Theorien der Dramaturgie: Ein Fazit

Hallo zusammen!

Einige Worte zum Schluss, um die Beiträge dieser Woche abzurunden:
Ich habe jetzt drei Modelle vorgestellt, die alle auf ihre Art und Weise geläufig waren oder es zumeist bis heute sind. Ich könnte zu jedem der Modelle weitere Gegenargumente bringen und zu allen auch Beispiele, wo Texte gerade dadurch gut wurden, dass sie von den Regeln abgewichen sind. Aber darum geht es hier ja gar nicht.

Auffällig ist, denke ich, trotz allem, dass im Grunde alle methodischen Herangehensweisen, die Dramaturgie eines Textes zu strukturieren, die man in den üblichen Lehrbüchern findet, von längeren Erzählungen ausgehen. Das kreuzt sich noch mit Modellen wie „der Reise eines Helden“, einem ebenfalls was unausweichlichen Ungetüm von Theorie, dem ich aber irgendwann anders einmal nachgehen werde.
Ich finde das immer wieder vor allem daher erstaunlich, als das auch gerade die deutsche Kurzgeschichte von oftmals sehr, sehr konzentrierten, pointieren Erzählungen geprägt ist und gerade in diese Richtung wenig Gedanken gemacht worden zu sein scheinen. Es gibt zwar massenhaft Abhandlungen darüber, wie in Kurzgeschichten Details metonymisch für das Ganze stehen oder wie in der Kurzgeschichte das „unerhörte Ereignis“ im Gegensatz zur Novelle auf eine einzelne Alltagsbegebenheit reduziert wird – aber neben all diesen hochgeistigen Überlegungen scheinen sich wenig Leute aktiv damit auseinandergesetzt zu haben, was eigentlich letztlich das Spannungsmoment dieser Erzählungen ausmacht. Warum es Spaß macht, sie zu lesen.
Zyniker könnten einwerfen, dass die germanistische Literaturwissenschaft allerdings auch noch nie besonders guten Zugang zu Spannung oder Spaß besessen habe.

Fakt ist: Da gibt es relativ wenig. Wolfgang Borcherts großartige Geschichte „Das Brot“ ist gerade Mal 725 Worte lang. Wir sind uns vermutlich einig, wenn ich sage, dass es weder Sinn hat, demnach zu vermuten, dass der dritte Akt nach Field mit dem 544. Wort beginnen soll, oder dass nach Snyder bei 195 Worten der zweite Handlungsstrang etabliert werden sollte.
Andererseits ist das vielleicht auch nur zu sklavisch den Vorlagen gefolgt. Zu sagen dass eine Geschichte eine Einführung haben sollte, einen Hauptteil und ein Ende, das riecht nach gesundem Menschenverstand. Dass der Hauptteil länger sein sollte als Auftakt und Auflösung, das erscheint auch eingängig.

Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Ich denke nicht, dass ich an diesem Punkt hier eine Lösung finden muss – aber vielleicht habt ihr ja auch noch ein paar Gedanken zu dem Thema?
Findet ihr derartige Modelle ohnehin Quatsch? Oder denkt ihr, dass etwas dran sein muss, wenn es denn schon so viele Präzedenzfälle gibt? Wohin führt euer Bauchgefühl eher? Field/Aristoteles, Horaz oder Snyder? Oder habt ihr noch was an der Hand, was ich hier vergessen habe?
Lasst es mich wissen!

Viele Grüße,
Thomas

2 Kommentare zu “Theorien der Dramaturgie: Ein Fazit

  1. Die germanistische Literaturwissenschaft keinen Zugang zu Spaß oder Spannung? Ha! HA! Alles was irgendwie als Unterhaltung aufgefasst werden könnte, gilt doch bei denen als trivial und damit als verachtungswürdig. Aber da gibt es sogar Gerichtsurteile zu … Kunst müsste ja den Anspruch auf Ewigkeit haben, wohingegen Unterhaltung nur der schnellen Befriedigung von Bedürfnissen dient und damit weder schützens- noch erforschenswert ist … oder so. Widerlich.

    • Ach ja, es gibt ja Ausnahmen, so ist das nicht. Die RWTH hat ja in der Germanistik mittlerweile auch etwa Seminare zum Thema Comics und hatte lange Zeit mit Manfred Rüsel einen der Trivialliteratur gegenüber offensten Menschen, die ich je getroffen habe ;)
      Auch wenn wir ja beide nicht zwingend immer mit ihm einer Meinung waren, die Worte „Gebt Schund eine Chance!“ von ihm zitiere ich bis heute gerne ;)

      Letztlich läuft es, mal wieder, stark auf die Definition von „Kunst“ heraus; aber das ist kein Thema, auf das ich mich ad hoc in einem Kommentarfeld zu stürzen wagen würde…

      Viele Grüße,
      Thomas

      PS: Für’s Protokoll – ich persönlich glaube nicht, dass „Spaß“ und „Kunst“ konträr oder gar kontradiktorisch zueinander stehen müssen.

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