Enden sind schwer. Aber wichtig.

Hallo zusammen!

Manchmal drängt sich mir hier ein Thema gefühlt aus allen Richtungen gleichzeitig auf – und heute ist so ein Tag. Vermutlich ist’s sogar der erste von mehreren Artikel zu dem Thema – aber fangen wir, auch wenn es um Enden geht, am Anfang an.

Licanius, Herr der Ringe und die Kunst, im richtigen Maß Adieu zu sagen

Ich las ja jüngst erst James Islingtons Licanius-Trilogie und schwärmte hier schon mehrfach von deren gekonnt gewobenem Plotgeflecht, das auch noch befriedigend beendet wird. Dieses Ende – nebenbei, ich versuche es hier so grob und spoilerfrei wie möglich zu halten bei allen Medien, die ich erwähnen werde – dieses Ende kulminiert in einem expliziten „Epilog“. Dieser Epilog greift (nahezu) alle bis dahin offenen Fäden auf und versucht auch diese noch elegant zu verknüpfen. Etwas, was sehr stark zu dem runden Gesamteindruck beiträgt.

Seit inzwischen Jahrzehnten wird Tolkiens Herr der Ringe – aber konkreter eigentlich vor allem die Verfilmung von Peter Jackson – gerne mit wohlwollendem Spott versehen, als eine Geschichte mit „zu vielen“ Enden.
Und es stimmt, es gibt nicht diesen einen End-Moment, oder diese eine End-Montage, sondern eine ganze Reihe verschachtelter Szenen, die wirklich einen Ausklang bilden und einem nach all den Wag- und Schwernissen, die man als Leser oder Zuschauer mit der Gemeinschaft des Rings überwunden hat, erlauben, zur Ruhe zu kommen.
Und das bringt mich zu Teil 1 meiner Kernthese:

Enden sind wichtig

Diese Enden sind wichtig. Die wirkliche Bedeutung des Erlebten kann, im Angesicht eines guten Endes, nochmal ein Vielfaches ihrer Tragweite entfalten. Das ist der Moment, in dem einem wirklich klar werden kann, was gerade alles getan, geleistet und geschafft wurde.
Das gilt in gewisser Weise schon für kurze Einzelgeschichten, aber umso mehr für alles, was aus einer Sequenz von Geschichten besteht. Buch- und Filmreihen, Serien mit mehreren Staffeln und all das.
Das gilt für die vielen Teil-Enden beim Herrn der Ringe. Das gilt auch beispielsweise für das Ende von Rückkehr der Jedi-Ritter, egal welche Schnittfassung, wenn in der Feier auf Endor und womöglicher Einspieler anderer Planeten klar wird: Dies ist ein Sieg.

Es gilt in gewisser Weise auch etwa für Avengers: Endgame, aber damit kommen wir auch langsam zu den Hürden unserer medialen Gegenwart – denn so sehr der Titel es auch suggeriert, Endgame war halt nicht das Endgame des MCU.
Dabei sind diese Abschlüsse so wichtig. Die Schwernisse der Gemeinschaft des Rings wären am Ende nachgerade wertlos, wenn Sauron zwar fällt – aber dann in der After-Credits-Sequenz, keine Ahnung, Melkor auftaucht und Gandalf an einen Baum nagelt.
Aber machen wir da für den Moment nur einen gedanklichen Pin rein.

Enden sind schwer

Selbst wenn die Absicht grundsätzlich da ist, einen Abschluss zu liefern, so ist und bleibt das schwer. Akte X, so sehr ich die Serie mag, hatte gleich mehrere Chancen auf ein Ende und gelungen fand ich keines davon. Ihre Schwester-Serie Millennium hatte das vielleicht beste Serien-Ende, das ich je gesehen habe, nur um dann überraschend noch eine weitere Staffel zu erhalten und das alles irgendwie dann weiterstolpern zu müssen.

Ähnlich ging es Babylon 5, wo ja auch viel, viel Pulver aus Angst vor einer Absetzung der Serie bereits in Staffel 4 verfeuert wurde, was dann bei der überraschenden Staffel 5 dazu führt, dass sich sehr vieles sehr „nachgereicht“ anfühlt.
Gleichzeitig ist Babylon 5 aber auch ein Beispiel dafür, wie sehr ein Endpunkt einer Serie dienen kann: Von Anfang an erfährt der Zuschauer in quasi jedem Voice-Over-Prolog, dass Babylon 5 die letzte der Babylon-Stationen gewesen sei. Das alleine verleiht dem, was danach in der Serie gezeigt wird, eine zusätzlich aufgeladene Bedeutsamkeit: Es ist wichtig, was auf dieser Babylon-Station passiert, weil es offenbar so gravierend war, das ihr keine mehr folgte.
Sofort ist der Einsatz höher in diesem Spiel.

