Das intellektuelle Defizit moderner Medienkritik

Hallo zusammen!

Das ist ja mal ein Titel, was? Aber lasst mich ausholen …
Angefangen hat es damit, dass ich dieser Tage Christopher Nolans Tenet geschaut habe. Und, wichtig für alles folgende: Es ist für alles, was nun folgt, vollkommen unerheblich, ob ihr zu den betreffenden Medien die gleiche Meinung habt wie ich. Tenet zum Beispiel fand ich sehr gut, aber ich finde es auch völlig unproblematisch, wenn ihr das anders seht als ich. Und wichtiger noch: Es spielt auch keine Rolle. Ihr müsst die spezifischen Beispiele nicht mal gesehen haben, auch wenn das natürlich hilft.

Wichtig: Es geht mir nicht darum, diese Videos individuell zu bewerten oder gar explizit zu kritisieren. Aber das ist halt auch nur ein Ausschnitt aus dem Gesamtbild und verdeutlicht vielleicht ein wenig, was ich meine.

Schaut man nun also im Falle von Tenet mal nach, was andere Leute auf YouTube so zu dem Film zu sagen haben, stößt man auf eine ganze Kollektion an gleichartigen Videos. Manche titeln eine Version von „Das musst du wissen, bevor du den Film schaust“ … und das weckt ja schon meine Skepsis. Der Film beinhaltet meiner Meinung nach wirklich alle Informationen, die zum Verständnis nötig sind. Aber noch stärker explizites Vorwissen ist wirklich unnötig und ich fragte mich, ob die Nachfrage nach solchen Videos letztlich Ausdruck eines kollektiven Aufmerksamkeitsdefizits ist, geboren aus der verlorenen Fähigkeit, 100% fokussiert nur eine Sache zu tun, aber in das Horn mag ich heute nicht stoßen.

Die andere Richtung solcher Videos fällt dann wahlweise in die Kategorie „irgendein Detail (meist: das Ende) erklärt“ oder „der Film ist schlecht, weil zu high concept“ – und die waren dann am Ende der Grund, warum ich das hier gerade schreibe. Zum einen, weil die allermeisten dieser Videos keine Interpretation dessen bieten, was der Film behandelt hat, sondern eine Nacherzählung. Ich meine, ich weiß, was in dem Film passiert ist, es war in dem Fall eine Viertelstunde her, dass ich ihn geschaut hatte. Mich interessierte, was andere daraus mitgenommen haben – aber in den allermeisten Fällen vergebens.

Zum anderen ist ein inhärenter Fallstrick, den eine solche Lesart eines Filmes mit sich bringt, die extreme Nähe zum Plot und das Begreifen des Plots als eine Art Rätsel, das gelöst, entschlüsselt und aufgeschlüsselt werden muss – und das wiederum führt zu faszinierenden Auswüchsen. Provokant formuliert: Es ist egal ob Deckard in Blade Runner ein Replikant ist, es ist egal ob der olle Kreisel am Ende von Inception umfällt oder nicht und es ist egal ob Cliff Booth in Once Upon a Time in Hollywood seine Frau erschossen hat – wichtig ist die Frage. Der Film sagt: Du weißt es nicht. Der Film sagt nicht: Los, löse mich!1

Es ist ein Problem, nicht zu erkennen, dass Medien nicht in jedem Punkt immer wortwörtlich zu rezipieren sind; The Fountain ist kein Film, in dem der Arzt Tommy Creo auf seiner zu einem Baum/Raumschiff gewordenen Frau durchs Weltall fliegt. Leute.
Andererseits verletzen viele dieser Videos auch eine Grenze zwischen zwei Konzepten; damals an der Uni war man sehr darauf bedacht, uns auf die Grenze dazwischen zu verweisen, etwas aus einem Text2 heraus zu interpretieren und etwas in den Text hinein zu interpretieren. Haltet den Gedanken kurz.3

