Warum ich im Druck on Demand eine Zukunft sehe

Schönen guten Mittag zusammen!
Ich habe ja nun in den letzten Wochen mit verschiedensten Personen Gespräche über das ganze Prinzip „Book on Demand“ geführt. Auf der einen Seite halt mit dem Ergebnis, so auf zahlreiche andere Leute zu stoßen, die ein Interesse daran haben, selber etwas zu verlegen.
Auf der anderen Seite aber auch die nachdenkliche Frage, ob das eigentlich insgesamt gut ist, dass im Grunde nun jeder, wie er will publizieren kann. Eine Durchaus berechtigte Frage, wenn man so darüber nachdenkt.

Man erinnere sich an den Homepage-Boom gerade zu der Zeit, als das Internet langsam in bezahlbare Bahnen rückte. An die tausend und abertausend Webseiten zu „Fiffi, unserem Lieblingshund“ und „Meiner Tante Uschi“. Webseiten mit streng persönlichem Bezug florierten und hatten eigentlich alles, alles außer Leuten, die Bedarf an ihnen hatten. Der dem Menschen eigene Selbstdarstellungstrieb hat Autoren aller Zeiten und Epochen schon immer motiviert und angetrieben und ist sicherlich auch der Grund, dass es diese Seite hier gibt. Aber selbst im Rahmen der Selbstinszenierung gibt es da Gefälle von ganz oben bis ganz unten.

Jetzt aber sinken die Preise für den Druck on Demand auch immer stärker und schon für das Geld, das man andernorts etwa für ein modernes Gesellschaftsspiel oder zwei Romane im Hardcover zahlt, kann man sein Buch bei Amazon & co. ins Repertoire setzen.
Steht jetzt nicht der gleichen negativ schmeckende Boom auf dem Papiermarkt zu befürchten, wo er vielleicht viel schlimmere Konsequenzen nach sich ziehen würde – die pure Unübersichtlichkeit im Angebot?

Ich denke nicht. Ich habe da durchaus auch darüber nachgedacht, alleine schon, weil natürlich auch ich mich gefragt habe, ob ich wirklich etwas zu sagen habe, was einen Buchdruck rechtfertigt. Das ist eine Frage, die man sich wirtschaftlich, aber auch intellektuell einfach stellen sollte.

Aber was soll schon passieren? Der Buchmarkt ist bereits jetzt unübersichtlich, jenseits von allem, was man ohne Kartei- und Verwaltungssysteme noch durchblicken kann. Zwar sagt die allgemeine Meinung derzeit noch, dass das, was in einem „richtigen“ Verlag erscheine, zumindest ein Lektorat hinter sich habe, also wenigstens minimalen Qualitätsansprüchen genügen müsse. Sicherlich, das kann so sein. Aber andererseits habe ich auch genug Backsteine im Buchregal, die inhaltlich, orthographisch und oftmals sogar gestaltungstechnisch derart für den Eimer sind, dass man auch gar nicht glauben mag, dass der Lektor mehr getan hat, als sein Gehalt zu erhalten.

Gehen wir mal zurück zu der Zeit, in der die Literatur in Deutschland gerade erblühte. In der Weimarer Klassik rund um Goethe und Schiller, in der nachfolgenden Romantik um Novalis, Hoffmann und ihre Zeitgenossen wie Hölderlin und Kleist, in der Zeit wurde sehr viel noch in sehr kleinem Rahmen publiziert.
Damals gab es auch keine großen Verlagssysteme, gab es keine Distributionsnetzwerke mit einem Dutzend Fachleute vom Lektor bis zum Designer, in der Produktion begleitet von Marktstrategen und Werbefachleuten. Leute schrieben Texte und sahen zu, dass sie Verbreitung fanden, ganz gleich auf welchem Wege. Es ging auch darum, geschrieben und gelesen zu werden.

