Burn this book / Memento Mori

Hallo zusammen!

Ich kann gar nicht mehr aus dem Kopf rekonstruieren, wie lange es her ist. Es war jedenfalls anlässlich des Erscheinens der deutschen Ausgabe von „American Gods“, dass Neil Gaiman auch nach Köln zu einer Lesung kam. Der Saal war satt gefüllt, mehr als bei fast jeder anderen Lesung, auf der ich war, allerdings noch bevor Gaiman diesen schon fast Konzertsäle füllenden Ruhm erlangte, den er heute hat. Dennoch, es waren viele Leute da.
Unter anderem übrigens auch Martin Semmelrogge, der dort war, um die deutsche Übersetzung jeweils im Wechsel mit Gaiman, der die englische Fassung las, vorzutragen. Von den beiden war Semmelrogge damals vermutlich der „Prominentere“, hinterließ aber einen furchtbaren Eindruck bei mir, las bestenfalls passabel, demonstrierte beachtliches Unverständnis für den Text und das, was dessen Reiz ausmacht und ein Fehlen jedweder Nähe zum anwesenden Publikum. Auch hab ich noch nie erlebt, dass jemand so oft Alarm auslöst, weil er noch mal eben durch die Feuerschutztüre raus an die Luft will.
Aber gut, ich war ja nicht für Semmelrogge da, ich war’s für Gaiman. Gaiman erfüllte alle Erwartungen – heute ist es ja problemlos möglich, den Mann schon mal auf Youtube lesen zu hören, aber damals war ich recht uninformiert und sehr, sehr positiv überrascht. Und wenngleich auch damals die Schlange zum Signieren lang war, haben wir uns doch angestellt, um eine Unterschrift mitzunehmen.

Pratchett/Gaiman: Good Omens

Pratchett/Gaiman: Good Omens

Da ich nicht wie viele andere mit zehn Sandman-TPBs dort aufrollen wollte, wählte ich das andere Gaiman-Buch, das ich zu jener Zeit im Schrank hatte – meine alte, ziemlich zerlesene Ausgabe von „Good Omens“. Die hatte ich antiquarisch gekauft, vergilbte Seiten, mehrfach gestoßener Einband, ein Buch mit Geschichte mag man vielleicht sagen, aber war es auch eines, das man dem Verfasser guten Gewissens vorlegen kann?
Klar, sagte ich mir, warum nicht?

Nun ist „Good Omens“ kein reiner Gaiman-Titel. Er hat das Buch mit Terry Pratchett zusammen verfasst; oder dieser mit ihm, wie man es halten will. Das ging immer mit viel Inszenierung einher – Gaiman, auf dem Autorenfoto ganz in schwarz, und Pratchett, ganz in weiß, bildeten zwei Kontrapunkte wie es auch die Figuren in der Geschichte tun. Crowley und Aziraphale, wie sie im Buche stehen. Die englische Wikipedia hat zwei nette Zitate der beiden im Petto darüber, wie sie das organisiert haben – 1988 war eine andere Zeit des kollaborativen Schreibens und der Austausch von 5¼“-Floppys ist was anderes als Worddateien in der Dropbox oder gar Google Docs – und wer was verfasst hat, aber all dies ist nebensächlich.
Wichtig ist, dass ich, als ich den Tisch erreichte und meine lädierte Fassung des Buches vor ihn legte, von Gaiman eine Queste erhielt. Er schrieb mir, wie allen, die mit diesem Buch zu ihm kamen, drei Worte hinein: „BURN THIS BOOK“. Und er sagte mir, dass dies eine Aufgabe an mich sei, denn dazu gäbe es eine Punchline, die ich mir bei Pratchett abholen müsse. Ich war überwältigt!
Es gibt gerade im englischen die Formulierung eines „transformativen Ereignisses“. Dieser Abend war für mich dies aus drei Gründen. Zum einen war es wichtig zu sehen, dass Semmelrogge in der Tendenz ein Depp zu sein schien, jedenfalls aus unserer Sicht. Wichtig, weil es jemand war, den ich aus dem Fernsehen kannte und der nun bei der Lesung, wenngleich nicht gerade im besten Sinne, ein ganz normaler Mensch war. Das tat gut zu sehen und kurierte auf einen Schlag einige Unantastbarkeitsmythen rund um das Konzept von Prominenz. (Ich muss euch in dem Zusammenhang irgendwann mal von den ersten richtig professionellen Film-Dreharbeiten erzählen, die ich durch Zufall miterlebt habe; aber ein anderes Mal.)
Dann war es wichtig, dass Gaiman kein Depp war, im Gegenteil. Höflich, gütig, geduldig, ein guter Leser und jedes Fünkchen das, was ich erhofft hatte zu finden. Bedenkt in diesem Zusammenhang, das ist auch eine Phase, in der in Klein Thomas zunehmend der Gedanke reift, das mit dem Schreiben mal wirklich als Option zu sehen. Und sei es nur Kram über das Internet zu veröffentlichen. Aber so wenig Semmelrogge an diesem Abend Rollenmodell sein konnte, so sehr war es Gaiman.
Noch wichtiger aber war es, dass er mit uns interagiert hat. Er hat ja auch nicht nur mechanisch die Signatur verteilt. Er hat ein paar Worte mit mir gewechselt – und ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, was es war –, so wie mit jedem dort. Und dann hat er mir diese Queste gegeben, die schlussendlich über den Abend hinausging.

