Ein Plädoyer für den modernen Idealismus

Hallo zusammen!

Es ist erst einige Tage her, da habe ich hier an dieser Stelle unter anderem einen Vortrag von einem Mann namens Gary Vaynerchuk verlinkt (vgl. Man muss lieben, was man tut). Jetzt habe ich da zwar schon gesagt, dass ich dem Mann nicht pauschal und in allen Punkten zustimmen kann, es aber zweifelsohne spannend finde, was er so zu sagen hat.

Googelt man den Namen, stößt man schnell auf seine Webseite, sowie auf die Beratungsfirma, die er mit seinem Bruder führt und die sich darauf spezialisiert hat, Leuten dabei zu helfen, aus sich selber quasi Marken zu machen. Marken im kommerziellen, aber vor allem auch im massenwirksamen Sinne.
Das fand ich interessant, nicht zuletzt, weil etwa die Sinnstifter ja gar nicht so sehr von einem anderen Gedanken geprägt sind. Nicht zuletzt meine Plädoyers an junge Autoren, den Selbstverlag nicht sofort als eine unprofessionelle und nicht erstrebenswerte Alternative beiseite zu legen, schienen mir im Grunde durchaus sehr im Geiste verwandt zu sein.
Grund genug, hier mal zu einer längeren Betrachtung auszuholen…

Vaynerchuk hat eine Menge vorzuweisen, was dafür spricht, dass er sich mit dem, was im Endeffekt sein Thema Nr. 1 zu sein scheint – Firmen- und Markenentwicklung – auch wirklich auskennt. Liest man seine Vita, mit der Vorsicht die geboten ist, wenn man den Lebenslauf eines Menschen liest, der sein Geld damit verdient, eben Menschen marktfähig zu machen, so stößt man dort auf überaus kuriose Fakten. Etwa, dass sein erstes Franchise offenbar aus einer Kette (!) von Limonadenständen (!) bestand, als selber noch ein Kind war. Aber eben auch ziemlich beeindruckende Zahlen davon, in welche Höhen er den Umsatz des familiären Weinladens getrieben hat. Umsatz, übrigens, nicht Gewinn, was wichtig zu beachten ist, wenn man viele Stimmen liest, die ihn kritisieren. Mein Cousin hat eine Straßentiefbau-Firma und macht dort Umsätze in siebenstelligen Bereichen; ich würde ihm von Herzen wünschen, dass er einen Gewinn im siebenstelligen Bereich hätte.

Nun gut. Fakt ist, Vaynerchuk hat auch ein Buch unter dem aufrührenden Titel „Crush It“ veröffentlicht, das ich mir aus Neugierde gekauft und direkt mal gelesen habe, um zu schauen, ob er viel Substanz zu seinen spannenden Thesen hinzuzufügen hat. Die englischsprachige Ausgabe ist ein Hardcover mit schmalen 130 Seiten, aber es war eine durchaus spannende Lektüre.

Die Frage nach der Substanz ist in diesem Falle eine kritische Frage. Vaynerchuks Thesen sind im Grunde extremst einfach. Seine Kernbotschaft ist „Sei fleißig und stecke alle Energie, die du hast, in das eine, absolute und ultimative Leidenschaft. Wenn du alles gibst, was du hast, dann wirst du damit auch erfolgreich sein. Aber schiele dabei nicht nur auf den kommerziellen Erfolg (auch wenn er im Grunde garantiert, dass der kommt), sondern erschaffe etwas, worauf deine Kinder stolz sein können.“
Das hat, auch wenn die Zusammenfassung natürlich von mir ist, selbst in dieser kondensierten Form extremes Sprengpotential. Und ist andererseits jetzt auch nicht so viel mehr, als wenn Goethe im Faust schreibt: „Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“

Ich bin ein Fan des Goethe-Zitats. Meine Eltern haben mich in dem Bewusstsein erzogen, dass man mit Fleiß vielleicht nicht sprichwörtlich alles, aber doch sehr viel in seinem Leben erreichen kann und dass die Alternative ein Maß an Glück ist, auf das zu haben man nicht vertrauen sollte.
Insofern predigt Vaynerchuk in meinem Falle teilweise einem bekehrten. Dennoch, schauen wir mal weiter.

Die rhetorische Form, in der sein Buch verfasst ist, ist spannend und in meinen Augen inhärenter Teil seiner Botschaft. Er ist kein Autor, er ist Redner – und er gibt in einer der (sehr, sehr wenigen) Fußnoten freimütig zu, dieses Buch diktiert zu haben. Das merkt man dem Stil auch an und vielleicht wäre das ein Kritikpunkt, doch dadurch, dass er es offen sagt, schafft er damit dagegen vielmehr ein großes Maß an Ehrlichkeit und Authentizität. Auch so eine Vaynerchuck’sche Maxime.

