Als AJ Cronin mal wieder ein Buch beginnen wollte …
Hallo zusammen!
Mein Urlaub liegt ja jetzt schon wieder was zurück, aber heute komme ich endlich mal dazu, etwas aufzugreifen, was ich von dort noch mitgebracht habe. Wir teilten uns gleich am ersten Tag auf und während einige einkaufen fuhren, blieb ich mit einer Freundin in der Wohnung zurück. Und es dauerte nicht lange, da fanden wir uns vor dem Bücherregal dort wieder; einer der natürlichen Anlaufpunkte für mich in jeder Wohnung.
Wir schauten über die Auswahl hinweg und blieben an verschiedenen Titeln von AJ Cronin hängen, die es schafften, unsere Aufmerksamkeit weit genug auf sich zu ziehen, als dass wir wahllos zwei davon anlasen.
Ich fand den ersten Satz vom Stil her ganz amüsant und las ihn daraufhin laut vor:
Als das Mädchen das Abteil betrat, befiel Merrid augenblicklich eine seltsame Unruhe.
– Cronin, AJ: Ein Professor aus Heidelberg. Gütersloh: Bertelsmann o.J., S. 7.
Das wiederum ließ meine Mitforschende allerdings stocken und dann lachen, woraufhin sie, meinen fragenden Blick bemerkend, ihrerseits den ersten Satz vorlas:
Als Martha erwachte, war es noch immer dunkel und bitter kalt.
– Cronin, AJ: Die Sterne blicken herab. München: Südwest Verlag o.J., S. 7.
Spannend! War das eine Formel? Sollte Cronin etwa alle seine Romane nach dem Muster „Als [Person] [Tätigkeit] [stimmungsvolle Umstandsbeschreibung]“ beginnen?
Wir blickten uns in stummer Einigkeit an und griffen uns die anderen beiden Cronins, die der Schrank hergab. Ich schlug meinen auf, war dann allerdings ernüchtert. Dort stand:
Es war am 5. Mai 1911, als Daniel Nimmo zum erstenmal hörte, daß die Rückkehr Grace Lindsays bevorstand.
– Cronin, AJ: Damals im Hochland. Berlin, Darmstadt, Wien: C.A. Koch’s Verlag Nachfolger o.J., S. 7.
Hm, also doch kein untrügliches Muster. Neben mir ertönte dann der vierte von vier Anfängen und der wiederum warf dann doch noch ein spannendes Licht auf die Bücher. Dort hieß es:
An einem Spätnachmittag im Oktober des Jahres 1924 blickte ein schäbig gekleideter junger Mann mit gespannter Aufmerksamkeit durch das Fenster eines Abteils dritter Klasse in dem fast leeren Zug, der sich von Swansea das Penowelltal hinaufarbeitete.
– Cronin, AJ: Die Zitadelle. Gütersloh: Bertelsmann o.J., S. 7.
Somit hatte sich zwar die Formel nicht bestätigt, aber ein Muster war dennoch ganz klar zu erkennen. Alle Texte, ausnahmslos, beginnen mit einer zeitlichen Zuweisung. Teils mit Jahreszahl, teils nur mit einem Anzeiger wie „Als“. In zwei von vieren kommt ein Zugabteil vor, in drei Fällen werden in medias res wild Namen in den Raum geworfen. Überhaupt beginnt jedes Buch ohne große Exposition ziemlich mitten in der Handlung.
Fazit?
Ein absolutes Muster ließ sich nicht erkennen, aber eine grundlegende Strukturierung schon. Und das ist durchaus spannend, auch aus Sicht eines Schreibenden. Macht den Feldtest doch auch einfach mal: Nehmt euch ein paar Bücher eures Lieblingsautors oder, wie bei uns, eines Autoren der einfach gerade greifbar ist und schaut, wie er jeweils den Aufbau gestaltet.
Generell kann man so viel lernen, aber bei keinem Teil eines Buches ist es so pointiert und zugleich leicht zu recherchieren wie bei jenem mysteriösen Gebiet, das der erste Satz eines Romans stets darstellt.
Viele Grüße,
Thomas






Wen hingegen meine berufliche Arbeit als Verlagsleiter und leitender Layouter für Ulisses Spiele interessiert, findet