Leute, die noch Dinge tun

Hallo zusammen!

Um zum heutigen Punkt zu kommen – denn ja, ausnahmsweise gibt es mal einen –, müssen wir gewissermaßen eingangs gleich zwei separate Sprünge quer durch die Zeit machen.

Der erste Sprung führt uns in die letzte Woche zurück. Ich war irgendwann spät abends auf dem Weg zur Packstation, weil mir weit jenseits sinnvoller Uhrzeiten einfiel, dass ich da ja noch ein Paket abzuholen habe. Entsprechend müde stapfte ich dort hin und wurde, etwas unvermittelt, von einer fremden Frau angesprochen, die dort gerade mit einem Kumpel mit Poi übte. Sie wünschte mir einen schönen Abend, mit dem Zusatz, ich sähe aus, als bräuchte ich den.
Wir kamen ins Gespräch, kamen über die Poi aufs Tanzen, ich erzählte ein wenig von meinen eigenen Tanzsport-Aktivitäten und Saltatio, und das wiederum gefiel besagtem Kumpel der fremden Poi-Frau. Er lobte, dass er es cool fände, dass es eben doch noch Leute gäbe, „die Dinge tun“.
Will sagen: Die einfach aus Leidenschaft etwas realisieren, anstatt halt nur profit-effiziente Projekte umzusetzen.
Letztlich ließ ich die beiden hinter mir und kehrte heim, aber das Gespräch hing mir noch eine Weile nach.

Heute ist der 15. August – und unser zweiter Sprung führt uns zurück an eben jenen Tag, nur vor vier Jahren. Da erschien der finale Trailer für To Boldly Flee, eine Woche, bevor die eigentliche Reihe begann, in mehreren Teilen online zu erscheinen.
Nun muss ich vermutlich ausholen. Channel Awesome ist ein Zusammenschluss von Internet-Video-Machern. Rund um Doug Walker und seine wohl erfolgreichste Persona, den Nostalgia Critic, betrieben und betreiben sie alle gemeinsam unter anderem eine Webseite und einen Youtube-Kanal. Sie rezensieren dort, je nach Macher und Kanal, vornehmlich Filme, aber auch Videospiele, Comics und manchmal sogar Rollenspiel-Material.
Channel Awesome war gerade damals in meinem engen Freundeskreis eine große Sache. Neue Folgen dort waren quasi verbindend, so wie für viele Leute Fernsehsendungen verbindend sind. Also war es, statt „Hast du gestern Tatort gesehen?“, entsprechend „Hast du schon die neue Folge von The Spoony Experiment gesehen?“, was unseren Smalltalk beherrschte.
(Tut es immer noch bisweilen, aber nicht mehr so oft.)
Interessant war es auch dadurch, dass die Rezensionen nicht einfach nur Betrachtungen der Medien waren, sondern im Grunde alle durch eine jeweils angepasste „Persona“ vorgetragen werden. Darum unterschied ich oben schon zwischen Doug Walker und seiner Kunstfigur, dem Nostalgia Critic. Das nahm über die Zeit dann aber noch mal ganz eigene Dimensionen an, mit einer regelrechten Form von Metaplot, als etwas, was als gegenseitige Cameos begann, langsam zu einer Form von Rahmenhandlung wurde.
Und aus diesem Geist heraus, aus einem Gefühl von Gemeinschaft, drehten sie in den ersten vier Jahren des Projektes jeweils zum Jubiläum einen Film. Der erste, „Team Brawl“, ist dabei noch eher unerheblich. In den drei folgenden Jahren aber folgten richtige Spielfilme, namentlich „Kickassia“, „Suburban Knights“ und eben, da sind wir wieder einen Kreis weiter nach innen, „To Boldly Flee“.
Dieser erwähnte Final Trailer?
Es ist dieser hier:

Ich denke, wer nicht generell in der Materie steckt, der kann aus dem Trailer alleine zwei Erkenntnisse mitnehmen: Sie haben unfassbar viel Aufwand betrieben … und ein völlig obskures, Home-Video-eskes Projekt realisiert, das sich gar nicht bemüht, das irgendwie zu kaschieren.

