Wie viel Web 2.0 braucht mein Buch?

Hallo zusammen!

Obschon der Stein des Anstoßes für diesen heutigen Beitrag meinerseits aus dem Rollenspiel-bezogenen Cthulhu-Forum kommt, richtet er sich tatsächlich an die lage auf dem Buchmarkt im Allgemeinen. Ich würde also insofern gerade auch jene Leser hier, die nicht aus der RPG-Ecke kommen, einladen, heute einmal dran zu bleiben.

Es gibt dort derzeit eine Diskussion, die sich um so genannte „Handouts“ dreht. Meist aufwendig gestaltete Passagen, die im Spiel an die Spieler gegeben werden sollen, als Substitut „echter“ Dokumente und Funde. Mehr Exposition brauchen wir nicht.
Bei Cthulhu herrscht nach wie vor die Einstellung vor, dass diese Passagen in Bücher gehören und nicht (auch) als PDF-Datei auf die Webseite. Ich persönlich finde das weder „retro“ noch „old-school“, sondern vor allem vorsintflutlich und veraltet.
Das Thema aber ist ja eigentlich ein viel größeres: Wie können traditionelle Medien wie die guten, alten Bücher von dem Potential profitieren, dass von den neuen Medien ausgeht. Wie können sie es für sich ausschöpfen, ohne ihrer bestehenden Form zu entsagen, also etwa zu eBooks zu werden?
Eine gute, wichtige Frage, finde ich.

Zunächst einmal gibt es die Möglichkeit, den Online-Content supplementär, als ergänzend zu nutzen. Ich habe das in Grundzügen bei Einfach Filme machen realisiert und biete ja unter anderem den im Buch auch erläuterten „Colorchecker“ oder auch ein Merkblatt als Arbeitshilfe hier in der entsprechenden Download-Rubrik an. So etwas finde ich nur zeitgemäß und gerade im Falle von Merkblättern und allgemein Bögen, die man ausfüllen kann, bietet es sich sehr an, diese direkt zur digitalen Vervielfältigung als PDF anzubieten.
Ebenso finde ich bei Sachbüchern die Möglichkeit, Errata anzubieten, eine sinnvolle Angelegenheit. Kein Buch ist perfekt, absolut keines. Rechtschreibfehler notiert man und beseitigt sie in der nächsten Auflage, aber inhaltliche Fehler kann man so schnell, einfach und vor allem kostenfrei kommunizieren.

Eine andere Form der digitalen Ergänzung hat Stu Maschwitz in seinem Buch übers Machen von Filmen, „The DV Rebels Guide“, gewählt. Da das (ohnehin schon recht teure) Buch offenbar nicht genug Platz für alles bot, hat er ein weiteres, sehr umfangreiches Kapitel als DVD beigelegt.
Nur kosten DVDs eben auch wieder Geld. Wenn es eh gekürzt wurde, kann man denke ich auch elegant „deleted scenes“ daraus machen und sie auf seiner Webseite zum Download anbieten. Und was, wenn es jemand lädt, der das Buch gar nicht hat?
Dann ist es kostenlose Werbung, behaupte ich.

Apropos: Produktproben. War es früher unglaublich teuer und aufwendig, Produktproben zum Leser zu bekommen, ist es heute teilweise die Frage einer einzigen Checkbox. Ich biete auf dieser Seite keine Leseproben an, aber alle meine Bücher sind über Amazon und Google Books anlesbar. Nicht komplett, aber anlesbar.
Ich denke, das ist ein faires Angebot und in Zeiten des Internet-Handels vielleicht so nah, wie man bei einigen Titeln noch daran kommen wird, es im Laden einmal anlesen zu können.
Hier kann man es sich auch echt versauen – ich habe schon Leseproben-PDFs von Verlags-Seiten gezogen, die enthielten dann Schmutztitel, Impressum und das Vorwort sowie die erste Seite (!) eines Romans. Genau. Weil das die Leselust eines potentiellen Kunden garantiert vervielfachen wird…

Aber wenn ich schon sage, dass man Dinge falsch machen kann – kann man zu viel auf das Internet setzen? Oh ja!
Man wird ja oft das Gefühl nicht los, dass die neuen Medien für alteingesessene Verlage so etwas wie esoterische Fremdkörper sind, die man nur konfus, planlos und ohne jeden Bezug auf die Zielgruppe nutzen kann. Brauche ich wirklich so etwas wie die Option, passende MP3s mit Musik zu einem Buch herunter zu laden? Das ist gerade vor allem bei eBooks scheinbar im Kommen, aber ich nehme an, es ist nur eine Frage der Zeit, bis das auch breitflächiger zuschlägt.

