Nichtig und klein

Hallo zusammen!

Okay, dieses Gespräch hier und jetzt, ich denke es ist überfällig. Vor grob einem Jahr habe ich bewusst begonnen, meine Social-Media-Präsenz zu reduzieren und, gewissermaßen parallel dazu, immer wieder über eben jene sozialen Medien zu schimpfen.
Aber es ist Zeit, aus diesem impliziten Thema mal ein explizites Thema zu machen.

Fangen wir kurz mit den allgemeinen Grundlagen an – oh, und ich werde heute mal auf Quellen verzichten. Nicht weil ich keine habe, aber weil ich heute erst mal meine eigenen Gedanken formulieren möchte. Wenn ihr dann anschließend tiefer und breiter aufgestellt in das Thema eindringend wollt, wird mein nächster Beitrag hier etwas für euch sein, in dem ich quasi eine Playlist zu dem Thema zusammengestellt habe.

Aber nun gut, die Basics. Immer mehr Forschung hinsichtlich dessen, was soziale Medien mit uns machen, geht in eine indirekte Form von chemischer Abhängigkeit. Likes, Kommentare, allgemein Interaktionen in sozialen Medien schütten Dopamin aus, ein Glückshormon, und insofern bieten sozialmediale Interaktionen auf eine Weise eine Form künstlicher Gratifikation, die gar nicht unähnlich ist zu Drogen- oder Alkoholkonsum.
Das ist (nach heutigem Forschungsstand) schlecht und richtig, ist aber nur am Rande mein Thema.

Wir haben auch eine ziemlich rapide explodierende Depressions- und Selbstmord-Quote gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die wenn schon nicht kausal, dann zumindest in einer interessanten Korrelation zu der vermehrten Nutzung sozialer Medien steht. Insbesondere, seit quasi alle großen Netzwerke rund um ihren jeweiligen Börsengang begonnen haben, mithilfe von Algorithmen dafür zu Sorgen, dass die Feeds der Leute weniger von ihren Kontakten und Freunden und mehr von wirtschaftlich interessanten Inhalten gefüllt werden. Wirtschaftlich interessant, das sind Werbetreibende auf der einen Seite, und ‚Engagement‘ generierende Inhalte – vieles davon schlussendlich „Aufreger“ – auf der anderen Seite. Es gibt massenweise Studien, Paper, Podcasts und TED Talks die alle ein ähnliches Bild zeichnen, in dem aus der Dissonanz zwischen dem projizierten, scheinbar perfekten Leben der anderen und dem Wissen um die Probleme des eigenen, eine quasi omnipräsente Form des Impostor-Syndroms resultiert. Konzentriert in dem Fehler, nicht zu erkennen, dass die eigene scheinbare Inadäquanz gemessen am Außenbild der anderen einzig aus dieser allgemein praktizierten Scharade erwächst, in der sich jeder bestmöglich inszeniert und zugleich nicht realisieren kann, dass die anderen das natürlich auch tun.
Das wiederum führt uns tatsächlich von einer Seite an das Thema aus meiner eigenen Sicht heran.

Es fehlt aber noch ein Baustein, und in meinem persönlichen Fall war das tatsächlich mein besagter Urlaub in den letzten Wochen. In diesem Urlaub habe ich nicht wie sonst meine Social-Media-Präsenz reduziert, sondern für einige Woche quasi auf Null reduziert.
Das war nett, es war schön für eine Weile aus dem alltäglichen Irrsinn zu treten, aber den wahren Effekt habe ich erst erkannt, als ich nun wieder zurück war.
Denn nun, zurück dort wo Milch und Internet fließen, konnte ich wieder Blicke werfen auf Facebook, Twitter und Instagram und was ich bemerkte, hatte ich nicht erwartet. Denn im Grunde alles, was ich dort sah, erschien nichtig und klein.

Versteht mich nicht falsch – ich bin sicher, dass zumindest alles, was nicht von Firmen oder Bots gepostet wurde, für die betreffende Person sicherlich relevant und wichtig war. Entweder genuin, oder in der kalkuliert-unbewussten Jagd auf Affirmation, Gratifikation und Dopamin.
Aber … ganz ehrlich? So vieles, so endlos vieles war für mich selber eigentlich völlig irrelevant.

