Bücher über das Schreiben II: Wie man einen verdammt guten Roman schreibt

Hallo zusammen!

Es ist ja schon eine Weile her, da habe ich euch mit „Schreiben in Cafés“ bzw. „Writing down the bones“ eines meiner liebsten Bücher über das Schreibhandwerk vorgestellt. Inklusive dem Versprechen, das auch noch mit anderen Büchern zu dem Thema zu machen. Zugegeben, es hat was länger gedauert, aber auf zu Runde 2.

Wenn man sich zu dem Thema „Romane schreiben“ informiert, so stößt man im Grunde allenthalben auf das gleiche Buch: „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ von James N. Frey.
Viele Leute haben das Buch in der Vergangenheit schon stark gelobt. Andreas Eschbach, den ich sehr gerne lese, verweist solange ich zurückdenken kann auf den Frey und auch etwa der von mir gleichermaßen geschätzte Holger Göttmann hat sich in seinem Blog ja schon öfters mit den Thesen dieses Buches auseinandergesetzt.
Viele mögen Frey, aber sicher nicht alle. Warum ich mir da so sicher bin?
Ich mag ihn zumindest nicht.

Im Grunde hatte er mich schon mehr oder weniger in der Einleitung verloren. Er erklärt dort, dass ein „verdammt guter Roman“ eindringlich sei, und er das nur sein könne, weil er spannend wäre. Dann stellt er ein paar Kriterien auf – Hauptfigur als Mittelpunkt eines Konfliktes, verdichtet durch Komplikationen zu einem Höhepunkt, der den Konflikt löst.
Diese Definition nutzt er dann, um sprichwörtlich eine Linie in den Sand zu ziehen und beispielsweise Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ und James Joyce’ „Ulysses“ auszuklammern, da diese Spannung bewusst vermeiden würden.
Nun, um das klar zu sagen: Ich teile den Ansatz ja. Ich sage ja auch immer, dass ich für die Leute schreibe, die abends auf der Couch ein spannendes Buch lesen wollen und nicht für jene, die das in zehn, zwanzig Jahren analysieren und sich dann über die sprachlichen Mittel in Kapitel 12 austauschen wollen.
Aber ich habe ein Problem damit, wenn man eine Stilfrage mit einem universellen Qualitätskriterium – Spannungsliteratur und „verdammt gut“ – gleichsetzt. Somit war das Buch gerade 15 Seiten jung und ich im Grunde schon verprellt.

Aber dann wiederum hatte es so viele Vorschusslorbeeren bekommen, dass ich ihm eine Chance gab – und wie ich schon sagte, ich war halt nicht begeistert.

Im Detail konzentriert sich Frey völlig auf das Handwerkszeug. Schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt das. Er arbeitet sich von der Frage nach dem Protagonisten zu der des Konfliktes, arbeitet sich weiter über Erzählstrukturen voran und schließt mit einigen Sonderthemen wie Erzählperspektiven, Dialoge oder der Überarbeitung eigener Manuskripte. So weit, so gut.
Was mich am Frey nervt, ist ein gewisser Absolutheitsanspruch. Nachdem er in der Einleitung schon allen, die seiner Grundthese nicht zugestimmt haben, gerade raus gesagt hat, dass dieses Buch nichts für sie sei, erklärt er nun, wie so ein Buch zu sein hat. Und da liegt das zentrale Problem, denn … hat es so zu sein? Ehrlich?

Vieles was Frey schreibt ist gar nicht falsch, im Gegenteil, es sind durchaus gute Ratschläge in dem Buch. Aber zumindest so wie ich es wahrgenommen habe, gibt es rund um diese Vorschläge keine Luft zum Atmen, keine Chance auf Abweichung, auf Kreativität. Was Frey vermittelt ist ein Schema. Es mag ein erfolgreiches Schema sein, wer weiß. Aber macht das meinen demnach geschriebenen Roman auch direkt gut?
Das ist vermutlich nicht objektiv zu beantworten. Subjektiv sage ich aber klar: nee.

Außerdem hat er gelegentlich so Momente, wo er offenbar glaubt, dem Autor noch mal eins auf die Nieren geben zu müssen. Und das macht ihn mir dann endgültig unsympathisch – so als Beispiel:

Sollte es sich herumsprechen [dass Sie einen Roman schreiben], werden sich Ihre Freunde über Sie lustig machen. Ihre Nachbarn werden anfangen zu reden. Ihr Onkel Albert wird Sie zu überreden Versuchen, Chiropraktiker zu werden […] Ihre Mutter wird zu Ihnen halten, aber nachts wird sie ihr Kopfkissen vollheulen, wenn sie darüber nachdenkt, was sie wohl bei Ihrer Erziehung falsch gemacht hat.

– James N. Frey: Wie man einen verdammt guten Roman schreibt. Köln: Emons 2002. S. 189.

Wenn ich so was lese, werde ich richtiggehend sauer.