Oder Buchtrailer. Die sind ja auch gerade hip und modern, großteilig aber auch einfach nur uniformativ und uninspiriert. Und obwohl ich es eigentlich nicht mag, mit dem Finger auf irgendwas zu zeigen – hier der Trailer zu „Weißer Schrecken“, einem neuen Buch von Thomas Finn.

Ich halte große Stücke auf Thomas Finn, er ist sowohl ein phantastischer Autor wie auch ein unglaublich netter Kerl, wenn man ihn auf Lesungen oder Messen trifft.
Aber dieser Trailer? Der Charme einer Powerpoint-Präsentation mit Wikimedia-Bildern…
Es gibt auch positive Beispiele – und mit denen zusammen kriegt dieser Artikel den Bogen da hin, wo ich letztlich auskommen wollte. Nach dem Erfolg der Jane Austen-Adaption „Pride & Prejudice & Zombies“ bekam ein ähnlich veranlagtes Produkt des gleichen Verlages folgenden Trailer:

Jepp, „Sense and Sensibility and Sea Monsters“. Nun – warum ist der cool? Was unterscheidet ihn von vielen anderen Buchtrailern?
Er bringt einen Mehrwert. Er ist nicht nur ein überlanges Werbebanner, bei dem man auch noch erwartet, dass ich es mir freiwillig auf Youtube anschauen werde. Der obige Trailer ist ein eigener, kleiner Film. Darum hat er auch eine weitere, besondere Eigenschaft: Es macht Spaß, ihn zu gucken!
Und das ist der Grund, warum ich diesen kleinen Exkurs unternommen habe.

Oft habe ich das Gefühl, dass von Verlagen, Verlegern und einigen Autoren das Internet vor allem als „dieses neue Dingen“ war genommen wird, was jetzt halt „auch da“ ist. Das Problem ist nur – wenn Leute, die „dieses neue Dingen“ nicht verstanden haben, versuchen, sich an die Zielgruppe dort gewissermaßen unbeholfen anzunähern, dann endet das meist tragisch. Vielleicht hattet oder habt ihr Verwandte mit der unglücklichen Tendenz, dass sie gerne versuchen, hip und jugendsprachlich zu klingen und dabei vor allem etwas produzieren, was klingt wie Stefan Wolf auf Crack.

Schlechte Buchtrailer und schlechter Websupport sind in meinen Augen genau das.

Es gibt noch einen letzten Aspekt, den ich eben kurz anreißen möchte und dessen Bedeutsamkeit mir vor allem durch einige Vorträge von Gary Vaynerchuk deutlich geworden ist: Das Internet bringt Kaufverhaltensmuster kleiner Dörfer zurück in die weite Welt. Leute können ungehindert miteinander kommunizieren, von weit im Westen bis weit in den Osten hinein. Wenn jemand Mist baut, dann tratscht sich das binnen Stunden quer durch die Welt. Spätestens seit Facebook.

Und umgekehrt – wenn jemand sich gut anstellt, wenn jemand etwas richtig macht, dann macht das genauso seine Runden. Mit der alten Faustregel, dass sich schlechtes Feedback etwa doppelt so schnell vermehrt wie gutes Feedback, versteht sich…
Man muss es ehrlich meinen und man muss seine Kunden respektive seine Leser dabei ernst nehmen. Man muss nicht sein ganzes Privatleben ins Netz verlagern – aber man muss sie ernst nehmen. Ob das nun um Feedback geht, die Auswertung/Verwertung von Resonanz und dergleichen, oder ob es etwa um guten Download-Content, gute Trailer und dergleichen geht. Der Kunde merkt, wenn er verarscht wird. Und Leseproben, die quasi nichts vom Text zeigen, schludrig wirkende Trailer, schlecht zu navigierende Webseiten – das alles sind solche Punkte. Und man muss immer willens sein, daran zu arbeiten.

Facebook ist derzeit „das Ding“ im Internet und, in meinen persönlichen Augen, das mächtigste Vermarktungswerkzeug, das wir derzeit im Web 2.0 haben. Aber ob nun dort, bei Twitter oder über ein Blog – es ist nicht mehr wie früher, die Leserschaft steht nicht mehr meilenweit entfernt. Sie steht am Tor und legt das Ohr auf das Holz um zu lauschen, was drinnen wohl vor sich geht.
Schauspieler Lance Henriksen postet bei Facebook derart viel, auch in Reaktion auf Nachrichten, die man ihm schreibt, dass ich mich manchmal frage, wann der eigentlich noch Filme dreht. Internet- und Nerd-Phänomen Felicia Day (The Guild) ist ein Beispiel für sich selbst und zeigt, wie eine junge Frau mit Hilfe des Netzes eine Popularität erreicht hat, wie andere über lange Zeit mühevoll aufbauen müssen. Aber bei beiden merkt man, dass sie offen und ehrlich mit dem Medium umgehen. Und mit den Kunden.
Wer gerne liest, was Autor Neil Gaiman so bloggt, dürfte das gleiche Phänomen bereits kennen.