Vieles, was ich las, waren Meinungen. Meinungen zu Politik – aber in das Wespennest habe ich ja die Tage erst mit einem Artikel hier gestochen –, aber auch Meinungen zu trivialen Dingen, Popkultur etwa. Es hat mich wenig Zeit gekostet und keinerlei Absicht erfordert, aus verschiedenen Mündern sehr scharfe Meinungen darüber zu lesen, warum Star Wars Episode 9, oder Frozen 2, oder die neue Witcher-Serie, oder die neue Pokémon-Spiele, oder [jedes andere, gerade diskutierte Medienprodukt] Mist sei und die Macher nie wieder in ihrer jeweiligen Branche Arbeit finden sollten.
Wir haben hier im Blog oft genug Themen in diese Richtung gehabt; es ändert ja nur nichts daran, dass das Problem bestand hat.
Mit diesen Postings konfrontiert, aber zugleich durch diese Linse von größerem Abstand betrachtet, wuchs in mir ein Gedanke, den ich nicht mehr abschütteln konnte … ich möchte das nicht mehr.
Das gleiche gilt für den 24/7-Newscycle (und dessen Niederschlag in den sozialen Medien), dessen Tempo schon lange weit jenseits der real vorhandene Menge wirklich berichtenswerter Informationen steht. Wir sind nicht besser informiert, wir sind nur mehr informiert, eingesperrt in einem Hamsterrad aus Aufmerksamkeitsökonomie, versagender medialer Finanzierungsmodelle und der Notwendigkeit, zu berichten, selbst wenn die Sachlage noch vollends ungeklärt ist.

Nun kann man seine Social-Media-Feeds – je nach Plattform besser oder schlechter – kuratieren und ich war lange ein starker Verfechter, dass man sich seine Erlebniswelt zu einem gewissen Maße halt online selber formen muss.
Aber warum?
Warum sollte ich?

Zum einen stellt sich die Frage fundamental, wenn man sich vor Augen führt, dass diese Plattformen, die wir nutzen, ganz in ihrem innersten Kern darauf ausgelegt sind, uns das zu hindern, unseren Konsum zu moderieren. Es gibt wenig Leute, die in Interviews konstant so unendlich elend und unglücklich über ihr eigenes Werk wirken wie ITler Aza Raskin, der Erfinder des „infinite scroll“.
Wo ich Fokus in meinem Leben suche, propagieren soziale Medien Ablenkung. Ich lese analoge Bücher, mein bevorzugtes Medium für Musik ist Vinyl, ich weigere mich, nebenher etwas anderes zu tun, während ich Serien oder Filme schaue und wenn ich Videospiele spiele, möchte ich eigentlich ungestört genau das tun. An sich ist es absurd, wie lange ich gebraucht habe, um zu erkennen, dass die Multitasking-Always-On-Realität sozialer Medien diametral zu dem steht, wie ich mein Leben leben möchte.
Soziale Medien sind ein Werkzeug, sicherlich, aber zunehmend muss ich mir wohl eingestehen, dass sie schlicht nicht das Werkzeug sind, nach dem ich suche. Ein Hammer mag der beste Hammer der Welt sein, wenn ich aber eigentlich Schrauben in die Wand drehen wollte, ist es dennoch ein guter Zeitpunkt, das eigene Handeln zu überdenken.

Es gibt aber natürlich noch die andere Seite, die professionelle Seite. Meine Buchleser, DORPCast-Hörer, ihr die ihr dieses Blog lest – vielleicht ja sogar weil ihr einem Link auf Twitter gefolgt seid.
Schlussendlich stellt sich aber – frei nach Seth Godin; wie gesagt, ergänzende Quellen nächstes Mal – ein wenig die Frage, welche Story ich erzähle.
Ich möchte weiterhin Medien feilbieten. Ich möchte im DORPCast mit Michael über unser Hobby reden. Ich möchte sporadisch Romane schreiben und euch damit unterhalten. Gleiches gilt für Videoprojekte. Gerne bin ich mal in anderen Podcasts zu Gast, oder halte für die Arbeit mein Gesicht in die Kamera. Und definitiv möchte ich weiterhin bloggen, schussendlich ja auch mit der Hoffnung, dem einen oder anderen dabei zu helfen, ein besseres, zufriedeneres Leben zu führen in dem er Unfug vermeiden kann, den ich schon für ihn durchgekaut habe. (Das heißt nicht, dass alles, was für mich Gold ist, das auch für andere sein muss. Inklusive dessen, wovon ich heute schreibe. Aber es ist eine Reflexionsfläche; keine Antwort, mehr eine stetige Einladung zu fragen.)

Es gibt aber noch ein anderes Narrativ. Die Rolle stetig, immer, jederzeit bereit zu sein, wild über Medien zu diskutieren, diese halt implizierte Bereitwilligkeit, mir immer und jederzeit auch sagen lassen zu wollen, warum jemand etwas, was mir lieb und teuer ist, seinerseits aber doof findet und die suggerierte Bereitschaft, danach darüber diskutieren zu wollen.
Das ist eine sozialmedial sehr beliebte Rolle. Das ist eine von außen betrachtet tolle Position, um sich darin zu befinden. Sie ist allerdings auch – wenigstens in meinem Falle – zu einem gewissen Maße schlicht nicht Ausdruck dessen, was ich möchte.
Ich muss wirklich nicht noch ein Gespräch darüber führen, ob jetzt „The Last Jedi“ oder „The Rise of Skywalker“ Star Wars zerstört habe. Echt nicht.