Nein.
Seit ich persönlich den ersten Plan in Richtung Buch hegte, habe ich von meinen Freunden nur mit wenigen Ausnahmen Zuspruch erhalten. Mein Nachbar findet es toll. Meine Familie, als sie mal die Nase daran bekam, begegnete meinem Schreiben mit Freude und Neugier, teilweise sogar Stolz. Selbst mein Vermieter findet es spannend. Und die Unterstellung, meine Mutter würde nachts heulen, weil ich schreibe, ist schon fast infam.

Derartige Zeilen machen mich wütend, weil sie direkt so von oben herab kommen. „Am Anfang werden dich alle auslachen, aber warte nur mal, wenn der Erfolg kommt, verstehen sie dich schon.“ Vielleicht ist Frey da Opfer seines Kulturkreises, vielleicht hat er die falschen Freunde oder vielleicht liegt es am Alter des Buches, aber während ich bei anderen Passagen noch sage, gut, da sind wir abweichender Meinung, sind solche Absätze – und gerade im letzten Kapitel „Zen und die Kunst des Romanschreibens“ geizt er damit nicht – für mich Passagen, wo mir der Autor auf seine Art so unsympathisch wird, dass ich gar kein Interesse mehr daran habe, ihm weiter eine Chance zu geben.
Nachdem Frey übrigens im ersten Buch verraten hat, wie man einen „verdammt guten Roman“ schreibt, hat er dann noch mal ein vergleichbar dickes Buch veröffentlicht, das auf den Titel „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt 2“ hört und das sich spezieller diversen Sonderfällen widmet. Auch hier finden sich durchaus die inhaltlichen Qualitäten, aber auch weiterhin alles, was mich an Buch 1 schon genervt hat.
Er hat danach dann anscheinend noch eine ganze Reihe weiterer Titel veröffentlicht, aber von denen schrieben selbst einige seiner Fans, dass es Derivate der früheren Werke seien, also hab ich mir die gespart.

Wer gucken will, ob er das vielleicht anders sieht als ich – was durchaus möglich ist, da ja offenbar der Rest der Welt mit meiner Meinung nicht konform geht – kann Buch 1 hier erwerben und Buch 2 an dieser Stelle kaufen. Mein Urteil aber bleibt: Frey verrät einem nicht, wie man „einen verdammt guten Roman schreibt“; bestenfalls verrät er einem, wie man „einen Roman nach einem verdammt bewährten Schema schreibt“ – und das sei ihm auch nicht in Abrede gestellt.
Aber ich schau mal, dass ich bis zum nächsten Eintrag in der Reihe einen Titel aus meinem Regal ziehe, dem zuzustimmen ich eher geneigt bin.

Viele Grüße,
Thomas

6 Kommentare zu “Bücher über das Schreiben II: Wie man einen verdammt guten Roman schreibt

  1. Hmmmm….ich liebe diese großartige Mischung aus Verbitterung und selbstdarstellerischem Märtyrium: „Seht mich an, alle finden sie mich sch***** und ich bade mich in ihrer Ablehnung und irgendwann wenn ich berühmt bin, werde ich auf ihre Gräber spucken!“
    Ich kann die 100%ige akkut-Abneigung sowas gegenüber total verstehen, vor allem wenn es auch noch als absolute Wahrheit präsentiert wird – das zeigt eigentlich nur wie traurig eingeschlossen der Sprecher/Autor in seiner eigenen Perspektive ist und daher die Welt so wie sie ihm begegnet automatisch die Welt sein MUSS, wie sie wirklich ist. Das andere Menschen andere Erfahrungen machen könnten, ist da gleich mal ausgeschlossen.
    Von jemandem mit einer so breiten, vielschichtigen Perspektive auf die Welt und die Kreativität würde ich mir auch gern was beibringen lassen….NOT!;)

    Ich persönlich lehne solche Bücher aus Prinzip ab. Es mag ja sein, dass sich einige handwerkliche Kniffe und Tricks auch beim Schreiben verallgemeinern lassen, aber die wichtigste Regel hat eine Freundin von mir mal so formuliert: „Es kommt darauf an.“
    Das ist die einzige Regel, deren Allgemeingültigkeit ich unumwunden annerkenne – in allen Bereichen von kreativem Arbeiten. Kein Projekt, keine Geschichte, kein Bild ist ein Malen-nach-Zahlen Akt – „Addiere Plotpoint + conflicted Hero + retardierendes Moment + Auflösung = gute Geschichte“ mag in 60, 80 oder von mir aus 99% ein interessantes Buch ergeben, aber von MÜSSEN möchte ich hier nicht gespochen wissen!