Schwingen wir mal zurück in die Gegenwart; warum schreibe ich diesen Text?
Keiner der genannten Filme war per se gut. Sie waren (bzw. sind) Insider-Joke-getriebene Werke, sie sind absolut nichts, was nach professionellen Maßstäben existieren sollte – und alleine der obige Trailer hat 26.000 Views. Und ist nicht mal der ursprüngliche Upload.

Ohne jetzt wieder zu sehr auf der Kritik-Kritik von neulich zu schwimmen: Dinge schlecht finden ist leicht. Und so wichtig ich Kritik finde, dies hier trifft einen anderen Nerv, und darin fügen sich beide Anekdoten dann zu einem Gesamtaspekt zusammen: Das ganze Channel-Awesome-Team besteht aus Leuten, die Dinge tun.
Sie investieren Energie, Zeit und vor allem Herzblut in etwas, was objektiv betrachtet vor allem Unfug ist, was aber zugleich vielen Leuten Freude bringt. In einer Mischung aus Perfektionsanspruch und Erfolgsorientierung scheint es mir manchmal verloren zu gehen, dass Leute einfach Bock haben, etwas umzusetzen – und es dann machen. Völlig ungeachtet der Frage, ob sie der Aufgabe gewachsen sind, ob sie es tun sollten, oder ob es eine vermarktbare Zielgruppe gibt.
Aber genau davon brauchen wir in meinen Augen mehr.
Doppelt und dreifach bei uns im deutschsprachigen Raum.

Man muss auch eines sagen: Wenn ich hier davon spreche, dass die Channel-Awesome-Sachen keinem professionellen Anspruch genügen, so ist das genauso richtig wie falsch.
Wer sich enger mit dem ganzen Material befasst, der kann in vielen ihrer Projekte trotz allem augenscheinlichen Mangel an Produktionsqualität eine große Liebe zum Detail und viel Kenntnis des Mediums entdecken.
Das möchte ich nicht kleinreden.
Es ist halt nur eine ganz andere Form von Anspruch.

Insofern kann man Projekte wie To Boldly Flee finden wie man will, ich persönliche finde sie inspirierend.
Ich sprach neulich mit jemandem über Hilde und die Glocken der Amazonen und erwähnte in dem Gespräch, dass der Final Cut mehr oder weniger fertig sei und ohne Nachspann etwa 38 Minuten liefe.
Mit leicht spöttischem Ton kam dann als Antwort, na dann hätten sich die fünf Jahre Produktion ja echt mal gelohnt.
Aber ja, haben sie.
Es hat Spaß gemacht, den Film zu schreiben.
Es hat Spaß gemacht, den Film zu drehen.
Es hat Spaß gemacht, den Film zu schneiden.
Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es genug Leute geben wird, denen es Spaß machen wird, den Film zu sehen.

Das muss man auch einfach mal bedenken. Wir haben dort etwas geschaffen, was eine Anzahl von Leuten etwa eine Dreiviertelstunde unterhalten wird. Wir haben etwas in diese Welt gebracht, was ihnen Spaß und Freude in ihr Leben bringen kann.
Und das?
Ich finde das ist etwas absolut Wundervolles.

Viele Grüße,
Thomas

2 Kommentare zu “Leute, die noch Dinge tun

  1. Jetzt musste ich erstmal kurz Googel fragen was ein Poi ist…vermutlich weil ich keine Koordination habe, von der ich wüßte. ;-)
    Aber ja, ansonsten bin ich auch gerne ein Mensch der Dinge tut. Aus dem Grund bin auch ein großer Fan von Gerards Titel „Wasting a Lifetime“, ich bin es wirklich leid immer erklären zu müssen, was irgendwas „bringt“.;-)

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