Seelenworte

Avengers, Lohn und Fertigkuchen

Hallo zusammen!

(Achtung, dieser Text enthält leichte Spoiler für Avengers Endgame und die Bourne-Trilogie.)

Über Fertigkuchen

Ich möchte an einem etwas ungewöhnlichen Punkt anfangen, aber ich verspreche euch, es ist am Ende relevant:
Als Kuchen-Fertigbackmischungen erstmals auf den Markt kamen, waren diese nicht der Erfolg, den sich alle versprochen hatten. Eigentlich vom Produkt überzeugt wurde seitens der Hersteller Marktforschung betrieben und auch wenn ich das hier etwas verkürze, kam man zu einem spannenden Ergebnis: Es war die Tatsache, dass alles in dem Paket enthalten war und dass es quasi keine Eigenleistung mehr zu verlangen schien, was die Leute abschreckte.
Die Lösung war dann am Ende einfach: Es wurden die Eier wieder aus der Mischung entfernt. Diese mussten nun wieder separat erworben und zugegeben werde – und so begann ein unaufhaltsamer Siegeszug, der bis heute anhält.
Behaltet das im Hinterkopf, ich verspreche, wir kommen drauf zurück.

Tschechows Alieninvasion

Wenn ich über die letzten Jahre Blockbuster-Kino nachdenke, gibt es da zweifelsohne einen Moment, der in meinen Augen Kino-Geschichte schrieb: Avengers Assemble.
Es ist nicht nur ein Shot, ein Wortwechsel oder auch nur eine Sequenz, sondern eine Kulmination. Die Szene aus dem Finale von Avengers Endgame ist gerade in ihrem narrativen Kontext bemerkenswert – selbst wenn man mit den Filmen vielleicht nichts anfangen kann, wenn die ganze Marvel-Formel nicht das ist, was man im Kino sucht, lohnt es sich, die gleiche Szene mal mit Publikumsreaktionen anzuschauen.
Es ist natürlich leicht, das als Spektakel abzutun. Als Ausdruck dieser Art, wie Hype und Hysterie längst die hohe Kunst der Kinofilme abgelöst haben – aber wer mich kennt, weiß, dass ich diese Meinung nicht teile. Das ist eine Früher-war-alles-Besser-Denke, der ich einfach nicht zu folgen gewillt bin; sicherlich hat sich Kino verändert und nicht jeder Trend ist für mich, aber wer den immensen Erfolg der Comicbuch-Verfilmungen als minderwertige Unterhaltung abtut, der hätte vermutlich vor einigen Jahrhunderten auch erboste Briefe über die verlotternden Einflüsse von Romanen geschrieben. Nein, der eine Punkt, zu dem ich im Hinblick auf diese Szene immer wieder zurückkomme, ist: All das wurde verdient.
All diese seltsamen, skurrilen Figuren, die durch die Portale kommen, kennt das Publikum. Es sind Geschichten, Dramen, Handlungsbögen und Konflikte, von denen der Zuschauer nicht nur indirekt gehört hat, sondern denen er womöglich seit einem Jahrzehnt beiwohnt. Und das drastische Ende vom vorigen Avengers-Film, Infinity War, hatte genug Zweifel gesät, dass nicht alles gut ausgehen werde. Natürlich konnte man davon ausgehen, immerhin tickt im Hintergrund ein Milliarden-Franchise, das nicht einfach enden würde – aber dieser Moment hier zeigt zu Beginn den letzten Verbliebenen all der Helden, die zuvor den absurdesten Gefahren getrotzt haben, und er ist im Grunde besiegt. Er steht auf verlorenem Posten seinem letzten Gefecht gegenüber, mit nichts als seinem zerstörten Schild, und für diesen einen, kleinen Moment konnte das Publikum das spüren. Man sagte ihnen nicht, dass es um alles geht, sie wussten es, waren von Anfang an dabei. Captain America ist bereit, aufrecht für seine Ideale einzustehen, selbst als schon alles verloren scheint – und er wird dafür belohnt.
Auch erwächst die Reaktion des Publikums am Ende, wenn der Hammer Mjölnir in der Hand von Captain America landet, nicht einfach nur aus dem Pathos der Szene. Es ist eine etablierte Entwicklung über viele Jahre hinweg: Im ersten Thor hat das Publikum schon gelernt, dass nur Auserwählte den Hammer schwingen können. Und spätestens seit Age of Ultron waren Hinweise gestreut worden, dass Cap zumindest nahezu auserwählt ist. Doch erst in diesem Film erfüllt sich das.
Ein Jahrzehnt des Storytellings.
Erneut: All das haben die Filme sich verdient.

