Weil so viele fragen: Ich bin wohlauf

Hallo zusammen!

Ich wollte einen Artikel dieser Art eigentlich gar nicht schreiben, aber weil die Fragen mich nach wie vor mit einer konstanten Regelmäßigkeit auch über meinen direkten Freundeskreis hinaus erreichen: Ja, ich bin wohlauf.
Ja, das Schleiden, was in den Medien als einer der Orte in der Eifel herangeführt wird, wo die Flut besonders schwer zugeschlagen hat, ist mein Schleiden, also das, wo ich wohne. Aber durch einfach pures, unverschämtes, großes Glück bin ich nahezu unversehrt durch die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag gekommen. Etwas, was man von Schleiden selbst nicht sagen kann.
Und weil das oft mitgefragt wird: Ja, das restliche DORP-Volk, das auch in der Eifel wohnt, ist ebenfalls wohlauf, an Leib und Leben ebenso wie Hab und Gut alles in allem unversehrt durch die Katastrophe gekommen. Wir waren ohne Strom – in meinem speziellen Fall etwa 20 Stunden, einige kürzer, andere länger – und wir müssen derzeit, sofern die Versorgung funktioniert, unser Wasser abkochen, um es trinken zu können, aber ansonsten alles im grünen Bereich.

Wie gesagt: Uns geht es gut, Schleiden (und noch mehr etwa Nachbarort Gemünd) nicht. Es ist ein geflügelter und leichtfertiger Ausdruck, wenn einer sagt, etwas habe ausgesehen wie „nach’m Kriesch“, aber hier ist es einfach wahr. Die Bilder, die ihr in den Medien gesehen habt, sind nicht überzogen und vermitteln tatsächlich nur im Ansatz, wie erschütternd der Eindruck ist.
Ich möchte aber zugleich an dieser Stelle nicht ins Detail gehen. Unsere Lokalzeitung, der Wochenspiegel, hat hier Aufnahmen aus besagtem Gemünd veröffentlicht, falls ihr nach Eindrücken sucht. Doch alles, was sich da derzeit teils zwischen Trümmertourismus und überregionalem Betroffenheitsjournalismus abspielt, ist auf je eigene Arten problematisch, und niemand braucht meine Eindrücke „vor Ort“. Schleiden ist der Ort meiner Kindheit, und selbst wenn ich persönlich verschont blieb, bin ich ab Ende einfach traurig und fassungslos.

Aber ich dachte, wenn ich dies hier schon schreibe, dann möchte ich zumindest ungeachtet der direkten, konkreten Lage vor Ort noch ein, zwei Eindrücke weitergeben. Ich habe im Dezember letzten Jahres an zwei Punkten bereits einen Gedanken touchiert, der mir auch gerade nicht aus dem Kopf geht: Diese moderne Gesellschaft, in der wir leben, ist ein fragiles Konstrukt, das nur von einem dünnen Schleier zusammengehalten wird.
Ich tangierte das in meinem Text über das Privileg, das Ende einer Geschichte zu erleben und es war gewissermaßen das Thema meines Neujahrsgrußes 2020, aber meine Sicht darauf ist in den letzten Tagen nur noch viel, viel krasser geworden.

Als ich diese Zeilen 2020 schrieb, dann geschah dies natürlich unter den Eindrücken der Corona-Pandemie. Eingeschränkte Freiheiten, fehlendes Klopapier – ihr wisst es ja alles, ihr wart alle dabei.
Aber so krass und einschneidend all das war – und das war es –, denkt euch, ihr verliert über Nacht Strom, Mobilfunknetz und in einigen Fällen fließendes Wasser. Wir alle kennen diese Meldungen regelmäßig aus dem Fernsehen, aber denkt es mal wirklich durch. Kein Strom heißt anno VoIP kein Festnetztelefon; fällt auch das Handynetz aus habt ihr keine Chance, nachzufragen, wie es euren Liebsten geht. Oder ihnen zu sagen, dass ihr in Ordnung seid. Oder schlimmer: Hilfe braucht.
Wasser abkochen zu müssen ist ja die eine Sache, aber wie viele Haushalte sind inzwischen gar nicht mehr in der Lage, das Wasser überhaupt zu kochen, solange kein Strom vorhanden ist? Klar kann man Wasser auch kaufen, aber nicht, wenn es keine Geschäfte mehr gibt. Klar kann man sowas dann bestellen, aber nicht, wenn keine Post mehr existiert.
Und dabei rede ich dann noch gar nicht von den schrecklichen, unvorstellbaren Schicksalen all derer, die schlicht über Nacht alles an die Fluten verloren haben. Erst in solchen Momenten erkennt man, wie schnell wir an Grenzen stoßen, weil so viele Annehmlichkeiten unseres Lebens zu Selbstverständlichkeiten geworden sind.

Doch keine Sorge, dies ist kein uncharakteristisches Abtauchen in Nihilismus hier und auch keine Brandrede des Preppertums, denn es gibt auch noch eine andere Seite. Als ich Donnerstagmorgen durch Schleiden ging – noch gar nicht ahnend, was für ein Bild sich mir dort bieten würde –, war das eine, was die Szenerie abseits aller Zerstörung und Fassungslosigkeit dominierte, die Hilfsbereitschaft der Leute. Und das ist der versöhnliche Bogen: Unsere moderne Gesellschaft ist fragil und instabil, aber zumindest hier kann ich sagen – die Gemeinschaft ist stark. Der Eifler ist im Klischee von einer gewissen hemdsärmeligen Sturheit, aber in Momenten wie diesen ist das glaube ich schlicht ein Segen. Tag 3 nach der Flut, und der erste Supermarkt ist mehr oder weniger offen, Wasserabgabestellen wurden errichtet, Gulaschkanonen sind im Einsatz, Essensspenden werden verteilt.
Menschen helfen einander. Und da liegt meine Hoffnung.

Eine letzte Bitte meinerseits, dann soll es das für heute auch sein: In Krisen wie diesen gilt noch mehr, was eigentlich immer gilt, nämlich, dass man aufpassen muss, welche Informationen man unbedacht wohin weiterträgt. Gerade am Donnerstag – dem Tag nach der Flut, an dem wir erst mal uralte Radios herauskramen mussten, die mit Batterien zu betreiben waren, in der Hoffnung zumindest auf dem Weg überhaupt zu erfahren, was jenseits der eigenen Sichtweite gerade passiert – waren so unendlich viele Gerüchte im Umlauf. Und zwar vor Ort wie auch in den Medien, sodass es für alle einfach schwer war, überhaupt zu erfassen, was passiert.
Faustregel: Je extremer die Botschaft, je größer der Aufreger, je intensiver das Skandalon ist, desto wichtiger ist es, besonnen zu sein darin, was man wem und wie weitergibt. Wie gesagt, das gilt schon im Alltag, aber das gilt inmitten einer so unübersichtlichen und erschütternden Lage umso mehr.

Der Weg führt voran. Zwei Tage später sind die Aufräumarbeiten vor Ort schon in vollem Gange und auch wenn noch ein langer, langer Weg für die Gemeinde vor uns liegt – und auch das ist wichtig zu betonen – so bin ich optimistisch.

Wir fallen.
Und dann stehen wir wieder auf.

Viele Grüße,
Thomas

PS: Einfach damit es auch hier steht – der nächste DORPCast wird sich um eine Woche verschieben. Es sind wie gesagt alle wohlauf, aber ich sehe mich einfach nicht übermorgen am Abend gutgelaunt einen Podcast aufnehmen.

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