Hallo zusammen!
Der August hat zwar noch eine Woche übrig, aber ich bin mal so frei und wage es dennoch, schon mal ein Resümee zu ziehen.
Der August begann – und darüber schrieb ich hier ja schon in Tiefe und Breite – damit, das ich mit Verdacht auf Schlaganfall im Krankenhaus gelandet bin. Die Situation hat sich rückblickend als vergleichsweise harmlos erwiesen, auch der abschließende Laborbericht kam ganz entspannt daher.
Dennoch: Zeig mir einen, der behauptet, solch eine Erfahrung würde ihn emotional kalt lassen, und ich zeig dir einen Lügner.
Selbst mit all der abschließenden Entwarnung bleibt halt der Eindruck jener Momente vor der Entwarnung. Es bleibt der Eindruck jener Gespräche, in denen mir klar gesagt wurde, es könnte mit relevant hoher Wahrscheinlichkeit etwas wirklich Ernstes sein – und dieser Eindruck wirkt durchaus weiterhin in mir nach.
Aber nun: Als der Artikel darüber online ging, war ich daheim und erwartete eigentlich, dass meine Enttäuschung, nicht auf der RatCon coole Kollegen und phantastischer Fans treffen zu können, so der dämpfende Abschluss wäre …
Na ja, und dann kamen die Waldbrände.
Und direkt vorweg, die Eifel ist groß und weder das Feuer in Hürtgenwald noch das im Hohen Venn stellten eine direkte Bedrohung für mich dar. Es liegt mir absolut fern, mich hier mit fremder Leute Tragödien zu schmücken. Zugleich jedoch sind die Orte, die an der belgischen Grenze evakuiert wurden, irgendwas zwischen 18 und 20 Kilometer Luftlinie von mir entfernt und glaubt mal, das ist auch zu nah, um ganz ruhig zu schlafen.

Die emotionale Last, trotz allem verbleibenden Abstand seine Heimat brennen zu sehen, ist auch nicht ohne. Ich halte mich durchaus für nicht naiv, aber Ascheregen beispielsweise hatte ich auch nicht auf meiner Bingo-Karte für 2026.
Gleichzeitig aber war das alles natürlich auch unweigerlich eine Reflexionsfläche, um über allerhand nachzudenken. Nachrichten beispielsweise. Live-Berichterstattung.
Ich war dankbar dafür, wie gut z.B. die Informationen jetzt auch beim Feuer über die offiziellen Kanäle hereinkamen; über NINA beispielsweise, die mich 2021 bei der Flut noch recht im Stich gelassen hatte. Sehr viel ambivalenter sehe ich es aber mit Blick auf die Nachrichten und (war klar) sozialen Medien.
Gerade an den Anfangstagen des Feuers tickerten die Meldungen ja geradezu im Minutentakt rein.
Ein Hektar brennt.
300 Hektar brennen.
1.000 Hektar.
Mehr.
Lassen wir mal außen vor, dass kein Schwein wirklich weiß, was ein Hektar ist und vertagen wir mal, ob „Fußballfelder“ wirklich eine sinnvolle Einheit für ein Flächenmaß darstellt … aber ab von all dem, hilft uns das? Hilft diese Art der Berichterstattung, gerade in so enger Taktung?