Nicht Marvel allein

Natürlich hat Marvel das nicht erfunden. „Tschechows Waffe“ oder „Tschechows Gewehr“ (bekannter in der englischen Version: Chekhov’s gun) ist ein dramatisches Prinzip, das selbst sein Erfinder Anton Tschechow auf ein paar verschiedene Weisen formuliert hat, aber im Kern besagt es: „Wenn Sie im ersten Kapitel sagen, dass ein Gewehr an der Wand hängt, muss es im zweiten oder dritten Kapitel unbedingt losgehen.“
Quer durch die Popkultur – nicht nur die, aber um die soll es heute hier vor allem gehen – finden sich immer wieder Beispiele dafür. Babylon 5 werde ich ja nicht müde, lobend zu erwähnen als eine Serie, die einfach „das lange Spiel“ gespielt hat und von der ersten Staffel an furchtlos Hinweise auf Plotfäden gelegt hat, die teils noch über Jahre nicht aufgelöst oder gar (erkennbar) aufgegriffen wurden. Und das macht die Serie einfach bis heute zu einer Meisterleistung der Dramaturgie.
Die Verfilmung von Fear Street hingegen, die gerade erst als Trilogie auf Netflix erschienen ist, ist entsprechend neueren Datums, aber atmet auch aus jeder Pore Tschechows Prinzip. Selbst kleinste Dinge, die einem beim ersten Schauen des ersten Teils komisch vorkamen, lösen sich aufgrund der unglaublich dichten Drehbücher am Ende auf – und das macht das Ende so extrem befriedigend.
Wichtig ist: Die Macher, die Autoren müssen dafür arbeiten, müssen Zeit und Müh‘ investieren, damit diese Momente möglich werden – aber ich glaube, das ist nur sekundär wichtig. Aus der konsequent erzählten Geschichte ergibt sich, dass auch die handelnden Figuren etwas geben müssen, und das verdient unseren Respekt.
Manchmal sind es auch nur kleine Elemente. Die initiale Bourne-Trilogie mit Matt Damon ist – ich behaupte spürbar – eher während ihrer Entstehung nach und nach entwickelt worden. Sie hat nicht die gleiche Präzision, die Fear Street da etwa zeigt, aber dennoch erschafft sie teils bemerkenswert belohnende Momente für aufmerksame Zuschauer. Im ersten Teil überwindet der Protagonist einen Attentäter, der offenbar von Bournes altem Auftraggeber geschickt wurde. „Look what they make you give“, sind dessen letzte Worte. Sieh, sagt er, welche Entbehrungen sie von dir einfordern. Am Ende der Trilogie aber verkehrt sich das Bild – nun ist Bourne derjenige, der unterliegt, auf den der Lauf einer Waffe ausgerichtet ist von jemandem, der seinen alten Herren dient. Bournes Worte sind nun, mit all dem Wissen um das, was er die letzten Filme noch erleiden musste, die gleichen: „Look what they make you give.“
Es ist mein liebster Moment in der ganzen Trilogie.

Muss das so?

Und ich denke, darin steckt auch, warum andere Serien und Filme (und andere erzählende Medien) nicht im gleichen Maße punkten. Warum der vierte Bourne-Teil so abfällt, warum die Verschwörung in Akte X ihren Sog nicht aufrechterhalten konnte und warum generell so viele forciert erstellte „cinematic universes“ zuletzt gescheitert sind.
Der prägende Moment, das payoff für alles Geschehene, ist der am Ende, wenn alle Bauklötze zu dem Turm errichtet wurden, der nun erschüttert werden kann. Aber wenn man sich die Zeit vorher nicht nimmt, dann ist auch schlicht nichts da, was erschüttert werden könnte.
Natürlich muss das alles nicht so sein. Terminator 2 ist ein atemberaubendes Beispiel für ein Sequel, das einfach aus dem Nichts kommt nach einem scheinbar abgeschlossenen ersten Teil und dennoch mit voller Wucht ins Publikum einschlägt. Aliens ebenso. Und ein Film wie Scream baut gar nicht auf einer eigenen Mythologie auf, sondern nutzt auf einer Meta-Ebene vielmehr das Wissen um Genre-Tropes und -Vorgänger und baut darauf alles weitere auf.

