Die Sonne, die im Winter schien

Hallo zusammen!

Erinnert ihr euch vielleicht noch vage an das Gedicht, das ich vor etwas mehr als einem Jahr hier zitiert habe? Es stammt aus der Textsammlung Die torlose Schranke, einem Prä-Zen-Text, in dessen 20. Kōan sich folgende Zeilen finden:

Im Frühling hunderte Blumen; im Herbst der Erntemond;
Im Sommer eine frische Brise; im Winter schließt Schnee sich dir an.
Wenn dir sinnlose Dinge nicht in deinen Gedanken nachhängen, ist für dich jede Jahreszeit gut.

(Deutsch von mir; aus einer englischen Übersetzung von Reps/Zenzaki.)

Und lange habe ich die Wahrheit dieser Worte nicht mehr so gespürt wie jetzt in meinem jüngst vergangenen Urlaub. Es ging wie eigentlich stets zu dieser Jahreszeit in den Schwarzwald und die Erwartung war – gerade wenn das Vorjahr irgendeinen Indikator darstellt – kniehoch durch Schnee schreiten zu können.
Nun, es war die Erwartung, aber was wir bekamen war ein extremes Gegenteil. Mit einer Temperatur von bis zu 25°C in der Sonne war an Schnee nicht zu denken. Natürlich, in der Sonne, die Lufttemperatur war deutlich niedriger, sodass wir beim Wandern dennoch nicht an Jacken und Pullovern vorbeikamen, aber trotzdem, Winter war das nicht. Nicht gefühlt zumindest.

Warum also schreibe ich von der gespürten Wahrheit jenes Gedichts? Der Vers „im Winter schließt Schnee sich dir an“ war es ja offenkundig nicht. Aber der danach, in dem liegt denke ich der wahre Kern: „Wenn dir sinnlose Dinge nicht in deinen Gedanken nachhängen, ist für dich jede Jahreszeit gut.“

Und gut, gut war es. Es roch zwar nicht nach Winter – was schade ist –, aber dafür hingen Dutzende anderer Gerüche in der Luft. Und blieb uns zwar das schöne, strahlende Weiß geschlossener Schneedecken vorenthalten, aber dafür bot die Landschaft dutzende anderer, toller Grün- und Braunschattierungen feil. Und es lag zwar nicht dieser kalte, beißende Winterwind in der Luft, den ich so gerne in meinem Gesicht spüre, aber die kristallklare Witterung ließ uns jeden Tag auf die fernen Alpen in deinem Detailgrad schauen, als stünden wir direkt davor.
Kurzum, es war nicht, was wir erwartet haben, aber es war wieder einmal wunderschön.

Und es war wie jedes Jahr eine gute Zeit, um noch einmal durchzuatmen, bevor der ganze Alltag wieder losgeht. Es ist so eine wertvolle Zeit, ein Ritual, was wir uns dort geschaffen haben. Wo nach Weihnachten und Neujahr der Rest der Welt voll guter Vorsätze und erwartetem Tatendrang die Ärmel hochkrempelt, nehmen wir uns noch einen Moment. Ein letztes Zentrum der Ruhe. Ein Chance, noch einmal nicht in Aktionismus, sondern in Reflexion darüber nachzudenken, was dieses neue Jahr 2020 uns bringen wird, bringen soll, bringen könnte.
Welche Ziele, welche Wünsche haben wir? Und wichtiger vielleicht noch: Wo stehen wir überhaupt? Das Ziel zu kennen ist schön und gut, aber eine Route ergibt sich nur im Zusammenspiel mit einem Startpunkt.

Natürlich, ich will das wie immer nicht zu hoch hängen, wurde auch viel gespielt, gelesen, geschaut. Nicht jede Wanderung ist zwangsläufig eine neue Selbsterfahrung und viel hat auch einfach damit zu tun, schöne Natur zu gucken, schöne Eindrücke zu sammeln. Gehen ist eine wundervolle Meditation, aber das ist ein Thema für ein anderes Mal.
In manchem sind wir wohl auch einfach älter geworden – gemessen an unseren ersten Schwarzwald-Touren ist unser Essen extrem gesünder geworden, unser Alkoholkonsum massiv gesunken. Man reift ja auch.
Es war einfach eine gute Zeit – aber nichtsdestotrotz kehre ich auch dieses Mal mit einem bemerkenswert geschärften Selbstgefühl zurück.

Irgendwelche großen Erkenntnisse, mag man fragen? Irgendwelche Epiphanien?
Ja, ja vielleicht eine. Nichts, was die Menschheit maßgeblich verändern wird, aber mich vielleicht. Zumindest ein wenig.
Aber darüber schreibe ich morgen, das ist ein Thema ganz für sich.

Bis morgen also!

Viele Grüße,
Thomas

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