Was ich mich aber vielmehr in Folge über Tage fragte, war, warum diese Videos eigentlich alle so sind. Eine zynische Lesart wäre die Klick-Ökonomie, die das Internet nun mal heute oft antreibt. Sprich: Nehme ein populäres Thema, nehme eine beeindruckende, aber nicht alberne Zahl von erklärten Dingen, ein irreführendes Thumbnail4 und darauf vielleicht noch ein oder zwei gleichsam irreführende Pfeile, schaue dass es innerhalb der kritischen wenigen Tage Aufmerksamkeitsfenster erscheint und: Profit. Das ist mir aber offen gestanden zu verdammend.

Ist es vielleicht ein FOMO-Problem? Also nicht nur, dass die Leute, während der Film läuft, gleichzeitig dringend noch auf Insta posten müssen, dass sie den Film gerade sehen und so … sondern auch eine begrenzte Aufmerksamkeit, erwachsend aus dem Gefühl, schneller weiter zu müssen und „keine Zeit zu haben“, lange an einem Film/Buch/Lied zu verweilen, weil noch so viele andere Medien auf sie warten?
Ich kann hier natürlich keine Zahlen bieten, könnte mir aber durchaus vorstellen, dass da was dran ist. Selbst gute Freunde von mir, die ich eigentlich für medial durchaus versiert halte, haben mir in der Vergangenheit schon gesagt, dass sie Filme selten mehrfach schauen. Was ich auf der einen Seite verstehen kann, aber auf der anderen Seite haben wir literarische Werke, zu denen seit Jahrhunderten noch neue Interpretationen veröffentlicht werden und wir haben keine Zeit mehr, einen Film ein zweites Mal zu schauen?
Schwierig.

Wenn man sich aber einmal anschaut, was für Medien und was für Medienschaffende diese Form von Videos anziehen, dann ist da durchaus ein Muster zu erkennen. Im Filmbereich sind es neben Christopher Nolan auch Darren Aronofsky, David Lynch oder Rian Johnson, im Videospielbereich etwa Hideo Kojima. Es sind Leute, die mit ihren Werken über die oft ohnehin vergeistigtere Independent-Sparte hinaus bis in den Mainstream reichen, zugleich aber nicht gewillt sind, sich den relativ engen Spielregeln zu unterwerfen, in denen dort erzählt werden soll.
Und daraus folgend kam ich zu der Frage, ob all dies – in einer Welt, in der wir ja nun alle Sender und nicht mehr nur Empfänger sind – nicht letztlich Ausdruck einer neuen Form von womöglich Kunstfeindlichkeit, zumindest aber frappierender, geisteswissenschaftlicher Unbildung ist. Eine Haltung, die weder gewöhnt noch gewillt ist, die Andersartigkeit eines Medienprojektes oder die mögliche Notwendigkeit mehrfacher Auseinandersetzung zu akzeptieren, geschweige denn als Stärke zu begreifen.
Selbst wenn ich mal grundlegend und frei nach Henlon’s Razor5 annehmen mag, dass die meisten dieser Videos eher eine in Grundsätzen fehlgeleitete Serviceleistung sind, ist spätestens dann, wenn aus allem Gesagten „Expositionsprobleme“ oder etwas in der Art abgeleitet werden, eine Form von regelrechtem, wenngleich womöglich unbewusstem Anti-Intellektualismus erreicht, die zu einem Problem wird.6

