Seelenworte

Vom Fehlen einer intellektuellen Identität

Der Uni-Alltag hat ja wieder begonnen und damit auch, ohne Frage, die Konfrontation mit dem Status der Geisteswissenschaften in der Gesellschaft. Denn nicht nur in den letzten beiden Ausgaben des Spiegels war das nun, durch Buchmesse bedingt, ein Thema, sondern natürlich auch in der Bildung. Die Universitäten stellen noch immer Stück für Stück auf den Bachelor of Arts um und scheinen, jedenfalls hier in Aachen, das alles auch als Gelegenheit zu nutzen, ihre eigene Standortbestimmung zu erneuern.
Viele Leute zerbrechen sich dieser Tage den Kopf darüber, wo er eigentlich begonnen hat, der Abstieg der Geisteswissenschaften. An welchem Punkt hat die Philosophie verloren gegenüber den „harten Wissenschaften“, wo hat sie die Geisteswissenschaft als Gesamtbild die Kurve nicht bekommen?

Ein Dozent hat eben einen Themenkomplex angeschnitten, den man bei dieser Betrachtung definitiv auch mit bedenken muss, der allerdings in der allgemeinen Debatte oft eher kurz kommt. Es ist die Anspruchslosigkeit.
Ich habe ja nun auch meine Erfahrungen im Magister-Studium gehabt und der Sachverhalt ist durchaus spürbar: Die Leute schachern um Ergebnisse und die abstrakte Natur der Studien macht dies sogar möglich. Wer Herzchirurg wird, der muss am Ende den vollen Stoff gesehen haben, denn Wissenslücken hier kosten Menschenleben. Ob aber nun die Konfrontation mit einer philosophischen Strömung, mit einer literarischen Ausrichtung oder einer philologischen Betrachtung ins Detail oder entlang der Oberfläche vollzogen wurde, das kann im Endeffekt erst einmal nur der Prüfer beurteilen. Und der wiederum, so war es jedenfalls bisher, „ließ ja auch immer noch mit sich reden“.

Wohin führt diese Betrachtung?
All das beeinflusst auch das Selbstbild der Geisteswissenschaftler, der Konsumenten ebenso wie beispielsweise, hier schließt sich der Kreis ein wenig, der Autoren. Dieser Minderwertigkeitskomplex gegenüber den harten Wissenschaften trägt den Trugschluss schon im Herzen, denn sein eigenes Wissen auf eine „weiche“ Ebene zu reduzieren ist eine Kleinmacherei, die gar nicht nötig wäre.
Dadurch, dass Geisteswissenschaften immer als etwas gelten, was man ja eh mit gesundem Menschenverstand erschließen kann, was man ja gar nicht „richtig studieren“ muss, dadurch setzt sich dieses Bild langsam auch in den Köpfen der Schaffenden selber fort. Man beginnt, sich selber klein zu denken, nicht mehr für das einzutreten, was man vertritt.
Und damit meine ich nicht die lange Genealogie der deutschen Dichter und Denker, denn ich bin nicht vermessen genug mich in diese Reihe zu stellen. Vor allem nicht in einem Nebensatz, gänzlich unreflektiert. Der Geisteswissenschaftler, genauso der Autor (und nein, das meine ich nicht pauschal synonym), steht für seinen eigenen Geist ein. Für die Leistung seiner eignen Gedanken.
Wer schreibt, ob Buch, ob Blog, wer Bilder schafft, wer Lieder komponiert, der sagt auch implizit: „Schaut her, ich finde, was ich sage ist von Relevanz“.

Und jedes Buch, das sich verkauft, jeder Hit, den das Blog registriert, der sagt: „Ja, damit hast du Recht.“
Das ist keine Arroganz, nicht pauschal. Es ist stolz, aber es ist auch erarbeiteter Stolz. Denn Denken ist auch Arbeit, schreiben und allgemein das kunstschaffende Handeln ebenso.
Solange Leute nicht bereit sind, das laut zu sagen, solange werden jene, die es anders sehen, lauter klingen. Und so lange dieser Standpunkt anhält, solange werden „Experten“ dort erklingen, wo früher einst der traditionelle Intellektuelle gestanden hat.

Und mit diesem Posting kann man jetzt was wahrhaft intellektuelles tun: darüber nachdenken. Zustimmen oder ablehnen, Hauptsache aber reflektieren.

Morgen oder übermorgen mache ich dann wieder die Arbeit und kann endlich von meinem Erstkontakt mit meinem eigenen Buch im Druck berichten. Das ist gestern per Post endlich angekommen und wird dann morgen Abend von mir aufgesammelt werden.

Bis dahin viele Grüße,
Thomas

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