Von erlerntem Geschmack, intuitiver Ablehnung und verpassten Erfahrungen

Hallo zusammen!

Während ich hier gerade saß und an meinem morgendlichen Kaffee nippte, kam mir ein englischer Begriff in den Sinn, für den wir glaube ich im Deutschen einfach kein gutes oder elegantes Pendant haben: an acquired taste.
Wörtlich „ein erworbener Geschmack“, definiert das Merriam-Webster-Wörterbuch dies beispielsweise als: „something or someone that is not easily or immediately liked or appreciated“, also grob „etwas oder jemand, das oder der nicht einfach oder sofort zu mögen oder zu wertschätzen ist“.
Ich finde, da steckt eine Menge Potenzial und Wahrheit drin … also lasst‘ doch mal drüber reden.

Genussmittel

In der wörtlichsten Bedeutung ist das etwas, was jeder nachvollziehen kann. Alleine an Genussmitteln haben wir ja genug, bei denen wohl die mehrheitliche Erfahrung ist, dass sie beim ersten Mal nicht schmecken.
Ich denke an meinen Kaffee hier, aber beispielsweise ebenso an Bier und Wein. Und ich glaube auch im Teebereich gibt es Beispiele, sei es allgemein Grüntee oder als besonders spezielle Ausprägung etwa Matcha. Vermutlich kann diese Liste nahezu beliebig lange fortgesetzt werden.
Allen gemein ist ein Geschmack, der mit einer gewissen Erfahrung, im Grunde mit einem gewissen Training als durchaus interessant und vielgestaltig wahrgenommen werden kann, bei dem aber der Erstkontakt zumeist eher überwältigend und abschreckend ausfällt.

Kate Bush …

Während ich so weiter darüber nachdachte, kam mir Kate Bush in den Sinn. Zugegeben, dank Stranger Things ist das gerade sowieso anhaltend der Fall, aber dennoch – ich erinnerte mich vor allem an meinen ersten (bewussten) Kontakt mit ihr. Konkret war es das zweite Video zu ihrem Lied Wuthering Heights, über das ich damals mit einer Freundin stolperte.

Kurzum: Ich wusste – und ich glaube zu sagen, wir beide wussten – damals nicht wertzuschätzen, was wir da sahen. Weder musikalisch, noch tänzerisch, noch in Form des auch damals halt schon eher alten Musikvideos fanden wir uns darin wieder und wir reagierten, wie Menschen unreflektiert häufig in solchen Momenten reagieren – mit Spott.
Dabei ist diese Form von (nicht selten herablassender) Belustigung oft genug einfach nur ein Abwehrreflex und eine Form von Distanzaufbau zu etwas, was man nicht direkt verstehen und einordnen kann. Unser Hirn ist exzellent darin, uns vor Sachen zu „beschützen“, die dazu führen würden, unser Selbst zu sehr hinterfragen zu müssen. Nur ist das in unserer vielgestaltigen Welt nicht immer von Vorteil.
Auch im Bezug auf Kate Bush haben sich mein Geschmack, meine Wahrnehmung und meine Wertschätzung geändert und ich mag ihr Werk heute sehr gerne. Wuthering Heights ist schon für sich genommen ein regelrechter Kaninchenbau, der weit tiefer reicht, als man meint. Aber ähnlich wie bei den Genussmitteln, die ich zuvor erwähnte, brauchte dies ein bisschen Training, um überhaupt die Nuancen wertschätzen, einordnen und – hier bildlich – herausschmecken zu können.
Eigentlich ganz spannend, dass im Englische palate, also übersetzt der Gaumen, ebenfalls sprichwörtlich als Begriff für den persönlichen Geschmack Verwendung findet.

… und darüber hinaus

Es endet an dem Punkt jedoch auch noch nicht. Bleiben wir mal thematisch nahe bei der Kate-Bush-Erfahrung oben: Durch meine Zusammenarbeit mit dem Stolberger Ballett-Atelier über inzwischen viele Jahre hinweg bin ich ja auch mit einer ganzen Reihe von Tanzformen in Kontakt gekommen, die weit über die historischen Tänze hinausgehen, die ich selber lehre.
Wenn man sich einfach mal Pina Bauschs Tanztheater näher anschaut, oder Ohad Naharins Gaga-Bewegung, dann ist das in erster Begegnung möglicherweise extrem fremd. Aber dieses Fremdeln ist in vielen Situationen eben kein Ausdruck unumstößlicher Ablehnung, es ist vielmehr Verkörperung unseres eigenen Unverständnisses.
„Verkörperung“ meine ich dahingehend durchaus recht wörtlich, denn es ist wie gesagt eine Abwehrreaktion, eine intuitive Distanzschaffung, die unser Hirn da zuwege bringt. Und ich glaube, es ist wichtig, sich dessen selbst bewusst zu sein.

