Sterne gucken

Hallo zusammen!

Gestern, als ich am Ende des Tages noch mal auf den Balkon trat, um eine wenig Luft zu schnappen vor dem Zubettgehen, blickte ich hinauf in den Himmel und sah etwas, was „wir hier auf dem Land“ den Stadtmenschen definitiv voraus haben: Sterne.
Wo ich in meinen 15 Jahren in Aachen in solchen Momenten in klaren Nächten natürlich auch das vereinzelte Glimmen ewig weit entfernter Sterne sah, bietet der Eifelhimmel doch noch mal ein ganz anderes Bild. Und zugegeben, konkret bei mir ist die Lichtverschmutzung noch immer stark genug, dass es nicht so richtig für eine vollständige Milchstraße reicht, aber wenn man im Wald unterwegs ist, oder etwa in der Nähe des Rursees, kann man auch diese durchaus sehen.

Das war für mich, als mir das zum ersten Mal klar und bewusst wurde, eine wirklich unermessliche Erkenntnis. Sicher, wir kennen die Milchstraße von irgendwelchen astronomischen Aufnahmen, aus Sachbüchern und (mehr oder weniger oft unbemerkt) als digitale Darstellung, aber dass man wirklich hier, auf diesem Klumpen Fels, auf dem wir durch das All rocken, hinaufblicken kann in diese endlose Schwärze und mit bloßem Auge die Milchstraße sehen kann … das ist schon irre.
Und es hat für mich immer wieder etwas sehr beruhigendes.

Der Nachthimmel am gestrigen Abend (Astro-Fotografie; definitiv nicht mein Tätigkeitsfeld)

Ich meine, klar: Das manchmal aufkommende Argument, dass unsere Probleme mehr oder weniger ein Sturm im Wasserglas sind gemessen an der kosmischen Weite des gesamten Universums ist richtig, es ist aber auch sehr akademisch. Denn was diesem Gedanken ein wenig abgeht ist die Erkenntnis, dass es halt dennoch ein Sturm in unserem Wasserglas ist.
Und doch ist das Argument wahr.

Es ist ein Gedanke, der mir auch z.B. durch den Kopf ging, als vor einigen Wochen der Komet Neowise so gut erkennbar über unseren Sternenhimmel gezogen ist.
Dieser Gedanke, dass ich dort stand, in meinem Garten in der Eifel, und auf den gleichen, fernen Himmelskörper schaute wie ungezählte andere auch; auf diesen Himmelskörper, so weit entfernt dass die Distanz mehr eine abstrakte Größe ist, auf einer Reise, die in unseren Maßstäben ewig scheint, und doch klar und sichtbar dort am Himmel.
Der Komet war, als er der Erde am nächsten war, noch immer 103,5 Millionen Kilometer entfernt, und nun beschreibt er weiter seine Bahn, geht seinen Weg und wenn er das nächste Mal in vergleichbarer Nähe zur Erde sein wird, wird diese auf das Jahr 9.000 n. Chr. zusteuern. Ich finde, all dem wohnt eine gewisse, ordnende Größe inne, ein Maßstab, der markante Dellen in unseren selbstdefinierte Bedeutsamkeit schlägt.

Neowise über Nanaimo in British Columbia, Kanada – und doch der gleiche Komet, den ich auch von hier aus auf seiner weiten Reise gesehen habe. (Photo by Shlomo Shalev on Unsplash)

Wie gesagt, es ist dennoch unser Wasserglas, in dem es stürmt. Es ist keine Entschuldigung, sich nicht akut Gedanken zu machen um wichtige politische Wahlen, um die Pandemie, die uns alle weiterhin im Griff hat, um den notwendigen Wandel kommender Jahre – aber auch um die Menschen, die uns nah und wichtig sind. Es ist unser Leben, es sind unsere Liebsten, unsere Ziele, Ideale, unsere Leiden und unsere Leidenschaften.
Aber manchmal stelle ich mich doch auf den Balkon, blicke hinauf in den Nachthimmel, auf die unzählbar vielen Sterne, und finde den Anblick dieser Galaxie, die so viel älter ist als wir und die so viel länger existieren wird als wir, einfach beruhigend.

„The sea“, sagt König Haggard in Das letzte Einhorn mit großem Nachdruck, „[t]he sea is always good“.
Ich glaube, mir geht es mit den Sternen ganz genauso.

Und wer weiß – wenn ihr in den kommenden Wochen und mit allem Wahnsinn, den der Rest des Jahres sicherlich noch für uns bereithält, mal nicht wisst wohin mit euch, dann schaut doch vielleicht auch einfach mal nach oben.
Zu den Sternen.

Viele Grüße,
Thomas

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