Pantha Rhei und die Neuentdeckung des Bekannten

Hallo zusammen!

Nachdem ich hier letzte Woche erst ein relativ negatives Bild gezeichnet habe von verschiedenen Aspekten, die mit Nostalgie einhergehen, möchte ich heute den Spieß ein wenig umdrehen.
Das ist einer der ganz seltenen Fälle hier im Blog, wo ich empfehlen würde, den vorigen Artikel noch zuerst zu lesen, aber um es ultra-kurz zusammenzufassen: Das Konzept „pantha rhei“, also „alles fließt“, geht auf den antiken griechischen Philosophen Heraklit zurück. Es besagt im Kern, dass es für uns, da wir uns alle ebenso in einem konstanten Wandel befinden wie die Welt um uns, unmöglich ist, frühere Lebenserfahrungen zu wiederholen. Denn selbst wenn die Erfahrung exakt gleich wäre, sind wir selbst es doch nicht.
Oder halt im medialen Kontext: Wenn es z.B. eine Neuauflage einer Fernsehserie gibt, die wir einst sehr geliebt haben, ist es wahrscheinlich, dass das bloße Wiederholen dessen, was sie einst erfolgreich gemacht hat, heute nicht mehr den gleichen Effekt haben wird. Das liegt nicht rein an der Serie, sondern daran dass wir nicht mehr die gleichen Menschen sind wie damals, ebenso wie die Welt nicht mehr die gleiche ist.

Ich habe den letzten Artikel damit verbracht, nachzuzeichnen, was darum alles nicht möglich ist.
Heute möchte ich den Spieß umdrehen – nehmen wir uns „pantha rhei“ doch einfach mal zu Herzen und begreifen es als Chance!

Vom Wiedererleben

In den letzten Jahren hat es sich immer häufiger ergeben, dass ich Bücher, die ich vor langer Zeit gelesen habe, noch mal neu in die Hand genommen habe. So habe ich William Gibsons Bridge-Trilogie (Virtual Light (dt. Virtuelles Licht), Idoru und All Tomorrow’s Parties (dt. Futurematic) noch mal gelesen. Schon das war eine spannende Erfahrung, alleine weil sich nebensächliche Kommentare einer Figur über die Pandemien in ihrer Jugend und wie sie Masken tragen mussten in der Schule, nun, 2022 anders anfühlten als vor etwa 20 Jahren, als ich die Reihe zum ersten Mal las.
Auch habe ich Frank Herbers Dune noch mal gelesen – und hier war der Effekt der Neuentdeckung noch mal profunder. Der Wüstenplanet ist ein so dichtes Werk, so vollgepackt mit philosophischen Konzepten, dass ich rückblickend fast sagen würde, dass ich es damals nicht verstanden habe, als ich es das erste Mal las. Das war so gegen Ende der Schulzeit, und klar habe ich verstanden was generell an Handlung passiert, aber das ist ja nur die Oberfläche eines unermesslich tiefen Gewässers fesselnder Gedankengebilde.
Und gerade erlebe ich es noch mal beim Herrn der Ringe. Das ist einerseits umso bemerkenswerter, weil ich Tolkiens Epos schon mehrfach über die Jahre gelesen habe und es ist ein wenig gemogelt, denn hier nun bin ich ausnahmsweise den Weg über das Hörbuch gegangen, sodass ein Teil der anderen Wahrnehmung weniger pantha rhei und mehr Andy Serkis zuzuschreiben sein könnte. Dennoch: Elronds Rat, eine Sequenz die ich bei jedem vorigen Lesen als furchtbar zähe Erfahrung in Erinnerung habe, in der vor allem Leute ihre Genealogie dokumentieren, fand ich diesmal richtiggehend spannend, gerade weil Tolkien hier durchblicken lässt, wie tief der Kaninchenbau Mittelerde doch reicht. Ebenso das Treffen mit Tom Bombadil, das doof zu finden ja glaube ich online fast schon zum guten Ton gehört, erschien mir plötzlich als eine coole Sequenz, die nicht zuletzt durch ihre Sprache wirklich verzaubern kann.
Aber was zum Geier ist denn da mit mir passiert?