Und nicht vergessen, gerade an die selbst verlegenden Autoren da draußen gerichtet: Dieser ganze Kram ist neu. So neu, dass ich Word beim Schreiben dieses Textes nebenher unter anderem die Worte Blog, Twitter und Facebook beibringen musste. Das ist Pionierland. Baut was Vernünftiges darauf!

Da das auch mein Anliegen ist, schließe ich mit einem Aufruf zur Interaktivität: Wie kann ich mich meinerseits in diesem Bereich verbessern? Was kann ich tun, dass ihr cool finden würdet, hier im Blog, mit Büchern oder andernorts!
Schreibt mir euer Feedback hier in die Kommentare, per Mail an die in der rechten Spalte genannte Adresse oder meinetwegen auch via Facebook, da findet man mich ja auch. Genauso wie die Sinnstifter.
Aber gebt mir Feedback, wenn ihr welches zu geben habt!
Ich freu mich drauf!

Aber für heute wünsche ich euch erst mal eine gute Nacht!

Viele Grüße,
Thomas

4 Kommentare zu “Wie viel Web 2.0 braucht mein Buch?

  1. Also ich habe mich ehrlich gesagt noch nie mit Buchtrailern bei youtube beschäftigt, aber die Idee gefällt mir sehr gut…vielleicht wende ich mich mal an Condra, wenn Elysion fertig ist!;)
    Nein, mal im Ernst, ich finde es auch sehr beschränkt diese „Literatur is nur was zwischen 2 Buchdeckel passt“ Mentalität im 21.Jhd. anzuwenden – zumal wenn es um Handouts oder andere Benutzerwerkzeuge geht. Man muss ja nicht gleich seine Büchersammlung verbrennen, nur weil es jetzt eBooks gibt, aber man kann sich und seinen Mitmenschen das Leben auch unnötig schwer machen…

    • Hey du :)

      Ich sehe das auch so. Vor allem, ich meine, wir arbeiten doch eh alle digital. Ganz gleich ob wir beide, irgendwer sonst aus dem unabhängigen Autorenbereich oder eben bei den Verlagen, digital gesetzt wird’s eh alles.
      Es ist so einfach und so naheliegend, dann einfach die Datei zu greifen und eben auch als PDF zu exportieren, wenn der User doch eh damit arbeiten soll…

      Was die Buchtrailer betrifft, so ist es halt immer eine Frage der Qualität. Der von Sense & Sensibility & Sea Monsters ist phantastisch und auch mit diversen Preisen gekürt worden. Der zum Buch von Tom Finn … not that much.
      Ich war immer mal versucht, für „Verfluchte Eifel“ einige der schon gedrehten Szenen auszuschlachten, hab mich dann aber dagegen entschieden; zumal einiges von dem Material eventuell bei der Eifelarea Film noch anderweitig verwurstet werden könnte ;)

      Ich muss ganz dringend die Tage mal was zu Seth Godins „Seven Rules why things are broken“ schreiben; davon treffen nämlich auch in diesem Bereich hier gnadenlos viele zu.
      Ja. Ich denke, das nehme ich mir für das Wochenende mal vor … wenn ich doch nur mehr Zeit hätte ^^

      Viele Grüße,
      Thomas

  2. Hi Thomas,

    ha ha – ich entdecke diesen Artikel erst heute (Juli, 2017). Prinzipiell hast du mit allem oben stehenden Recht, aber … du vergleichst Äpfel mit Birnen. Oder besser Rosinen mit edlem Wein.

    Zunächst: der Trailer zu „Weißer Schrecken“ ist zu einer Zeit entstanden (2010), als mit Buchtrailern wild experimentiert wurde. Das Problem war und ist, dass so ein Film(chen) qualitativ immer nur so gut sein kann, wie man Geld darin zu investieren vermag. Der Trailer zu Weißer Schrecken wurde aber nicht etwa verlagsseitig gestellt (und finanziert) – Weißer Schrecken war damals nicht Schwerpunkttitel des Verlages – , sondern ist in Marke experimenteller Eigenbau entstanden. Produktionskosten 50 Euro auf die Hand für einen Kumpel, der sich netterweise einen Nachmittag hingesetzt hat, um das alles zusammenzubasteln – Bildmaterial, Texte und Aufbau stammen hingegen von mir. Die Musik wurde von Erdenstern gestellt. Mehr war leider nicht drin – und was soll ich sagen: Im Vergleich zu dem, was damals sonst so an Buchtrailern ins Netz gestellt wurde, finde ich unseren damaligen Trailer immer noch nice.

