Einige spätabendliche Gedanken zum Thema LARP

Hallo zusammen!

Von nahezu all meinen Hobbys ist das Themenfeld Live-Action-Rollenspiel immer so das eine, bei dem ich mich hier normalerweise eher kurz fasse. Sicherlich, es gibt diese Veröffentlichungen meinerseits, die eng damit verwoben sind, am stärksten natürlich Die condrianische Bibliothek, deren dritter Band derzeit im Stillen reift. Aber generell halte ich mich damit ja zurück, oftmals bis auf den Hinweis, dass mal wieder was war. Nun, bis auf heute.
Da das Thema aber ja nun auch nicht jeden interessiert, setzte ich mal einen „weiter“-Link und verweise für alle anderen auf morgen, da kommt hier wieder was LARP-loses. Heute aber muss das sein.

Viele Grüße,
Thomas

Wirre Einleitung

Eben wühlte ich so durch das Archiv meines Blogs hier – das umfasst mit diesem Artikel zusammen mittlerweile ja auch schon stattliche 352 Einträge – und dachte mir, zum Thema LARP hab ich ja auch schon früher mal was geschrieben. Aber: Fehlanzeige.
Das waren jeweils „Fremdgänge“.
Ich habe 2009 unter dem Titel „Die Seele beim LARP“ im mittlerweile stillgelegten DORP-Blog einen langen (!) Artikel dazu geschrieben, was mich zum Hobby getrieben hat und wie dieser Erstkontakt so war. Der Artikel selber ist sogar noch einen dicken Hau älter, von 2006 schon, und ich muss sagen, er ist eher noch von historischem Interesse, schätze ich.
Noch weiter zurück, jedenfalls was die Veröffentlichung betrifft, ist ein Eintrag den ich 2008 auf deviantArt ins Journal geschrieben habe unter dem Titel „I learned something about mankind, I think…“, der sich etwas erratisch liest, aber im Kern besser gehalten hat.
Nun, wie dem auch sei, offenbar hab ich das Thema hier im Blog weniger gestreift, als ich dachte.

Generelles

Ich spare mir denke ich jetzt die groben Erklärungen, was LARP genau ist. Das klappt ja bekanntermaßen eh nie. Letztlich ist es ein Hobby, eines, was darin besteht, dass sich Leute in der Rolle meist phantastischer (Genre, nicht Qualität) Figuren verkleiden und für Stunden, oder auch Tage, versuchen, aus diesem fremden Charakter heraus zu handeln. Da gibt es dann letztlich eine Menge Theorie, eine Menge Vorurteile, Regelwerke und Vereine zu, aber der Brennpunkt ist letztlich der, dass die Leute etwas ausüben, um gemeinsam Spaß zu haben.
Der Aufwand, den man dazu betreiben kann, ist variabel und die Kostenkalkulation des Hinter den Kulissen, einer von unserem Condra e.V. zusammen mit dem Engonien e.V. umgesetzten Veranstaltung, lässt mich bis heute staunen. Im Kleinen trifft man sich vielleicht mal im Stadtwald oder mietet eine Grillhütte an, im Falle des genannten Events sprechen wir von nicht einer, sondern zwei Burgen nebst dem Land dazwischen. Es ist immer wieder erstaunlich, was geht.
Der Einsatz hinter den Kulissen ist natürlich teils enorm. Selbst bei den kleinen Sachen sind es manchmal Monate des Vorlaufs und die Tatsache, dass wir für Die Tröte, unser fiktives, in der Spielwelt erscheinendes Monatsblatt, gerade den fünften Jahrgang beenden, spricht da auch schon Bände. Aber bevor ich weiter auf diesen Punkt eingehe, kurz ein Exkurs.

