Seelenworte

Vom irritierenden zeitlichen Versatz einer Verlagspublikation

Hallo zusammen!

Es steht die RPC ins Haus, nächstes Wochenende schon ist es wieder soweit. Und mit der Messe kommt der Kundenkontakt, mit der Messe kommen Pressefragen und manchmal, so ist mir in den Vorjahren aufgefallen, stößt man dabei auf ein Phänomen, über das sich Kunden generell vermutlich selten Gedanken machen.
Worüber sie sich eigentlich auch keine Gedanken müssen.
Und was dennoch relevant ist, gerade wenn man etwa auf so einer Messe steht.

Wie Michael im aktuellen DORPCast (Die kleinsten Schlachtfelder der Welt) noch irgendwo beiläufig andeutet – die Herstellung eines Buches ist ein immens zeitintensiver Prozess. Ein Umstand, aus dem sich in Folge dann auch ergibt, dass ein jeweiliger Titel zu dem Zeitpunkt, an dem er im Handel erscheint, für viele Verlagsmitarbeiter etwas ist, woran sie neulich gearbeitet haben, oder sogar irgendwann mal. Das liegt weder daran, dass Verlage trödeln noch dass die Mitarbeiter kein Herzblut mitbringen würden, sondern daran, dass das Bild der Maschine mit den vielen Zahnrädern, das so gerne für all die Schritte wie Lektorat, Layout & co. verwendet wird, eigentlich fundamental irreführend ist.
Denn Zahnräder bewegen einander direkt, in einem Zustand von Gleichzeitigkeit, während die Schritte im Verlag vielmehr eine lineare Folge darstellen. Man kann kein Layout kontrollieren, was noch nicht gesetzt wurde, man kann nicht setzen, was noch nicht lektoriert wurde, man kann nicht lektorieren, was noch geschrieben wird etc.
Ein paar Schritte können parallel existieren, das Coverdesign etwa, aber das hat umgekehrt auch oft zur Folge, dass das Cover eben schon sehr früh beordert wird – schon aus Werbegründen – und der entsprechende Künstler auch schon Dutzende Aufträge vor sich auf dem Tisch hatte, bevor besagtes erstes Produkt dann erscheint.

Autoren haben es da noch relativ gut, bzw. sind auf einer relativ sicheren Seite. Sie schreiben vermutlich nicht ein oder zwei Dutzend Bücher pro Jahr und leben vor allem regelrecht in ihren Geschichten, schöpfen sie mit Herzblut aus sich heraus auf die Seite.
Aber damit stehen sie auch recht alleine da. Wie in den Zwischenständen erwähnt, übersetze ich ja derzeit Kalin, den vierten Dumarest-Band von E.C. Tubb. Im Sommer erscheint dagegen erst der zweite Band, Derai. Ich habe natürlich nicht alles vergessen, was darin passiert und auch teils Notizen hier, damit die Übersetzung bestimmter Begriffe von Band zu Band stringent bliebt, aber es ist dennoch schon eine gute Weile her, dass ich das Buch zwischen hatte.
Genauso aber ist es jetzt schon Monate her, dass ich Das Lodern unter der Stadt für den kommenden Cthulhu-Band zu Prag geschrieben habe und es werden, vermute ich ohne Insider-Wissen, nochmals Monate sein, bis das Buch erscheint. Natürlich werde ich dann auch mein Wissen zum eigenen Text noch mal auffrischen müssen, wenn erste Rezis reintrudeln werden.

Wie gesagt, das ist ganz normal und war niemals anders; im Gegenteil, wenn überhaupt glaube ich, sind diese Abläufe dank des Internets und moderner Technik etwas schneller geworden. Aber gemessen an modernen Institutionen wie Blogs, aber auch ab althergebrachten Bereichen wie dem Tagesjournalismus, ist dieser Versatz einfach enorm. Und wie gesagt: Es ist nicht schlimm.
Worum es mir nur geht: Wenn ihr auf der RPC sein solltet (oder jeder anderen Buchmesse, das macht keinen Unterschied) und einen Reihenverantwortlichen nach Titel XY fragt, der dann aber erst mal überlegen muss und nicht aus der Pistole geschossen alle Details hat, obschon es doch eine Neuerscheinung ist – dann wisst ihr jetzt, warum das so ist.
Nicht, weil er nicht mit Herzblut bei der Sache wäre.
Sondern weil er vermutlich mit Herzblut schon längst „drei Sachen weiter“ ist.

In diesem Sinne: Vielleicht sehen wir uns ja auf der RPC?
Ich würde mich freuen!

Viele Grüße,
Thomas