Ein paar Gedanken zu Frauen und ihrer medialen Darstellung

Hallo zusammen!

Heute ist mal wieder Hilde-Drehtag – und damit eigentlich ein guter Anlass, hier mal kurz ein Thema zu streifen, dass mir an sich sehr wichtig ist. Denn wenn man einen Film mit dem Titel Hilde und die Glocken der Amazonen dreht, gleichzeitig aber eigentlich auch verkopfter Geisteswissenschaftler ist, dann kommt man ja nicht umhin, sich einigen recht relevanten Fragen zu stellen.
Die meisten davon ranken sich um vergleichbare Unterthemen, alle arrangiert rund um die Frage, was für ein Frauenbild so ein Film denn wohl vermittelt. Wobei ich direkt betonen möchte, dass ich mir wünschen würde, man könnte direkt abkürzen zu der Frage, was für Menschenbilder durch die einzelnen Figuren des Films vermittelt werden – das ist aber leider nicht so ganz einfach.

Im Zentrum solcher Überlegungen steht im Grunde immer, auch bei mir, ein Gedankengebilde, das Laura Mulvey schon vor langer Zeit, 1975, male gaze theory getauft hat. Aber was heißt das?
Die frei übersetzt „Theorie vom männlichen Gaffen“ genannte Überlegung ist die, dass vor allem im Film, aber an sich generell in den Medien der Mann eigentlich immer eine Vormachtstellung genossen hat. Ob nun Autoren, Filmemacher oder etwa ganz modern Videospieldesigner – die Mehrheit ist männlich. Und aus dieser männlichen Sicht erfolgt auch die Inszenierung.
Natürlich liegt da der im Feminismus immer auf die eine oder andere Weise vertretene Patriarchats-Gedanke bzw. die Kritik daran zugrunde, das macht die Theorie aber zunächst mal nicht weniger schlüssig.

Wie bei den meisten Missständen, so denke ich, dass auch hier ein Bewusstsein dafür ein erster Schritt sein muss, um dem mittelfristig zu begegnen. Natürlich kann man das letztlich nicht vollständig bewältigen, zumindest halt nicht als Mann, da man schlussendlich nicht aus seinem eigenen Kopf kommt. Wohl aber kann man lernen typische Muster zu erkennen und sich im Zweifelsfall immer hinterfragen. So haben wir bei Hilde auch oft darauf geachtet, gerade die üblichen, billigen Methoden der Zurschaustellung – Kamerafahrten den Rücken entlang mit extra langem Verweilen auf Höhe der Körpermitte, Kameraperspektiven, deren Höhe so arrangiert ist, dass man nur in das Dekolletee starren kann etc. – ganz bewusst zu vermeiden.
Gleichzeitig steckt ein nicht unwesentliches Maß „empowerment“ in dem Film; durchaus unter anderem bewusst aus diesem Grund. So sind als Beispiel die Kostüme der Amazonen in dem Film von den Darstellerinnen selber gestaltet worden, jeweils nach ihrem ästhetischen Empfinden.

Ich bemühe mich, beides auch bei anderen Projekten von mir umzusetzen. Bei Fotoprojekten wie dem jüngst ja durchaus provokant benannten Bad Girl erfolgt die Bildauswahl genauso wie die Motivwahl stets zu zweit, um auch beide Perspektiven abzudecken. Und in Schleier aus Schnee gibt es eine unscheinbare Szene – ich will nicht verraten, worum es geht, um den Lesern der Zukunft nicht vorzugreifen –, in die ich sehr viel Energie gesteckt habe, ganz explizit um eine potenzielle Szene eben nicht zu sexualisieren, weil das ein Aspekt war, der sich zwar theoretisch angeboten hätte, der aber hier explizit nicht erwünscht war.

Es gibt eine Reihe anderer Leute, deren Werk ich sehr schätze, die sich mit dem Thema befasst haben. Ich glaube beide hier schon mal verlinkt zu haben – doch das ändert nichts an der Relevanz. Wer sie schon kennt, muss ja nicht klicken.
Aber Joss Whedon hat einmal einen wunderbaren Vortrag gehalten, als er darüber dozieren sollte, warum er immer so starke Frauencharaktere schreibe. Seine Antwort:

In diesem Video steckt etwas sehr, sehr Wichtiges und Wahres drin. Ich glaube nicht daran, dass wir eine wirkliche Gleichstellung von Mann und Frau erreichen können, indem wir einer Seite Privilegien absprechen. Wir leben auch keine Gleichstellung vor, indem wir eines der beiden Geschlechter schwächer als das andere darstellen; wir erreichen all das dann, und nur dann, wenn wir sie gleich stark machen.

