Vergängliche Kunst, performante Kunst

Hallo zusammen!

Theater zu spielen, so soll Theaterregisseur Peter Brook gesagt haben, sei, wie Nachrichten in schmelzenden Schnee zu schreiben.1
Ich mag dieses Bild. Theater (und breiter: jede Bühnendarbietung) ist eine Form von verfänglicher Kunst. Eine spezifische Aufführung, aber auch generell die Inszenierung eines spezifischen Ensembles. Und wichtig: Sie findet unweigerlich ein Ende. Und wenn der buchstäblich letzte Vorhang gefallen ist, dann war es das. Wer es nicht gesehen hat, der wird es auch nicht mehr tun.
Sicherlich, man kann es filmen – und darauf komme ich gleich noch zurück – aber selbst wenn, so ist das Ergebnis doch völlig ungleich zu dem, was die Zuschauer im Saal erlebt haben.

Kurze Auffrischung zu Walter Benjamins Aura-Theorie gefällig? Benjamin bezeichnet mit dem Begriff der Aura eine Eigenschaft von Kunstwerken, die ihnen nicht zuletzt durch ihre Echtheit und Einmaligkeit verliehen wird. Vereinfacht gesagt: Die Wirkung eines echten Ölgemäldes spielt sich auf so vielen Ebenen ab, visuell, olfaktorisch, haptisch, dass beispielsweise eine Kopie dem nicht gerecht werden kann. Und es ist einmalig, es kann nicht von jedem, nicht überall gehabt werden, was auch zu dieser Aura beiträgt. Darum argumentiert Benjamin in seinem „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ auch mehr oder weniger, die Verfielfältung zur Befriedigung der Massen lasse die Aura der fraglichen Kunstwerke verkümmern.

Und in gewisser Weise deckt sich das denke ich mit meinen Gedanken zum Theater, denn die Wahrnehmung – Benjamin würde vermutlich sagen die Apperzeption – des Bühnenstücks findet auf einer ganz anderen Ebene statt als die einer Aufzeichnung.

Wie komme ich drauf? Über die fantastische Verfilmung, oder sagen wir Aufzeichnung von Hamilton, die auf Disney+ angelandet ist.
Ehrlich, das Musical ist zu einem Maße großartig, dass ich zum ersten Mal seit vielen Jahren bei einem wie auch immer gearteten Kunstwerk einräume, dass ich keine Idee habe, wie man so etwas … macht. Die Leistung aller Beteiligten daran ist in einem Maße auf einem hohen Niveau, dass es mich selbst in dieser Aufzeichnung begeistern konnte. Völlig.

Zugleich dachte ich an meine eigenen Theatererfahrungen. Nicht auf der Bühne – das ist nicht meine Welt – aber beispielsweise in Zusammenarbeit mit Actor’s Nausea, der Theatergruppe des Anglistischen Instituts der RWTH Aachen, bei denen ich über Jahre hinter den Kulissen in irgendeiner Form mitgewirkt und zahlreiche Poster gestaltet habe. (Es ist aber wirklich nur ein Beispiel; ich hatte ja manche Berührungspunkte mit Bühnen, seien es meine Videoinstallationen für das Ballett-Atelier oder meine Foto-Dokumentationen für die Schultheatertage Aachen über mehrere Jahre …)
Und immer wieder wurde ich über die Jahre daran erinnert, dass dort, wo meine Kunsthandwerke – das Schreiben, Malen, Layout, Fotografie, Film – persistent sind, also von Dauer, all das, was auf der Bühne passiert, vielmehr transient ist. Vergänglich.

Das erste Mal, dass ich das gespürt habe, war eine Inszenierung von Arthur Millers The Crucible.2 Das ist schon über zehn Jahre her und es war ein Stück von Actor’s Nausea. Das bedeutet natürlich, dass ich voreingenommen bin, aber in der Sache ist das tatsächlich nebensächlich. Wer das Stück aber kennt, der weiß, dass es eine ziemlich intensive Geschichte ist, die gerade nach hinten raus emotional extrem eskaliert. Und wenngleich in meiner Erinnerung die Schauspieler im letzten Akt mehr oder weniger nur gegeneinander angeschrien haben, tat dies der Sache keinen Abbruch. Im Gegenteil. Die reale, physische Nähe zu den Anwesenden, die ungefilterte, geradezu körperliche Reaktion auf den (gespielten) Zorn auf der Bühne, die kann beispielsweise Film nicht in der gleichen, unsere tiefsten Instinkte berührenden Art transportieren wie ein Bühnenstück.
Ich war bei jeder der Aufführungen damals im Saal und an jedem Abend, wenn Elizabeth Proctor am Ende erklärte: „He have his goodness now, God forbid I take it from him“, dann war ich emotional einfach fertig.