Der Anlass

Der Grund, dass ich all das gerade jetzt schreibe und nicht vor einem halben Jahr etwa, liegt in dem dieser Tage schon erwähnten, vergangenen Wochenende begründet. Von Freitag bis Sonntag in einem abgelegen in einem Wald gelegenen Haus, ohne Strom und vor allem ohne elektrisches Licht. Ich bin immer, immer Geschichtenerzähler und auch das LARP erzählt Geschichten; diese, an dem Wochenende, war gewissermaßen ein Höhepunkt in einem privaten, internen Erzählbogen und es wäre undankbar, nicht zu erwähnen, dass ich bzw. genauer eine der Figuren, die ich im Spiel verkörpere, eine sehr, sehr zentrale Rolle dort eingenommen hat.
Einerseits gilt da natürlich ganz banal-psychologisch, dass positive Erfahrungen in einem Hobby natürlich dazu führen, dass man neue Energie für eben dieses Hobby freisetzt und irgendwie kanalisieren will. Sicherlich.
Aber vielmehr hat mir das Wochenende noch mal eine Frage beantwortet, die unausweichlich in langen Vorbereitungsphasen und der steten Planungs-Belastung aufkommt.
Warum mach ich so was eigentlich?

Der Reiz

In der Theorie der klassischen Tisch-Rollenspiele, zu denen ja etwa auch Die 1W6 Freunde gehören, gibt es ein Wort, das immer wieder fällt: Immersion. Nun ist Rollenspiel-Theorie etwas, womit man mich gut über weite Felder jagen kann, aber dieser eine Aspekt ist einer, den ich immens wichtig finde. Letztlich für jede Art von fiktionaler Unterhaltung.
Immersion beschreibt das Eintauchen, die Möglichkeit, in einem Stoff völlig zu versinken. Immersion ist, wenn man bei der Lektüre eines guten Buches um sich herum alles vergisst, oder wenn man im Kino gar nicht mehr mitbekommt, was um einen herum geschieht, weil man so mit den Augen an der Leinwand haftet. Auch besagte, am Tisch gespielte Rollenspiele streben einen derartigen Zustand an und erreichen den bisweilen sogar halbwegs; aber sie sind den Möglichkeiten eines LARPs grundlegend unterlegen.
Man kann mir sagen, kann mir beschreiben, kann mir im Film sogar zeigen, dass die Handlung sich auf eine mondbeschienenen Wiese abspielt. Aber das ist kein Vergleich dazu, auf solch einer Wiese zu stehen. Sicher hat man eine Vorstellung davon, wie es ist, in einem Haus ohne elektrischem Licht zu sein, aber man hat keine Erfahrungswerte, wenn man es nicht einmal selbst erlebt hat. Nicht mal einige Stunden bei Stromausfall, sondern ein Wochenende lang. In Ereignisse eingebettet, der fiktiven Rahmenhandlung, während der man sich sicherlich gelegentlich mehr Licht wünschen würde. Aber das ist ja Teil des Spaßes.
Überhaupt sind es die Extreme, denke ich, von denen der Reiz ausgeht. Das mag einerseits die Wild-schreiend-über-Stock-und-über-Stein-Extreme betreffen, die sicherlich, aber auch die stillen Momente. Wie Romanfiguren, wie Filmcharaktere, so haben auch die Rollen, in man beim LARP schlüpft, potenziell das komplette soziale Netz von engen Vertrauten bis hin zu dunklen Geheimnissen. Und es macht Spaß, damit zu spielen, wenn die Chemie zu den anderen stimmt. Auch das sind extreme Augenblicke.

Interessant ist, dass Immersion natürlich immer bedroht ist. Das ist wie im Film, wenn ein zentraler Spezialeffekt plötzlich nicht gut aussieht, oder in einem Buch, wenn eine Beschreibung aus der Luft gegriffen und nicht nachvollziehbar erscheint. Genug Negativbeispiele machen im Netz die Runde, als das ich da vermutlich gar nicht mehr viel zu sagen müsste; aber das grundsätzliche Störrisiko von Polsterwaffen oder Leuten, die wild Formeln brüllend, aber ja offenkundig nicht zaubernd, über Wiesen schreiten, ist selbsterklärend, denke ich. Und letztlich muss man, gerade wenn man die Leute um sich herum gut kennt, natürlich auch immer dagegen ankommen, die Rollen und die nicht echten Bekannten wahrzunehmen.
Das, was mich fasziniert, ist das immens geringe Maß an Willen, das dazu erforderlich ist. Natürlich ist man sich der Brüche immer bewusst und wer irgendwann glaubt, dass irgendwas davon echt sei, ist eh im falschen Hobby. Aber ihr Störfaktor ist viel geringer, als ich das von mir aus angenommen hätte. Und da steckt nun auch eine wertvolle Nebenlektion drin, denn es ist wie mit Gruselgeschichten, die man sich am Lagerfeuer erzählt. Man muss bereit sein, sich darauf einzulassen; aber wenn das die Leute tun, ist es immens, was man Kraft seiner eigenen Phantasie „erleben“ kann.