Vielleicht liegt genau da ja auch die Stärke der on demand-Bücher: Man kann endlich (wieder?) Bücher auf eine Art und Weise publizieren, die der eigenen Intention folgt. Ein Text, der so gestaltet ist, wie man es selber für gut erachtet. Und nicht, um dann mit einer Lektorin streiten zu müssen, dass ein integraler Kernpunkt der Geschichte ja nicht markttragend sei – was einer Bekannten von mir schon passiert ist. Genauso wie man endlich wieder die Gewissheit haben kann, dass das eigene Buch dann ein Cover haben wird, dass dann auch zum Inhalt passt. Etwas, was der Buchmarkt bei aller Design-Fachwelt bis heute nur in den Sonderfällen wirklich gewährleisten kann.
Die Außenseiten und Sonderfälle, die geistigen Querulanten bekommen ein Medium. Das ist sicherlich Fluch und Segen zugleich. Aber vor allem erlangen alle die kreative Freiheit, die dichterische Freiheit in ihrem eigentlichen Sinne zurück.

Aber was nun, wenn sie es für sich entdecken, die Selbstdarsteller von Fiffi und Uschi? Das Internet hat es über sich ergehen lassen müssen, aber es hat es überstanden. In die Bresche, die von der Informationsflut gerissen wurde, ist Google gesprungen. Dem Drang, der Welt mitzuteilen, was man gerade so tut, sind Blogs und Netzwerke wie Facebook und StudiVZ bzw. MeinVZ nachgefolgt und haben damit ganz neue Perspektiven eröffnet. Das dadurch gewachsene Web2.0 ist mittlerweile Teil der Öffentlichkeit geworden, hat einen „Cyberspace“ geschaffen, der vielleicht nicht ist, was William Gibson erwartet hat, aber der durchaus Einfluss auf die Realität hat; das hat spätestens der amerikanische Wahlkampf dieses Jahr demonstriert.

Die Datenflut muss der Buchmarkt nicht fürchten – die Netzwerke stehen bereits, die Karteisysteme sind schon durch die Wellen der Verlage nötig gewesen. Bücher on Demand sind da auch kein übermäßiger Umbruch mehr. Genauso wie eine physische Flut nicht zu befürchten ist, schaffen die on Demand-Systeme doch gerade die Lagerflächen ab, anstatt sie zu mehren.
Der einzige, der langfristig lernen muss, damit umzugehen, ist der Leser, der Konsument, der Rezepient. Aber selbst für ihn ändert sich eigentlich nur, dass auf lange Sicht auch obskure Stichworte eine Auswahl an Treffern erzielen werden; wer heute nach „Fussball“ sucht, wird auch so bereits erschlagen, alleine durch das, was die gängigen Verlage publizieren. Und „mehr erschlagen“ kann man nicht werden, da gibt es keine komparativen Formen.

Das Medium, die Bücher, die haben vielleicht noch eine gewisse Evolution vor sich. Die Macher werden lernen, vielleicht lernen müssen, was man mit den Tugenden und Lastern des Mediums anfangen kann, so wie die „User“ erst für sich entdecken mussten, dass das, was mal mit Usenet-Gruppen begann, mittlerweile gelernt hat, dass das weltweite Netz auch bloggen und den Erhalt von Netzwerken tragen kann.
Die bestehenden Verlage werden sich vermutlich auf kurz oder lang ebenfalls anpassen; vielleicht ändern sie ihre Produktionsmuster und drucken, was eher in den Nischenbereich fällt, ebenfalls erst mal on demand. Derartige Fälle gibt es schon und die Befreiung von einem Teil des wirtschaftlichen Drucks kann auch da sicherlich dem Autor und dem Kunden nur dienlich sein. Vielleicht testen sie auch irgendwann Produkte erst via on demand, oder gar, indem sie einfach den on demand-Markt beobachten, bevor sie Geld in einen Offset-Druck stecken.
Das aber ist schon jenseits von purer Spekulation.

Alles in allem sehe ich jedenfalls viele Chancen im on demand-Druck. Nicht nur in der darin geschaffenen dichterischen Freiheit von der Doktrin marktgebundener Verlage, sondern auch darin, dass die Verringerung von Risiko und Wirtschaftsdruck vielleicht sogar das verursachen wird, woran ich so oder so glaube: daran, dass das gute, alte Buch der ollen PDF doch noch einmal ein Schnippchen schlagen wird.

Viele Grüße,
Thomas

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

%d Bloggern gefällt das: