Seelenworte

Hätten wir „den Film“ echt gebraucht?

Hallo zusammen!

Hattet ihr ein schönes Weihnachtsfest? Mit gutem Essen, feinen Leuten und angenehmen Zeitvertreiben? Ich hoffe es!
Bei uns hat es eine gewisse Tradition, dass an Heiligabend der Fernseher zwar ausbleibt, am ersten Weihnachtstag dann aber gemeinsam im Kreis der Familie was geschaut wird. Und was, das war in diesem Jahr RTLs Neu-Interpretation von „Winnetou“.

„Winnetou“. Ich glaube, wenige deutsche Filme der Nachkriegszeit haben eine solche Magie, eine solche Aura wie die Karl-May-Verfilmungen um Pierre Brice als Winnetou. (Wobei meiner Erfahrung die meisten Leute in der Regel vor allem an Winnetou I bis III denken, nicht an die ganze Latte anderer Filme und die Fernsehserie des WDR (!), in der Brice ebenfalls den Apachen gab. Und über „Winnetous Rückkehr“ schweigen wir jetzt alle gemeinsam.)
Wie dem auch sei … eine Verfilmung von diesem Kaliber, eine Adaption von solchem Rang neu inszenieren zu wollen erfordert Mut, denn die Kritiker werden nicht fern sein. Und so verging auch nicht viel Zeit, bis mir online das erste Mal die Frage unterkam, die heute hier Thema sein soll: „Wozu braucht man denn da eine Neuverfilmung?“

Das ist aber kein exklusives Phänomen der „edlen Rothaut“; zuletzt habe ich den Einwand auch etwa im Bezug auf „Rogue One“ gelesen, wo es dann in der Variante „Wozu brauchen wir denn da eine Vorgeschichte?!“ ausgespielt wird.
In beiden Fällen gibt es eine ganze Reihe von fallspezifischer Antworten, die das Thema für sich alleine erledigen sollten, aber es gibt noch einen anderen Aspekt, der mir wichtiger ist.

Denn wenn man die Frage abstrahiert oder den Fokus nur erweitert, dann stellt man im Kern eine andere Frage: „Warum braucht man überhaupt Filme?“ (Oft, wenn sie wie oben gestellt wird, ist die Nuance vermutlich eher: „Warum dreht jemand Filme, die mir nicht gefallen?“, aber das ist ein anderes Thema für einen anderen Beitrag.)
Also. Warum dreht man Filme?
Es geht um Unterhaltung. Filmemacher – nicht zwingend die Finanziers, sondern die, die aktiv vor und hinter der Kamera stehen – wollen unterhalten. (Das gilt, nebenbei, für Medienschöpfer allgemein, aber heute ist das Beispiel halt der Film.) Sie wollen den Leuten Spaß und Freude bringen, oder ihnen andere Emotionen bereiten.
Und das ist wichtig, finde ich. Gerade heute. Ernst ist schließlich schon der ganze Rest vom Leben.
Nicht alles, was gedreht wird, ist dazu bestimmt, ein Klassiker zu werden. Manches ist wirklich nicht gut genug, anderes wird vielleicht missverstanden oder übersehen. Doch am Ende überwiegt für mich meine hier auch schon öfters postulierte Idee der Sache mit dem „Publikum von 1“. (In kurz: So wie es meinem Vater früher reichte, eine einzige Person als Publikum zu haben, wenn er Geschichten erzählte (mich), so soll auch mir am Ende egal sein, wie viele zuhören, solange die, die da sind, Spaß daran haben.)

Das Klassiker-Argument ist aber auch allgemein schwer, denke ich. Wir hatten das die Tage noch im Freundeskreis: Natürlich kennen wir heute all die Meilensteine etwa der 80er Jahre, wenn es um Kino-Filme geht. Niemand mit etwas Spaß am Thema Film wird Probleme haben, fünf oder zehn „Must See“-Titel für das Jahrzehnt zu benennen. Doch der Abstand macht das möglich.
Heute nach den Klassikern der Gegenwart zu fragen ist schlichtweg unfair, weil Klassiker sich bewähren müssen. Aus dieser Schwierigkeit aber abzuleiten, dass Filme früher generell wertiger waren, ist vermessen.
Viele dieser Klassiker der 80er (oder eines anderen Jahrzehnts) waren jedoch Filme, an die bei ihrer Entstehung auch viele nicht geglaubt haben. Manchmal sogar bei oder nach ihrem Erscheinen.
Wenn nun aber nicht pauschal gesagt werden kann, dass heutige Filmemacher schlechter wären als früher (Humbug in meinen Augen, wie gesagt), dann spricht auch nichts gegen Neuinterpretationen.
Oder knackiger: Wenn also einer was zu erzählen hat, so soll er doch.

