Der Irrtum der unbezahlbaren Selbstveröffentlichung
Hallo zusammen!
Auf allerlei Social-Media-Wegen macht derzeit ein offener Brief des Schriftstellers Thomas Eibel die Runde. Darin berichtet er, wie der Verlag an seiner Buchreihe nach einem in den Verkaufszahlen eher schwachen zweiten Band das Interesse verlor und wie er sich danach daran begab, das Werk im Selbstverlag zu veröffentlichen.
Ich kann nur jedem empfehlen, bei Interesse den Text mit eigenen Augen zu lesen, da es auch nicht meine Absicht ist, hier ein vollständiges Abstract oder eine Paraphrase zu liefern.
Wichtig ist mir sein Fazit:
Bilanz: Ich habe ein Buch zu professionellen Bedingungen selbst verlegt. Bis jetzt habe ich dabei einen Verlust von 3.500 Euro gemacht.
Diese imposante Summe – die bereits mit den über 2.000 Euro Gewinn des Buches verrechnet ist, sonst wäre das noch mehr – lässt einen aber stocken. Liest man den Text ganz, finden sich die vielen Stellen, zu denen das Geld geflossen ist, natürlich leicht. Wenn Eibel von „professionelle Bedingungen“ spricht, dann meint er das auch so – und dann kommt da auch mal ein Posten wie ein Buchtrailer für 636,65 Euro vor. Und das ist der Punkt, wo meines Erachtens auch zugleich der Denkfehler zutage tritt.
Eine Selbstverlags-Veröffentlichung ist etwas anderes als, frei den Clausewitz verballhornt, „eine Fortsetzung der Verlagspublizistik mit anderen Mitteln“. Wer, den Blickt starr voraus und die bewährte Praxis im Rücken, das Feld der Selbstverleger betritt, der wird schnell auf Probleme stoßen. Denn was der Artikel ja auch durchaus gut macht, ist, durch die Auflistung auf die vielen, vielen kleinen und großen Dienste zu verweisen, die normalerweise ein Verlag für einen übernimmt. Vom Lektorat bis hin zum Marketing.
Der Trick ist aber dabei vielmehr, sich den wirtschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Jetzt mal davon ausgehend, dass die Einnahmen von bisher über 2.000 Euro auch gar nicht so übel sind – wenn sie nicht mal die Hälfte der Kosten tragen, muss der Fehler an anderer Stelle liegen. In diesem Punkt ist die Arbeit als Selbstverleger wie die eines jeden wirtschaftlichen Unternehmens: Wenn die Zahl, die dort steht, nachdem man Einnahmen und Ausgaben verrechnet hat, rot ist, dann kann das kein gangbares System sein.
Dabei ist es möglich. Meine privaten Veröffentlichungen laufen ja durchaus sehr unterschiedlich gut, aber die Zahl, die dort am Ende steht, ist schwarz. Das funktioniert nur nicht, wenn man versucht, wie bisher zu arbeiten, allein in einem „fremden Ökosystem“.
Es ist ja leicht zu überschlagen – wenn ich pro Buch selbst unter allerbesten Bedingungen 3 Euro rausbekomme und einen Buchtrailer für 600 Euro in Auftrag gebe, dann kann sich das nur rentieren, wenn der Trailer mir 200 Käufer beschert. 200 Käufer allein durch 53 Sekunden Video erscheint mir unwahrscheinlich, und euch?
Anderes Beispiel – Eibel schreibt:
Als nächstes war die Umwandlung von Worddateien in die im Readerbereich gängigen Formate epub und mobi fällig. Da ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, ob ich das Abenteuer der Selbstveröffentlichung je erneut wagen würde, habe ich mich entschieden mich nicht selbst in die hierfür vorhandenen freien Softwares einzufuchsen, sondern einen bezahlten Service genutzt.
Das kann man natürlich so handhaben. In Eibels Rechnung macht das jedoch auch direkt imposante 527,81 Euro aus. Ich kann euch sagen, bei so einem Betrag wäre ich sofort für eine Lösung im Alleingang, auch wenn die etwas Einarbeitung erfordert.
(Man könnte zwar einwerfen, dass das ein unfairer Einwand eines freiberuflichen Layouters sei, aber ganz im Gegenteil kann ich diese Arbeit genau darum heute machen – weil ich sie mir ursprünglich mangels Alternativen in meiner Freizeit selbst angeeignet habe.)
Was mir an dem Artikel ansonsten missfällt, ist diese etwas krude Anknüpfung an das Thema Piraterie. Natürlich ist Piraterie ein Übel und ich wäre der Letzte, der da wohlmeinende Worte fände, allerdings schwingt da auch zugleich wieder ein wenig der Irrglaube mit, dass die Summe illegal heruntergeladener Titel in irgendeiner Korrelation zu dadurch verminderten Verkäufen steht. Ja, es gibt sicherlich eine Überschneidung. Aber wenn ich 100 Raubkopierer habe, sind das nicht gleichzeitig 100 Leute, die das Produkt effektiv gekauft hätten, wenn man ihnen die Chance dazu gäbe.
Letztlich will ich nichts dagegen sagen, etwas gegen Piraterie zu sagen, nur finde ich sind dieses Thema und der Inhalt des Artikels eigentlich wie Äpfel und Birnen zueinander.
Zusammenfassend:
Ich begrüße den Artikel dahingehend, dass er wie gesagt ein wenig Licht auf die zahlreichen Dienste wirft, die ein Verlag für den Autor übernimmt. Das wird oft übersehen und kommt auch in vielen Plädoyers für den Selbstverlag gerne zu kurz.
Darüber hinaus ist er halt auch in gewisser Weise ein Zeugnis davon, dass das skill set eines im Selbstverlag agierenden Autors signifikant von dem eines Schreibenden abweicht, der fest über den Verlagsweg geht. Beginnend bei den Punkten, dass man sein Schaffen vielmehr als wirtschaftliche Unternehmung wahrnehmen muss und sich darauf einstellen sollte, dass man mehr soft skills zu erwerben hat, weil man einfach mehr selber machen wird.
Das ist etwas, was nun weder den Verlagsweg noch den Selbstverlag zum Gewinner macht. Es ist allerdings eine wichtige Erkenntnis, um seinen eigenen Pfad zu gehen. Weshalb es mir auch wichtig war, hier darüber zu schreiben.
Wir leben in einer Zeit fast endloser Publikationsmöglichkeiten.
Dies ist eine Freiheit, mit der zugleich die Verantwortung einhergeht, sich jeder davon separat und mit einem für neue Wege aufgeschlossenen Geist anzunähern.
Dann klappt’s auch ohne vierstelligen Verlust.
Viele Grüße,
Thomas
PS: Außerdem erwähnenswert ist, dass die Summen, die Eibel offenbar bei Piper bekommen hat, echt imposant sind und sowohl die Einnahmen seinerseits als auch die Auflagenhöhe weit über dem liegt, was manch anderer erreichen wird. Vielleicht verzerrt das ja auch den eigenen Anspruch.
PPS: Wie so oft – bitte nicht Selbstverlagstum (und on-Demand-Publikation) mit herkömmlichen Druckkostenzuschussverlagen verwechseln. Die sind die Bösen. Wer mir nicht glaubt, der findet genau hier eine sehr lesenswerte Rechnung, warum das so ist.






Wen hingegen meine berufliche Arbeit als Verlagsleiter und leitender Layouter für Ulisses Spiele interessiert, findet