Meine Queste

Meine Queste

Ich bin an dieser Queste gescheitert. Wer die Nachrichten verfolgt, der weiß bereits weshalb. Als Pratchetts Erkrankung bekannt wurde, begannen mich Freunde zu fragen, was ich tun wolle. Ich wollte das Buch aber nicht einfach per Post zu ihm schicken; das war unpersönlich. Und ich wollte zwar wissen, was die Punchline ist, aber ich wollte dabei sein, wenn er sie schrieb. Aber etwa nach England reisen, zu einer Lesung, erschien zunehmend unrealistisch, die Lesungen wurden weniger, mein Budget wurde nicht größer und die Zeit war begrenzt.
Als ich die Nachricht von seinem Tod erhielt, kam ich gerade von einer Beerdigung im Familienkreis heim. Wie Pratchett in „Sourcery“ schreibt, der Tod ist nicht grausam, nur schrecklich gut in seinem Job, und so saß ich da im Sessel im Wohnzimmer meiner Eltern und gleich der erste Tweet bestand aus zwei Worten, zwei Zahlen und einem Satzzeichen: „Terry Pratchett 1948-2015“.
Es bedurfte keiner weiteren Erklärungen.

Natürlich war dies ferner als der familiäre Trauerfall, natürlich war das nur ein abstraktes Ereignis am Rande. Sollte ich darüber bloggen, fragte ich mich; nein, sagte ich mir, wer bin ich denn, dass es einen Nachruf von mir für den Mann brauche?
Etwa eine Woche darauf brach ich einen Pakt, den ich mit mir selbst geschlossen hatte, und googelte die signierte Zeile, googelte Gaiman und „burn this book“. Es war nicht schwer zu finden. Wer auch immer von den beiden das Buch zuerst in der Hand haben würde, so las ich, schrieb „burn this book“, und der andere ergänzte – da waren sie, die Worte, die über zehn Jahre uneingelöst geblieben waren – „place match here“.
Und dieser Moment war, was mir im Nachhinein klar macht, warum es sinnvoll ist, darüber zu reden. Die Antwort habe ich bereits zuvor in diesem Text versteckt. Wir werden all diese Autoren vermutlich niemals persönlich kennen. Vielleicht treffen wir sie, haben Interaktionen, aber kennen werden wir sie nie. Aber wir erleben sie, werden durch sie inspiriert und, ja, erhalten Vorbilder, Rollenmodelle. Sie sind in gewisser Weise Lichtpunkte in einer dunklen See der allgemeinen Unsicherheit. Das Leben ist unwägbar, jeden Tag aufs Neue, aber so etwas eigentlich im Kern banales wie ein Lieblingsautor, aber auch eine Lieblingsserie, eine Lieblingsband, sie können sichere Häfen sein, um in der obigen Metapher zu bleiben, deren Licht uns immer mal wieder aus den tosenden Wogen geleitet. Wissen wir nicht, was das Leben uns servieren wird, so wissen wir doch, dass wir dort Rückzugspunkte haben. Und mehr noch, spezieller vielleicht, sind wir unsicher, wie wir einen Weg gehen können – sagen wir etwa, der Weg, Schriftsteller zu werden –, so bieten sie uns Orientierung.
Sterben sie, erlischt dieser Leuchtturm.
Aber dieses Licht, diese Orientierung, sie sind das Geschenk, das wirkliche Geschenk, das sie uns machen. Nicht Rincewind oder Cohen, nicht Vimes oder die Hexen; nicht die Endless, nicht Shadow, sondern Punkte, von denen aus wir unseren Platz in der Welt triangulieren können, sind diese Gabe.

Natürlich ist dies alles mehrdimensional. Jene, die den Verstorbenen nahestehen, haben eine ganz andere Perspektive; sie verlieren einen Menschen, der Teil ihres Lebens war. Mein Mitgefühl gilt ihnen, ich weiß, wie sich das anfühlt, aber es wäre zugleich anmaßend, das für mich in Anspruch nehmen zu wollen. Zu wichtig ist mir auch selbst da die klare Trennung zwischen der Persona, die man als Autor gewillt ist, der Welt zu zeigen, und der Person dahinter; die ist privat, diese zu teilen ist kostbar.

Vielleicht aber, vielleicht vergehen diese Leuchttürme auch nicht vollkommen. Die Punkte bleiben, alleine dadurch, dass unsere Position mit ihnen ewig verbunden sein wird. Ich bin nicht traurig, dass Pratchett mir die Punchline nicht mehr liefern konnte. Sicher ist es schade. Aber das Bedeutsame, das, was daran mein Leben so stark beeinflusst hat, war, diese Queste überhaupt zu haben.
Es hat mich mit ihnen verbunden – und das war genau die Geste, die ein junger Kerl in einer Lesung in Köln brauchte, um weiteren Mut zu fassen und sich zu sagen, dass dies sein Weg sein soll.

