Seelenworte

Winterurlaub auf Balkonien. Verspätete Gedanken über das Leben.

Hallo zusammen!

So, jetzt ist es eigentlich schon wieder zwei Wochen her, dass mein ausgedehnter Winterurlaub endete, aber der Einstand als Verlagsleiter bei Ulisses war intensiv genug, dass ich jetzt erst dazu komme, in alter Tradition ein paar Gedanken auszuformulieren, die so in meinem Kopf herumschwirrten.
Dabei ist allerdings dieser Winterurlaub auch noch auf andere Weise fundamental anders als im Grunde alle meine Urlaube in grob diesem Zeitfenster der letzten zehn Jahre – denn dieses Mal ging es nicht in den Schwarzwald.
Es ging nirgendwo hin.

Der Grund ist jenen, die das zeitnah lesen werden, sicherlich klar und wird mit jedem folgenden Monat mehr zu einer Zeitkapsel werden: die Corona-Pandemie. Sicherlich hätten wir irgendwie wegfahren können, aber nicht nur wäre das rechtlich im Schwarzwald schon jenseits jeder Grauzone, sondern auch vor allem moralisch einfach nicht okay gewesen. Wir alle müssen derzeit zurückstecken und auf Dinge verzichten, und dieser trügerische, süßliche Gedanke, dass man selbst doch nur ein Einzelner ist, dass es doch nur eine einzelne Ausnahme wäre, dass das darum alles nicht so schlimm sein kann, der ist eine tückische Falle. Der ist bei all diesen abstrakten Gefahren unserer Zeit eine Falle, „dieses eine Mal allein wird’s ja nicht schlimmer machen“ ist immer ein Warnsignal, aber gerade inmitten der Pandemie sollte es da wirklich keinen Verhandlungsspielraum geben. Nicht mit sich, nicht mit anderen.

Insofern war’s dann das erste Weihnachten wirklich allein (was kein Ruf nach Mit- oder Beileid ist; allein sein liegt mir durchaus) und der erste Winter seit langem ohne Schwarzwald. Dabei hatte dann das Schicksal wohl doch ein Einsehen und wenn ich nicht zum Schnee konnte, kam der Schnee dann halt zu mir.
Die Eifel, jenes ‚Preußisch Sibirien‘ das ich so liebe und in dem ich lebe, ist ja eine jener Mittelgebirgsregionen gewesen, die sich plötzlich in Teilen abriegeln mussten, weil die Leute aus den Städten radedoll dorthin strömten, als Schnee gemeldet wurde. Da ich aber nicht strömen, sondern einfach nur aus der Haustüre herausgehen musste, konnte ich zumindest Nutznießer der Situation sein.

Was mir aber gefehlt hat, das waren meine üblichen Mitreisenden. Nicht allgemein wegen des Alleinseins wie gesagt, sondern spezifisch weil ich ja nur in diesen Urlauben so ausgiebig Zeit mit ihnen verbringen kann. Und das wiederum bringt für mich durchaus ein paar (für mich persönlich noch offene) Fragen mit sich, was diesen Gedanken einer Familie des 21. Jahrhunderts angeht, den ich hier seit Jahren immer wieder formuliere.1
Wir leben ja heute in einer Gesellschaft, in der man (mehr oder weniger) die Chance hat, Lebensentwürfe freier zu wählen als das je früher der Fall war. Man kann wie ich ohne Lebensgefährtin leben, ohne dass Leute das völlig absurd finden2, der Begriff einer „wilden Ehe“ hat jedwedes Odium schon lange verloren und Abweichungen von monogam-heteronormativen Lebensentwürfen sind zwar noch nicht in jedem Sinne gleichwertig oder akzeptiert, aber auch zumindest nicht strafbar – und doch hat die Pandemie ja immer wieder schon diese Eigenschaft bewiesen, am Furnier solcher Zustände zu kratzen.3 Beispielsweise als es um mögliche Lockerungen um Weihnachten ging: Solange von Haushalten die Rede ist, ist alles unproblematisch. Sobald aber von Familien die Rede ist, wird das alles schwieriger. Denn nach traditionellem Verständnis sind wir keine Familie (und rein sachlich kein Haushalt) – was fair und richtig ist, aber mich halt dennoch zum Denken gebracht hat.

Das ist jetzt nichts, was alleine in der Pandemie ein Rolle spielt. Es ist beispielsweise auch ein guter Grund, sich um Patientenverfügungen und ein Testament Gedanken zu machen. Aber es führt ein wenig an den Punkt, an dem man sich fragen muss, ab wann es lohnen würde, eben auch das rechtliche Konzept von Lebensgemeinschaften neu zu denken. Nicht nur im Sinne von Ehen, nicht nur im Sinne von Wohngemeinschaften, sondern irgendwo dazwischen und zugleich irgendwie darüber hinaus.
Mir ist wohl bewusst, dass das gerade für konservativere Leser – so es sie hier denn geben mag – zum Teil ein rotes Tuch ist. Und keine Sorge, ich will hier nicht am Konzept der Ehe sägen oder etwas in der Art. Aber die Pandemie macht denke ich zumindest am Rande deutlich, dass viele Freiheiten in unseren Lebensentwürfen letztlich auch an unseren insgesamt sehr sicheren Lebensstandard gekoppelt sind. Der persönliche Wert einer selbstbestimmten Form von Wahlfamilie ist nicht gebunden an ein amtliches Siegel. Aber wenn man plötzlich mit der Frage konfrontiert wird, wer Zugangsrecht zu einem Patienten im Intensivbereich hat – etwas, was uns zum Glück bisher erspart blieb –, dann bekommt der Lacke Risse.

Generell führt uns das auch heute zu weit – und in Bereiche, in denen ich zumindest bisher für mich auch noch keine richtig gute Antwort gefunden habe.
Aber wenn wir dieser elenden Pandemie schon eine potenziell positive Sache abringen können, dann vielleicht, aktiv hinzuschauen, wenn sich in ihrem Schatten gute wie schlechte Seiten unseres Zusammenlebens in einer Deutlichkeit kristallisieren, die zuvor unter dem Alltag und der unsichtbar machenden Gewohnheitsmäßigkeit des Ist-Zustandes verborgen lagen. Es gibt uns die Chance, diese Sachen noch mal neu zu durchdenken.
Und das ist ja am Ende auch das Fundament, auf dem viele Artikel hier auf der Seite errichtet wurden.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Zurückgehend auf ein Zitat aus der TV-Serie Spaced, wo es hieß: „They say the family of the 21st Century is made up of friends, not relatives.“ (Und ich bin mir schon bewusst, dass das Zitat weitergeht mit: „Then again maybe that’s just bollocks“, aber dennoch hab ich den Begriff halt von dort.) Das ist auch keinerlei Kritik an meiner leiblichen Familie im Speziellen, das sind auch tolle Leute. Aber es hat sich halt für mich zumindest doch gezeigt, dass sehr viele Rollen, die für meine Eltern beispielsweise noch von Geschwistern gefüllt wurden, bei mir von Freunden ausgefüllt werden. 
  2. Auch wenn die Tatsache, dass das für mich kein „Missstand“ ist, der zu „beheben“ wäre, oft noch immer schwer zu greifen ist für manche Leute. 
  3. Dabei sei wie immer betont, dass dies keine Kritik an den Maßnahmen ist und ich in keiner Weise in Frage stellen möchte, dass sie notwendig sind. Sind sie. 
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