Ich habe schon eine Weile das Gefühl, dass wir gesellschaftlich mit einem sich ausweitenden Problem mangelnden geisteswissenschaftlichen Grundwissens zu Kämpfen haben. Ja, klar, all die Witze ich habe mit Literaturwissenschaft und Philosophie de facto „auf Taxischein“ studiert sind ja ganz knuffig, aber an dem Punkt, wo Zusammenfassungen als kritische Medien-Auseinandersetzung gelten, müssen wir vielleicht langsam hellhörig werden. Wer im Jahr einer weltweiten Pandemie und in der Abenddämmerung des Klimawandels die Notwendigkeit von Naturwissenschaften kleinredet hat den Schuss nicht gehört, aber wir könnten ja damit beginnen, das nicht als binäres Entweder/Oder zu begreifen. Erkenntnistheoretisches Grundwissen beispielsweise schadet derzeit auch nicht, ehrlich.
Aus diesem Winkel gesehen ist unser Thema heute vermutlich auch nur die trivialere Manifestation von etwas, was grundsätzlich zu beobachten ist; so wie ich ja auch immer wieder dafür werbe, beispielsweise in Debatten über die deutsche Sprache häufiger aktiv mit Linguisten zu reden, die ja letztlich oft ihr ganzes Leben darauf verwenden, genau solche Phänomene zu bewerten. De facto ist es aber halt oft so, dass die Geisteswissenschaften mit ihren durchaus auch empirischen, aber oftmals mangels Kontext nicht so wahrgenommenen Thesen, etwas sind, was sich jeder zutraut. „Ist ja nur drüber reden“, und so. Dass wir inzwischen sehen, dass das ganz offen auch in anderen Fachbereichen – Stichwort Virologie – zunimmt, mag sogar auf diesem Fundament erbaut sein. Jeder darf (und sollte) eine eigene Meinung zu den Filmen haben, die er sieht, das ist Teil davon, mündiger Bürger zu sein. Aber wenn wir – bei trivialen Themen wie Tenet oder lebenswichtigen Themen wie der Impfdebatte – gesamtgesellschaftlich implizit oder explizit in Frage stellen, ob Experten wirklich einen Wissensvorsprung gegenüber fachlichen Laien haben, dann ist das heikel.

Ich hatte weiter oben gebeten, den Teil mit der Uni, dem Hinein- und Herausinterpretieren im Kopf zu behalten. Herausinterpretation als die Deutung eines Textes über den quasi denotativen Wortlaut hinaus anhand nachweisbarer Indizien und belegbarer Quellen, Hineininterpretation als vom eigentlichen Text losgelöste Art, die verbleibenden Lücken mit Thesen zu füllen, was man sich ausdenken könnte. Ich hatte darum gebeten, weil ich hier noch mal unterstreichen wollte: Das war Lehrinhalt im ersten Semester. Und ich weiß, dass sich dieser Artikel auch lesen kann wie der verletzte Stolz eines studierten Literaturwissenschaftlers, aber das verfehlt den Punkt. Ganz klar: Ich sage ganz explizit nicht, dass ich besser bin als andere weil ich an der TH diesen Lappen gemacht habe und ich erwarte auch nicht, dass jeder einzelne überhaupt das notwendige Interesse mitbringt – aber spätestens wenn wir uns aktiv als Sender positionieren, wenn wir – extrem löblich übrigens! – Teil des kulturellen Diskurses sein wollen, dann sollten wir vielleicht auch schauen, dass unser Handwerkszeug oberhalb dessen liegt, was man im Proseminar I lernt.7

Das Schicksal unserer Gesellschaft wird sich ganz sicher nicht aufgrund einiger YouTube-Videos zu Tenet entscheiden, versteht mich nicht falsch. Ich denke, wir sollten dennoch aufpassen und es zumindest als vorgelagertes Warnsignal begreifen, dass wir uns nicht verlieren, weder im Verlernen eines geisteswissenschaftlichen Basis-Apparats noch in der generellen Ablehnung gegenüber einer (wahrgenommenen) intellektuellen Elite, die sich „unnötig kompliziert“ ausdrückt, „nicht einfach sagt was Sache ist“ und „schlechte“ Filme macht, die man nicht versteht.
Denn auch wenn es hier wie meistens „nur“ um Unterhaltungsmedien geht und keine Leben gefährdet sind: Am Ende des Tages erfordert auch unsere immer komplexer werdende Welt ein Mindestmaß an Intellektualismus und – um mir das Bild eines Freundes zu leihen – wir dürfen uns gesamtgesellschaftlich vielleicht nicht erst über eine Jana aus Kassel wundern, wenn wir gleichzeitig Videos brauchen, die uns Filme erneut vorkauen, die wir womöglich eben erst geschaut haben.