Die Tiefe

Das bringt mich zu der klassischen Schattenseite, vor allem hier erwähnt um sie zu erwähnen, für jene, die sich vielleicht nur qua Google herverirrt haben. Natürlich ist jedes Hobby, das mit wenigstens einem von zwei Beinen tief im Sumpf des Eskapismus steht, nicht ganz ohne Tücke. Aber ganz ehrlich, da stimmt halt genau das – es gilt für jedes Hobby, nicht nur die Interaktiven. Und negative Beispiele wirken immer medialer.
Interessant finde ich aber dabei auch, dass gerade der Aspekt der Rollenübernahme nur einen Bruchteil dessen ausmacht, was LARP sein kann. Man kann an so vielen Stellen schneidern, nähen, bauen, planen, schreiben, dichten, malen, layouten, konzipieren und organisieren, dass man 1001 Vorwände hat, mit Freunden etwas zu unternehmen und der fiktionale Aspekt bestenfalls sekundär durchbricht.
Umgekehrt ist es halt auch in Teilen ein forderndes Hobby. Potentiell zumindest körperlich im Wald-und-Wiesen-Sinne, aber auch etwa durch Mangel an Schlaf und Ruhe auf den Veranstaltungen, durch intensive Szenen und viele andere Belastungen. Aber da, so meine Erfahrung, kann sich jeder selbst aussuchen, von welchem Brett er springen will.

Der Autor

Zuletzt aber will ich in diesem etwas schweifenden Artikel noch mal auf einen Aspekt zurückkommen, den ich zuvor nur angedeutet habe: LARP für mich, der ich Texte produziere.
Der „Mittendrin statt nur dabei“-Faktor spielt hierbei die größte Rolle. LARP erzeugt letztlich Eindrücke, Erfahrungen und Erinnerungen. Die drei wichtigsten Elemente, neben der eigenen Phantasie, auf die man beim Schreiben zurückgreifen kann. Sicherlich, Karl May hat auch über den Wilden Westen geschrieben, ohne je dort gewesen zu sein, aber das ist ja nun auch nicht in allen Aspekten glücklich zu nennen. Aber auch wenn Realismus kein Allheilmittel und Praxis gegenüber Phantasie kein überlegendes Schreibwerkzeug ist, so ist der persönliche Fundus, den mir privat das Hobby schon gebracht hat, fast unersetzlich.
Um in der Analogie eines Filmbetrachters zu bleiben: Manchmal sieht man Dinge im Film und denkt sich, nee, nie im Leben, das haut so nie hin. Etwa, wenn Banderas im „13. Krieger“ im Laufen ein Kettenhemd überwirft. Manchmal hat man aber auch diese Momente, in denen andere vielleicht sagen, was ein Unsinn, doch man selber aus Erfahrung weiß, genau das hab ich auch schon mal live gesehen.

J. Michael Straczynski hat einmal gesagt, dass ein jeder Mensch zumindest eine Geschichte in sich trage, die niemand hören wolle – seine eigene. Aber wenn ihr das nächste Mal in einem Buch eine besonders lebhafte, glaubwürdige Beschreibung von etwas lest, wer weiß, vielleicht sind gerade das die Zeilen, wo der Autor auf seinen „Trog“ persönlicher Erfahrungen zurückgreifen kann.

Aber ist es das, warum ich LARP als so liebes Hobby halte?
Oh nein.
Das ist der Fall, weil es mir Spaß macht.
So wie es mit jedem Hobby sein sollte.

Viele Grüße,
Thomas

Ein Kommentar zu “Einige spätabendliche Gedanken zum Thema LARP

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