Wohnst du noch, oder bist du schon modern?

„Ja, sag mal, wo lebst du denn?“
Gestern wieder mal im Vorbeigehen gehört, gefragt als rhetorisches Mittel eines Typen gegenüber seiner strohblonden Begleitung zwecks Betonung, ich mutmaße, einer gewissen Weltfremdheit ihrerseits. Aber irgendwie machte es mich zugleich auch nachdenklich. Warum?
Drei Meter weiter kam ich an einer Bäckerei vorbei und sah ein „Coffee2Go“-Schild im Schaufenster. Und fragte mich – leben wir eigentlich noch daheim?
Hat sich unser Alltag nicht vielmehr phasenweise verschoben, auf die Straße gedrängt gewissermaßen? Wir haben Handys und können die Telefonate des Tages erledigen, während wir eh unterwegs sind. Das tue ich auch, damit ich, wenn ich wieder – ich sag jetzt erst mal provokant – „drinnen“ mehr Zeit für anderes habe. Wir haben Note- und Netbooks und produzieren Texte „on the run“, schicken sie per Wireless quer durch die Welt, egal wo wir gerade sind. Wir konsumieren unser Frühstück entlang des Weges während wir, damit sind wir wieder am Anfang, einen Coffee2Go in uns hinein schütten; in der Regel bei kritischer Betrachtung eine Plörre, die selbst einen passionierten Kaffeenarren wie mich mittlerweile zum „heiße Schokolade“2Go-Kunden gemacht hat.

Ich will hier nicht missverstanden werden – ich gehöre ja auch irgendwie zu diesem Volk, ich mag den Zugewinn an Technik, die gestiegenen Möglichkeiten mein Tagewerk auf Aufgaben2Go zu verwandeln.
Gestern war Foto-Temin für das neue Poster von Actor’s Nausea. Auf dem Weg zur Uni habe ich mit einer sehr guten Freundin von mir telefoniert, weil wir von ihr dafür noch ein Kleid brauchten. Aus der Uni heraus habe ich per Flug-Internet noch eine letzte Mail herausgeschickt. Und beim Termin selber konnten die Fotos danach direkt auf dem tragbaren PC gesichtet werden, (fast) ohne Entwicklungsaufwand. Ein Pressefoto konnte ich dann auch direkt von dort per Mail dem Verantwortlichen schicken. Der stand neben mir.
Heute alles kein Problem.

Andererseits sehne ich mich manchmal auch einfach zurück an alte Tage. Ich bin ja sozusagen mit dem Internet in Deutschland groß geworden. Also wirklich gemeinsam groß geworden. Auch das Netz war früher noch kleiner. Mittlerweile ist das Quäken von ICQ – das gibt es ja mittlerweile auch als ICQ2Go – zu einer Gewohnheit geworden. Wo man auch hinhört, es macht „Oh-Oh“. Man kann nicht nicht kommunizieren, das lehrt die Linguistik. Man kann nicht „heute mal nicht“ kommunizieren, das lehrt die Gegenwart.
Es haben schon zu viele Leute über Mitmenschen und Bussen und S-Bahnen geschrieben, die (vermutlich und hoffentlich) in nicht mal mehr sichtbare Headsets und Kragenmikros sprechen. Genauso bin ich doch wenigstens unsicher, ob ich wirklich mithören möchte, wenn in der 45 Richtung Klinikum die Dame vor mir via Handy dem Gesprächspartner erzählt, wie es am Abend mit ihrem Lover war.
Ich hatte vor etwa einem Jahr ganz massive Probleme mit meinem Internetanschluss. Man konnte uns seinerzeit als flüchtige Bekannte bezeichnen, meinen Anbieter und mich. Und im Endeffekt habe ich zu der Zeit bedeutend mehr getan bekommen. Meine Konsequenz: ICQ bleibt bei mir seither häufiger aus. Daraus die Konsequenz: Die Gespräche, die eine Priese „Ach, hat dir das noch keiner gesagt?“ haben, hat erheblich zugenommen.