Und nächstes Mal dann auf zu zu Artikeln, die ich eigentlich diesen Monat schreiben wollte …

Viele Grüße,
Thomas


  1. Ich könnte jetzt hier einen langen Exkurs einbauen, wie unnötig – aber auch egal – ich es finde, wenn Regisseure (oder Autoren etc.) irgendwann meinen, es sei Zeit, das nun selbst aufzulösen. Aber das Thema der Relevanz des empirischen Subjekts der Macher ist was für ein anderes Mal. 
  2. Geisteswissenschafts-Terminologie, der Einfachheit halber. „Text“ meint hier im Bezug auf Filme nicht beispielsweise nur das geschriebene Drehbuch, sondern faktisch alles, was der Film aus sich heraus mitbringt, alles was in Bild und Ton darin hinterlegt ist. 
  3. Der wie immer großartige Dan Olson hat in seinem Video Annihilation and Decoding Metaphor eine Menge sehr ähnlicher Thesen aufgestellt, aber mein liebstes Statement endet auf „… you aren’t actually discussing the ending of the movie, you are writing fan fiction“. 
  4. Meine „liebste“ bodenlos amoralische Methode, die ich in letzter Zeit beobachte, geht in etwa so: Man nehme einen idealerweise gerade relevanten Film X, mache ein Thumbnail von einem definitiv nicht umstrittenen Element Y und nenne das Video dann „The real reason why x failed“. Die suggerierte Assoziation ist natürlich, dass Y der Grund sei und die Leute, empört, klicken halt auch drauf, weil dieser Take sie interessiert. Nur dass das Video eigentlich eine ganz andere These verfolgt – aber egal, geklickt ist geklickt. 
  5. Ihr wisst: Erkläre nicht durch Bosheit, was durch Dummheit/Unwissen hinreichend zu erklären ist. 
  6. Interessant in dem Zusammenhang ist finde ich auch das „me, an intellectual“-Meme, das zwar irgendwie ulkig erscheint in der damit verbundenen (möglichen) Selbstinszenierung als Intellektueller, aber ich würde argumentieren, dass gerade in seiner unnötig formalen Sprache im Grunde exakt das gleiche verkopfte, anti-intellektuelle Gedankenbild manifestiert wird, um das es hier geht. 
  7. Wir könnten hier nun auch noch darüber reden, dass vermutlich die Art, wie wir Literaturwissenschaft in der Schule vermitteln, wenigstens in der Oberstufe überdacht werden könnte. Aber lasst uns mal wann anders gegen das Hornissennest treten. 

9 Kommentare zu “Das intellektuelle Defizit moderner Medienkritik

  1. Als ebenfalls studierter Literaturwissenschaftler möchte ich nur kurz sagen: Danke! Das war vermutlich schon jetzt der wichtigste Artikel zum Thema Popkultur (und angestreift auch noch weit darüber hinaus), den ich dieses Jahr wohl gelesen haben werde.
    Ich werde ihn garantiert einige Male weiterempfehlen :)

  2. Was verstehst Du als „aktiver Sender“? Verstehe ich es richtig, dass du der Meinung bist, dass jeder der Content im Netz verbreitet laut deiner Aussage: Zitat: „aber spätestens wenn wir uns aktiv als Sender positionieren, wenn wir – extrem löblich übrigens! – Teil des kulturellen Diskurses sein wollen, dann sollten wir vielleicht auch schauen, dass unser Handwerkszeug oberhalb dessen liegt, was man im Proseminar I lernt.“ Das Handwerkzeug oberhalb des Proseminar I haben sollte?
    Wenn dem so ist, dann möchte ich da expliziert gegen Stellung beziehen. Ich bin kein studierter und weiß noch nicht mal, was im Proseminar I enthalten ist, produziere aber Content im Netz (YouTube-Kanal & Twitch).