Vaynerchuks These selbst ist dabei auch problematisch. Einerseits fordert er, dass man bloß nicht hingehen sollte und mit seinem Leben etwas tut, was man hasst. Andererseits betont er, dass er niemanden auffordert, jetzt einfach den Job zu schmeißen und sich ins wirtschaftliche Nirwana zu werfen.
Im Grunde regt er dazu an, dass jene, die nicht eh auf Rosen gebettet sind, in den Abendstunden an dem arbeiten sollen, was das Fundament des Restes ihres Lebens sein soll. Diese in der amerikanischen Popkultur ziemlich beliebte Formulierung, dass heute der erste Tag des Restes deines Lebens ist, schwingt bei ihm klar mit durch. Er will, dass Leute sich Gedanken machen. Dass sie sich vor Augen halten, dass sie immer darum kämpfen können, sich eine Arbeit zu finden, die zugleich ihre größte Leidenschaft und nicht nur eine Möglichkeit zum Broterwerb darstellt. Aber dass das halt immer mit Arbeit verbunden ist.
Vaynerchuk baut regelmäßig im Laufe seines teilweise mehr an einen Bewusstseinsstrom erinnernden Stil derartige Gegensätze und/oder scheinbaren Gegensätze ein. Das Interessante ist, dass er seine Botschaft nicht nur trotzdem, sondern eigentlich sogar gerade darum transportieren kann.

In erster Linie ist „Crush It“ ein Buch darüber, wie Gary Vaynerchuk die Welt sieht. Es ist ein Plädoyer dafür, dass Leute die Welt ein wenig mehr wie er sehen sollen. Dass sie etwa die Chancen, die derzeit im Bereich der Social Media zu finden sind, erkennen und ergreifen. Und da er ein extremer Idealist ist, ist „Crush It“ damit natürlich auch ein klares Plädoyer für den Idealismus.
Andererseits ist er ein Realist, da er oft betont, dass es ohne sehr viel Arbeit nicht gehen wird.
Und er ist Pragmatiker und vor allem kein Dogmatiker, denn ebenso wichtig ist ihm, dass das Bauchgefühl jedes einzelnen die oberste, ja, Maxime sein sollte. Wenn sich ein Gedanke falsch anfühlt, den er aufstellt, fordert er regelrecht dazu auf, dem Bauch zu trauen.

Wie viel Substanz kann in einem Buch stecken, dass so eine Botschaft transportiert? Erstaunlich viel, wenn er auch weniger konkrete Ratschläge als eben mehr Philosophie vermittelt. Darum ist es wichtig, dass er das Buch diktiert hat, dass er es alleine und ohne wichtigen Verlagslektor gemacht hat. Mit einem Helfer, den er sich selbst ausgesucht hat; ein wenig, wiederum, auf Basis der selben Idee, die wir mit den Sinnstiftern hatte.
Wenn Vaynerchuk meint, dass etwas gewissermaßen an seiner Persönlichkeit verankert ist, spricht er davonn, dass es „in his DNA“ so ist; aber natürlich meint er das nicht Bio- oder Neurologisch. Wenn er davon spricht, dass das Ziel eben „to crush it“ ist, dann meint er, dass man sich selber zu einer relevanten Marke machen soll und sich selber zu etwas zu machen, das wichtig ist. Aber so genau erklärt er das eigentlich nie. „Biz dev“, „to monetize“, „passion“ – sein Repertoire an Signalworten ist zwar groß, aber er verwendet sie so dicht gedrängt und so wiederholt, dass sie sich beim Lesen natürlich regelrecht ins Hirn fressen. Aber sie sind nicht weniger wirksam, nur weil man sie bemerkt.

Doch wichtiger als alles andere ist für ihn im Grunde, dass es einen berührt, dass es einem wichtig ist, was man macht. Es ist ein einziges Wort, das in der englischen Sprache alle diese Nuancen abfischen kann: „Care.“
Und es ist ungeheuer passend, dass ausgerechnet auf der einen Seite, auf der nur dieses eine Wort ganz zentral und unübersehbar geschrieben steht, am unteren Seitenrand die Aufforderung steht, sich bei Fragen zu diesem Konzept an ihn zu wenden. Mit Mailadresse.

Vaynerchuk gibt diese in seinem Buch regelmäßig an. Er will Kontakt, er macht auch diesen Wunsch zu einer der zentralen Aussagen seines Buches. Er will kommunizieren. Kontakt zu Menschen. Das ist die Zukunft, die er sieht. Das ist das, was große Firmen gar nicht leisten können: Eine persönliche Bindung an den Empfänger auf der anderen Seite. Von jemandem ausgehend, dem die ganze Sache wirklich am Herzen liegt.

Das Buch kostet relativ viel – nicht für ein Sachbuch, aber objektiv gesehen auf die Seitenzahl gerechnet schon. Ich fand es eine lohnende Lektüre, aber die Botschaft kann man sich auch kostenlos aus seinen Vorträgen holen, denke ich, wenn da auch weniger breit präsentiert.
Darum, quasi als Abschluss, noch ein weiteres Video aus dem großen Fundus von Videobeiträgen und gefilmten Vorträgen, die Vaynerchuk zu bieten hat.

Ich habe ihn ursprünglich über TED gefunden, auch wenn der zuletzt verlinkte Beitrag keine offizielle TED Talk war, sondern dort nur weiter getragen wurde.
Das Motto von TED ist „Ideas worth spreading“.
Ich denke, das fasst es gut zusammen.

Viele Grüße,
Thomas

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