Darf ein Übersetzer eigentlich …
Hallo zusammen!
Heute seit längerem noch mal ein Fall von „laut gedacht“; also eine Sache, die mich schon eine Weile beschäftigt und die ich hier einfach mal in Wortlaut gieße, zu der es allerdings auch am Ende dieses Artikels noch keine endgültige Antwort geben wird.
Die achte Episode vom DORPCast hat sich ja mit dem Thema Übersetzungen befasst und den nachfolgenden Aspekt zwar gestreift, aber nicht ausführlich behandelt. Als er mir dann aber indirekt noch mal via Twitter begegnete, als Zwart dort schrieb:
… da dachte ich mir, langsam lohnt es, da mal einen Artikel draus zu machen.
Worum es geht?
Nun, generell geht ja jede Diskussion um Übersetzungen stillschweigend davon aus, dass es sich bei dem Original um ein gutes und literarisch gelungenes Werk handelt und die Übersetzung einen Akt darstellt, der im besten Fall möglichst wenig kaputt machen sollte. Das muss man so nicht teilen; vor allem aber glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass diese Prämisse der literarisch hochwertigen Vorlage notwendigerweise zutreffen muss. Und wie ist es dann?
Wenn ich als Übersetzer nun eine systematische, eindeutige Schwäche in der Formulierung des von mir zu bearbeitenden Buches entdecke – hab ich dann das Recht, es sozusagen bei der Übertragung besser zu machen?
Ich mag das gar nicht anhand von Büchern diskutieren, an denen ich mitgewirkt habe und extreme Ausreißer wie die Film-Übersetzungen von Rainer Brandt (die Filme mit Bud Spencer und Terence Hill, oder „Die Zwei“ mit Roger Moore und Tony Curtis) lasse ich auch mal außen vor; aber nehmen wir mal dennoch ein prominentes Beispiel.
Reden wir noch einmal über „Twilight“.
Ich habe ja damals schon in meinem langen Artikel über Twilight erwähnt, dass die Autorin Meyer im Laufe des Buches einige Vorlieben für bestimmte Formulierungen hatte. Beispielsweise wird das Verb „to chuckle“ im Bezug auf Edward quasi am laufenden Band verwendet.
Wäre ich aber nun hier der Übersetzer – liegt es in meinem guten Recht, mit Wortvariationen zu arbeiten, wo das Original ganz eindeutig keinen Thesaurus zur Hand hatte? Möglichkeiten wären ja genug gegeben; Edward könnte kichern, glucksen, schmunzeln, leise lachen und in sich hineinlachen, so spontan gesagt; vermutlich gibt es noch mehr Varianten.
Auf der einen Seite ist natürlich die naheliegende Frage: „Wieso nicht?“
Angenommen ich kann an dieser Stelle das Produkt besser machen, als es vorher war, was sollte da schon dagegen sprechen?
Nun, die Autorenintention beispielsweise. Nun glaube ich nicht, dass Stephanie Meyer den ganzen Tag freudestrahlend vor ihrem Manu- oder Typoskript gesessen und sich an der dichten Verwendung von „to chuckle“ ergötzt hat, aber es mag ja andere Fälle geben.
Angenommen, diesmal ganz fiktiv gedacht, ich übersetze einen Text über Steve Jobs. Und weiter angenommen, der Autor hat sich einen Spaß daraus gemacht, einen alten Apple-Slogan in seinem Text als Stilmittel zu verwenden und jede der Kehren im Lebensweg des verstorbenen Apfel-Chefs rund um die Worte „think different“ zu stricken. Jobs dachte anders, aber auch die Management-Etage dachte anders, als sie ihn aus seiner eigenen Firma warf, und dann dachte er wieder anders, als er Pixar groß machte und so weiter, und so fort.
Ist zugegebenermaßen nicht das tollste Stilmittel der Welt, aber es ist eines. Und mal von der generellen Unübersetzbarkeit abgesehen – der Slogan existierte nie auf Deutsch, was eine Übertragung eh verkompliziert –, es ist einfach unbestreitbar, dass der Urheber des Textes sehr explizit wollte, dass diese Worte nun dort so stehen.
Aber im Grunde ist auch der Punkt unproblematisch. Probleme kommen aber auf, wenn die Trennschärfe abnimmt. Während exzessives „he chuckled“ wohl relativ eindeutig ein sprachlicher Fauxpas ist und der erdachte Fall von „think different“ eindeutig Absicht, was ist mit all den grauen Ebenen dazwischen?
Und genau das macht die Frage für Übersetzer so knifflig. Wiederholt der Autor hier oder dort eine Formulierung, einfach, weil sein Wortschatz oder sein allgemeiner Sprachstand nicht mehr hergibt, oder ist es komplex gedachte Absicht mit einem Hintergedanken, der einem als Übersetzer vielleicht sogar unbekannt ist?
Ein Teufelskreis, wenn man sich nur darauf einlässt. Vor allem ist es aber auch mal wieder ein schönes Beispiel, warum Textarbeiten aller Art, darunter eben auch die Übersetzungsarbeit, immer zu einem gewissen Grad Gefühlssache und eben keine exakte, stets hundertprozentig zu bestimmende Wissenschaft ist.
Wie gesagt, ich hab auch keine Antwort bisher parat.
Aber vielleicht hat ja jemand eine, während er oder sie das hier liest – dann wäre ich auf jeden Fall neugierig!
So, das musste mal raus. Nächster Halt hier im Blog?
Vermutlich mal wieder ein Belegexemplar im Foto.
Viele Grüße,
Thomas






Wen hingegen meine berufliche Arbeit als Verlagsleiter und leitender Layouter für Ulisses Spiele interessiert, findet