    • Wichtig ist vielleicht zunächst zu sagen, dass das natürlich wie alles ein Spektrum ist. Die Bandbreite von „Ich haben einen geschlossenen Facebook-Account den nur meine Freunde lesen dürfen“ bis „YouTuber mit Millionen Abonnenten“ ist natürlich gewaltig.
      Und es kommt natürlich auch immer auf die Art des Contents an. Der Anspruch an einen Booktuber, der monatlich erzählt was er so gelesen hat ist denke ich ein anderer als an einen Kanal, der explizit damit wirbt ‚zu erklären worum es bei Medium xy wirklich geht‘.
      Und, wichtig, es kommt natürlich auch immer auf den Tonfall an. „Ich denke, es geht in Film X um Y“ ist sehr anderes als „Es geht in Film X um Y.“

      Was aber umgekehrt wichtig ist: Wer online veröffentlicht, egal ob Blog, Social Media, YouTube, Twitch, und dabei erreichbar ist von Leuten über seinen direkten Zirkel hinaus, der sollte sich die Tatsache bewusst machen, dass er im klassischen Sinne ein Publikum erreicht. In einer Form, wie es die vor dem Internet nicht flächendeckend gegeben hat. Wo früher die allergrößte Mehrheit der Leute Medien vor allem konsumiert hat und dann noch mit Freunden oder den lokalen Buchclub diskutiert hat, können wir heute mit unseren Meinungen problemlos nahezu die gesamte Welt erreichen. Dass die wenigsten von uns das tun, inklusive mir, ist nahezu unerheblich für mich. Ich finde, das gebietet dennoch in sich eine gewisse Sorgfaltspflicht.

      Ein Schreiner-Kanal auf YouTube, der im Brustton der Überzeugung falsch erklärt, wie man ein Sägeblatt an der Kreissäge wechselt, gefährdet offenkundig die Gesundheit seiner Zuschauer.
      Ein eher geisteswissenschaftlich orientierter Kanal, der ähnlich falsches Wissen verbreitet, ist in seiner Gefahr subtiler, aber die Analogie greift.

      Es geht dabei nicht ums Studium; ich arbeite seit Jahren hauptberuflich als Quereinsteiger, das alleine zeigt mir ja, dass ein Abschluss nicht der einzige Weg ist.
      Aber wer aktiv Wissen vermittelt, egal ob über Sägeblätter oder Textinterpretation, und (wichtig) das als faktische Wahrheit und nicht etwa sozusagen als dokumentiertem Lernprozess öffentlich zugänglich präsentiert, der steht in meinen Augen auch grundsätzlich in der Verantwortung, das zumindest auf ein Fundament zu setzen.

      Das schließt Autodidakten nicht aus.
      Das heißt auch nicht, dass man keine Fehler machen darf (oder wird).
      Aber wer offen ins Netz spricht, spricht potenziell mit der ganzen Welt. Und muss zumindest am Rande auch in Betracht ziehen, dass die ganze Welt zuhören könnte und dass das, was er sendet, womöglich zumindest einen Hörer/Leser/Zuschauer stärker prägen wird, als das absehbar schien.

      Ich hoffe, das macht es klarer!

      Viele Grüße,
      Thomas
      /leicht editiert, weil die Autokorrektur reingefunkt hatte

  3. Hallo Thomas,
    ich klicke auf die meisten dieser Videos gar nicht mehr. Viele hängen sich an einzelnen Details auf, ohne einen Blick für das Ganze.
    Kennst du den Youtube-Kanal „Die Filmanalyse“ von Wolfgang M. Schmitt? (https://www.youtube.com/user/Filmanalyse)
    Falls nein: Er macht quasi das Gegenteil von dem, was du kritisiert. Das liegt vermutlich daran, dass er ebenfalls Literaturwissenschaftler ist. Interessanterweise analysisiert er viel häufiger „profane“ Filme statt „komplizierte“ Sachen von Nolan oder Lnych (die aber auch). Im Übrigen ist sein Umgang mit Zitaten und Quellen vorbildlich. Viele missverstehen das als Namedropping, dabei ist es schlicht intellektuelle Redlichkeit.

