Millennium – 25 Jahre später

Hallo zusammen!

Als dieses Jahr begann, war mir klar, dass ich zwei Jubiläumsartikel zu Medien schreiben wollen würde, die mir beide auf sehr unterschiedliche Weise am Herzen liegen. Über The Fast and the Furious schrieb ich ja vor einer Weile schon, heute aber wird der Ton ein ganz anderer sein.

Offizielles Promo-Foto zum Pilotfilm.
© 1996 Twentieth Century Fox Television.

Millennium war die zweite Serie des Akte-X-Schöpfers Chris Carter (nebenbei, wenn ihr Akte X mögt, hört mal kommenden Sonntag in den DORPCast rein), in der der ganz, ganz großartige Lance Henriksen als (womöglich) übernatürlich begabter Profiler Frank Black zunächst Serienmörder versuchte zu fassen, aber mehr und mehr in ein Gewirr aus Verschwörungen und religiösen Motiven verstrickt wurde.
Und weil ich ein wirklich, wirklich großer Fan der X-Akten war, war es keine Frage, dass auch diese Serie angesehen werden musste. Ihre Premiere feierte sie am 25. Oktober 1996 – also genau heute vor 25 Jahren – im amerikanischen Fernsehen, aber es sollte von da aus noch gut ein Jahr dauern, bis die Folgen auch in Deutschland ausgestrahlt würden.
Ich erinnere mich sogar noch an die erste Folge, die ich sah. Einmal ein Star (im Original 522666, Folge 5 der ersten Staffel) lief am 7. November 1997 im deutschen Fernsehen – und sollte einer dieser Medienmomente sein, der auf ewig Spuren an mir hinterlassen würde.
Und nicht mal nur, weil die Folge rund um ein Bombenattentat deutlich weniger zimperlich vorging, als man das im Fernsehen kannte. Auch der Vorspann lies keinerlei Zweifel daran, dass hier keine Gute-Laune-Serie wartet, ganz im Gegenteil.

Wait. Worry. Who cares?

Denn das ist eigentlich das, was man über Millennium immer mit als Erstes zu hören bekommt: Eine harte, eine düstere, eine oftmals deprimierende Serie sei es. Und das ist sicherlich sehr wahr, und zugleich etwas irreführend, wie ich hoffe heute hier herausstellen zu können.
Wenn aber nun nach einer Bombenexplosion die typischen Polizei-Kreidespuren der Opfer am Boden zu sehen sind, hier aber eben nur Körperteile und Undefinierbares abzeichnen, dann setzt das einen Ton, den man zu der Zeit aus den üblichen Krimi-Serien einfach nicht kannte. (Es wird auch irgendwie nicht besser, wenn man bedenkt, dass ich damals 14 war und mit meiner Mutter vor dem Fernseher hockte. Dass die wiederum, wie ich erst viel später begreifen sollte, harten Krimis sogar ziemlich zugetan war, ist ein Thema für ein anderes Mal.). Frank Black, der Protagonist, ist also entsprechend Profiler, arbeitet freischaffend für die titelgebende Millennium-Gruppe und hilft den Ermittlungsbehörden bei der Suche nach ganz, ganz grausamen Tätern. Seine besondere Gabe ist, dass er sich – auch visuell intensiv dargestellt – in ihre Köpfe versetzen kann. Er trägt, das schwingt schon früh mit, ein Dunkel in sich, das ihm hilft, sie zu verstehen, aber das eben zugleich unter seiner Oberfläche schwelt und auch ein Aspekt von ihm ist. Wer aber diese finsteren Aspekte – schon der Pilotfilm lässt da wenig Gnade walten mit schonungslos gezeigten, zugenähten Mündern und Augen einiger Opfer – alleine in den Vordergrund stellt, verfehlt in meinen Augen einen wichtigen Aspekt der Serie. Und den Grund, warum ich sie so mag.
Denn am Ende des Tages ist, behaupte ich jetzt mal, Millennium eine hoffnungsvolle Serie. Frank ist, durch seine Integrität, durch sein ewiges Bemühen, die Welt – und vor allem seine Frau und seine Tochter – vor den dort wohnenden Übeln zu beschützen, selbst Ausdruck dieser Hoffnung.
Er ist ein Held, gerade weil er in einer Welt, der ihre Moral entgleitet, moralisch ist. Weil er in einer Welt, in der das Mitgefühl oftmals verloren scheint, mit Empathie agiert. Er ist ein Held, weil er etwas (und sich) zu verlieren hat – und mehr als einmal auch verliert.