Leider ist die Herangehensweise oftmals von einer völligen Verirrung geprägt. Es gibt eine Theorie, die sich the smurfette principle nennt, also „das Schlumpfine-Prinzip“; dies bezeichnet einerseits die Darstellung von Frauen als meist sogar singuläre Minderheit inmitten eines ganzen Ensembles männlicher Charaktere, und andererseits gerade bei den gezeichneten Varianten die Inszenierung dieser Frauen als gegengeschlechtlichen Klon ihres männlichen Gegenstücks.
Die schönste mir bekannte Darstellung dieses Prinzips ist von Channel-Awesome-Mitglied und Video-Bloggerin Lindsay Ellis unter ihrem Internet-Rufnamen ‚The Nostalgia Chick’ gedreht worden:

http://blip.tv/nostalgia-chick/nostalgia-chick-the-smurfette-principle-3141764

Aber neben dem bevorstehenden Drehtag und einigen mehr oder weniger aktuellen Foto-Projekten gibt es noch etwas, was mich jetzt und zwar akut gerade jetzt dazu bringt, dieses Thema hier anzureißen:
Anita Sarkeesian ist die Betreiberin des Video-Blogs Feminist Frequency und hat jüngst ein Kickstarter-Projekt initiiert, getauft „Women VS. Tropes in Video Games“. Sarkeesian wollte 6.000 Dollar haben, um eine Reihe Videos zu erstellen, um der Darstellung von Frauen in Videospielen näher auf den Grund zu gehen.
Bekommen hat sie „etwas“ mehr: 158.922 Dollar hat sie nun in der Hand und ich bin echt gespannt, ob sie eine Idee hat, was mit dem Geld alles möglich ist. Ich wäre fast ein wenig überfragt.
Das Werbevideo für das Projekt war dieses hier:

Ich finde das ungeheuer spannend, und zwar gleich aus mehreren Gründen. Zunächst einmal ist das Thema tatsächlich einfach interessant, gerade im ohnehin geisteswissenschaftlich viel zu unerschlossenen Gebiet der Videospiele. Vor allem aber, weil alleine der Kickstarter zeigt, dass es relevant ist; nicht nur für mich, sondern offenbar auch für 6.968 Leute, die (anders als ich, der ich auch erst im Nachhinein davon erfahren habe) Geld in den Pool geworfen haben.

Zur Frage steht hier natürlich noch, wie gut die Videos dann letztlich sein werden. Das wurde auch schon quer durch das Internet diskutiert – nebenbei gesagt auf eine oft überaus unwürdige und sexistische Weise. Was aber erstaunlich wenig angesprochen wurde, war, dass die Frau ja bereits eine vergleichbare Blog-Reihe gemacht hat, die schlicht „Women Vs. Tropes“ hieß: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6 gibt es bei Youtube.
Meiner persönlichen Meinung nach fangen die Beiträge recht gut an, lassen nach Teil 3 allerdings qualitativ immer weiter ab. Sie sind nicht uninteressant, aber beispielsweise finde ich auch ihr Smurfette-Principle-Video weitaus weniger tiefgehend als das vom Nostalgia Chick.
Zumal es zumindest ein Video abseits der Reihe von ihr u.a. über „Dollhouse“ gibt, was mich ein wenig zweifeln lässt, weil dort erkennbar die Aussagen der Macher, die Botschaft der Serie und der Handlungsinhalt der Serie auf einer sachlich falschen Ebene in meinen Augen ziemlich verrührt werden.
Dennoch: Ich bin sehr auf die Videos gespannt.

Doch um den Bogen noch unbeholfen zum Anfang zu schlagen: Ich werde nicht anfangen statt „man“ „frau“ zu schreiben oder dergleichen und finde nicht, dass das Binnen-i unsere Kultur wirklich bereichert hat, aber ich finde den bewussten Umgang mit den Geschlechterbildern in unseren Köpfen immens wichtig. Und wenn Hilde und die Glocken der Amazonen auf ganz, ganz vielen Ebenen einfach ein seichter, alberner Spaß wird, so ist doch zumindest das ein Teil der Grundhaltung, aus der heraus der Film entstanden ist, den auszudrücken mir einmal wichtig war.