    • Moin Tegres,

      danke für den Kommentar und den Hinweis! Ja, ich kenne den Kanal – er hat ja sogar ganz akut ein Video, das bezüglich Tenet einen ähnlichen Ton anschlägt. Ich bin rein inhaltlich nicht immer 100% mit ihm d’accord, beispielsweise teile ich seine allgemeine Abneigung gegen Serien als Format überhaupt nicht; aber das ist eine Meinung, über die man sicher vortrefflich diskutieren könnte. In Ansatz und Handwerk stimme ich dir aber zu, ist er definitiv ein positives Beispiel.
      Auch was deine These angeht, mag da was dran sein. Zumindest zwei meiner üblichen Positiv-Beispiele für Videoessayisten – Lindsey Ellis und Dan Olson – haben ihrerseits zumindest ein Studium im Filmbereich absolviert und dort definitiv einen vergleichbaren Werkzeugkasten erhalten. Es ist aber auch kein Muss; Mikey Neumann beispielsweise hat mit 19 den Weg in die Videospielbranche genommen und hat die Medienwelt daher auch von der Macher-Seite her kennengelernt, was sicherlich auch hilft. (Der hat seine akademischen Hausaufgaben davon unabhängig so oder so aber auch gemacht.)

      Doch wie gesagt, ich denke am Ende des Tages ist das alles ohnehin Symptom einer allgemeinen Entwertung geisteswissenschaftlicher Methodik in den Augen der Leute. Ist ja auch nicht wirklich verwunderlich, wenn wir schon in der Schule nahegelegt bekommen, dass Geistes- und Sozialwissenschaften im Gegensatz zu den Naturwissenschaften „Laberfächer“ wären. (Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass zugegebenermaßen auf der anderen Seite mancher Geisteswissenschaftler auch nicht hilft, indem er nur Wall um Wall rund um seinen Elfenbeinturm errichtet in dem irren Glauben, ausgerechnet das würde helfen seine Relevanz zu erhalten … aber das ist ein ganz anderes Thema für ein anderes mal).

      Viele Grüße,
      Thomas

  4. Erstmal Danke! dafür, das du mir TeneT als Nolan-Liebhaberchen wieder schmackhaft gemacht hast. Leider hatte ich den dank Corona-Zeiten im Kino verpasst, und dank dieser Videos in meinen Vorschauen dann nicht mehr aktiv verfolgt. Nolan sollte man sowie so im Kino sehen, wie ich sträflich bei Interstellar feststellte.
    Am Ende bestärkst du mich, in einem Standpunkt, den ich leider mal wieder ignoriert habe: Bilde dir deine eigene Meinung.

    Ansonsten: So ein bisschen ließt man schon den verletzten geisteswissenschaftlichen Stolz, ich gebe dir aber als Naturwissenschaftler Recht, dass elementare Erkenntnistheorie niemandem schadet.
    Umgekehrt bin z.B. ich als Naturwissenschaftler immer noch ziemlich ansäuert, das etliche Naturwisschaftliche Grundlagen z.B. bei Schwanitzs „Bildung“ nicht als „Bildung“ angekannt wurden- nicht dass man ihm das nicht schon 1999 um die Ohren gehauen hätte.

    Fazit? Fallt nicht auf ClickBait rein? Tut was ihr tut mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit? YouTube ist ist im Kern ein anti-intellektuelles Format, aus dem nur wenige Perlen herausstechen?

    Zumindest danke für das Gefühl, keine Sonderling zu sein, nur weil ich Bücher und Filme lieber mehrfach lese/gucke.

