Die große Kraft der kleinen Gesten
Hallo zusammen!
Ich war am vorigen Wochenenden mal wieder auf LARP. Und bevor ihr das Fenster reflexartig schließt, es geht hier zwar letztlich im ersten Schritt um eben jenes LARP, aber im Grunde geht es um etwas, was viel weitreichender ist für eigentlich jede narrative Form.
Ach ja, und Achtung, Spoiler für die ursprünglichen drei Star-Wars-Filme und ein paar andere mindestens 15 Jahre alte Filme folgen.
LARP enthält in den meisten gängigen Formen die eine oder andere Art von Action, und damit einhergehend auch immer eine Form von Tod. In meinen nun ja auch schon über zehn Jahren als LARPer habe ich zahlreiche dieser fiktiven Tode gesehen.
Ich habe namenlose Schergen als „Schwertfutter“ in Wellen fallen sehen, ich habe aber auch ‚erlebt‘, wie namhafte Schurken ihr theatralisches Ende fanden. Doch wie in allen guten Heldengeschichten habe ich auch stolze Recken fallen sehen. Manche heroisch auf dem Schlachtfeld, den einen oder anderen aber auch plötzlich, grausam und ohne viel Federlesen.
Das gehört zum LARP dazu, wie zu im Grunde jedem narrativen Medium mit entsprechender Komponente. Es sind die Sturmtruppen und die namenlosen Rebellen, die im Krieg der Sterne reihenweise fallen. Es ist Obi-Wan, der vor Lukes Augen auf dem Todesstern das Leben lässt. Es ist der Imperator, der Blitze schleudernd einen Todesstern später sein Ende erfährt.
So weit, so bekannt.
Kommen wir zurück zum besagten LARP. Das Szenario war eine Art Fantasy-Schwarzmarkt. Oder eher, die Zusammenkunft einer gar illustren Bande von Schurken – ein bisschen wie ein Bond-Schurkenkabinett abzüglich der Überzeichnung –, um illegale Waren zu handeln.
Ein Spieler war dort inmitten von mehr als einem Dutzend Nichtspielercharakteren (NSC), mit dem Ziel, eine dieser Waren abzufangen und heimzubringen.
Natürlich eskalierte das irgendwann. Es eskalierte nicht ganz so extrem wie etwa Tarantinos Hateful Eight, aber es gab schon einen sehr angespannten Moment, an dem auf einmal eine Menge Leute ihre latexgeformten Waffen in der Hand hatten und, wie man so sagt, plötzlich alles ganz schnell ging.
Auch hier: So weit, so bekannt.
Was aber dann, im Anschluss an diesen Kampf passierte, führt mich zu diesem Artikel hier. Ein NSC spielte an dem Abend einen lauten, pöbelnden Tunichtgut mit großer Klappe. Ein anderer seinen Claqueur, selber kein Ass, aber eben sein Buddy. Der Claqueur war einer derer, die nach dem obigen Moment nicht mehr aufstanden.
Was folgte, worum es hier geht, war ein völlig irrelevanter Moment. Der eine Spieler war gerade eh ganz wo anders, aber der Pöbler kniete, von wenigen außer mir überhaupt zu sehen, bei seinem gefallenen Kumpel – und spielte eine im Fantasy-Genre sehr seltene Emotion: Verwirrung.
Er stieß seinen Kameraden an.
Murmelte frustriert etwas von „Och Mensch, Junge, musst’se jetzt den Helden spielen?“
Rückte ihn etwas zurecht, als wenn es irgendetwas daran ändern würde, dass das fiktive Leben hier geendet hatte.
Stammelte noch ein paar weitere „Och Junge …“ vor sich hin.
Wenn wir, egal ob im Live-Rollenspiel, am Spieltisch, in Film, Roman oder Comic, Figuren sterben sehen, gibt es verschiedene Varianten, wie das passiert. Eine klassische Reaktion ist Zorn. Stirbt der Schurke, ist’s der rechtschaffene Zorn des Helden. Stirbt einer „der Guten“, ist es vielmehr der Zorn über die Tat. Das ist Luke, der aufschreit, als Obi-Wand fällt. Das ist aber auch Frodo im „Herrn der Ringe“, den seine Gefährten mehr oder weniger aus Moria zerren müssen, als Gandalf in die Tiefe stürzt.
