Hallo zusammen!
Ich komme dieses Jahr erstaunlich viel rum in der Welt, scheint mir, und so hatte ich vorletztes Wochenende die ehrliche Freude, nach Lübeck zu reisen.
Freude, weil Lübeck eine wunderschöne Stadt ist, die zu besuchen ich sehr genossen habe.
Freude, weil Lübeck ja das Meer ums Eck hat und ich mit Blick auf die endlose See auch dieses Mal wieder nur König Haggard Recht geben kann – das Meer ist immer gut.
Und Freude, weil meine wunderbare Cousine dort geheiratet hat und es mir ein Fest war, ihrem Jawort beizuwohnen und sogar abends ein wenig mit ihr zu tanzen.
Aber gerade das Familiäre geht euch zugegebenermaßen nur bedingt was an. Darum dachte ich, nehme ich diesen Artikel zum Anlass und schreibe über etwas, was wir länger nicht mehr zum Thema hatten, was aber indirekt auch mit der Reise verbunden ist – Long Covid, oder richtiger noch: Post Covid.

Mir geht es besser (aber nicht vollständig gut)
Fangen wir mal einfach vorne an: Mir geht es – verglichen sagen wir mit dem Zustand Ende 2023 – deutlich besser. Nun sind auch zweieinhalb Jahre seit meiner Infektion vergangen und insofern bewege ich mich in einem nicht ganz unüblichen Rahmen, aber nichtsdestotrotz bin ich dankbar dafür, dass Besserung eintritt.
Manchmal verstehen Leute mich falsch, wenn ich freimütig ergänze, wie bewusst ich mir bin, dass es andere viel schlimmer erwischt hat. Schlimmer, und teils ohne erkennbare Verbesserung selbst nach vielen Monaten. Leute glauben, dass ich damit mein eigenes Päckchen „kleinreden“ will – aber im Gegenteil. Ich will einfach anerkennen, dass anderer Leute Päckchen noch viel größer sind. Das entwertet nicht das meine, aber es ist ein Ausdruck von Demut.
Mir geht es also besser. Wir können natürlich jetzt alle gemeinsam raten, woran es liegt, aber neben dem Faktor Zeit sehe ich vor allem zwei Einflüsse.
TCM
Zum einen habe ich mich – unter ärztlicher (wenngleich nicht hausärztlicher) Beratung – mit dem Themenfeld traditioneller chinesischer Medizin (TCM) befasst. Das war mehr ein Schuss ins Blaue, aber ich bilde mir ein, dass mir da tatsächlich effektiv und vor allem nachhaltig geholfen wurde – ob jetzt am Ende über Wirkstoffe, Placebo-Effekt oder sonst etwas, wer weiß das schon? Aber wenn ihr selbst auch an Long/Post Covid oder artverwandten Erkrankungen wie ME/CFS leidet und so langsam alles durchhabt, vielleicht ist TCM ja einen Blick wert?1
Pacing
Der andere Aspekt ist langweiliger, aber klassisch: Pacing. Pacing beschreibt im Grunde einfach nur den bewussten Umgang mit den eigenen Energiereserven.
Ich scherze manchmal, mein Leben sei zu einem Ressourcen-Management-Spiel geworden – aber effektiv ist es genau das. Sich stetig bewusst sein, wo die eigenen Grenzen liegen und kürzer treten, wenn es nötig ist – auch wenn man sich in dem Moment noch gut fühlt. Denn das ist die wirkliche Heimtücke von Post-Covid-Crashs – die können auch 12 bis 48 Stunden nach der eigentlichen Anstrengung noch auftreten und das lässt einem massig Zeit, den Bogen zu überspannen, bevor man dann irgendwann die Quittung serviert bekommt.

