Der Künstler im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Hallo zusammen!

Mich treibt da schon seit ein paar Tagen ein Gedanke um; ein Gedanke, den ich heute mal mit euch teilen möchte. Seinen Anfang nahm er mit einem sehr kurzen Online-Video:

Das dort ist H.P. Lovecraft. Also … nein. Natürlich hat Lovecraft sich nie an einer Coverversion von Rick Astley versucht, aber ihr seht ja nun das Video. Und als ich mich von dem aus durch einige Empfehlungen klickte, stieß ich noch auf etwas anderes:
Das ist Alec Guiness, der H.P. Lovecrafts „Call of Cthulhu“ liest. Also … nein. Es ist nicht Alec Guiness, aber ihr hört ja nun den Ton des Videoclips.

Beides fällt in die Kategorie Deepfake, ein Begriff, der Medienhalte beschreibt – also Bild und Ton – die durch maschinelles Lernen und künstliche neuronale Netzwerke abgeändert wurden; das, was immer so mittel-falsch als „künstliche Intelligenz“ läuft. Klar gesprochen also: Kein Mensch hat Lovecraft so animiert, dass er „Never Gonna Give You Up“ singt. Kein Mensch hat Sprache so abgemischt, dass sie (halbwegs) wie Alec Guiness klingt. Diese Inhalte wurden durch einen Computer generiert. (Wer in diese ganze Thematik tiefer einsteigen möchte, der kann hier denke ich einen unterhaltsamen Einstieg finden.)

Aber während der Begriff „Deepfake“ tatsächlich auf audiovisuelle Inhalte abzielt, ist das nicht der Punkt, an dem künstliche Intelligenz zwingend endet. Da wäre der Algorithmus, der Bilder auf Basis von Texteingaben erstellt, das von einer KI geschaffene Portrait, das für über 400.000 Dollar bei Christie’s versteigert wurde und die KI, die in der Lage ist Musik unterschiedlichster Stile inklusive Gesang zu generieren.

Und wer wie ich generell eher im Text-Bereich unterwegs ist, der ist vielleicht schon mal auf DeepStory gestoßen, ein neuronales Netz, das Drehbücher generiert. Was letztlich all diese Beispiele verbindet, ist natürlich, dass das noch alles sehr grob ist. Egal ob der singende Lovecraft oder mein gerade mal generiertes DeepStory-Drehbuch, das ist alles noch sehr, sehr roh. Es wäre aber ein Fehler, sich davon täuschen zu lassen und das als Zukunftsspinnereien abzutun – erst letztes Jahr hat Forbes einen spannenden Artikel über ‚automatisierten Journalismus‘ veröffentlicht und die Chancen stehen gar nicht schlecht, dass auch ihr schon mal einen Artikel online gelesen habt, der auf Basis gesetzter Parameter automatisiert erschaffen wurde, anstelle von einem Menschen geschrieben worden zu sein.

Jetzt mag der erste Einwurf sein, dass das zwar sein könne, aber am Ende doch alles immer vor allem eine Rekombination bestehender Elemente wäre. Das … stimmt, auf einem sehr allgemeinen Level. Aber es klammert einerseits die Frage aus, ob nicht auch das, was Menschen heute erschaffen, letztlich Rekombinationen bekannter Elemente sind (das führt dann nicht zuletzt zu diesen Thesen, dass es eh nur sieben verschiedene Geschichts-Typen gäbe und dergleichen), und dass diese Grenzen andererseits natürlich umso mehr verwischen, desto größer der Datenbestand dieser Netzwerke ist, aus denen sie schöpfen können. Keine Frage – wir sind noch nicht wirklich an dem Punkt, an dem etwa DeepStory überzeugende Drehbücher generiert, aber es wäre vermutlich naiv zu glauben, dass dieser Punkt nicht irgendwann käme.

Oder?
Reden wir (mal wieder, ich weiß) über Walter Benjamin. Benjamin war deutscher Philosoph und Kulturkritiker, und er ist der Urheber einer Schrift, die mich seit vielen Jahren in ihrem Bann hält: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. (Daher auch mein eigener Artikel-Titel hier.)
In diesem inzwischen übrigens gemeinfreien Text thematisiert er in den 1930er Jahren den Begriff der Aura. Die Aura ist etwas, was einem Kunstwerk anhaftet und was bei seiner technischen Reproduktion verlorengeht. Er spricht von der Echtheit eines Objektes, ein Gesamteindruck, der sich aus dem Hier und Jetzt eines Kunstwerks, aus seiner Geschichte und seiner materiellen Beschaffenheit speist. Das dreidimensionale Relief der Ölfarbe, ihr Geruch, auch Abnutzungsspuren, die Vergänglichkeit einer live erlebten Darbietung – vieles kann durch den Begriff der Aura potenziell umfasst und berührt werden.
(Ich habe das hier auch schon oft, mal explizit, mal implizit gestreift. Im Bezug auf Bühnen-Aufführungen etwa hier und auch hier.)