Wirklich, wirklich schwer – gerade heute

Enden spalten Gemüter. Ich hatte auf dem DORP-Discord mal gefragt, was Leute denn so als wirklich gelungene Enden einer Serie empfunden haben und das Ergebnis zeigte mir zwei Dinge – so richtig viele Nennungen hatten die wenigsten, und Einigkeit innerhalb der Nennungen gab es auch nicht wirklich.
Das ist aber auch keine Ausnahme, glaube ich. Ich persönlich mag beispielsweise durchaus das Ende vom Battlestar Galactica-Reboot aus den frühen 2000ern, trotz all seiner Schwächen, es ist aber bei uns im Freundeskreis arg umstritten.

Gespaltene Gemüter aber bringt mich zu dem zweiten aktuellen Fall, weshalb sich dieses Thema hier so aufgedrängt hat: Stranger Things.
Erneut, keine Spoiler. Aber die Serie – die ich immer sehr mochte und weiterhin sehr mag – ist nun geendet und die Reaktionen waren … schwierig. Ich persönlich mochte das Finale durchaus sehr, wohingegen (lautstarke) Teile des Fandoms über verschiedene Aspekte unglücklich waren. Okay.

Aber seinen Höhepunkt fand all das in der plötzlich keimenden Verschwörungstheorie um eine angebliche geheime, neunte Folge, die noch erscheinen und das (bei weitem nicht von allen) ungeliebte Ende annullieren sollte. Das ist die wirklich bisher dümmste Zuspitzung der gleichen Stimmen, die eine Neuverfilmung von Game of Thrones Staffel 8 oder die Streichung der Sequel-Trilogie von Star Wars aus dem Kanon fordern. Und mal außen vor, wie wenig das inhaltlich irgendwie am Ende der letzten Folge Sinn ergeben würde, und mal jenseits des Wahnsinns, dass in Folge jener Verschwörung Netflix das „falsche“ Finale sogar im Kino veröffentlicht hätte, um es dann zum Frust aller Kinogänger zu negieren – es macht mich wahnsinnig, dass Leute eine Serie über das Entwachsen der eigenen Jugend schauen können und dann ernsthaft fabulieren, dass es irgendeinen Zaubertrick geben wird, der genau das doch alles zurückführt und ewig währen lässt. Medienkompetenz und die oberflächliche Betrachtung von Geschichten; hatten wir hier ja auch schon oft.
Dennoch ist es wichtig, diesen Zeitgeist mitzudenken, wenn wir zum folgenden Punkt kommen …

Loslassen können (und wollen)

Denn darüber kommen wir zu dem dritten Gegenwarts-Ding, was mir den Weg zu diesem Artikel wies – die sehr frühe Teaser-Kampagne zum Ende des Jahres erscheinenden Avengers: Doomsday.
Es war ja klar, dass das MCU weitergehen würde; das war nie ein Geheimnis. Was aber – und ich beziehe mich ganz bewusst nur auf bereits offiziell veröffentlichte Teaser – für mich eine Schwelle überschreitet, ist der grassierende Unwille, ein Ende Ende sein zu lassen.
Dass Robert Downey Jr. zurückkehren würde, jedoch als Doctor Doom, ja okay, war bekannt. Dass die alten X-Men mal wieder antraben müssten auch. Aber dass sie direkt mit dem ersten richtigen Teaser ganz offenbar Captain America aus dem buchstäblichen Ruhestand holen, das fuchst mich.
Ich schreibe nicht mal zum ersten Mal über das Thema. Ich schrieb 2021 schon über die Konsequenz des Endes von Endgame, ich schrieb sogar 2022 schon mal einen Artikel, der sehr in das gleiche Horn stößt wie dieser, aber für mich überschreitet die Rückkehr von Steve Rogers ins aktive MCU eine neue Schwelle. Ähnlich, wie diese toxische Fan-Hysterie um eine eingebildete Folge 9 eine Schwelle überschreitet.
Steve war fertig. Dieser Captain America war auserzählt. Er hatte sein Ende. Er hatte sogar ein Happy End.

Und das ist wichtig.
Gut, das hab ich euch jetzt schon mehrfach gesagt, aber ziehen wir mal noch jemanden hinzu, der nicht ganz so kontemporär ist.

