Needful Things im Spiegel der Moderne

Hallo zusammen!

Eines direkt vorweg: Dieser Text enthält Spoiler für Stephen Kings Needful Things – In einer kleinen Stadt. Ist kein sehr neues Buch und ich verrate weder Ende noch Details, aber … ja nun. Spoiler.

Needful Things spielt in Kings Wiederholungs-Schauplatz Castle Rock und alles beginnt mit dem frisch eröffneten, titelgebenden Laden und seinem Inhaber Leland Gaunt.
Nach außen hin ist es ein Trödelladen. Wahlloses Allerlei von Baseball-Karten über Vasen bis zur Angelroute; alles unspektakulär. Aber all das ist nur Fassade.

Denn Mr. Gaunt spielt die Stadt gegeneinander aus. Er nährt bestehende Vorurteile und nutzt vergiftete Versprechungen und Andeutungen, um schwelende Situationen aufzustacheln.
Er sagt zwar, er würde nur die Bedürfnisse seiner Kunden befriedigen, doch das ist gelogen. Er lullt sie oftmals ein, suggeriert ihnen, dass sie etwas aus seinem Laden wollen oder vielmehr brauchen, und spielt dann das Verlangen, das er künstlich geschaffen hat, gegen sie aus.
Er redet ihnen nach dem Mund, jedem anders und völlig ohne eigene moralische Position. Er macht dies, um als „einer von ihnen“ zu erscheinen und erlangt so das Vertrauen der einzelnen Einwohner.
Er appelliert an niederste Instinkte – Hass, Habgier, Angst, Lust – und lockt Leute damit.
Wenn einer kommt, der ernsthaft unangenehme Fragen stellen könnte, erschafft er Ablenkungen, die zwar objektiv nicht wichtiger, subjektiv aber dringlicher erscheinen.

Ich mochte das Buch damals, ich mag es heute – aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich es als Jugendlicher auch nur ansatzweise so unangenehm fand, die Dominosteine von Gaunts Intrigen fallen zu sehen wie heute.
Wenn Leute, die sich eh spinnefeind sind, aneinandergeraten, ist es das eine. Aber wenn Menschen, die über Dinge einfach reden könnten, nicht mehr darüber reden, weil Gaunts Intrigen sie so meilenweit in polarisierte Positionen manipuliert und emotional aufgeladen haben, dass niemand mehr zum Dialog in der Lage ist … dann trifft das 2026 anders als damals.

Und dann, schon halb durch das Buch, begriff ich, warum mich das heutzutage so anders trifft.
Mr. Gaunt ist das moderne Internet.
Elon Musk ist Leland Gaunt.
Mark Zuckerberg ist Leland Gaunt.
Und ich habe zunehmend Sorge, ob noch ein Sheriff kommt, der sich schützend dazwischen wirft.

Was ich bisher bewusst nicht explizit gesagt habe: Der Roman ist von 1991 – es gibt keine Chance, dass diese Parallele Absicht ist. Needful Things ist kein prophetischer Schlüsselroman und das, was ich hier schreibe, kann keine positivistische Lesart sein. Aber King versteht die Abgründe der menschlichen Psyche, Kings Roman identifiziert die gleichen Schwachstellen, in die auch soziale Medien und all ihre Nebenschauplätze ihre Krallen getrieben haben.

Gaunt verfügt über ein überragend breites Wissen, was all die persönlichsten Geheimnisse und die intimsten Wunden der Stadt angeht.
Er scheint auf den ersten Blick nie viel zu verlangen, lässt seine Kunden zunächst mit dem Gefühl zurück, etwas ganz tolles gewissermaßen geschenkt zu bekommen.
Er manipuliert Fotos und reißt andere aus dem Kontext, um Leute aufzustacheln. Empörung ist ein Werkzeug für ihn, eines was er nicht zuletzt meisterhaft führt um zu verhindern, dass Konflikte vielleicht doch noch durch eine sachliche, ruhige Aussprache beigelegt werden könnten.
Und wenn die Leute wirklich mal an den Punkt kommen, das Spiel nicht mehr spielen, den Kreislauf durchbrechen zu wollen, dann droht er nicht nur, dass er ihnen wegnehmen würde, was sie durch ihn bekommen haben – all die eingebildeten Werte, die suggerierten Statussymbole –, sondern gleich auch noch all ihre Schwächen offenzulegen, sie bloßzustellen vor dem ganzen Ort.