Der Gedanke aber, der mich nun umtreibt, ist: Ist es womöglich auch eine Form von Aura, die diesen letztlich computergenerierten Werken fehlt? Sind sie, egal wie gut sie werden, letztlich nur eine Imitation des Menschlichen; also jenem, was aneinandergereihte Worte zu etwas transformiert, das Lesende in ihrem Innersten berühren kann? Werden neuronale Netze immer nur Simulacra erschaffen, Kopien ohne Orginal, die zwar auf dem Papier alle Kriterien ihrer jeweiligen Kunstfertigkeit abhaken, aber schlussendlich doch fundamental leer bleiben?

Darauf folgend aber durchaus auch die Frage: Wird das am Ende eine Rolle spielen? Wenn Computer nur gut genug darin werden, so zu tun als wären sie kreativ, spielt es dann am Ende eine Rolle, dass sie es nicht sind? Können Computer so gut darin werden, Emotionen vorzutäuschen, dass es dazu reicht, dass das Werk einen Betrachter innerlich berühren kann? (Und der Idee hinter dem Turing-Test folgend – wer bestimmt eigentlich, was genuine Kreativität ist und wo sind wir gewillt, eine Grenze zu ziehen?)

Vielleicht steuern wir auch auf eine Zukunft zu, in der menschgemachte Kunst eher etwas für Nostalgiker ist? So wie heute die einen noch (oder wieder) auf Vinyl schwören, auf die Haptik des Materials und den Klang des analogen Prozesses, während andere ratlos von ihren digitalen Musikstreams aufschauen und sich fragen, warum sich jemand diese Mühe macht? (Ich erzähle hier beizeiten aber gerne mal, warum ich mir diese Mühe mache.)
Und natürlich hat es nicht den gleichen, ethischen Hintergrund, der manchen hoffen lässt, dass Fleisch aus der Petrischale bald marktreif wird – aber so in der Art? Nicht der Tradition folgend echt, aber auch nicht von dem Echten zu unterscheiden? Synthetische Literatur und giftige Diskussionen darüber, ob man den Unterschied bemerke oder ob das nicht nur Einbildung sei; so wie Diskussionen um den wärmeren Klang von Vinyl?

Ich glaube es eigentlich nicht. Einerseits weil ich glaube, dass all diese Digitalisierungsgedanken keine Garantie sind. Der Musikstream hat vielleicht die physischen Datenträger zu einer Liebhaberei gemacht, aber das digitale Buch beispielsweise hat es ja entgegen aller Prognosen auch nach all den Jahren nicht geschafft, das analogen Pendant zu verdrängen. Nicht mal in der Pandemie mit all ihren Problemen, physische Güter zu beziehen; au contraire.

Es wird niemanden, der hier öfter mitliest, überraschen, aber ich glaube im Gegenteil sogar, dass wir eine gute Chance haben, in den kommenden Jahren vielmehr den gegenläufigen Trend zu sehen. Ganz so wie Zoom und Discord zweifelsohne essenziell darin sind, in unserer COVID-gezeichneten Welt ein wenig bei Sinnen zu bleiben und etwa den Kontakt zu Freunden wahren zu können, ich aber zugleich sicher bin, die Mehrheit der Leute freut sich auf den Tag, an dem sie jene Freunde mal wieder physisch treffen kann. In den Arm nehmen. Mit allen Sinnen – gewissermaßen – deren Aura erfahren.
Mein Kumpel Michael unkt gerne, dass ich mehr und mehr zu jemandem würde, der lieber ‚was mit Holz‘ macht als was Digitales. Das ist zwar vereinfachend gesagt – ich meine, ich schreibe diesen Artikel hier ja nicht mit Feder und Tinte – aber es ist auch nicht ganz falsch.
Ich denke, die Menschen möchten Auren. Sie möchten Dinge mit Geschichte. Ich denke sie sind bereit, Bequemlichkeit und Perfektion einzutauschen gegen etwas, was Echtheit besitzt. Das ist natürlich am Ende auch eine Frage von Privilegien, von Geld und Möglichkeiten, aber ich glaube, je mehr wir mit Dingen konfrontiert werden, die keine Aura haben, keine Echtheit, die leer sind – desto mehr werden wir realisieren, was fehlt.

Aber wer weiß; ich mag da irren. Vielleicht sind menschliche Künstler auch am Ende vielmehr so etwas wie die Eule in Blade Runner. Etwas, was so überzeugend wirkt, dass nicht mal ein Fachmann wie Deckard erkennt, ob es ein Lebewesen ist oder nicht, und dessen Echtheit Rachel zwar verneint, aber dabei der Kontext so viel Zweifel säht, das man sich noch immer nicht sicher ist.
Rachel. Die ihrerseits kein Mensch ist, aber trotz allem vielleicht allzu echt.

Viele Grüße,
Thomas

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