Im Grunde ist das ein Thema, über das ich schon mehrfach schreiben wollte – etwa nach der Erstürmung des Kapitols am 06. Januar 2021, als noch keiner so richtig etwas wusste, aber alle etwas sagen wollten. (Und ich bedauere ein wenig, dass mein damaliger Arbeitstitel „Ich berichte heute live aus den Tränengasschwaden“ es nie auf diese Seite geschafft hat.)
Definitiv ging es mir auch durch den Kopf, als nach der Flut 2021 die BILD zwei ihrer Reporter ebenso mutwillig wie grundlos in hüfthohes Wasser stellte und RTL eine Reporterin beurlaubte, nachdem diese sich vor der Aufnahme noch eigens mit Schlamm eingerieben hatte. Denn die Frage ist ja … was bringt es einem wirklich?
Klar, dem Sender bringt es Quote, dem Content Crestor Likes und Aufmerksamkeit. Und die Bevölkerung kann zwar ihren Durst nach Neuigkeiten stillen, doch ist es oftmals eine vergiftete Quelle, aus der sie da schöpft – denn nicht jede Neuigkeit ist zugleich eine sinnvolle Information.
Es gibt in der Stress-Theorie ein Bild, das ich sehr mag. Wir als Menschen sind evolutionär darauf trainiert, in bedrohlichen Situationen mit einer sprunghaften Mobilisierung unserer Kräfte die Flucht zu ergreifen – beispielsweise vor einem Tiger. Das heißt aber umgekehrt auch, dass unser Nervensystem manchmal in Situationen, die wir als bedrohlich empfinden, ähnlich zum Sturm bläst, als hätten wir im Unterholz gerade die Raubkatze erspäht.
Das klappt halt nur nicht so gut, wenn es keine konkrete Bedrohung ist, sondern vielmehr eine abstrakte – die nicht fertiggewordene Arbeit, das anstehende Mitarbeitergespräch, aber eben auch die noch unklare Diagnose, der noch reichlich entfernte, aber ja vielleicht sich weiter ausweitende Waldbrand.
Das sind – so das Bild – ‚slow and crappy tigers’, also ‚langsame und schrottige Tiger’.
Die können einen zwar einerseits hartnäckig, wenngleich langsam, verfolgen, ohne dass man sie abschütteln kann, die sie sind aber zugleich nicht schnell oder fähig genug, der Sache ihr unweigerliches Ende zu bereiten. Das ist grundsätzlich ein Erklärmodell für ganz viel dieses leider so zeitgenössischen indirekten, chronischen Stresses, der dafür sorgt, dass viele von uns in einer Welt der konstanten Erreichbarkeit und permanenten Verbundenheit niemals wirklich Ruhe finden.1
Nur bringt uns das ja nicht weiter.
Die konstante Beschallung beispielsweise mit Nachrichten zum Vennbrand suggeriert einem eine sich ständig dynamisch verändernde Lage, was etwa für die Helfer vor Ort auch zweifelsohne stimmte, aber für die aller-allermeisten Damen und Herren daheim an den Rundfunkempfängern halt nicht.
Und darin fand ich noch eine für mich interessante Parallele meiner beiden August-Erlebnisse – manchmal, so unangenehm es ist, tut man am besten daran, einfach die Fachleute mal machen zu lassen. Denn dafür sind sie halt auch die Fachleute.
Sollen die Ärzte auf Ursachenforschung gehen.
Sollen die Feuerwehrleute das Feuer löschen.
Beides hochqualifizierte, komplexe und alles andere als selbstverständliche Aufgaben – aber eben auch beides Dinge, wo man als einzelne Privatperson in dem Moment eh nicht viel tun kann.

Was bleibt, um mal wieder zum Anfang zurückzufinden, ist ein emotional sehr anstrengender August.
Was daraus wiederum folgt, ist eine Reihe von privaten Projekten, die nicht so weit sind, wie ich hätte kommen wollen.
Was aber auch bleibt, ist die Frage, ob derer Projekte nicht vielleicht auch noch immer zu viele in meinem Kalender stehen.
Keine Sorge, nichts was ich hier angekündigt habe, will ich absagen.
Aber vielleicht ist’s einmal mehr eine gute Erinnerung, eben auch mal Abende nicht zu schreiben oder an anderen Projekten zu arbeiten, sondern beispielsweise einfach im Wald spazieren zu gehen, ein Buch zu lesen oder ein Spiel zu spielen – ohne all das direkt wieder in ein Projekt zu kanalisieren. Schöne oder spaßige Dinge einfach um der Dinge und des Spaßes daran tun.
Eine Erinnerung, vielleicht nicht gar so oft nach der Arbeit notdürftig Essen herunterzuschlingen und dann zum Auto zu hetzen, weil beispielsweise das Training oder ein anderer Termin wieder nach mir ruft.
Auch eine Erinnerung, mal wieder pünktlicher Feierabend zu machen.
Denn anders als aller Aktionismus inmitten katastrophisierender Nachrichtenspiralen ist das etwas, wo man wirklich etwas bewegen kann.
Manchmal muss man auch einfach sein Leben leben.
Man weiß nämlich nie, wie oft man am Ende der großen Sanduhr, wenn der Gevatter mir der Sense klopfen kommt, die Chance dazu gehabt haben wird.
Viele Grüße,
Thomas
- Asche auf mein Haupt, dass ich die Quelle der Formulierung der slow and crappy tigers nicht mehr finde. Ich hab das 2021 notiert gehabt, damals offenbar in der Überzeugung, dass ich ja weiß, was ich da zitiere. Wenn ich die Quelle wiederfinde, ergänze ich es! ↩︎






Wen hingegen meine berufliche Arbeit als Verlagsleiter und leitender Layouter für Ulisses Spiele interessiert, findet