This is who we are

Millennium ist keine Serie über das Böse in der Welt, auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick so scheint. Es ist eine Serie, wie wir dem Bösen in der Welt begegnen.
Schnell zeigt sich, dass das, was Millennium gerade in den frühen Folgen so erdrückend macht, nicht alleine die Serienmörder sind. Deren Taten sind zweifelsohne unentschuldbar, aber das wirkliche Böse, das Übel der Welt liegt zugleich in der Gesellschaft. Millennium ist in seinen besten Folgen auch eine Serie über Menschen, die in einem Alltag zwischen Konformität und Entmenschlichung, zwischen Sünde und Verurteilung aufgerieben werden. Direkt in der ersten Folge befragt Frank eine Stripperin und erkundigt sich dort auch nach ihrem Publikum. „Sie würden applaudieren“, sagt sie, „aber dafür braucht man beide Hände.“ In der zweiten Folge sind Menschen zu sehen, die in einer in jeder Faser freudlosen Telemarketing-Hölle schuften müssen, während sie von inhaltsleeren ideologischen Phrasen wie „Everybody wants nice hair“ umrahmt werden. Das sind die Momente, in denen die Serie in meinen Augen ihre wirklich gnadenlosen, emotionalen Tiefschläge setzt.
Wir haben seit 1996 viel „schonungsloses“ Fernsehen gesehen. Vieles davon ist rein von der narrativen Struktur her weit überlegen; Millennium ist klar Kind seiner Zeit und ist, das will ich nicht verschweigen, gerade dadurch, dass jede der drei Staffeln andere Showrunner hatte, bisweilen unfassbar inkohärent. Was Millennium für mich aber bis heute abhebt, ist dass es nicht wie etwa das spätere Dexter Humor nutzt, um die harte Thematik zu brechen. Es hat nicht die „Say my name“-hafte Coolness eines Breaking Bad und es meidet den Schock-Voyeurismus eines Game of Thrones. In Millennium passieren schlimme Dinge. Und die sind dann schlimm. In vielerlei Hinsicht ist es eine Tragödie – und ja, Frank hat seine quasi-übernatürlichen Visionen von den Tätern. Aber seine wirklichen Superkräfte sind angesichts allem, was ich zuvor sagte, seine Empathie und Güte sowie sein Wille, Menschen nicht vorzuverurteilen.

Eulen und Hähne

Wobei all das nicht bedeutet, dass die Serie nicht auch einen mythologischen Unterbau hat. Heute, im Jahr 2021, scheint die ganze Jahr-2000-Hysterie ein wenig obskur (wobei die Serie gar nicht so weit daneben lag; ich komme gleich dazu), aber das Gefühl, am schwelenden Rand der Endzeit zu stehen, vermittelt sie dennoch gekonnt.
Manches davon ist mythologisch, aber dennoch weltlich. So erfährt der Zuschauer irgendwann, dass die Millennium-Gruppe mehr ist als eine reine Berater-Organisation – und in zwei Fraktionen zerbrochen: die Eulen, die glauben dass es noch tiefe Nacht ist und daher Zeit bis zum Ende, und die Hähne, die gewissermaßen den Anbeginn des jüngsten Tages verkünden wollen. Sehr starke (und klassische) Metaphorik, aber weltlich.
Doch es gibt da auch die anderen Aspekte. Engel spielen immer wieder eine Rolle, oft auf eine sehr entmenschlichte Art, die irgendwo zwischen Christentum und kosmischem Horror zu liegen scheint. Eine Weihnachtsepisode in der zweiten Staffel (Morgen und morgen und morgen, oder im Englischen Midnight Of The Century; und vielleicht meine liebste Folge der ganzen Serie) bietet ebenfalls Übernatürliches, aber auf eine subtile und fast melancholische Weise.
Und Lucy Butler, die als wiederkehrende Schurkin (und womöglich personifizierter Teufel) in jeder der drei Staffeln nur einen Auftritt hat, bleibt denke ich jedem Zuschauer im Gedächtnis wie selten ein Widersacher es schafft, ohne dabei in ihrer Kreatürlichkeit jemals greifbar zu werden.
Das Übernatürliche entbindet niemanden von seiner Schuld in dieser Serie. Es mag verlocken, verleiten, aber die Konsequenzen des eigenen Handelns muss man selber tragen, etwas, das für Frank genauso gilt wie für alle anderen Figuren. Und als sich andeutet, dass Franks Tochter Jordan seine „Gabe“ womöglich geerbt hat, ist dies kein Grund zur Freude über eine vererbte Superkraft, es ist eine schreckliche Neuigkeit. Die Fähigkeit, hinter den verhüllenden Schleier des Alltags zu blicken ist ein Fluch in der Welt von Millennium; nicht, weil dort irgendwelche Tentakelmonster warten würden, sondern vielmehr allzu menschliche Abgründe.

It is still dark of night

Es ist eine Serie vom Ende der Welt. Oder sie wäre es, wenn die dritte Staffel nicht gewesen wäre. Die letzte Folge der zweiten Staffel ist ein Meisterwerk mutiger Fernsehunterhaltung, nicht nur, weil darin in einer phantastischen, schon Musikvideo-haften Sequenz eine der Hauptfiguren in einer Bild- und Ton-Collage zu Patti Smiths Land dem Wahnsinn anheim fällt. Sondern auch, weil am Ende die Welt auf die einzige Art zu enden scheint, die im Fernsehen konsequent ist: durch ein Abbrechen der Übertragung, durch einen Übergang zu weißem Rauschen. (Wie gesagt, dann kam doch noch die dritte Staffel; dennoch eine unfassbar starke Episode.)
Millennium ist nicht nur die Serie über eine drohende Zeitenwende zum schlechten, sie ist vor allem eine Serie über das kollektive Erleben des Wegs dorthin. Sie ist eine Serie über unseren gesellschaftlichen Status Quo, und wie er zerbricht.
Millennium spricht von der Entwertung alter Ideale in einer amoralischen Moderne. Und genau darum ist sie so zeitlos.

