Die Wiederentdeckung der Komplexität

Hallo zusammen!

In gewisser Weise fühlen sich meine heutigen Gedanken an wie eine Verlängerung gleich zweier Artikel, die ich in letzter Zeit geschrieben hatte. In Five shades of grey hatte ich um Nuancen in der Diskurskultur, popkulturell wie politisch, geworben, und in Misstraut den Narrativen gemahnt zu hinterfragen, in welchen Kontext Informationen gestellt werden und welche Zusammenhänge das suggeriert … und welche es erzeugt.

Wenn ich nun weiter verfolge, was (und wie) über das Themenfeld COVID-19 berichtet wird – mit einer Dichte, die mit kontinuierlicher Vehemenz auch meine anhaltende Social-Media-Abstinenz umgeht und dennoch zu mir vordringt –, so bilde ich mir ein, daran einen roten Faden zu bemerken, der mich wirklich unglücklich macht.
Die Situation ist nicht einfach. Wir (als Menschen) stehen einer in dieser Form ungekannten Pandemie gegenüber, erleben (u.a. hier in Deutschland) bisher völlig undenkbare Maßnahmen und erfahren all dies, eingehüllt vor allem in einen Mantel aus Ungewissheit.
Der Zustand des Nichtwissens ist ein wichtiger Schritt in der Wissenschaft und ein faszinierender Teil ordentlicher Forschung besteht ja letztlich darin, sich mit offenen Fragen auseinanderzusetzen. Wer an ein Thema nicht nur mit einer Hypothese, sondern mit einer vorgefassten Meinung oder einem fest erwarteten Ergebnis herangeht, der betreibt keine Wissenschaft, der versucht im Grunde nur, seine Position zu verteidigen.
Daraus ergibt sich aber gerade auch, dass wir viele Antworten jetzt noch nicht haben.

Und dann stehen da auf der einen Seite Wissenschaftler und Wissenschaftsvertreter wie Christian Drosten von der Berliner Charité oder Lothar Wieler vom RKI und argumentieren, erklären, versuchen zu begründen.
Und auf der anderen Seite steht die Presse, die mit provokativen, suggestiven und binären Fragen gefühlt das Thema doch immer wieder verfehlt. Das ist dabei nicht gemünzt als Vorwurf an eine kritische Presse; im Gegenteil, eine kritische Presse ist gut und wichtig. (Wenn ihr jetzt zustimmt, behaltet das mal im Hinterkopf, ich komme darauf zurück.)
Aber wenn gefühlt jedes Mal in jeder Pressekonferenz zum jetzigen Zeitpunkt – Leser aus der Zukunft, es ist Ende März 2020, als ich das hier schreibe – ein Reporter fragt, ob denn schon absehbar sei, wann die Maßnahmen gelockert werden, dann … ist das halt einfach eine Frage, die Stand heute niemand beantworten kann.

Es gibt gewissermaßen ethisch zwei Gründe, warum ich derartige Fragen für problematisch halte. Einerseits nähren sie indirekt ein bestimmtes – da haben wir es wieder – fälschliches Narrativ; das Bild von den Wissenschaftlern, die um den heißen Brei reden, das Bild von den Politikern, die sich nicht festlegen wollen. Haltet auch den Gedanken.
Andererseits habe ich aber auch mein Problem damit, weil man oft geradezu heraushören kann, wie im Grunde nicht nach Informationen, sondern nach Schlagzeilen gefragt wird. In der kurzen Fragerunde nach der Pressekonferenz, in der Merkel den einheitlichen Maßnahmenplan der Länder vorstellte, zielten die ersten Fragen zielstrebig nicht auf die Maßnahmen, sondern auf einen möglichen Dissens, ja „Streit“ zwischen ihr und Söder ab. Ja, das kann man thematisieren; aber wenn das die erste Frage ist, die unmittelbar nach Verkündung heraufbrodelt, dann kann man auch dran fühlen, welchen Artikel der Journalist dort in Gedanken vielleicht schon formte.