Von Set Pieces und der Stille dazwischen

Ich schilderte meine Erfahrungen neulich meinem Kumpel Marcel. In dem Gespräch brachte er auf den Punkt, was hier schon zwischen den Zeilen anklang: Meine Perspektive hat sich verändert.
Früher, als wir beide jung waren und entsprechend unbeleckt in unseren medialen Erfahrungen, waren es die großen Set Pieces – also die actiongeladenen Bombast-Sequenzen – die uns begeistert haben. Dazwischen war’s halt irgendwie nötig, das Leute miteinander reden, aber eigentlich sollten die aufhören zu labern und den Weg freimachen für den nächsten Knall.
Irgendwann aber hatten wir beide die Set Pieces gesehen. Die Anzahl in der wir noch sehen können, wie Schwerter in Schergen stecken und Raketen Raumschiffe rammen, ist endlich. Und irgendwann waren wir beide, unabhängig von einander, an Punkten, wo wir uns dachten: Ja, okay, Krawall, cool, aber macht mal voran wir wollen hören, was die Leute zu sagen haben.
(Die Leute, und natürlich in Verlängerung die Macher, aber Text vs. Autorenintention ist ein Thema für ein anderes Mal.)
Und damit stehen wir wieder am Fluss.

Zurück zu Pantha Rhei

Nein, wir können nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen.
Aber wenn wir das auch nicht erwarten, wenn wir uns nicht schreiend, kreischend, greinend am Vergangenen festhalten, sondern wenn wir stattdessen diesen unaufhaltsamen Wandel auch als Chance begreifen, dann ermöglicht es uns, einen ganz neuen Zugang zu einem eigentlich schon vertrauten Medium zu finde.
So erzählte mir mein Kumpel Matthias neulich davon, wie sehr Ecos Das Foucaultsche Pendel sich zwischen Trump’scher postfaktischer Weltsicht und Corona-Verschwörungsmenschen anders dargestellt habe als früher.
Die Akzeptanz der eigenen Veränderung ermöglicht einem diesen Zugang zu Medien, die man liebt, und an denen man womöglich neue Facetten entdeckt, die dieses Gefühl nur noch stärken. Es ermöglicht auch Zugang zu Medien, die man einst nicht mochte, und die sich mittlerweile vielleicht ganz anders erfahren lassen.
Aber es kann natürlich auch dann und wann ein böses Erwachen geben. Meine hier durch Film- und Fotoprojekte ja auch bisweilen genannte Freundin Lichte etwa hatte es mit Scrubs, der Sitcom, die sie einst sehr mochte und deren Umgang mit Stereotypen und Rollenbildern in einer Weise 2022 problematisch erscheint, die für sie nicht gut zu ignorieren war. (Wo wir bei Sitcoms sind, kann ich auch sagen, dass ich als Kind und selbst als junger Erwachsener die Cosby-Show immer geliebt habe … aber ich kann Kunst und Künstler einfach nicht genug trennen, um auszublenden, was inzwischen über Bill Cosby bekannt ist.)
Insofern: Wir können jederzeit wieder ins Wasser steigen und manchmal stellen wir fest, dass der Fluss genauso angenehm ist wie früher, manchmal sogar angenehmer, manchmal aber auch viel weniger einladend, als wir ihn in Erinnerung hatten.
Doch alles, was ich bisher heute sagte, bezieht sich auf uns als Menschen, die wir Medien konsumieren. Ich glaube jedoch, dass es sich im Bezug auf die Macher dahinter nicht anders verhält.