Es gibt auch die Mischung aus Zynismus und Sarkasmus, die man in Filmen finden mag, in denen die Leute eh fallen wie die Fliegen. Sie kann die Grausamkeit einer Tat oder eines Moments konterkarieren, kann zugleich aber auch trivialisieren.
Wenn am Ende von In China essen sie Hunde Harald den Tod Arvids mit den Worten „So, jetzt hab ich keinen Bruder mehr“ kommentiert, dann ist das zwar krass ob der Abgeklärtheit (und passt damit zum Stil des Films), aber noch immer ist es der Lebende, der die Dynamik der Szene trägt.
Unverständnis dagegen ist eine unglaublich rohe, starke Kraft. Schon weil sie den Handlungsfluss der betroffenen Person unterbricht, weil in diesem Moment nicht etwa jemand dem Handelnden die Initiative raubt, sondern weil sie ihm vielmehr durch die Finger gleitet.
Es ist narrativ fast ein Luxus. Häufig, wenn Leute sterben – insbesondere, wenn es plötzliche, gewaltsame Eingriffe sind, obschon es oft auch für klassische Sterbebett-Szenen gilt –, erwarten wir in Medien, dass dies zur nächsten Handlung der Figur führt. Wie gesagt, entweder er ist zornig, oder er bricht in Tränen aus, oder er muss fliehen, oder etwas in der Art.
Diese Momente können als emotionales Ventil für die Figur dienen, auf einer Meta-Ebene führen sie uns jedoch auch erst einmal von dem eigentlichen Augenblick des Todes fort.
Ich habe so viele Beispiele aus Star Wars gebracht, aber ich habe eines, das kontra-intuitiver nicht sein könnte. Eines aus Rückkehr der Jedi-Ritter. Es gibt in dem Film einen kurzen Moment, einen Tod, der mich jedes Mal, wenn ich ihn sehe, kriegt.
Und ich meine nicht Yoda, den Imperator oder Vader/Anakin. Ich meinen einen Ewok.
Und dabei bin ich nicht mal ein besonderer Freund der kleinen Pelzknäuel, doch ein Moment ist geradezu grausam: Irgendwo im wilden Endkampf auf Endor, der ja weitestgehend eher aus der heroischen Action-Kiste kommt und bisweilen sogar albern wird, wenn etwa Chewie mit Tarzan-Schrei auf einen imperialen Läufer schwingt, gibt es einen klaren Gegenpol.
Im Sperrfeuer eines AT-ST reißt es zwei Ewoks zu Boden. Der eine steht wieder auf, will seinem Gefährten auf die Beine helfen, doch der regt sich nicht mehr. Und dieser eine, elende Moment, in dem er begreift, dass sein Gefährte gestorben ist, macht mich jedes Mal fertig. (Youtube kennt den Weg.)
Das ist ein langer, langer Exkurs ausgehend von etwas, was bei dem LARP vermutlich nur ein Fünftel der Zeit gebraucht hat, die ich nun an diesem Artikel geschrieben habe.
Auch gibt es auf narrativer Ebene eine Vielzahl von Aspekten, die ein Tod erfüllen kann, die ich hier gar nicht erst thematisiere; alleine über die Werke von Joss Whedon und George R. R. Martin könnte man ja mittlerweile ganze Kataloge anlegen.
Und dennoch, der Punkt bleibt: Es lohnt sich, egal in welchem Medium man sich herumtreibt, vom Rollenspiel bis zum Roman, diese „Spielart“ eines schrecklichen Themas nicht zu unterschätzen.
Vier NSC hauchten im Zuge des Cons ihr fiktives Leben aus. Der, über den ich hier schreibe, war vermutlich von all diesen Rollen der Unwichtigste.
Aber sein Ende wird mir im Gedächtnis bleiben.
Und darin steckt eine Lektion für jeden Erzähler, denke ich.
So, und beim nächsten mal wird’s hier auch wieder heiterer. Versprochen.
Viele Grüße,
Thomas






Wen hingegen meine berufliche Arbeit als Verlagsleiter und leitender Layouter für Ulisses Spiele interessiert, findet