    • Moin Louie!

      „Bilde dir deine eigene Meinung“ ist ein fundamental wichtiger Gedanke, ja. Schade, dass die BILD mit ihren Werbekampagnen dem Satz selbst einen Hauch von Geschmäckle gegeben haben, aber ja. Dabei geht es ja nicht mal nur um fundierte und weniger fundierte Argumente, sondern letztlich (etwa beim Medien-Geschmack) auch um subjektives Empfinden.

      Ich glaube es ist auch mehr der „Stolz“ als Konzept, gegen den ich mich da verwehren würde. Natürlich fuchst es mich, dass mehr oder weniger ein ganzer Wissenschaftsbereich mehr oder weniger als nicht relevant deklariert wird, weil’s Leute besser wissen. Stolz, verletzter noch dazu, hat aber immer so den Klang von erhobenen Empfindlichkeiten, und ich denke, das geht dann doch an meiner Intention vorbei.
      Was Schwanitz betrifft stimme ich im übrigen zu. Sogar noch weniger wegen „Bildung“ und mehr wegen des Untertitels „Alles was man wissen muss“; es ist ja an sich kein verkehrtes Buch, aber es ist nicht alles, was man wissen muss.
      Einer meiner Studiumsschwerpunkte war Wissenschaftsphilosophie und wir haben da beispielsweise bedeutsame Physiker ebenso gelesen wie eben relevante Philosophen; ich glaube, nirgendwo sonst bin ich so sehr darauf aufmerksam geworden, wie wichtig es eigentlich wäre, in beiden Bereichen a) ein paar Grundkenntnisse und b) vor allem Respekt für die Ausübenden zu haben.

      Fazits sind generell nicht so „das Ding“ hier im Blog. Ich sehe, was ich hier schreibe, ja auch tatsächlich eher als fortlaufende Betrachtung und auch wenn ich mich bemühe, die Artikel für sich stehend zu formulieren, so ist es ja eher ein Prozess. Wie alles im Leben.
      Aber:
      „Fallt nicht auf ClickBait rein?“ Ja! Aber auch, an Medienschaffende gerichtet: Es ist am Ende eine moralische Entscheidung, ob man clickbaiten möchte. Eine in Konflikt mit wirtschaftlichen Faktoren, ja, aber es ist dennoch eine Entscheidung.
      „Tut was ihr tut mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit?“ JA. Absolut. Und mit Respekt füreinander.
      „YouTube ist ist im Kern ein anti-intellektuelles Format, aus dem nur wenige Perlen herausstechen?“ Nee … würde ich nicht mal sagen. Also das mit den Perlen, ja, aber das gilt glaube ich für alle Bereiche. Ich denke aber YouTube ist jetzt nicht im Kern anti-intellektueller als Blogs, andere Webseiten, Zeitungen oder Podcasts. Man kann’s fürs Allgemeinwohl nutzen, oder dagegen. (Ein bisschen wie Feynman mit seinem Bild der Wissenschaft als Schlüssel, die die Pforte zum Himmel oder zur Hölle öffnen könne; um hier auch mal einen dieser Naturwissenschaftler heranzuführen ;))

      Oh, und was das Gefühl wegen mehrfache Guckens und Lesens angeht: Sehr gerne :)

      Viele Grüße,
      Thomas

  5. Ich gebe dir mal einfach recht, da ich gerade auf keine wirklich scharfen Gedanken kommen und danke für deine Antwort. Als Physiker habe ich zu wenig Philosophen gelesen, obwohl mit die Thesen seit meiner Jugend immer mal wieder interessierten.

    Feynmann ist ist immer so eine Sache, vor allem der Hpe, derum ihn herrscht. Er war ein Selbstdarsteller ohne Gleichen und hat auch nicht wirklich eine wissenschaftliche Schule begründet. Aber dafür war er ein unabhängiger und scharfsinniger Denker – und äußerst unterhaltsam.

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