    Und auch das sei erwähnt: damals hat er seinen Sinn durchaus erfüllt. Zumindest, soweit ich das einzuschätzen vermag.

    Dagegen setzt du nun aber als Kontrast einen kinoresken Buchtrailer, dem man optisch die gewaltige Stange Geld anmerkt, die der Verlag dafür hingeblättert hat – den ich persönlich aber nicht einmal sonderlich originell finde. Hätte ich diese Möglichkeiten für einen Buchtrailer zu Weißer Schrecken gehabt, wäre da ganz nicht so monsterfressender Schenkelklopfer bei rumgekommen :)

    Wenn wir also schon von Alternativen sprechen, die sich ggf. auch ein Selfpublisher (oder schlicht ein normaler Autoren ohne weitere Verlagsunterstützung) leisten kann, dann muss der nachstehende Trailer zu „Dinge geregelt kriegen“ gezeigt werden. Der war ganz sicher ebenfalls nicht billig, aber der basiert zumindest auf einer pfiffigen Idee, die beim Betrachter hängenbleibt. Und an so etwas lässt sich, zumindest theoretisch anknüpfen.

    Kurz: Heute würde ich mir die Mühe sicher nicht noch einmal machen. Aber uns hat der Trailerbau damals schlicht Spaß gemacht :) Davon ab hat es schon seinen Grund, warum Buchtrailer heutzutage vergleichsweise nur noch so selten im Marketingdschungel aufblitzen. Ihre Wirkung wurde doch leicht überschätzt …. :)

    Herzliche Grüße

    Tom Finn

    • Moin!

      Zunächst mal freut es mich ja, dass es dich hierher verschlagen hat. Dass es dann aber zu einem derart alten Text geführt hat, brachte mich gerade in die obskure Situation, selber noch mal nachlesen zu müssen, was ich da eigentlich vor ja jetzt auch sieben Jahren Neunmalkluges geschrieben haben mag ;)

      Und du hast völlig Recht, Äpfel mit Birnen in der Tat. Das würde ich so heute in der Form auch nicht mehr schreiben, das ist sicher. (Der Fluch von nahezu zehn Jahren Blog-Backlist, schätze ich.)

      Der eine Punkt, den ich auch heute noch mittragen würde, ist wohl: Ein schlechter Buchtrailer, auch einfach einer, der zu DIY aussieht, ist vermutlich keine Hilfe, im Worst Case sogar abschreckend.
      Aber das war es auch.
      Wenn schon nicht das Self Publishing, so haben mir spätestens die letzten anderthalb Jahre in Festanstellung bei Ulisses ja doch manchen Zahn noch gezogen, was von mir einst unterschätzten Aufwand und überschätzte ROI betrifft.

      Der von dir verlinkte Trailer ist auf jeden Fall ein spannendes Beispiel. Ich von anno 2017 aber auch z.B. auch der Meinung, dass das Gegenteil davon – also etwa ganz einfache „Autor spricht in Kamera“-Videos, letztlich auch ziehen kann, wenn Videobotschaft und Zielgruppe zusammenfinden.
      Da hat sich auch irre viel getan in sieben Jahren; bis hin zu dem Punkt, dass Web 2.0 ja schon fast archaisch klingt als Terminus.

      Völlig losgelöst von all dem hatte ich übrigens auch noch keine Gelegenheit, dir mal zu sagen, wir großartig ich „Weißer Schrecken“ gefunden habe. Das Buch was *total* mein Ding; Judith Vogt und ich sind beim Plaudern auch schon mehrfach drauf gekommen, dass das eigentlich auch gut passt zu den Jugendliche-Eifel-Mystery-Sachen, die sie und ich ja beide je für uns schreiben :D
      Umso mehr denke ich mir, dass Vergangenheits-Ich sich ja auch ein anderes Beispiel hätte wählen können :)

      Soweit eine wirre Drei-Uhr-Antwort von mir; wie gesagt, Danke für das Feedback!
      Ich denke ich setze das Thema mal auf die mittelfristige Themenliste hier; da scheint ein Update nötig.

      Viele Grüße (und gute Nacht),
      Thomas

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