ist ja nicht neu und jetzt erstmal auch „nur“ ein Geschäft auf Basis von Angebot und Nachfrage. (Kapitalismuskritik machen wir mal, aber wann anders.)
Und zuletzt: Cons sind auch für Aussteller und Ehrengäste ein irre anstrengender Ritt, bei dem ich schon Verständnis habe, dass eine:r vielleicht auch mal im falschen Augenblick nicht ganz den nötigen Nerv hat oder den falschen Ton trifft. Das entschuldigt nichts, aber ich würde niemanden rein daran messen wollen.

Die Moral von der Geschicht‘ ist in meinen Augen aber eine ganz andere: Besagte:r Streamer:in war in einer Position, durch einen relativ simplen Akt der Güte jemandem etwas zu geben, wofür der viele, viele Kilometer Reise in Kauf genommen hatte – eben weil er ein Fan ist. Oder wohl eher bis dahin war. Es geht mir nicht mal um das Foto an sich, wenn andere halt auch dafür gezahlt haben wäre auch das unfair, aber wenigstens den Respekt und Anstand, das freundlich abzulehnen und wenigstens ein paar nette Worte zu sagen, hätte man dem Fan geben können; wenn schon nichts anderes.
Ich habe mehr als einmal hier davon gesprochen, dass ich sicher bin, dass Neil Gaiman sich nicht an die paar Worte erinnern wird, die wir mal gesprochen haben. Aber für mich war es damals ein definierendes Ereignis, ohne dass ich womöglich heute nicht im Verlagswesen arbeiten würde (und ironischerweise dann auch nicht auf jener Mauer gesessen hätte).
Ein simpler Akt der Güte, wie er vielleicht auch bei meinem Gesprächspartner wegweisend hätte sein können. Man weiß es nicht.

Mir ist klar, dass dieser Text schlussendlich einseitig ist, weil ich die Perspektive der streamenden Person nicht kenne. Ist vermutlich aber sogar egal.
Was mir nicht egal ist, ist Folgendes: Wann auch immer ihr das nächste Mal in einer Situation seid, jemandem mit kleiner Geste eine große Freude zu machen, vielleicht denkt ihr ja dann an diesen Artikel.
Denkt an den offen weinenden Mann, der einem wirren Zausel mit Burger in winterkalter Nacht von seinem Trauma erzählt hat. Und dann … dann findet ihr vielleicht die Güte in euch, es besser zu machen als jene Streamperson.

Und wer weiß, vielleicht denkt der Mauersitzer ja nicht nur an die Comic-Con zurück, als jene, auf der er so herb enttäuscht wurde.
Vielleicht denkt er auch an den wildfremden Kerl, dessen Namen er nie erfahren sollte, aber der sich die Zeit genommen und ihm eine halbe Stunde einfach zugehört hat.
Denn Güte braucht oftmals gar nicht mehr.

Viele Grüße,
Thomas

(In einer früheren Version dieses Artikels sprach ich an einer Stelle vom „Frankerfurter“ Flughafen – das ist natürlich Unfug gewesen; keine Ahnung, was gedanklich nicht gefunkt hat. Aber nun gut, darum schreibe ich normalerweise Blogartikel auch nicht übermüdet und auf’m Handy – der hier musste aber raus.)

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