Da geht es mir inzwischen immer häufiger so wie den Figuren im Buch – die überkommt auch eine Welle der Übelkeit, wann immer sie in direkten Kontakt mit Gaunt kommen.
Diese Hilflosigkeit, mit der man im Buch beobachten muss, wie eben auch die vernünftigsten Figuren sich in seinem Spiel verlieren, gleicht meiner eigenen Hilflosigkeit, wenn ich mal wieder mit ansehen muss, wie (selten) Freunde und (häufig) Bekannte den vergifteten Sud trinken, den das Web 2.0 inzwischen ausschenkt.

Und nun?
Gegen Ende des Romans erkennt eine Figur, dass das, was er bei Gaunt erworben hat, in Wirklichkeit nur modriger Müll ist. Doch diese Erkenntnis kommt langsam. Zunächst sieht er jenen Müll und denkt, jemand habe seinen gekauften Schatz gestohlen und gegen diesen Abfall ausgetauscht.
„Nein“, entgegnet dann jedoch sein langsam erwachendes Unterbewusstsein. Das, was er gekauft hat, sagt ihm seine innere Stimme, „ist so, wie [es] immer gewesen ist. Alles, was gestohlen wurde, sind deine Scheuklappen – die du dir selbst aufgesetzt hast, aus freien Stücken.“1

Und darin steckt des Pudels Kern.
Bewusstsein. Darauf läuft es immer im ersten Schritt hinaus. Social Media hat (oder hatte?) das Potenzial, viel Gutes zu bewirken. Aber in den Krallen des Spätkapitalismus ist es eine Empörungs-Slotmaschine, die geführt von unregulierten, zügellosen Technologie-Konzernen keinerlei Interesse verfolgt jenseits davon, die Nutzer möglichst kontinuierlich an die Plattform zu binden und sich dabei an ihnen und ihren Daten zu bereichern.
Vielleicht kann, durch diese Linse betrachtet, der Roman dem einen oder anderen tatsächlich helfen, die Scheuklappen zu begreifen, die wir uns alle tagtäglich willentlich aufsetzen.

Denn Social Media ist wie Needful Things.
Die Bedürfnisse, die es befriedigt, nachdem es selbst erst das Verlangen geweckt hat.
Die kleinen angestachelten Taten und Worte, die für sich harmlos, aber im Gesamtbild brandstiftend gefährlich sind.
Das Wissen um viel mehr persönliche Details, als man für möglich hält, und die Angreifbarkeit, die darin liegt.

Denn es ist mit jedem Jahr mehr meine Überzeugung: Stand jetzt lagern schon viel zu viele schreiende Seelen in den Reisekoffern jener großen Technologie-Konzerne – aber vielleicht kann Kings Roman (oder das, was ich hier oft so schreibe) ja doch noch für den einen oder anderen die Seidenblume sein, die er braucht, um den Bann zu durchbrechen.

Viele Grüße und caveat emptor,
Thomas

  1. King, Stephen: In einer kleinen Stadt. Needful Things. Berlin: Ullstein 2006. Seite 782. ↩︎

2 Kommentare zu “Needful Things im Spiegel der Moderne

    • Ich danke für die netten Worte!
      Und ja, es lohnt sich – selbst wenn man die Bücher schon mal vor langer Zeit gelesen hat, ist man ja doch mindestens selbst an einem ganz anderen Punkt in seinem Leben und erhält schon so eine neue Perspektive 😊

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