Das Machen von Dingen

Hallo zusammen!

Urlaub für Hausbesitzer in Quarantänezeiten

Ich hatte jüngst eine Woche Urlaub und ihr kennt das schon, das zieht Gedankengänge nach sich. Allerdings war ich nicht so viel wandern und nicht verreist, sondern habe mich in der Zeit mal vermehrt mit der Renovierung meines Hauses befasst. Das ist zwar ein konstant laufendes Projekt, aber ab und zu braucht es einfach den Fokus einiger freier Tage. Und so ergibt es sich, dass auch die Natur der Gedankengänge heute eine etwas andere ist …

Also … reden wir einmal vom Machen von Dinge

Wenn du was machst, mach‘ es gründlich

Ich denke, wie so mancher anderer, so bin ich auch ich mit diesem Mantra aufgewachsen. Wenn du was machst, dann mach‘ es richtig wäre noch eine andere Variante davon. Ich finde, es ist durchaus ein guter Ratschlag. Ja, ein Erfolgsgesellschaft-Turbokapitalismus-Arbeiterdrohnen-haft zu missbrauchender Ratschlag ist es auch, aber ich finde ihn dennoch ziemlich wertvoll.
Ich mag keine halben Sachen. Und ja, manchmal bedeutet das halt auch, dass Dinge was länger dauern. Gerade bei nicht-beruflichen Projekten führt das natürlich gerne auch mal zu Momenten, wo Leute dann murren, ich solle es ihnen sonst doch einfach schicken, was ich bis dahin schon habe, oder dass dieses oder jenes Prop gut genug sei, oder der Schnitt so bleiben könne … all sowas. Auch da ist wahres dran, aber ich persönlich habe oft den Eindruck, dass wir mittlerweile weit über eine Pareto-Verteilung1 hinaus eher an einem Punkt sind, wo vielen auch 50% schon gut genug sind und … so ticke ich einfach nicht.
Dennoch ist es immer wieder spannend, Ideal und Wirklichkeit abzuwägen – so wie auch hier. Dieses Haus, durch das ich mich renoviere, ist ja mein Elternhaus; jene Eltern, denen ich zu einem großen Teil auch meinen Arbeitsethos verdanke. Und irgendwie amüsiert und beruhigt es mich doch, dass ich hier rund ums Haus immer wieder auf (gut versteckte) Ecken stoße, wo ich einfach sehe, dass auch meine Eltern manchmal Fünfe haben gerade sein lassen. Das erdet ja irgendwie.

Das Projekt ist das Ziel

Zeter und Mordio schreien mag ich aber dennoch nicht. Ich denke – und das ist ein wichtiger Denkschritt – Lernenden ein Ideal zu vermitteln, auch wenn man dem selber auch nicht immer gerecht wird, entwertet das Ideal nicht.
Was ich bei mir vielmehr immer wieder entdecke, ist, dass ich einen immensen Wert im Projekt selbst – im Gegensatz zum Abschluss des Projektes – empfinde. Erneut, nicht als Ausrede, Deadlines zu reißen, nicht als Entschuldigung für unerfüllte Qualitätsansprüche, aber einfach als Teil der eigenen Wahrnehmung jener Aufgaben, die vor einem liegen.
Ein Haus ist ein guter Lehrmeister in diesem Sinne. Ein Haus wird nicht fertig. Natürlich werden einzelne Projekte fertig, natürlich gibt es am anderen Ende des Spektrums den Punkt, an dem man effektiv auf einer Baustelle wohnt – aber für jedes abgeschlossene Ding, tritt auch wieder ein Neues auf den Plan. Nun kann man verzweifeln angesichts einer solch bodenlosen Aufgabe – oder man zieht seine Freude aus den Teilerfolgen, aus dem Fortschritt, ebenso aus der eigenen Fortentwicklung.
Auch das ist definitiv etwas, was man auf jede Form von langfristigem, kreativem Projekt übertragen kann. Im Endeffekt gibt es methodisch wenig Unterschied dazwischen, einen Roman zu schreiben, einen Film zu produzieren oder neue Küchenfronten zu schreinern.
Man macht einen Plan, man gruppiert den überwältigend hohen Berg von Teilaufgaben in einzelne Wegstücke und dann arbeitet man halt daran, bis es vollendet ist. Und dann richtet man den Blick auf die nächste Aufgabe.

