Worte, die mich bewegen. Der Lyrik zweiter Teil.

Hallo zusammen!

Nachdem ich ja jüngst ein wenig generell zum Thema Lyrik und Gedichte gesagt habe, wollte ich es mir nicht nehmen lassen, auch auf einige Beispiele zu zeigen, die mich persönlich ansprechen. Eigentlich wollte ich das schon im ersten Beitrag getan haben, aber dann wurde der auch wieder immer länger und so kam es, dass nun dieser Artikel hier existiert.

Der erste Rückschlag war dabei, dass „lock lied“ von Hans Magnus Enzensberger, über das ich vergangenes Mal schon sprach (bzw. schrieb), nicht im Internet zu finden ist. An dem Punkt bleiben dann nur die Buchläden – zu finden ist es in Enzensbergers Erstling, „verteidigung der wölfe“. Ohnehin einer meiner mit Abstand liebsten Gedichtbände.

Es ist ganz lustig, aber das, was ich momentan mit als eines meiner liebsten Gedichte bezeichnen würde, ist mir erst im Zuge der Nachhilfe-Vorbereitung dieses Jahr untergekommen: „Der Kuß“ von Wolfgang Borchert. Borchert nun, auf den stehe ich schon seit Schulzeiten, weil Texte wie „Das Brot“ einfach prägend waren. Seiner Lyrik hingegen bin ich zuvor nie begegnet, aber „Der Kuß“ hatte mich sofort.
Ich mag sehr, wie es in den ersten drei Versen völlig harmlos erscheint, um dann mit dem vierten Vers und dem Umbruch in die zweite Strophe an Mehrdeutigkeit zu gewinnen. Außerdem hat Borchert einige Formulierungen darin, etwa „so sinnlos selig müssen Tiere sein“, die ich einfach großartig finde.

Hätte man mich so zum Jahreswechsel gefragt, bevor mir der Borchert unterkam, wäre die Frage nach meinem Lieblingsgedicht allerdings in einem Duell zweier statt nun dreier Autoren gemündet.
Auf der einen Seite, englischsprachig, ist da Neil Gaiman. Der hat ein Gedicht geschrieben namens „The Day The Saucers Came“. Es ist ein abgedrehtes, schräges, vergeistigtes, (im Genre) phantastisches und zugleich unglaublich rührendes Stück Text. Es bildet auch direkt einen schönen Kontrast zum Borchert, ist weitaus länger, verzichtet auf ein Reimschema, hat allerdings, wenn auch vielleicht nicht auf den ersten Blick, einen wundervollen Rhythmus. Sowie einen letzten Vers, der mich jedes Mal wieder völlig ergreift.
Und, völlig entgegen aller guten Ratschläge aus dem letzten Beitrag, kann ich hier auch direkt einmal auf eine gelesene Interpretation des Autors selber verweisen – Gaiman liest „The Day The Saucers Came“. Denn es gibt kaum einen Autor, den ich bisher live sehen durfte, der mich so beeindrucken konnte wie Gaiman.

Einer, der da durchaus heranreichen kann, ist hingegen der deutsche Christian von Aster. Von Aster wird gerade salonfähig, hat den Phantastikpreis Seraph erhalten, den Sprung zu Klett-Cotta geschafft und ist umtriebig wie eh und je, ist mir aber auch schon viele Jahre jede Empfehlung wert. Erstmals getroffen hab ich ihn Anfang des letzten Jahrzehnts auf einer Mitarbeiter-Veranstaltung bei Pegasus Spiele, wohingegen eine coole, kleine Mini-Kollaboration dann später bei unserem Xoro stattfand, dessen Pro- und Epilog er spricht.
Unnötig zu sagen, dass ich seine Art zu lesen gut finde, sonst hätten wir ihn ja auch nicht wegen unseres Barbarenfilms gefragt. Er schreibt aber auch phantastisch und sein Gedicht „Die Mitternachtsraben“ ist ein gutes Beispiel. Es atmet Poe mit jedem Vers, ist noch mal länger als die bisher genannten Texte und beweist dabei, dass der Paarreim eine Existenzberechtigung in der deutschen Lyrik, auch abseits schiefer Büttenreden hat. Es ist dunkel, es ist mystisch, es bietet mit alten Büchern und Raben gleich zwei Themen, die mich begeistern können – ich mag es sehr gerne. Und auch hier kann man sogar dem Autor lauschen – Youtube kennt den Weg.

Manche Gedichte aber muss man sogar selber lesen. So findet sich in Laurentius von Schnüffis’ 1665 veröffentlichten Roman „Philotheus“ ein wunderbares Gedicht, das in zwei nebeneinander stehenden Spalten angeordnet ist, eine Strophe links, die andere rechts. Vorgeblich sei dies aus Platzgründen geschehen. Liest man das Gedicht nun spaltenweise, so ist es in der Tat ein schönes Liebesgedicht. Ignoriert man hingegen diesen Zwischenraum und liest erst den ersten Vers der ersten Strophe, dann in derselben Zeile den ersten der zweiten Strophe und so weiter, so verkehrt sich der Sinn vollständig und der Text trieft geradezu vor Gift und Galle.
Leider gibt es keine wirklich schöne Repräsentation des Gedichtes im Netz, aber zumindest online lesen kann man es: Glückselig wär ich ja.

Man beachte, dass ich davon abgesehen habe, die Klassiker zu nehmen. Ich liebe Benns „Schöne Jugend“ und Yeates „The Second Coming“ ist auch immer gut, aber ich hoffe, vielleicht für den einen oder anderen noch auf das eine oder andere ungewohnte Gedicht verwiesen zu haben.
Wer weiß, wenn es Resonanz findet, vielleicht mach ich das auch einfach noch einmal in einiger Zukunft, denn mein Repertoire ist noch lange nicht erschöpft.

Eines vielleicht noch als „Rauswerfer“, ohne große Worte: Von Seamus Heaney kommt das Gedicht „Digging“. Die Lektüre lohnt sich, es ist ein definitiver Kandidat fürs laute Lesen und gerade die letzten sieben Verse sind rein phonetisch so perfekt gesetzt, dass ich nur schwärmen kann.
Aber wie immer bei guter Literatur gilt eh für all diese Texte, dass man letztlich seinen eigenen, persönlichen Zugang dazu finden muss. Das wiederum ist ein Thema, das auch noch ein Posting wert ist und mein Trio der Lyrik-Beiträge beschließen wird. Allerdings nicht in direkter Folge, denn ich hab ein paar Sachen, die vorher raus sollten, denke ich. Wird aber nicht vergessen!

Viele Grüße,
Thomas

PS – der kleine Einkaufsführer:

Enzensbergers „lock lied“ findet man in „verteidigung der wölfe“.
Borcherts „Der Kuß“ findet man in „Laterne, Nacht und Sterne. Gedichte um Hamburg.“.
Gaimans „The Day The Saucers Came“ findet man in „Fragile Things“.
Von Asters „Die Mitternachtsraben“ findet man auf und in „Die Mitternachtsraben: Geschichten zum Absinth“.
Von Schnüffis’ Gedicht findet man in dem Roman „Philotheus“. (derzeit nicht im Druck)
Und Heaneys „Digging“ findet man in „Death of a Naturalist“.

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