Die Erfahrungen zulassen

Es gibt unendlich viele Anlässe im Alltag, um sich solchen Momenten hinzugeben. Seien es Leute, die uns begegnen und sich dabei extrem anders kleiden, als wir es gewohnt sind. Seien es spezielle Ausprägungen eines Hobbys, die uns fremd sind – ich denke da alleine an Pen&Paper-Rollenspiel vs. Tabletop vs. LARP vs. Cosplay, um ein thematisch diesem Blog nahes Beispiel zu nennen. Es sind Nahrungs- und Genussmittel, die viel einfacher mit einem „Bah!“ von uns zu stoßen sind, als deren Dimensionen tiefer zu ergründen. Tanz jenseits des Gewohnten, Arthouse-Filme, Lyrik, moderne Kunst und modernes Theater – Beispiele gibt es wirklich überall.
Und es ist natürlich auch weder eine Garantie noch ein Automatismus: Zwölftonmusik und ich, wir werden (vermutlich) in diesem Leben nicht mehr zueinanderfinden. Das ist okay. Man muss nicht alles mögen, aber vielleicht auch nicht von Anfang an ablehnen.
(Beachtet übrigens bitte, dass es hier nicht um Toleranz geht. Toleranz ist in meinen Augen nicht verhandelbar, aber auch nicht automatisch mit dem Wunsch zu verstehen und ehrlichem Interesse verbunden. Das jedoch ist ein Thema für einen eigenen Beitrag.)

Um diesen Artikel auf einen Punkt zu bringen: Sehr oft steckt mehr hinter den Dingen, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Und natürlich können wir jederzeit den einfachen Pfad der Ablehnung beschreiten, das fiese Getränk mit einem „Bah!“ von uns schieben und über Leute kichern, die etwas machen, was wir nicht verstehen.
Niemand ist gezwungen, seinen Geschmack zu erweitern.
Nur verschenken wir dann viele Dimensionen von letztlich atemberaubender, uns charakterlich weiter formender, lehrreicher und generell bereichernder Erfahrungen. Klar, man kommt durchaus durchs Leben, wenn man sich all dem verschließt. Man verpasst halt nur so viel.

Und wenn ihr mich nun entschuldigt, ich hole mir jetzt noch einen Kaffee und höre noch ein bisschen Kate Bush.

Viele Grüße und frohe Pfingsten,
Thomas

Ein Kommentar zu “Von erlerntem Geschmack, intuitiver Ablehnung und verpassten Erfahrungen

  1. Tatsächlich finde ich Kate Bush mit Wuthering Heights ein super Beispiel (auch wenn man das Lied in besserer Qualität hören sollte…), das man endlos ausweiten könnte. An Metal musste ich auch erst langsam heran geführt werden, Progressive/Melodic Metal war noch ein weiterer Schritt, ebenso wie klassischer Prog Rock. Mein erstes Ayreon-Album lag lange unbeachtet bei mir, bis ich über div. Querverweise wieder drauf stieß. Mein heute liebstes Ayreonalbum hatte mich beim ersten Hören auch nicht beeindruckt usw.
    Auf meiner ersten Geschäftsreise nach Japan, hasste ich das Essen dort – inzwischen mag ich vieles wirklich.

    Man muss neuen Eindrücken ausgesetzt werden, um seine Geschmackspalette zu erweitern. In der Komfortzone lernt man einfach nichts. Da habe ich mich in meinem Tabletop-Bloog schon drüber ausgelassen: https://www.magabotato.de/2022/05/worte-der-woche-neuland-jenseits-der-komfortzone/
    Man muss nicht alles toll finden. Dank dem Dorp-Cast habe ich mir Gender-Swapped angehört. War nach ein paar interessanten Themen am Ende nicht mein Fall, ich wurde aber mit ein paar Thesen konfrontiert, die in meiner Bubble nicht vorkamen.
    „Larp ist ihr Hobby“ war noch weiter weg, aber persönlich irgendwie näher und weniger anstrengend. Höre ich immer wieder gerne.
    Dorp-Cast-Medienschau? Anfangs gewöhnungsbedürftig, inzwischen regelmäßig auch ein Highlight.

    Also: Scheuklappe runter, Augen auf! Wenn eine Fliege reinfliegen will, kann man immernoch die Lider schnell schliepen…

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