Voreingenommene Empfehlung: Jack Ketchum – Die Schwestern

Hallo zusammen!

Auch wenn es von einem Kumpel übersetzt wurde eine ehrliche Empfehlung: Die Schwestern

Normalerweise schreibe ich ja über so ziemlich alles, was ich lese, eine Rezension bei der DORP. Im Fall dieses Buches hier aber, Die Schwestern von Jack Ketchum, haben wir uns gemeinschaftlich die Meinung bestätigt, dass das vermutlich irgendwo ungerecht wäre.
Warum?
Nun: Die Schwestern ist bei Atlantis erschienen, für die ich lektoriere. Übersetzt wurde es von Ben Sonntag, mit dem ich a) privat befreundet bin, mit dem ich b) schon seit vielen Jahren im Theaterbereich zusammenarbeite, er auf der Bühne und ich in Form von Postern und Programmheften, und c) dessen Übersetzung von Tim Currans Der Leichenkönig ich auch noch lektoriert habe. Bei Atlantis.
Nein, selbst mit einem nicht vorhandenen Objektivitätsanspruch im Bereich Rezensionen war mir das etwas viel. Aber ich fand Die Schwestern dennoch sehr gut. Was tun? Genau – schreibe ich halt hier darüber.

Das Buch, vielmehr die Novelle, spielt 1848 in Arizona. Es ist eine Westerngeschichte an der mexikanischen Grenze, es ist aber irgendwo auch eine Horrorgeschichte, wenn auch in ungewohntem Ambiente. Doch obschon die Geschichte des Reporters Marion T. Bell, der zusammen mit dem Revolverhelden John Charles Hart und dem unheimlichen, rauen Mother Knuckles mehr oder weniger durch Zufall in die Geschehnisse gezogen wird, auf der Grenze zum Übernatürlichen steht, muss man hier nicht mit Dämonen oder Vampiren rechnen.
Das Grauen hier liegt im Menschen begründet und in Dingen, die Menschen tun. Es ist zugleich eine Geschichte darüber, was passiert, wenn andere Menschen wiederum beschließen, aus welchen inneren Beweggründen heraus auch immer, dass dem ein Ende gemacht gehört.

Das Buch – im Original übrigens The Crossings – ist wie gesagt kurz. Die Haupterzählung endet nach 75 Seiten, vor denen es ein kurzes Vorwort des Autors gibt und denen vier Seiten Interview mit dem Autor und sieben Seiten Nachwort von Christian Endres nachfolgen. Das schadet der Geschichte allerdings nicht. Sie ist knapp und kondensiert, konzentriert gewissermaßen, aber sie ist nicht zu kurz. Im Gegenteil – sie nimmt sich die Zeit die sie braucht und verschwendet darüber hinaus keinen Moment. Das hat mir durchaus sehr gut gefallen, auch wenn es natürlich Freunde von Geschichten epischen Umfangs abschrecken könnte.
Die Sprache der Novelle ist ähnlich auf den Punkt gebracht. Ich will eigentlich aus eingangs genannten Gründen gar nicht zu sehr auf die Übersetzung eingehen, da es ja doch immer unter Vorbehalt verstanden werden wird – aber ich finde sie sehr gelungen. Ich kenne das Original nicht, aber das Buch hat einen sehr erkennbaren Stil und hat bei mir an einem Punkt den Eindruck erzeugt, dass ich es mit einer sprachlichen Adaption zu tun hätte. Es liest sich flüssig wie ein deutscher Text, was wohl den größten Wunsch erfüllt, den man an eine Übersetzung stellen kann.

Das Buch ist dabei nichts für schwache Nerven. Es gibt derbere Bücher und blutigere Geschichten, aber Die Schwestern macht es den darin vorkommenden Figuren dennoch wirklich nicht leicht. Da treffen die Härten beider Genres, des Western wie der Horrorgeschichte, aufeinander und erzeugen gemeinsam einen Spannungsbogen, der einen schnell in seinen Bann zu ziehen versteht. Mir jedenfalls ging es so.
Allerdings bin ich da insofern auch leichte Beute, als dass ich beiden Genres sehr zugetan bin; bei jenen, die dem einen oder anderen nichts abgewinnen können, wird es sich vermutlich auch mit der Liebe zu Die Schwestern in Grenzen halten.

Die Taschenbuchausgabe ist mit 8,90 Euro auch gar nicht mal so teuer. Wer dem allen mal eine Chance geben will, der kann das Buch mutmaßlich in seinem lokalen Laden beziehen (da freuen sich die Buchhändler, und das sind in der Regel tolle Leute), kann den Titel wie gewohnt über Amazon beziehen oder aber direkt beim Verlag kaufen, der auch exklusiv eine limitiert verfügbare Hardcover-Version anbietet.

Viele Grüße,
Thomas

2 Kommentare zu “Voreingenommene Empfehlung: Jack Ketchum – Die Schwestern

  1. Hm… Ich habe von Ketchum Off Season gelesen, weil es mir sehr enthusiastisch empfohlen wurde.
    Ich fand das so dermaßen egal, dass ich glaube, nie wieder was von ihm kaufen zu müssen.

    • Dazu kann ich mangels Textkenntnis nichts sagen; „Die Schwestern“ ist der erste Ketchum, den ich gelesen habe, Vergleichsmöglichkeiten innerhalb des Autorenwerks hab ich also nicht.
      Allerdings muss man natürlich sehen, dass zwischen „Off Season“ und „The Crossings“ auch mal lockere 24 Jahre gelegen haben; oder, solltest du die Neuauflage bzw. die deutsche Fassung gehabt haben, immer noch fünf. Zudem hab ich diversen Rezis entnommen, dass „Die Schwestern“ wohl eher eine stilistische Ausnahme im Gesamtwerk ist, aber das kann ich, wie gesagt, auch nur ungefiltert und ohne Quelle wiederkäuen.

      Allerdings gibt es das natürlich auch manchmal. Ich hatte neulich Partridges „Die dunkle Saat“ auf dem Nachttisch liegen, das in vielen Rezis gelobt und mit Preisen ausgezeichnet worden war. Ich fand’s schrecklich. Und zwar nicht im intendierten Sinne als Horrorroman.
      Dafür ist’s halt persönlicher Geschmack, denke ich :)

      Allerdings hab ich gerade mal etwas gesucht und hier im Blog von Christian Endres eine Leseprobe gefunden. Vielleicht hilft das ja bei der Entscheidungsfindung :)

      Viele Grüße,
      Thomas

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