Spaß ist (k)eine ernste Sache

Hallo zusammen!

Mich treibt seit Wochen nun schon ein Zitat von Super-Mario-Erfinder Shigeru Miyamoto gedanklich um. Miyamoto wird da zitiert mit:

I think that inside every adult is the heart of a child. We just gradually convince ourselves that we have to act more like adults.

Also grob übersetzt: Ich glaube, dass jeder Erwachsene in sich das Herz eines Kindes trägt. Wir überzeugen uns nur nach und nach, dass wir mehr wie Erwachsene zu handeln haben.

Shigeru Miyamoto auf der E3 2004. Ist ein älteres Foto, trifft aber glaube ich gut den Kern dieses Artikels.

Direkt vorweg: Ich konnte das Zitat keiner spezifischen Quelle zuordnen und es ist das Internet, insofern cum grano salis bitte.
Aber der Grund, warum mir das Zitat so nachläuft, ist die Wahrheit, die ich darin sehe. Und ich springe dabei mal bewusst über den kulturellen Aspekt – also, dass Miyamoto als Japaner noch mal einem ganz anderen, strikteren Rollenmodell ausgesetzt ist, als wir das hier im Westen vermutlich gewohnt sind.
Dennoch: Wir leben ernsten Zeiten, daran dürfte kaum einer zweifeln. Die Weltwirtschaft kriselt seit mehr als 15 Jahren, das Erstarken einer bestenfalls konservativen, schlimmstenfalls faschistischen Rechten scheint weltweit spürbar, die Corona-Pandemie findet kein Ende und der Landkrieg in Europa ist Katalysator und Damoklesschwert zugleich.
Es wogen dunkle Wolken am Horizont, ganz gleich in welche Richtung man schaut, und dann haben wir noch gar nicht angefangen über den Klimawandel zu reden.

Was mich aber darüber hinaus wirklich betrübt ist, was das – und zweifelsohne die aufregungsgetriebene Hass-Maschinerie des Internets, aber darüber sprachen wir ja schon oft genug – mit den Leuten macht. Anstatt dem mit positiven Gedanken und dem Versuch, Freude zu verbreiten, entgegenzuwirken, scheint es eine Spirale zu sein, die nur immer und immer tiefer ins Dunkel führt.
Zynismus. Bitterkeit. Ablehnung.

In diesem Zusammenhang wirkt das Miyamoto-Zitat für mich wie ein absoluter Kontrast. Denn ich denke es stimmt, in jedem Erwachsenen steckt der Wunsch nach Freude, nach Spaß, wir begraben ihn nur, je älter wir werden. Und ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen als das Zitat: Ich glaube, dieses Kinderherz in jedem von uns kann auch verkümmern, je länger wir es verborgen halten, je weniger wir darauf hören.
Man kann das Miyamoto-Zitat also negativ lesen, wenn man den Fokus auf den zweiten Teil legt, dass wir uns mit der Zeit immer weiter vom Kind in uns distanzieren. Man kann es denke ich aber auch positiv lesen, denn noch schlägt dort auch dieses Kinderherz, und wir müssen vielleicht nur lernen, seinen Puls wieder wahrzunehmen.

Es ändert nichts daran, dass wir Verantwortung übernehmen müssen. Der Artikel hier erscheint am letzten Tag der Frist zur Einkommensteuer-Erklärung, als wenn ich noch ein Beispiel gebraucht hätte. Wir müssen auch Verantwortung übernehmen im Beruf oder gegenüber unserer Angehörigen, klar. Dies ist kein Plädoyer für das Peter-Pan-Syndrom – aber es ist ein Plädoyer, Spaß, Freude und Albernheit zuzulassen.
Denn ich glaube, am Ende hat es auch viel mit den Rollenmodellen zu tun, denen wir folgen – und die uns eingebläut wurden und werden. Videospiele und Gesellschaftsspiele haben inzwischen ja eine gewisse Normalisierung erfahren und sind auch für Erwachsene „in Ordnung“, aber egal ob ihr jetzt auch heute noch Spaß an Actionfiguren habt oder unironisch Freude an Micky-Maus-Comics verspürt, ob ihr euch für LARP oder Cosplay auch abseits von Halloween (auch das ist heute!) und Karneval gerne mal verkleidet – ich denke, ihr wisst, was ich meine.
„Werd‘ erwachsen“ sind grausame Worte, und für viele, die sie ernsthaft als giftigen Vorwurf formulieren, habe ich vor allem Bedauern übrig.

Ja, natürlich. Lasst uns erwachsen sein in dem Sinne, dass wir unsere Rechnungen bezahlen, Impftermine wahrnehmen und Versprechen einhalten.
Aber lasst uns doch auch spielen. Spaß haben. Lachen.
Lasst uns Zeichentrickserien gucken, ohne das ganze ironisch verkleiden zu müssen.
Lasst uns über ein niedliches Plüschtier lächeln, ohne Reue.
Lasst uns Smarties oder Zuckerstreusel auf den Kuchen streuen – nicht nur „für die Kinder“, sondern für uns.¹ Lasst uns Spaß an einer Sache wieder als Selbstzweck begreifen, der gar keine weitere Rechtfertigung braucht.
Nicht nur, obwohl wir in so ernsten Zeiten leben, sondern gerade weil wir es tun.

Und wenn dann jemand anklagend den Zeigefinger hebt und mahnt, wir sollten erwachsen werden, dann lasst uns vielleicht an ganz anderer Stelle ansetzen. Nicht rechtfertigen, warum wir sowas dennoch tun – sondern vielmehr dafür sorgen, dass wir unseren Mitmenschen und kommenden Generationen eine bessere Definition davon geben, was es heißen kann, erwachsen zu sein.

Viele Grüße,
Thomas

¹ So viel von dem Gefühl, was ich in diesem Artikel ausdrücken möchte, findet sich denke ich in diesem Video, dem ich auch die Zuckerstreusel als Bild entliehen habe.

Ein Kommentar zu “Spaß ist (k)eine ernste Sache

  1. Der Beitrag ist mir halb durchgerutscht, aber um einen Hobby-Youtubee zu zitieren :
    Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.

    Oder ohne die große Exegese-Keule raus zu holen: Mt 18,3
    Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.

    Die Betonung liegt auf „Umkehr“ und „werdet“ und nicht „bleibt.“

    Oder um in der Poppoesie zu bleiben.
    Tabaluga und die Reise zur Vernunft.
    Nesaja, die 200jährige Meeresschildkröte und Ziel der „Reise zur Vernunft“:
    Irgendwo tief in mir, bin ich ein Kind geblieben. Erst dann wenn ich es nicht mehr spüren kann. Weiß ich es ist für mich zu spät.
    Erwachsen? Was heißt das schon. Vernünftig? Wer ist das schon? Ich bin ich, und du bist du. Das ist alles was ich weiß. Du bist jung. Und ich bin alt. Aber was kann dass schon bedeuten?

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