Das ist aber auch nichts, was nun speziell an Millers Stück lag. Dieses instinktive Kratzen am Fight-or-Flight-Reflex durch körperlich nahe Aggression hat etwa eine Aufführung von A Clockwork Orange durch die Bonn University Shakespeare Company – mit der ich wiederum nie wirklich zu tun hatte – auch geschafft.
Es ist aber auch nicht die einzige Reaktion dieser Art. Als Actor’s Nausea Metamorphoses gespielt hat – nach Ovids „Metamorphosen“ in einer Adaption von Mary Zimmerman – war das zentrale Element ein riesiges Wasserbecken in der Mitte der Bühne. Ein Becken, um das nicht nur herumgespielt wurde, sondern in dem auch gespielt wurde.
Und mehr als die meisten Bühnenstücke, die ich gesehen habe, war das wirklich eine allsinnliche Erfahrung. Die immense Luftfeuchtigkeit im Saal, der Geruch des Wassers, die kühle Brise, die eine an einer Stelle eingesetzte Dusche in dem ganzen Raum verbreitet hat. Dazu eine sehr aufwendige Ausleuchtung, das Stück selber – kurzum, es ging weit über bloßes Zuschauen hinaus.

Aber reden wir doch mal über das Stück, das vermutlich die meisten entweder gesehen oder gehört haben:
Hamilton.
Dank Disney+ bin ich nun auch endlich zumindest in den Genuss der Aufzeichnung des Stückes gekommen und ich will mich hier gar nicht endlos mit einer Rezension befassen – um es kurz zu machen ist es vermutlich das in seiner Gesamtkomposition beeindruckendste Bühnenstück, das ich in sehr, sehr vielen Jahren gesehen habe.
Ich verstehe wie Filme gemacht, Bücher geschrieben, Bilder gemalt werden. Das heißt nicht, dass ich das alles so gut kann wie andere, aber ich kann es irgendwie erfassen. Lin-Manuel Mirandas Gesamtkomposition hingegen ist etwas, woran ich glaube ich noch eine ganze Weile knabbern werde.

Und das, obwohl es „nur“ die auralose Aufnahme ist. Was mich daran aber auch wiederum fasziniert, ist, dass es nicht einfach eine gefilmte Aufführung ist. Nicht nur, dass es vielmehr eine Komposition aus mehreren Aufführungen und einigen eigens dafür gemachten Aufnahmen ist – beachtlich ist auch, dass der Impuls zur Aufnahme vom Ensemble ausging und das auch nicht von irgendeinem Sender oder Studio finanziert wurde.
Das ganze als „Hamilfilm“ zu bewerben hat sicherlich vor allem dem Marketing gute Dienste geleistet, aber es ist auch zugleich etwas dran. Es ist eine intentionale Aufzeichnung eines transienten Kunstwerks. Mehr noch, spätestens dadurch dass sie auch an einigen eigentlich freien Tagen dort waren um beispielsweise Nahaufnahmen zu drehen, die ansonsten die Kameraleute sichtbar für das Publikum auf die Bühne gestellt hätten, ist es eine faszinierende Überführung eines transienten Kunstwerks in eine persistente Form.
Miranda beschreibt es in einem Interview so, dass sie gewissermaßen einen Indie-Film gedreht haben, während sie gleichzeitig am Broadway aufgetreten sind – das trifft es schon recht gut.3
Diese Aufzeichnung trägt auch, anders als beispielsweise ein klassischer Film, der über eine lange Zeit quasi zur Perfektion getrieben wird, viel stärker die Handschrift jener Einzelaufführungen. Wenn Miranda betont, dass die Müdigkeit in Hamiltons Zügen nicht zuletzt an seiner Mehrbelastung zwischen Bühnenstück und Filmdreh lag, dann ist das eine Nähe zum Bühnenalltag, die uns ein Hollywood-Film sicherlich verweigern würde.
Der ein oder andere mag sich nun denken: „Ja, und?“ – aber vielleicht könnt ihr mir ja auch folgen und ahnt, warum mich das so fasziniert.4