    Solltest du aber noch ein bißchen mehr und heftigere Gallenausbrüche haben wollen, lege ich dir dieses Buch hier sehr ans Herz:
    http://jellylorum66.blogspot.com/2011/03/deutsch-furs-leben-oder-wie-man-sich.html

    Darüber hab ich mich so sehr geärgert, dass ich nicht schlafen konnte…;)

    Btw darf ich deine Rezension für die Schreibhandwerker zitieren oder vielleicht verlinken? Wir haben da einen Thread über Schreib-Ratgeber, in den das grad schön passen würde!:)

    • Klar, bedien dich … ich weiß gar nicht, ob ich es Rezension nennen wollen würde … na ja, vielleicht schon. Aus dem Bauch heraus war’s mehr ein Kommentar … aber egal.
      Kannst auch gerne den Text copy-pasten, ich weiß ja wo und grob an wen es hingeht ;) Patsch einfach einen Link nach hier drunter und alles ist dufte …

      Wie gesagt, ich weiß, der Frey hat viele Fans, auch unter Menschen, die ich ganz persönlich und auch fachlich sehr schätze. Und vermutlich ist deine Regel durchaus zu adaptieren und die Antwort auf die Frage, ob das Buch denn was tauge, müsste „Es kommt dran an“ lauten ;)

      Und jau, gerade Dogmatismus oder Absolutheitsansprüche sind halt so Dinge, auf die ich schnell unglücklich reagiere. ich meine, „Einfach Filme machen“ entstand unter anderem als Reaktion auf meine Frustration ob der Versteiftheit gerade deutscher Sachbücher zu dem Thema.
      Ich vermute mit „Deutsch für’s Leben“ gilt das wohl. Das hab ich nicht gelesen, aber ich vermute, wir ticken da ähnlich, obschon ich auch da wiederum Leute und kenne, die ich schätze und die das Buch schon lobten.
      Es kommt wohl drauf an ;)

      Meine Faustregel, ob jetzt beim Schreiben, beim Filmen oder – ich komme gerade vom Training, daher ist das präsent – beim Tanzen ist eh immer die: Du darfst gerne jede Regel brechen.
      Aber du solltest es bewusst tun. Wenn du weißt, warum du es tust, die Konsequenzen kennst und absehen kannst, dass darum nicht alles auseinander bricht – meinen Segen hast du.
      Das setzt voraus, dass du den Status Quo kennst, um davon abzuweichen.
      Aber das widerspricht klar der Annahme, dass es hier ein absolutes „Richtig“ gibt.

      Wie gesagt, es gibt auch durchaus Bücher zu dem Thema, die ich mag. In der Regel sind das die, die vor allem den kreativen, teils eher assoziativen Aspekt der Textproduktion betonen.
      Selbst der vom King ist eigentlich ziemlich brauchbar, was das angeht.
      Ja … vielleicht schnapp ich mir den hier als Nächstes ;)

      Viele Grüße,
      Thomas

  2. Also ich habe mich über dich lustig gemacht, weil du einen schreiben wolltest. Mache es ja immer noch. Also so einseitig positiv wie du es hier darstellst ist und war die Reaktion deines Freundeskreises auch außerhalb von mir nicht. Das magst du anders in Erinnerung haben oder so nicht sehen wollen, aber es gibt den von Frey beschriebenen Gegenwind. Es ehrt dich natürlich, dass du dennoch weitermachst! Ich hoffe ja auch, dass dich mein Hohn dazu ermutigt, es mir zu zeigen. :)

    • Zugegeben, die Formulierung war zu einseitig und somit unfair gegenüber meinen engsten Zynikern ;)
      Eine satte, krasse Mehrheit an Zuspruch bleibt’s aber dennoch und die Absolutheit der Frey’schen Aussage ist für mich somit nach wie vor gänzlich untragbar. Von der implizierten Weltsicht mal ganz zu schweigen. Und wie ein Paria komm ich mir nun weißgott nicht vor ;)

      Und klar – das ist eh ein anderes Thema – aber schätzet die Freunde, die vermögen es zu sagen, wenn sie etwas doof finden ;)
      Ja.
      Das ist auch mal einen Blog-Eintrag oder zwei wert.

      Viele Grüße,
      Thomas

  3. Ich habe das Buch von Frey ja mit großem Vergnügen gelesen, und mehrfach laut gelacht. Ich weiß nicht, wie viel Nützliches ich wirklich draus gelernt habe, aber insbesondere die Stelle, über die du dich so ärgerst, ist mir als besonders lustig in Erinnerung geblieben.
    Ich will jetzt nicht unbedingt sagen, dass du ihn zu ernst nimmst, schließlich darfst du selbst entscheiden, wie ernst du ihn nimmst, aber… Naja, du nimmst ihn zu ernst.

    • Ja, Frey und sein humorvolles Buch, das habe ich auch im Netz immer mal wieder gelesen. Vielleicht ist es eine Frage des Humors, vielleicht eine Frage der (Nicht-)Wahrnehmung von Ironie-Signalen … aber falls es humorvoll gemeint ist, so hat es bei mir einfach nicht gezündet. Subjektive Leseerfahrung und so.
      Aber in dem Punkt halte ich es ja eh gerne mit Seth Godin – wenn eine Person einen Sachverhalt als „kaputt“ (broken) empfindet, dann ist dieser Sachverhalt auch kaputt … vielleicht nur für diese eine Person, aber nichtsdestotrotz ;)
      Will sagen: Es funktioniert für mich einfach nicht. Absolut nicht.

      Viele Grüße,
      Thomas

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