Der Mut zur Veränderung

Wie schon das letzte Mal gesagt: Es geht um die Akzeptanz von Veränderung.
Das ist letztlich auf Seiten der Macher gar nicht so anders als bei den Rezipienten. Es geht darum, nicht nur zu sagen: „Schau, hier ist ein Ding, das du einst geliebt hast“. Es geht darum, dem Publikum zu ermöglichen, dieses Ding aus neuen Winkeln zu betrachten, die sie so noch nicht kennen. Wichtig jedoch: Es müssen Winkel sein, die ihren Ursprung im zugrundeliegenden Text haben.
Blade Runner 2049 und auch Twin Peaks: the Return (seht ihr, ich hatte ja vorige Woche versprochen, wir kommen darauf zurück) stellen Fragen, die das vorangehende Material nicht gestellt hat. Es sind aber Fragen, die auf dem Fundament des ursprünglichen Stoffs fußen. Die Geschichten, die sie erzählen, sind die nicht die der alten Titel. Aber sie sind daraus entwickelt.
Kein bloßer Fanservice, der darauf basiert, das Publikum in eine vertraute, aber auch etwas muffig gewordene, warme Decke einzuwickeln, sondern neue Gedanken im alten Kontext.
Ghostbusters Afterlife (bzw. Legacy) ist auch ein gutes Beispiel dafür. Der Film übernimmt nicht einfach nur die Protonenpacks und Geisterfallen sowie eine vage Idee der verarbeiteten Stereotype. Er hat auch, bei all seiner engen Verbundenheit gerade zum ersten Film, eine ganz neue Fragestellung, denn so, wie der Film einen Generationswechsel darstellt, in dem der Sohn des alten Regisseurs das Zepter übernimmt, so findet auch innerhalb der Handlung ein solcher Generationswechsel statt, als Nachfahren das Zepter der alten Geisterjäger übernehmen. Kurzum: Jemand hatte hier etwas zu sagen, was so in den alten Filmen noch nicht gesagt wurde.
Allen drei Beispielen ist klar: Sie können die Uhr nicht einfach dreißig bis vierzig Jahre zurückdrehen. Anstatt jedoch zu versuchen, das zu kaschieren, empfangen sie diesen Umstand mit offenen Armen.