Slow is smooth and smooth is fast

Es gibt allerdings noch einen Satz, einen Leitspruch, der meine Art zu arbeiten über die letzten vielleicht zehn Jahre stark beeinflusst hat und für den meine Eltern weniger was können.
Ich habe ihn aus dem Making Of von Black Hawk Down – ich sagte ja schon oft genug, Erkenntnisse kann man wirklich überall finden, wenn man die Augen offen hält –, er stammt aber letztlich aus dem amerikanischen Militär. Das ist jetzt echt nicht meine Nische und definitiv nichts, wo ich meine Ideale sonst wiederfinden würde, aber dieser eine Satz, der stach sofort heraus. Slow is smooth and smooth is fast; vielleicht frei übersetzt so viel wie langsam ist gleichmäßig und gleichmäßig ist schnell.

Wer alles schnell macht läuft Gefahr, Dinge hektisch zu tun, in jedem Fall aber weniger gründlich. Das mag im ersten Schritt so wirken, als wäre man schneller, aber in der Regel rächt sich das irgendwann. Der kleine Flüchtigkeitsfehler, der eingangs harmlos wirkte und war, wird mitgeschleift und erst irgendwann später merkt man, dass es zu neuen Problemen führt. Wenn man ihn denn überhaupt rechtzeitig bemerkt und nicht erst, nachdem das Projekt schon halb in den Ventilator geflogen ist.
Manche Handgriffe macht man vielleicht einfach nur doppelt, weil sie beim ersten Mal nicht saßen, aber wenn die Gesamtzahl der Handgriffe hoch genug ist, addieren sich auch kleine, unnötige Dopplungen mit der Zeit auf.
Zweimal messen, einmal schneiden/sägen, wie es im Handwerk so weise heißt.

Dabei ist die Idee auch wirklich nicht neu. Es gibt da ein geflügeltes Wort im Französischen, „Habillez-moi lentement, je suis pressé“, das gerne mal (fälschlicherweise) Napoleon in den Mund gelegt wird2, das denselben Sinn hat: „Kleidet mich langsam an, ich bin in Eile“.
Andere Metapher, gleicher Gedanke.

Ganz bei dem, was man tut

Wenn wir uns damit aber zunehmend von „fachlich seriösen“ Quellen entfernen, muss hinsichtlich meines eigenen Arbeitsethos, aber im Grunde hinsichtlich meiner ganzen Weltsicht irgendwie auch Yoda genannt werden. Ja ja, Star Wars.
Wenn Yoda in Empire Strikes Back Gründe nennt, warum er Luke nicht für geeignet hält, die Ausbildung zum Jedi anzutreten, sagt er unter anderem: „All his life has he looked away. […] Never his mind on where he was, what he was doing!“
Lässt man mal außen vor, dass die Worte aus dem Mund einer großartigen Puppe kommen, findet man doch eine Menge Wahrheit darin; sogar sehr nah eigentlich an dem eingänglichen Credo, Dinge wenn, dann richtig zu tun.
Ich habe ja auch in letzter Zeit häufiger hier davon geschrieben und im DORPCast davon gesprochen, dass ich kein Multitasking mag, dass ich großen Wert in Fokus und Aufmerksamkeit sehe. Lieber in jedem Augenblick in einer Sache vollständig aufgehen, als drei Sachen halbherzig nebenher tun.
Ich bin dabei nicht absolut; ich höre auch Podcasts bei stumpferen Tätigkeiten oder lasse Musik bei der Arbeit laufen, man muss da denke ich nicht zu drakonisch mit sich sein. Umgekehrt kann ich aber auch sagen, dass nahezu alle Missgeschicke im Haushalt – jeder vergossene Kaffee, jeder Fauxpas beim Kochen, jeder handwerkliche Denkfehler – am Ende darauf zurückzuführen sind, dass ich nicht völlig bei der Sache war. Vielleicht war ich in Gedanken schon beim nächsten Schritt, oder der nächsten Aufgabe, jedenfalls aber nicht dort, wo ich hätte sein sollen und wollen.
Was für mich persönlich dahingehend gut funktioniert, ist, mir das immer und immer wieder bewusst zu machen. Das schafft Bewusstsein, das schärft die eigene Aufmerksamkeit – und ja, mit der Zeit kann man sich durchaus verbessern.