Auftritt: Aristoteles

Wir nähern uns – nirgendwo mit so viel Schwung wie beim MCU, aber allgemein in der Popkultur – dem Punkt, an dem jedes Einzelteil einer Geschichte nur das Präludium zu ihrer eigenen Fortsetzung ist. Was wir dadurch jedoch opfern, ist eine wirkliche, in sich geschlossene Handlungsstruktur. Dann ist alles nur jeweils ein weiterer Schritt auf einer Reise ohne Ende, ohne Ziel, ohne Zweck.
Und wenn einer Ahnung sowohl von Akten als auch dem Ziel einer Erzählung hat, dann wohl der, der ca. 335 v. Chr. (!) die Grundsteine dazu in Schriftform gebracht hat. Aristoteles.

Etwa 1.600 Jahre vor Endgame bringt er es schon gut auf den Punkt:

Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht. Ein Ende ist umgekehrt, was selbst natürlicherweise auf etwas anderes folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel, während nach ihm nichts anderes mehr eintritt.
(Aristoteles: Poetik. Stuttgart, Reclam 1994. Seite 25)

Und warum ist das wichtig? Achtung, jetzt wird es im ersten Moment etwas esoterisch. Ich differenziere das gleich noch weiter, aber Aristoteles beschreibt eine Geschichte als …

[…] Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, […] die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.
(Ebd. Seite 19)

Es ist ein wenig gemogelt, wenn ich allgemein „Geschichte“ sage, denn spezifisch schreibt Aristoteles dort über die Tragödie (in Abgrenzung zur Komödie, zu der seine Ausführungen jedoch als nicht mehr überliefert gelten müssen).
Und man muss klar sagen, dass „aristotelisch“ nicht automatisch nach modernem Empfingen „gut“ heißt, und dass seine Poetik eine Menge Setzungen trifft, die heute befremdlich wirken.

Die fehlende Katharsis

Aber lasst uns dennoch einmal durch die sperrige, alte Sprache schneiden. Diese „Reinigung“, von der er da spricht, ist katharsis im Griechischen, und sie ist letztlich in seinen Augen der Zweck (telos) der Tragödie. Im Endeffekt geht es darum, dass die Geschichte einen in Aufregung oder andere starke Gefühlszustände versetzt, aber diese Gefühle mit dem Ende der Geschichte auch von uns abfallen können, denn was uns dort erzählt wurde, ist vorbei.
Platt gesagt: Wir haben alle gejammert, wenn die Gemeinschaft des Rings zerbricht, wir haben geschaudert, wenn Saurons finstre Kreaturen sich in den Weg gestellt haben – aber am Ende, wenn der Ring in den Vulkan fällt, wenn die offenen Fäden verbunden werden und das belächelte halbe Dutzend Teil-Enden erfolgt, dann können wir diese Gefühle hinter uns lassen. Jammern und Schaudern bleiben zurück, so wie sie auch unsere Protagonisten hinter sich lassen und wir schließen das Buch oder verlassen den Kinosaal mit dem Hochgefühl, das mit all dem einhergeht.

Diese geschlossene Vollständigkeit, von der Aristoteles grob zwei Jahrtausende vor der Gründung der Vereinigten Staaten schreibt, ist das, was Fans nicht hinnehmen wollen, wenn sie dem Ende von Stranger Things seine Gültigkeit absprechen.
Und das Fehlen jener geschlossenen Vollständigkeit ist der Grund des Gefühls, dass uns etwas verwehrt oder genommen wird, wenn selbst wirklich, wirklich ins Ziel gelaufene Figuren wie Steve Rogers zu einer weiteren Runde gescheucht werden, weil sie ihr Los offenbar noch immer weiter zu tragen haben.

Man muss Aristoteles nicht in jedem Punkt zustimmen. Man kann auch eine unvollständig überlieferte Texttheorie nach mehr als zwei Jahrtausenden nicht einfach ohne Kontext auf all das anwenden, was medial gerade so geschieht.
Aber wer zunehmend unglücklich ist mit dem, wie gerade die großen Franchises erzählen, oder im Umkehrschluss, wer wie ich einen starken Widerstand spürt gegen den Unwillen zunehmend toxischer, selbstgefälliger Fandoms, das Ende einer Geschichte als solches hinzunehmen – der findet bei Aristoteles vielleicht trotz allem einen guten, ersten Anhaltspunkt, was bei all dem der Auslöser sein mag.

Viele Grüße,
Thomas

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