Unironisch lieben

Und noch etwas zeichnet diese Beispiele aus: Sie haben eine vollkommen unironische Achtung vor dem, was voranging. Auch das ist denke ich eine Facette, die mit der ganzen Erkenntnis des „pantha rhei“ einhergeht.
Ich erwähnte im letzten Artikel ja schon das Risiko, die Figur des Captain Picard auf die mit ihm inzwischen verbundenen Memes zu reduzieren. Dass in der zweiten Staffel die beiden ersten Folgen je einen Gag auf seine Vorliebe für heißen Earl Grey beinhalten, ist, was ich meine. Und gerade daraus geboren entspringt noch ein Aspekt, ja geradezu ein Appell meinerseits: Verstecken wir uns doch alle nicht hinter einem Schutzwall aus Ironie, wenn es um „die alten Sachen“ geht.
Die Neuauflage von Ducktales ist noch ein tolles Beispiel in meinen Augen: Ja, die Serie ist humorvoll und ja, Selbstironie ist Teil ihres Werkzeugkastens, doch zugleich nimmt sie ihre Figuren ernst und sie steht zu dem, was sie erzählt. Sie ist sich weder zu schade noch zu cool, um alte Konzepte aufzugreifen, aber sie besitzt zugleich den Mut, es auf eine zeitgemäße Weise zu tun, statt sie nur zu reproduzieren.
Natürlich erfordert mein Wunsch nach neuen Aspekten auch das Einführen neuer Elemente. Aber wenn die neuen Elemente mehr dazu zu dienen scheinen, sich über die eigenen Wurzeln zu amüsieren oder sich von ihnen zu distanzieren, ohne dass zugleich etwas Neues geschaffen wird, ist es zur Häme verdammt. Lasst uns darum – egal ob Konsument, Macher oder Kritiker – also den Mut aufbringen, ganz ohne Ironie zu feiern und zu lieben, was uns an altbekannten Stoffen einst verzaubert hat. Denn wenn wir, wie zuvor geschildert, aus dem Stoff heraus nach neuen Winkeln suchen, um interessante Betrachtungen des Ausgangsmaterials zu finden, müssen wir uns zugleich gar nicht hinter flachen Gags verstecken. Wir müssen keine Zuflucht suchen hinter ironischen Überhöhungen, als würden wir uns schämen für alte Medien oder als müssten wir zwanghaft deutlich machen, dass auch wir wissen, was inzwischen zum Kulturphänomen geworden ist. Für Medienschaffende gilt das glaube ich am meisten. Denn in dem Moment, in dem wahlweise die Figuren innerhalb der Erzählung oder auch die Macher hinter den Kulissen jene Memes und Tropen anerkennen, in dem Moment wird aus Paratext Text und der Weg, die eigenen Figuren zu entmystifizieren wird gefährlich kurz.
Natürlich ist auch das Verlachen alter Naivität ein Weg, der Wirkung des pantha rhei zu begegnen, aber in dem Moment, wo das Wissen um die eigenen Memes zu einem diegetischen Teil des Textes wird – also zu etwas, was auch innerhalb der erzählten Welt existiert –, geschieht das auf Kosten einer Form von Unbefangenheit, die kaum zu reparieren ist.
Vor allem sind dann wir aber auch wieder fort von der Hoffnung, hier etwas Neues in den Fußstapfen des Vorigen zu erleben und die Neuinterpretation eines Stoffes wird vielmehr zu einer Art Klassentreffen, bei dem wir alle gemeinsam ein wenig in der guten alten Zeit schwelgen, ein paar alte Running Gags aufwärmen und dann feststellen, dass wir uns aber eigentlich auch gar nichts mehr zu sagen haben.

Nur einen Handgriff entfernt

Wenn aber vor allem ein positiver Gedanke aus diesem Artikel hängenbleiben sollte, dann der, dass wir eben nicht abhängig davon sind, dass Medienmacher vertraute Stoffe für uns neu erfinden, damit wir sie noch mal erleben können.
Nichts hält uns davon ab, denn die Neuerfindung erfolgt bereits durch uns und durch die Welt, in der wir leben.
Also los, ab ans Bücherregal, schnappt euch das Buch, das ihr immer noch mal lesen wolltet. Oder halt den Film, den Comic, die Serie. Und dann geht gar nicht mit der vorgefärbten Frage dran, „wie gut es sich wohl gehalten hat“ – werten könnt ihr später noch.
Schaut, wie anders es heute für euch ist. Was noch so ist, wie ihr es in Erinnerung habt – und was absolut nicht.
Und dann lasst das auf euch wirken. Vermutlich lernt ihr dabei nicht nur etwas Neues über das alte Medium, sondern darüber hinaus sogar über euch selbst.
Also dann: Der alte Text wartet!

Viele Grüße,
Thomas

Ein Kommentar zu “Pantha Rhei und die Neuentdeckung des Bekannten

  1. Großes Kino das du „Das Foucaultsche Pendel“ anführst, ein Roman der mich schon als Jungendlicher faszinierter, den ich aber erst nach mehrfachem Lesen und Reifen erfassen konnte. Gilt ja auch als „Deutschlands meist-ungelesenes Buch, nach der Bibel“
    Da packt mich eher, dass dieses „Anti-Dan Brown“-Buch schon sechs Jahre vor dessen DaVinciCode erschien und den gesamten Plot vorhersagte und widerlegte.

    Altern unsere Nostalgischen Medien gut? Das ist wohl von Fall zu Fall unterschiedlich, in jedem Fall ist es oft besser das Feuer der erneuten Rezeption anzufachen, bis man merkt dass es nicht mehr angeht, als die Asche der Nostalgie zu bewahren. Aber selbst die Metapher hinkt oft :)

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