Nicht alles muss ein Epos sein

Stirb Langsam ist auch ein spannendes Beispiel: Der erste Film, für sich genommen, erfüllt die Aufgabe auf ganz anderem Weg – er braucht keine Reihe, Serie oder dergleichen, der Film verlangt seiner Hauptfigur John McClane alleine in seiner einzelnen Laufzeit so viel ab, dass er es sich auch so verdient. Wenn er, verschwitzt, blutverschmiert, verletzt, barfuß und im Unterhemd am Ende dem Widersacher gegenübertritt, dann haben wir als Publikum emotional etwas investiert. Wir wollen wissen, wie es endet, nicht weil Stunden um Stunden an Material vorangegangen sind, aber weil wir in jeder Minute gesehen haben, was John alles durchleiden musste, um an diesen Punkt zu kommen.
Wir als Publikum mögen Underdogs, weil Underdogs etwas geben, etwas opfern müssen, weil sie dafür arbeiten müssen, am Ende Erfolg zu haben. Weil wir dafür arbeiten müssen, am Ende Erfolg zu haben. Darum scheitert spätestens der fünfte Stirb Langsam für mich auch so. Es ist der gleiche Schauspieler in namentlich der gleichen Rolle, aber in dem Maße, wie er nicht dieselben Hürden zu nehmen, dieselbe Mühsal zu überwinden hat, in dem Maße ist er nicht mehr, was John McClane für uns ausgezeichnet hat; er tut im Prinzip nur noch so, als wäre er … er.

Es ist an dieser Stelle wichtig, wo auch Stirb Langsam eine Reihe ist, noch einmal die alleine für sich stehenden Geschichten zu preisen und nicht aus den Augen zu verlieren – ganz explizit sage ich nicht, das alle die Marvel-Formel jagen sollen. Filme wie Arrival, Ex Machina oder Der Leuchtturm, und in sich geschlossene Serien wie The Haunting of Hill House und The Haunting of Bly Manor zeigen, dass man eine Geschichte auch heute noch einfach einmal von Anfang bis Ende erzählen, einen starken Eindruck beim Publikum hinterlassen und es dabei dann auch belassen kann.
Ich finde es nur bemerkenswert – und je länger ich darüber nachdenke, nur umso mehr – wie viele offenkundig solche epischen, gewaltig vernetzten Epen sein wollen, jedoch ohne die Bereitschaft, vorher die Arbeit zu investieren.

Keine Eier

Und damit schließt sich der Kreis zum Kuchen vom Anfang – am Ende ist ein Triumph ohne Leistung, ein Sieg ohne überwundene Hürden ein leerer Erfolg, und der Mensch goutiert das nicht.
Der Moment in Endgame zündet nicht wegen Millionenbudgets und atemberaubenden Spezialeffekt, sondern weil es eine Rückkehr vom tiefsten Punkt ist für Helden, mit denen man bereits über 40 Stunden lang mitgefiebert hat. Der Satz in Bourne 1 und 3 hat Tragkraft, weil wir bei dem Rückgriff Revue passieren lassen können, was dazwischen alles passiert ist. Und der Kuchen ist gut, weil wir letztlich selbst etwas dafür getan haben – und sei es nur so etwas banales wie Eier zu kaufen.

Für Leute, die selber Geschichten erzählen – und dabei ist es im Grunde egal ob ihr blogt, vlogt, Belletristik veröffentlicht oder Tiktoks aufnehmt – ist es eine wertvolle Lektion, wirkmächtigere Inhalte zu erschaffen.
Und für alle anderen ist es vielleicht zumindest ein wichtiges Werkzeug, um ausmachen zu können, weshalb so viele bemüht epische Buchreihen, so viele angerissene Cinematic Universes und Serien irgendwie zwar wollen, aber es dann einfach nicht können.

Am Ende bleibt zu sagen: Wer Geschichten erzählen will, die das Publikum nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern spürt, kann sich nicht alleine auf eine bewährte, vorgefertigte Backmischung verlassen – die Eier muss man selber haben.

Viele Grüße,
Thomas

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