Darum wollte ich auch diesen Artikel schreiben.
Nicht aus Trauer.
Aus Dankbarkeit.

Vielleicht ist dies ja auch in einer Zeit, die recht vom Tode gezeichnet scheint, gar kein schlechter Wunsch. Wenn in hoffentlich ferner Zukunft meine Tage gezählt sind, so wünsche ich niemandem, dass ihn die Trauer darüber zerfrisst. Aber ich hoffe, mein Leben so gelebt zu haben, dass ich meinen Mitmenschen etwas geben konnte, das sie bereichert hat, für das sie dankbar sind.
Ich glaube, wenn wir uns das alle zur Maxime unseres Handelns machen würden, es wäre sicher keine schlechte Welt, die daraus erwächst.

Viele Grüße,
Thomas

2 Kommentare zu “Burn this book / Memento Mori

  1. Da musste ich glatt nochmal hochscrollen und mir mental Notizen machen, weil ich zu tränendrüsig war am Ende, um noch zu wissen zu was ich eigentlich was sagen wollte – das darf als Kompliment verstanden werden.;-)

    1. Zum Thema Prominenz im wahren Leben:
    This! Ich bilde mir nun wirklich nicht ein total viele „Promis“ zu kennen, aber ein Teil meiner Jugend bestand aus „Star-Gazing“, was damals soviel hieß wie: Fahr irgendwohin, wo gerade Prominente sein könnten und „jage“ Autogramme und Fotos. Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, aber es war nicht so sehr verschwendete Lebenszeit, wie man vielleicht meint, denn diese „Oh mann ist das ein Depp.“ oder „Hey, der ist ja ein ganz normaler Typ.“ oder „Der ist ja nett.“ Erlebnisse haben viel für meine innere Distanz zum Verehrungstum von Menschen getan, die „in den Medien“ sind – ich bilde mir ein zum Besseren für alle Beteiligten.;-)

    2. Zum Thema Lesungen:
    Ich war tatsächlich bisher nur einmal auf einer richtig offiziellen Lesung, für die ich Eintritt bezahlt habe, aber das war auch ein sehr denkwürdiges Erlebnis – vorgestellt wurde damals das deutsche Hörbuch zu Otherland und auch wenn ich die Bücher immer noch nicht lesen kann, habe ich seit diesem Tag große Hochachtung vor Tad Williams – auch weil er ein super Stand-Up-Comedian wäre und seine Ausführungen so 1000x interessanter waren als die deutschen Einspieler aus dem dummen Hörbuch, but I digress.;-) Aber ich hatte da auch das Gefühl, dass sich jemand, der es eigentlich „nicht nötig hätte“ tatsächlich für die Leute interessiert, die seine Bücher lesen und der für jeden ein nettes Wort hatte. Und der wunderschöne Annekdoten zu seinem Alltag als Autor erzählen konnte, in denen ich mich oft wiedergefunden habe, was ein tolles Gefühl war in gewissem Sinne.;-)

    Nur so am Rande finde ich es aber übrigens auch super, dass Neil Gaiman inzwischen auch Hörbücher liest, ich mag seine Art zu lesen sehr.

    Mal sehen, ich wollte auch noch was zu Pratchett schreiben, aber ich weiß noch nicht aus welchem Blickwinkel – und viele wichtige Dinge hast du ja schon gesagt!:-)

    • Hallo Ela,

      danke für den Kommentar und entschuldige, dass die Antwort so lange hat auf sich warten lassen. Zumal ich dir eigentlich auch nur wild zustimmen kann zu allen Punkten, die du aufwirfst ;)

      Vielleicht noch aus der „verschwende Jugend“-Ecke kommend: Ich finde es interessant, dass es mittlerweile – so habe ich zumindest den Eindruck – gerade in intellektuelleren Kreisen immer mal wieder geradezu unschicklich scheint, sich offen zu Vorbildern oder Idolen zu bekennen.
      Ich finde das tatsächlich eigentlich schade, denn Hand aufs Herz irgendwie gehabt habe ich die immer. Es funktioniert ähnlich zu dem, was ich auch im Text zu Lieblingsbands und co. gesagt habe; wenn es einem total viel Kraft gibt oder einfach gut tut, sich daran zu orientieren, wie dieser oder jener seinen Weg durchs Leben nimmt, dann finde ich das eigentlich eine tolle Sache =)

      Gaiman lesend – ja, das ist auf jeden Fall immer lohnend!

      Und was das Argument des „wichtige Dinge habe ich bereits gesagt“ betrifft – das kann denke ich kein Grund sein, es nicht zu tun. Und wenn du sogar im Kern das selbe sagen solltest, sagst du es mit deinen Worten – und das ist ja das wundervolle an Sprache, wir können die gleiche Geschichte erzählen, und doch erzählen wir sie anders :)

      Viele Grüße,
      Thomas

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