Kommen wir zum Kaffee zurück, so sagte ich ja schon, dass ich kein großer Fan von der Pressbrühe zum Mitnehmen bin. Erst Recht habe ich kein Verständnis für Leute, die tatsächlich daheim lieber einen Vollautomaten haben als eine gute, alte, gluckernde Maschine.
Wenn ich morgens aufstehe, dann stolpere ich normalerweise mit als erstes in die Küche, jage einige Bohnen durch die Mühle und brühe dann einen leckeren, frischen Kaffee auf. Der schmeckt gut und der ganze Vorgang ist ein schöner, ruhiger und quasi ritualisierter Start in den Tag.
Und ein wenig versuche ich derzeit, mein ganzes Leben etwas mehr aus dem Vollautomatenstatus zu lösen. Endziel Dröppelminna? Wer weiß…

Vermutlich bin ich demnach doch kein guter Teil der – Achtung, pseudointellektuelles Schlagwort – technophilen Youtube-Generation. Klar, ich mag Macs, finde das iPhone schön, spiele gerne auf High-End-Konsolen, hätte gerne einen HD-Fernseher nebst BD-Player und schreibe das hier gerade auf einem schönen Netbook. Aber irgendwie ist das nur ein Teilaspekt und sollte auch genau das bleiben.

Ich persönlich wohne noch immer da, wo es gemütlich ist. Freundin, Kater, Deckenfluter und Couch, aber auch natürlich eine gute, schöne Kaffeemaschine. Noch weigere ich mich, den Bus und die Straßen zum Zentrum meines Lebens zu machen. Klar kann man den Tag mit Videospielen oder einer DVD ausklingen lassen, mache ich auch. Man kann aber auch mal auf dem Sofa lümmeln und während es draußen stürmt ein gutes Buch lesen. Ist mindestens genauso schön.

Entschleunigung. Katastrophales Modewort, guter Gedanke. Komme ich sicher das eine oder andere Mal noch drauf zu sprechen.

Also dann, ich verabschiede mich für heute, gedenke dem Telefon mit gekräuseltem Kabel und Wählscheibe und nehme nicht den Bus, sondern gehe auf Schusters Rappen heim.

Viele Grüße,
Thomas

4 Kommentare zu “Wohnst du noch, oder bist du schon modern?

  1. Seit alle diese verschwindend kleinen Headsets haben, kann man auf der Straße die Irren nicht mehr von den Wichtigen unterscheiden… :)

    Schön auch(gesehen in Aachen): „Hier coffe togo“ – Kommt der aus Togo? Nein, der ist to go…

  2. Ja, ich gestehe, ich bin auch so eine… gerade schnell zum Aldi und zur Apotheke, und die ganze Zeit versucht, meine Eltern und meine Schwester zu erreichen… vergeblich. Was sind die auch nicht zu Hause wie ich… ähm… Moment…

    In diesem Sinne ruft die Couch!

  3. Interessante Gedanken und auch sehr schön geschrieben, wobei für meinen Geschmack eine Prise zu viel „die gute alte Zeit“ mit drin ist.

    Mir ist die Aussage allerdings nicht hundert prozentig klar. Wolltest Du nur mitteilen, dass Du Dir von der (den) „neuen Technik/Medien“ nicht den Alltag diktieren lässt (und das andere Deinen Beispiel folgen sollten)? Oder dass Du den von Dir nicht kontrollierbaren Einfluss „neuer Technik/Medien“ auf den Alltag nicht gut findest? Oder dass „neue Technik/Medien“ kein Hauptaspekt unseres Lebens sein sollte ?

    Naja, das ganze in einem Blog zu schreiben entbehrt natürlich auch nicht einer gewissen Komik.

    Gruß,
    André

  4. Naja, die Kategorie „Gedankengänge“ ist halt genau das – Dinge, die mir durch den Kopf gehen.
    Wenn du auf der Suche nach einer Wirkungsabsicht bist, dann vielleicht ab ehesten die, zu sensibilisieren.
    Ich finde die generelle Beschleunigung unserer Gesellschaft nicht gut, ob das aber nun durch Technik oder andere Umstände kommt ist mir dabei wurscht. Ich finde auch Blogs durchaus eine feine Sache, Wireless LAN und Handys ebenso. Dass wir aber mittlerweile in einer Zeit der 24/7-Bereitschaft leben und eigentlich auch immer die Uhr im Nacken haben, das sollte man sich vor allem immer mal wieder vor die Augen führen.

    Ich werde das Thema hier in verschiedenen Facetten sicher noch vertiefen, aber ich denke, vor allem wollte ich einfach mal grundsätzlich auf den besagten Themenkomplex hinweisen.

    Es freut mich aber, dass dir der Text generell Spaß gemacht hat :)

    Viele Grüße,
    Thomas

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