Viele Grüße,
Thomas

6 Kommentare zu “Ein paar Gedanken zu Frauen und ihrer medialen Darstellung

  1. Hallo Thomas, auf einen solchen Beitrag habe ich von dir gewartet. Dass euer ’seichter Unterhaltungsfilm‘ dieses Thema anreizt, ist mir aufgefallen. Ich behandle Gender Fragen zwar nicht in meiner Arbeit, aber es bleibt sehr interessant für mich. Wir sollten uns mal in Ruhe unterhalten, was meinst du? Skype wäre eine Möglichkeit.
    Ciao
    Rafael

    • Hallo Rafael,
      sehr gerne!
      Ich bin ja auch kein Experte sondern hab in Gender-Fragen vor allem erst mal das (traurige) Bisschen mitgenommen, was einem das Germanistik-Studium bietet und das dann später halt durch Eigeninteresse aus vielen Richtungen weiter aufgefüllt; aber klar, ei Austausch ist denke ich immer ein Gewinn.

      Skype ist auf jeden Fall eine Möglichkeit – allerdings wohl erst ab kommender Woche; ich weiß, es ist erst Montag, aber diese Woche ist frei verfügbare Zeit bei mir noch zu rar. Den Drehtag im Rücken und die Feencon vor den Augen fliegt sie vermutlich eh viel zu schnell an mir vorbei.
      Danach dann aber gerne! Zumal mir das Thema ja, wie im Artikel ausgeführt, durchaus am Herzen liegt.

      Viele Grüße,
      Thomas

      • Gut das von dir zu lesen! Feencon klingt verlockend, aber ich habe Secret World hier liegen. Meld dich einfach, wenn du zurück bist. id ist „rafael.blaukraut“, nur ersetze das blaukraut mit meinem echten nachnamen.
        Viele Grüße,
        Rafael

      • Jau, die Skype-Adresse hatte ich schon auf deiner Seite gesehen und vermerkt :)
        Wir hören nach der Feencon voneinander!

        Viele Grüße,
        Thomas

  2. Ich finde das Thema ja schon spannend, aber ich muss gestehen, ich gerate leicht an die Grenzen meiner Vorstellungskraft, wenn ich mir ausdenken soll, was ich mit 160.000 statt 6.000 Dollar machen würde…vielleicht Stephen Fry als Sprecher engagieren?!?;-)

    • Ich nehme an sprechen will sie es selber – ist ja quasi „ihre Show“, das kann ich irgendwo nachvollziehen.
      Ich nehme an es ist eine Frage des Winkels, aus dem man sich der Sache nähert. Gedanken mache ich mir zu dem Thema ja auch (q.e.d.), aber halt unentgeltlich privat und nebenher.
      Die Frage ist, wie man darüber hinaus vorgehen will. Will man Vollzeit recherchieren, dann muss durch irgendwas die Miete gezahlt werden; und wo du mit 6.000 Dollar vielleicht acht Monate Basis-Lebenserhalt oder so zusammenhast (aber echt Basis), kannst du mit mit dem fast siebendundzwanzigfachen davon halt schon ganz ordentlich leben. Mal im Ernst – wenn du mir das Geld jetzt so geben würdest, bei meinen zugegebenermaßen geringen Kosten so, Inflation und anfallende Steuern ignorierend, käme ich damit locker 12 Jahre (!) über die Runden und würde nicht darben.
      Das ist echt viel Geld, zumal gerade die höheren Pledges die Frau auch nicht ruinieren werden (wobei das ja sinnvoll ist; es gab auch schon Kickstarter, die am Ende fast bankrott waren, weil sie sich bei ihren Prämien verkalkuliert hatten).
      Und ja, Filmproduktionen kosten theoretisch Geld. Ist aber ja nicht so, als wenn nicht schon Equipment vorhanden wäre.

      Nun, ich bin gespannt. Leider ist ihr Update-Post #7 nur für Backer, weshalb ich nicht weiß, ob sie schon verraten hat, was alles mit dem Geld zu kaufen ist ;)

      … vielleicht sollten wir doch auch mal was kickstarten …

      Viele Grüße,
      Thomas

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