The Time Is Near

Sie ist sicherlich auch zeitlos, weil sie vielleicht gar nicht so Unrecht hatte in manchen Dingen. Nein, die Welt ist mit der Jahrtausendwende nicht untergegangen. Aber nicht nur, dass sie den Zeitgeist eines Jahrzehnts gut einfängt, das verarbeiten musste, dass mit dem Ende des Kalten Krieges nicht einfach alle Probleme verschwanden, man könnte argumentieren, dass diese Zeitenwende kam – nur knapp später mit dem 11. September 2001.
Wir leben in einer Welt, in der das Böse, wie die Serie es greift, und seine Versuchung allgegenwärtig sind. Es steckt in der Entmenschlichung von Beruf und Wirtschaft, es steckt im grassierenden Populismus, im Unwillen auf den Klimawandel und teils auf die Pandemie zu reagieren, bevor es aus den Fugen gerät.
Catherine – Franks Frau und eine der vielen starken Figuren der Serie, die hier heute gar nicht ausreichend gewürdigt werden konnten – vergleicht ihren Mann einmal mit Salingers Fänger im Roggen. Eine, gerade in der schieren Aussichtslosigkeit seines Tuns treffende Darstellung.
Und doch: Wenn wir der Welt um uns herum ein wenig mehr wie Frank begegnen würden, mit Empathie und Güte, ohne vorgefasste Urteile, ich denke es wäre keine schlechte Sache.
Wenn das am Ende das Vermächtnis der Serie ist – ich denke, das wäre es wert.

Viele Grüße,
Thomas

PS: Falls ihr nun neugierig geworden seid, gibt es noch einen Haken. Die Serie ist derzeit nicht regulär kauf- oder streambar. Es gab eine durchaus gute DVD-Veröffentlichung, die gebraucht noch zu bekommen ist. Aber das war es auch. Keine BluRay, kein Streaming-Angebot, keine HD-Version. Gerade bedauerlich, wenn man sieht, wie exzellent die aktuellen Auflagen von Akte X doch sind.
Der Soundtrack zumindest kann auf Apple Music gestreamt werden, und ich vermute auch auf den anderen einschlägigen Plattformen.
Es gibt eine vor zwei Jahren veröffentlichte, für Fans ganz sehenswerte Doku, Millennium after the Millennium, die bei Amazon käuflich zum Stream erworben werden kann, und ein 2012 erschienenes, extrem umfangreiches Sachbuch namens Back to Frank Black, was ebenfalls noch zu haben ist, doch beides sind fan-getriebene Veröffentlichungen ohne Antrieb vom Muttersender Fox.

5 Kommentare zu “Millennium – 25 Jahre später

  1. Danke Thomas!

    Immer wieder lesenswert, wie du ein Medium zusammenfasst. Trotz meines minimal älteren Jahrgangs ging Millenium völlig an mir vorbei, außer die leicht dräuenden Trailer und Vorschauen, die für viele damalige Mysterieserien typisch waren.
    Selbst Akte X streifte ich trotz Begeisterung für die Serie letzten Endes eher nur am Rande.

    Ich würde mich weitere Besprechungen von Serien freuen – gerne kompakt im DorpCast oder literarisch aufbereitet hier.
    Gerade den Ur-Vater des Mysterys „Twin Peak“ in all seiner lynchhaftigkeit und Staffelunterschiede oder „Veronica Mars“ traue ich dir persönlich gut ;)

    • Moin!

      Freut mich sehr, dass der Artikel gefallen hat :)
      Twin Peaks wäre auf jeden Fall mal so ein Kandidat, ja. Vermutlich auch eher für hier, das sprengt – zumindest im Rahmen einer Medienschau – den DORPCast ziemlich. Aber ja, reizvoll. Mal schauen, wann sich dazu ein guter Anlass findet!
      Veronica Mars müsste ich definitiv noch mal schauen dafür. Was nicht per se schlimm wäre, auch eine brillante Serie, aber eine die ich deutlich weniger auf dem Effeff präsent habe als beispielsweise Millennium hier.
      Zu Millenniums großem Bruder, Akte X, gibt’s wie schon angedeutet im kommenden DORPCast dann auch deutlich mehr!

      Viele Grüße,
      Thomas

    • Freut mich sehr, dass der Text gefallen hat!
      Es stimmt, auf die Rahmenhandlung betrachtet ist die Serie unglaublich inkonsistent gewesen, aber ich denke dennoch, was die Macher damals geleistet haben verdient einfach Respekt.

      Vielen Grüße,
      Thomas

  2. Pingback: Allerlei: Vom Goldenen Stephan, Bucherfolg und Vogelhäuschen | Seelenworte

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