Aber gut, damit sind wir wieder bei Klick-Ökonomien und den Verwertungssystemen moderner privater Nachrichten, das sei ein Thema für ein anderes Mal.
Kommen wir zu dem ersten Punkt zurück, zum Unwillen, offene Ist-Zustände zu akzeptieren. Wir (als Gesellschaft) haben es, so scheint mir, gehörig verlernt, mit Unsicherheiten und Nuancen umzugehen. Natürlich, das ist auch unangenehm. Wir (als Menschen) mögen Sicherheiten, darauf sind wir nicht zuletzt evolutionär gepolt. Aber die komplexeren Systeme der Welt sind zu groß, zu vielgestaltig, zu vertrackt, um so etwas zu erlauben.
Und sie sind unaufgeräumt.
Wenn wir die Geschichte der Coronavirus-Pandemie in der Zukunft erzählen, dann wird es hoffentlich eine Erzählung des Erfolgs sein. Die Geschichtsbücher werden von dem Institut schreiben, dem es schlussendlich gelungen ist, einen wirksamen Impfstoff oder zumindest ein stark effektives Therapeutikum zu entwickeln und der Betrachtungswinkel wird derer sein, die aus dem Tunnel heraus ins Licht getreten sind. Aber wir sind noch im Tunnel und werden das noch eine Weile sein. Es bringt auch nichts, loszulaufen in der Hoffnung, dass es das besser macht – es erhöht nur die Chance zu straucheln.

Ich hatte in dem Narrativa-Artikel von der narrative fallacy geschrieben, dem Trugschluss, bei dem wir eine gegebene Sachlage durch einen äußerlich zugewiesenen Kontext so verzerren, dass die eigentlichen Fakten verlorengehen. Es gibt da aber noch ein schönes Denkmodell, vor dem wir uns hier in Acht nehmen müssen, der sog. nirvana fallacy.
Der „Nirvana-Fehlschluss“ geht so: Ausgehend von einer regelrecht perfekten Idealvorstellung wird eine vorgeschlagene Maßnahme abgewogen und dann aufgrund ihrer Unzulänglichkeiten, gemessen an der postulierten Utopie, verworfen. Die Maßnahme hätte dabei Dinge besser machen können, aber weil sie die Dinge nicht perfekt gemacht hätte, wird sie lieber zerredet.

Wir werden im Zuge der anhaltenden Krise nicht nur Erfolge feiern können. Immer wieder wird man sich die Frage stellen müssen, ob die aktuellen Maßnahmen richtig sind – auch das ist eine Sache, die Lothar Wieler in den Pressekonferenzen immer wieder betont – und erst in der Rückschau werden wir mit Sicherheit sagen können, was die richtigen Reaktionen waren oder gewesen wären. Schon weil wir gar keine Referenzen für die aktuelle Situation haben.
Wovor wir uns in Acht nehmen müssen, ist, Rückschläge, Fehlschläge und schlicht Unannehmlichkeiten, die auf uns zukommen, als Grund zu sehen, eine bestimmte Maßnahme oder gar die Maßnahmen in ihrer Gesamtheit geradeheraus abzulehnen. Damit das allerdings verständlich ist, greifbar wird, dafür ist eines notwendig, das – auch für uns (als Vertreter des Kulturbetriebs im allerweitesten Sinne1) – eine immense Aufgabe darstellt.

Wir müssen die Komplexität der Welt wiederentdecken, die so bitterlich konträr ist zu der schwarzweißen Nachrichtenmaschinerie und Internet-Kultur.
Und wir müssen lernen, mit dem Ungewissen zu leben und ein Maß der Unkontrollierbarkeit zu akzeptieren.

Viele Grüße,
Thomas


  1. Das ist übrigens ein anderer Aspekt, über den ich ein anderes Mal mal mehr schreiben sollte. Wir sind alle Sender in dieser modernen Welt, richtig? Anders als im Grunde die Mehrheit aller Generationen vor uns, die medial reine Empfänger waren, sind wir durch YouTube, Podcasts, aber auch einfach durch Social Media, Blogs und traditionelle Webseiten alle zu einem Teil der Vierten Gewalt geworden, korrekt?
    Gut, weil damit gehen nicht nur Privilegien einher, sondern auch Verantwortung. Jeder, der sich in irgendeiner Form schaffend in die Öffentlichkeit begibt, ist auch automatisch jemand, der anderen Halt, Eskapismus oder Leitung bieten kann. Wann, wenn nicht jetzt, wäre ein guter Zeitpunkt, sich einer solchen Verantwortung bewusst zu werden? 

2 Kommentare zu “Die Wiederentdeckung der Komplexität

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