Das führte zwangsläufig natürlich zu der Frage, ob das eine egoistische, vielleicht sogar narzisstische Position ist. Wer Sender sein möchte, ohne Empfänger zu sein, nimmt zweifelsohne eine Position ein, in der er scheinbar seine Botschaft höher einordnet als die anderer Leute.
Aber bei näherer Betrachtung ist es ja nicht der Fall. Die Kommentare auf der DORP, auf YouTube und hier im Blog sind immer offen. Und wie immer gilt: Ich antworte vielleicht nicht immer, aber ich lese sie alle.
Auch kann man mir immer Mails schicken. Egal ob an info AT thomas-michalski.de oder an thomas.michalski AT die-dorp.de, ich bin zu erreichen.
Aber dieses konstante, ununterbrochen andauernde Gespräch, dieses colloquium omnium contra omnes, da muss ich einfach raus.
Da … bin ich nun raus.

Eines gehört noch gesagt: Ich mag daran scheitern. Es haben genug Leute vor mir schon ihre sozialmedialen Hüte genommen, nur um dann 30, 60, 90 Tage später wieder aufzutauchen. Das ist denkbar. Aber meine Wortwahl ist bewusst, es wäre aus meiner heutigen Sicht ein Scheitern.

Also, was passiert nun.
Löschen werde ich keinen Account. Der Twitter-Account wird bleiben, wird aber vor allem eine Weiterleitung dieses Blogs sein. Wenn ihr also auf mehr Inhalte hofft, sorry. Wenn ihr Feedback habt, aber dort antwortet, sorry. Wenn ihr darauf keinen Bock habt und geht – fair. Vermutlich werde ich Twitter tatsächlich auf den meisten meiner Endgeräte auch einfach sperren.
Facebook wird bleiben, aber vor allem weil ich auch beruflich nicht um den Messenger herumkomme und weil ich dort einige Seiten mitbetreue. Erwartet keine persönliche Beteiligung.
Dieser Blog wird, wie es einst war, mehr oder weniger Ground Zero meiner Gedanken. Wenn ihr wissen wollt, was ich so treibe, ist es sicherlich nicht verkehrt, mir hier zu folgen. Wahlweise via WordPress, via Mail oder per RSS-Feed. Ist alles im rechten Menü zu finden.
Die DORP bleibt unberührt.

Generell gilt, wenn euch das nicht passt, euch das ärgert oder ihr halt einfach keine Lust habt, mir anderweitig zu folgen – das passt schon.

Was ich mir erhoffe, und was ich über die letzten Wochen teils rückblickend bemerkt habe, sind stärkerer Fokus bei den Dingen die ich tue, und einfach generell mehr Zeit – es ist irre, wie lange wir alle pro Tag auf unsere kleinen Bildschirme starren.
Was ich zudem wie gesagt bemerkt habe, ist, wie schnell es geht, dass einem der ganze Kram fremd erscheint. Auch etwa, wie oft, wie stetig und wie schamlos Leute im persönlichen Beisammensein für teils lange Momente auf ihr Handy schauen. Das ist ein eigenes Thema, aber es sind Momente, in denen man Leute bitten wollen würde, doch einfach gerade im Hier und Jetzt zu sein. Zumindest, wenn man sich dann nicht langsam wie ein Guru fühlen würde mit all den Achtsamkeits-Aufrufen.
Für mich aber ist es das Ziel, das Ziel für dieses Jahr.
Mehr im Hier und Jetzt sein.

Ach ja, ein Gedanke zum Schluss – nichtig und klein, der Titel dieses Artikels und die schon mal weiter oben gebrauchte Formulierung, ist natürlich ein Zitat aus „Über den Wolken“. Reinhard Mey geht ja eigentlich immer, aber hier trifft es auch einfach so gut dieses unerwartete Gefühl, in das ich da geraten bin.
Nur braucht es in diesem Fall keine Startbahn null drei, keine im Regengrau verschwimmenden Lichter, um das, was uns groß und wichtig erscheint, nichtig und klein wirken zu lassen.
Es reicht auch einfach, das Handy wegzustecken oder den Browser zu schließen.

Viele Grüße,
Thomas

4 Kommentare zu “Nichtig und klein

  1. Verständlicher Weg. Schade, denn alle deine Beiträge haben meine Timeline bereichert.

    Dann muss ich wohl noch intensiver DORPCAST hören.

  2. Pingback: Die kleine Playlist zum sozial-medialen Ausstieg | Seelenworte

  3. Ich finde eine Reduktion des medialen Dauerkonsums bei gleichzeitigem Beibehalten des eigenen Outputs keineswegs narzisstisch. Eher einen Anzeichen von geistiger Gesundheit. Das tun oder lassen was für einen selbst das Beste ist wollen doch die meisten von uns. Herauszufinden was das ist, das ist die eigentliche Herausforderung.

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