Und das hat mich zu einer weiteren und für mich persönlich deutlich immanenteren Überlegung geführt; das, im Zusammenspiel mit einem Kommentar, den wir jüngst zu einem DORPCast bekommen haben. Unter Folge 162: Regeln hier, Setting da kommentiert Nutzer Thomas der Zweite: „irgendwie ne kurze Folge heute“.
Stimmt durchaus, führte mich aber zu der Frage, warum eigentlich.
Ich denke, dass eine gewisse Willkür in der Länge unserer Folgen steckt, liegt daran, dass wir ja kein geskriptetes Format aufbereiten, sondern das mehr oder weniger spontan machen.
Spontan nicht in dem Sinne, dass wir nicht vorbereitet wären, aber in gewisser Weise ist der DORPCast (wie vermutlich jedes Two-Dudes-Talking-Format) eine Art Improvisationsformat. Wir wissen zwar grob, worüber der andere jeweils reden will, aber es steckt (zumindest aus meiner Sicht, ich will Michael da nichts in den Mund legen) ein gewisser Reiz darin, wie wir uns die Bälle zuspielen und wie es uns ja doch immer wieder auch mal gelingt, uns gegenseitig zu überraschen.
Insofern ist jede Folge in gewisser Weise eine Performance, wenngleich eben eine, die nicht live dargeboten wird, sondern die explizit der Aufzeichnung dient. Das ist aber auch der Grund, warum ich zwar den Fluss störende Versprecher und manchmal beim Schnitt bemerkte, offenkundige Fehler herausschneide, aber nicht zwingend wie wir uns mal ins Wort fallen, wie wir lachen, manchmal Fäden verlieren. Das gehört für mich dazu, die Performanz5 ist Teil des Gesamtwerks.
Das gilt nicht für jeden Podcast – so etwas wie Serial ist ein minutiös geplanter Beitrag, der weit mehr an ein Radioprogramm erinnert als an das, was wir da machen. Und umgekehrt gibt es auch Radio- und Fernsehprogramme, bei denen beispielsweise Spontanität einen hohen Stellenwert einnimmt. Unsere mittlerweile ja schon länger etablierten Selbst-Resümees am Ende der Folgen hab ich ja auch schamlos von Roche & Böhmermann entliehen.

Aber doch interessant – zumindest aus meiner Sicht. So haben wir nun Werke und Formate, die entweder in ihrem Kern transient sind oder zumindest starke Eigenschaften mit ihnen teilen, denen aber dennoch ein dauerhafter Charakter verliehen wird. Da ist es gewissermaßen ja nur noch ein Sahnehäubchen, wenn man bedenkt, wie stark es in Hamilton eben auch um das Erschaffen von etwas geht, das Bestand haben wird – „Legacy, what is a legacy? / It’s planting seeds in a garden you never get to see / I wrote some notes at the beginning of a song someone will sing for me“. Nicht, dass das Musical die Aufzeichnung noch gebraucht hätte, um die Welt zu verändern – das hat es in mancher Weise längst getan. Aber es ist doch eine weitere Facette.6
So gut und wichtig Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ist, so begrenzt ist es natürlich in den Verfahren technischer Reproduktion, die ein mittlerweile 85 Jahre alter Text thematisieren konnte.
Irgendwie haben wir denke ich durchaus Wege gefunden, reproduzierbare Werke zu schaffen, denen in gewisser Weise eben doch eine Aura innewohnt. Vielleicht nicht zwingend in Benjamins Sinne … aber irgendwie halt schon.
Und ich gebe zu … das fasziniert mich.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Ich schreibe „soll“, denn ich konnte das Zitat für den Artikel nicht als Primärquelle auftun. Wer damit an mehreren Stellen im Internet zitiert wird ist hingegen Lin-Manuel Miranda, eine gewisse Ironie, aus Richtung dieses Artikels betrachtet. 
  2. Hexenjagd auf deutsch. Übrigens ein leider heute wieder sehr zeitgemäßes Stück, das ich jedem ans Herz legen mag. 
  3. Alle Interview-Paraphrasen Mirandas in diesem Blogartikel fußen übrigens auf diesem Interview hier, das sogar die hier einleitende Schnee-Metapher ebenfalls referenziert. Ich bin kein großer Fan von Ali Plumb, auch nicht in dem Interview, aber die Antworten sind trotzdem gut. 
  4. Und bevor jemand kommentiert – ja, mir ist klar, das auch andere Bühnenstücke aufgezeichnet werden. Wenn auch Aufzeichnungen am Broadway mit der ursprünglichen Besetzung schon seltener sind. Aber ja, klar, selbst besagtes Actor’s Nausea hat schon mehrere Aufführungen gefilmt um daraus einen Film zu machen. Aber: Nicht bis zu dem Punkt, an dem eigens dafür noch mal gespielt wurde. 
  5. Ich möchte an der Stelle nicht zu technisch werden, aber ich meine hier wirklich Performanz, nicht Performance. Performanz ist ein linguistischer Begriff nach Chomsky und bezeichnet, ganz vereinfacht, den eigentlichen Sprechakt, den Akt der Sprachbenutzung. 
  6. Nebenbei, ein ganz eigenes Thema für ein anderes Mal ist, inwiefern der Stellenwert der nicht-reproduzierbaren Aura abzuwägen ist beispielsweise gegen die Kraft einer gemeinsamen, geteilten, kulturellen Erfahrung. Benjamins Gedanken in die Richtung sind tendenziell negativ, aber es ist ja durchaus eine relevante Frage, ob wir nicht gerade, durch den Verlust zentraler, gesamtgesellschaftlich konsumierter Medien auch einen Verlust einer gesamtgesellschaftlichen (medialen) Identität beobachten. Aber wie ich schon sagte – ein Thema für ein anderes Mal. 

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