Ich bin nicht gesund (auch wenn man es nicht sieht)
Mir sind zweierlei Dinge in meinem weiteren Umfeld aufgefallen. Spreche ich regelmäßig darüber, dass ich eben durchaus noch Probleme habe, dann stößt das auf Dauer auf eine gewisse Abstumpfung. Spreche ich hingegen nicht darüber und schaffe es auch, mich gut zu regulieren, so hören Leute irgendwann auf, es als Erkrankung Ernst zu nehmen.
„Aber wenn wir uns sehen, geht’s dir doch immer gut“, sagt immer mal jemand zu mir. „Das stimmt“, kann ich dann nur erwidern, „denn an den anderen Tagen kriegst du mich nicht zu Gesicht.“
Dass ich in Folge der Lübeck-Reise meinen ersten (wenngleich im Verhältnis kleinen) Post-Covid-Crash seit über einem Jahr hatte, das geht auf meine Kappe. Mir war bewusst, dass ich es da schon ziemlich weit treibe – und gesundheitlich gab’s die Quittung. Nebenbei: Ich bereue nichts!
Mir ist aber darüber eine andere Sache nochmal bewusst geworden, die sich nicht an die Betroffenen, sondern an die Angehörigen und Freunde von Betroffenen richtet. Ich mache da niemandem einen Vowurf, aber einige, mit denen ich in Folge sprach oder schrieb, setzten sicherlich wohlmeinend zu Formen von Relativierung an. „Na ja, das war ja auch sehr anstrengend, da wäre ich auch müde“, und dergleichen.
Es ist schwer, das in Worte zu gießen, aber ein Crash ist nicht nur müde. Fatigue ist nicht einfach nur müde. Seid vorsichtig, da nicht ungewollt Betroffenen „zu sagen, wie sie sich fühlen“.
Eigentlich alle Menschen, die ich kenne, die an irgendeiner Form von Erschöpfungserkrankung leiden, begegnen dem mit einer immensen Tapferkeit. Niemand sucht Mitleid. Aber Betroffenen in diesen Momenten selbst unbewusst, selbst wohlwollend diese Selbsteinschätzung zu nehmen, heißt auch, ihnen die Möglichkeit zu nehmen, selbstbestimmt über ihre Gesundheit zu urteilen.
Das ist gefährlich ähnlich dazu, jemandem mit Depression zu sagen, er oder sie solle doch nicht so traurig sein. Und das Stigma, „gar nicht richtig krank zu sein“, das erfahren vermutlich alle, die an Dingen leiden, die man von außen nicht sehen kann – Depression, Long/Post Covid, ME/CFS, Migräne, Multiple Sklerose und mehr.
Würden wir mit Depressionen besser umgehen, wenn man einen Gips drum machen könnte? Würden wir ME/CFS gesamtgesellschaftlich ernster nehmen, wenn die Betroffenen bei einem Crash Blut schwitzen würden?
Irgendwie fürchte ich, die Antwort lautet ja.
Ich nehme die Krankheit ernst (aber mir geht es an sich gut)

Wie schon gesagt: Es ist ein Ressourcen-Management-Spiel. Wenn ich es klug mache, kann ich zehn Tage durch Portugal rocken und bleibe fit. Wenn ich es weniger klug mache, kegelt es mich eine Weile aus der Bahn, wie gerade.
Insofern war ich letztes Wochenende bei Freunden zu Besuch, hab aber einen Filmdreh für übernächstes Wochenende schon verschoben.
Insofern bin ich diese Woche nicht auf dem Sommerfest meines Brötchengebers, bin aber Anfang September für einen Tag auf der RatCon. (Sonntags, falls wer hallo sagen will.)
Am Ende hatte ich zwei Anlässe, diesen Artikel zu schreiben.
Der eine war, euch einfach mal wieder ein Update zu geben.
Und der andere war, mal wieder dafür zu werben, dass ihr Menschen nicht zwangsläufig anseht, wie es ihnen geht. Die beste Quelle, das zu erfahren, sind jene Menschen selbst – und das funktioniert nur, wenn ihr gewillt seid, ihnen zuzuhören.
Aber nun gut, genug der schweren Themen.
Nächstes Mal gibt’s wieder ein leichteres – versprochen!
Viele Grüße,
Thomas
- Ich verzichte hier bewusst auf genaue Angaben zu dem, was mir ‚verschrieben‘ wurde – vor allem deshalb, weil das in individueller Abstimmung auf den Patienten erfolgen sollte. Ich bin kein medizinische Fachkraft. Bitte fragt eine medizinische Fachkraft ↩︎






Wen hingegen meine berufliche Arbeit als Verlagsleiter und leitender Layouter für Ulisses Spiele interessiert, findet
Ich kann dir als ebenfalls Betroffener (nicht irgendwas mit Covid, aber trotzdem nicht sichtbar krank) nur zustimmen: Es gibt viele (allzu viele) Menschen, die eine Krankheit nur dann ernst nehmen, wenn man mit Fieber im Bett liegt oder wenigstens irgendwie verletzt ist… wenigstens der Optik halber.
Warum kann man draußen rumlaufen, wenn man doch krank ist? Hm… vielleicht, weil es für diese Sorte Krankheit eben gerade dabei hilft, wieder gesund zu werden?
Ich mache das jetzt seit annähernd zwanzig Jahren mit, wenn auch erst seit fünf Jahren sicher diagnostiziert (was wiederum genug aussagt).
Aber um auch hier wieder ein positiveres Ende zu finden: Ich freue mich darauf, wenn wir uns auf der RatCon nach langer Zeit mal wiedersehen!
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