Wir sind Schöpfer

Ein letzter Gedanke aber noch, völlig abseits von Arbeitsethik und Selbstverbesserung. Eine Sache, die denke ich einen roten Faden zieht durch all die Aspekte, die ich hier angesprochen habe, aber auch durch das menschliche Schaffen allgemein, ist … nun, eben jenes Schaffen.
Ich glaube, in uns als Menschen ist das Erschaffen, ist der kreative Prozess durchaus veranlagt. Darum setzen sich Menschen hin und schreiben Bücher, selbst wenn sie keinen großen Markt sehen, anstatt sie nur zu konsumieren. Deshalb gehen Menschen hin und schreinern sich eigene Möbel, obwohl das doch in unserer (post-)industriellen Gesellschaft gar nicht mehr nötig sein sollte.
Auch hier im Blog habe ich dahingehend ja schon oft den Begriff der getriebenen Geister bemüht, den ich von einer Dozentin aufgeschnappt habe. Ich denke noch immer, dass das stimmt. Wenn man aber über seinen eigenen Tellerrand blickt, wenn man all die verschiedenen Schaffungsprozesse mal zusammen betrachtet – das Schreiben, das Zeichnen und Malen, das Singen, Musizieren, Tanzen, das Schreinern, Nähen, Häkeln, Architektur, Inneneinrichtung – alle Prozesse, an deren Ende etwas da ist, was vorher nicht da war – dann kommt man nicht umhin zu bewundern, wie viele dieser getriebenen Geister es doch gibt.
Wir sind nicht alle Schriftsteller. Oder Sänger.
Aber nahezu jeder trägt etwas in sich, was er ausdrücken möchte, dem er Sinn verleihen möchte, das er schaffen möchte.

Und ich finde, das ist etwas, was man sich vielleicht zwischen COVID-19 und dem anhaltendem Rassismusproblem, zwischen graßierendem Autoritarismus und unbelehrbaren Klimaleugnern, auch noch mal vor Augen führen kann.
Denn auch wenn die aktuelle Zeit es manchmal schwerer macht, es zu sehen … wir Menschen, wir können auch schon durchaus ziemlich großartig sein.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Kurz gesagt die Theorie, dass 80% aller Auswirkungen auf 20% aller Ursachen fußen. Im Projektmanagement gerne darauf verkürzt, dass 80% eines Produktes mit 20% des Aufwands erreicht werden; die Sache ist an sich deutlich vielschichtiger, aber darauf läuft es in dem Zusammenhang hinaus. 
  2. Ich habe mal versucht, den wirklichen Urheber zu recherchieren, aber das scheint unmöglich. Es gibt den französischen Ausspruch; es gibt ihn als „Dress me slowly, I’m in a hurry“ auch auf Englisch und als „Vísteme despacio, que tengo prisa“ auch auf Spanisch. Auf Portugiesisch habe ich ihn u.a. als „Vista-me devagar, pois tenho pressa“ auch gefunden, mit ein paar grassierenden Variationen, für deren Feinheiten meine Portugiesisch-Kenntnisse aber nicht ausreichen. Verräterisch oft Napoleon zugeschrieben, teils aber auch irgendeinem anderen, lokal opportun erscheinenden Regenten, der grob in das „kluger Feldherr“-Motiv passt. Nun gut. Nehmen wir es einfach mal als markiges Zitat hin, dass wohl nachweislich zumindest schon seit Jahrhunderten kolportiert wird. 

8 Kommentare zu “Das Machen von Dingen

  1. Pingback: SonntagsTop 7 #21/2020 | nealichundderdickeopa

  2. Sehr schöne Gedanken! Und ja, als alter Zen-/Daoist-Meditierer finde ich da vieles von wieder.

    • Danke dir :)
      Und ja – ich denke es ist kein Zufall, dass ich mich auch seit ein, zwei Jahren aus der einen oder anderen Richtung, etwa bei der Suche nach Sachliteratur, dem Themenfeld Zen immer wieder annähere.
      Viele Grüße,
      Thomas

      • Aber bitte nicht nur Sachliteratur lesen, sondern auch praktizieren! :-) Das ist das wichtigste dabei.
        Schönen Gruß, Olli

  3. Hallo Thomas, (ich habe über Katrins Blog zu dir gefunden)
    ein ausführlicher Text, dem ich gerne zustimme.
    Schnell,schnell führt zu Fusch, wie wir hier im Rheinland sagen und ich bin ein Befürworter von Sorgfältigkeit. Lieber etwas langsamer und konzentrierter, als nachbessern oder reparieren zu müssen , ist schlussendlich dann tatsächlich auch zeit sparend.
    Einen guten Start in die Woche wünsche ich und herzliche Grüße, Doris :o)

    • Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich denke auch, abseits der effektiv halt doch guten Geschwindigkeit steckt auch einfach weit mehr Freude im eigenen Schaffen, wenn man es ordentlich macht.
      In diesem Sinne auch dir einen guten Start in die Woche entsprechende Freude beim Schaffen!
      Viele Grüße,
      Thomas

  4. Pingback: Videos passend zum Machen und Tun | Seelenworte

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