Der Filmkanon von heute ist ohnehin vielstimmig geworden. Früher, bei eingeschränkteren Kinoprogrammen und vor allem einer viel überschaubareren Fernsehlandschaft, war es auch einfach, davon auszugehen, dass jeder stets auf dem gleichen Stand ist und bis auf wenige Abweichungen die gleichen Sachen geschaut hat.
Heute ist das anders.
Das zeigt sich schon, wenn etwa ein Netflix-Nutzer mit jemandem spricht, den den Dienst nicht abonniert hat und daher gleich einen ganzen Kader hochkarätiger Serien vielleicht nicht mal dem Namen nach zuordnen kann. Das gilt ebenso für die HBO-Serien, so wie für manche derzeit „Westworld“ das Serien-Muss ist, während andere fragen, was das sei und ob das was mit dem Yul-Brynner-Film zu tun habe.
Ich habe das aber auch, wenn ich mit Verwandten rede. Ich habe kein FreeTV in irgendeiner Form hier liegen, deutsche Shows sind mir weitgehend unbekannt, deutsche Prominenz auch. Das heißt aber ja nicht, dass das für andere auch so ist. Hier bin ich nur nicht die Zielgruppe, so wie viele meiner Verwandten vermutlich wenig Zugang zu Netflix oder HBO hätten.
So ist unsere Welt halt.

Und in dieser Welt ist auch Platz für „Winnetou“. Der neue Film ist ordentlich produziert worden, hatte ein manierliches Drehbuch und durchweg gute Darsteller.
Klangen die Dialoge nach „deutscher Produktion“? Klar. (Aber Pro-Tipp: Amerikanische Serien klingen auch typisch nach „amerikanischer Produktion“, nur wir sind mal wieder versessen darauf, das bei uns schlimm zu finden.)
Im Gegenteil mochte ich, wie schrullig der neue Old Shatterhand mit seiner deutschen Herkunft inszeniert wurde. Wenn er in einer Kneipenschlägerei vorher warnt, dass er in Sachsen im Boxverein gewesen sein oder bei der Übergabe von Schokolade an die Indianer betont: „Aus Leipzig“. Ich fand das schön.
Umgekehrt fand ich auch die relative Fremdartigkeit der Indianer gelungen, die vor allem nicht pauschal Deutsch sprachen, sondern oft auch in ihrer Sprache mit Untertiteln. Und Deutsch dann mit Akzent. Natürlich war das Deutsch dann wieder das typische Bad-Segeberg-Indianer-Deutsch mit „Feuerross des Weißen Mannes“ und co., aber es funktionierte erstaunlich gut, fand ich.

Es war kein Meisterwerk, aber es war ein unterhaltsamer Film. Genau das, was der Film erreichen wollte. Und darin schließt der Kreis sich.
Ich denke, bevor man mit wehenden Fahnen gegen die bloße Existenz eines Films zu Felde zieht, sollte man sich fragen, ob man nicht am Ende einfach nur nicht Teil der Zielgruppe ist und jemand anders daran vielleicht viel Freude haben kann. Wenn ja: Dann lasst sie doch einfach Spaß haben.

Aber noch ein Gedanke aus anderer Richtung: Ich habe den neuen „Winnetou“ mit meinem Vater gesehen. Der ist die Generation Karl May und Piere Brice, mit sein erster Kommentar war, dass der neue Old Shatterhand (Wotan Wilke Möhring) aber nicht so ein kerniger Typ sei wie Lex Barker früher. Und dennoch hatte auch er Spaß an dem neuen Film.
Wird Nik Xhelilaj sein neuer Pierre Brice?
Niemals.
Aber wir haben zusammen an Weihnachten abends zur Prime Time einen Western geguckt und hatten beide Spaß.

Welche andere Existenzberechtigung soll da noch nötig sein?

Viele Grüße,
Thomas