Über das Bedürfnis des Wissenschaftlers, tätigkeitstheoretisch betrachtet

Man muss, so als Geisteswissenschaftler, doch einiges erdulden. Den Spott der Naturwissenschaftler, der Mediziner und bisweilen der Juristen etwa. Das Unwissen der Mitmenschen, wie jüngst ein Senio-Student, der sich neben mir laut fragte, wie die Philosophie es eigentlich geschafft habe, neben den konkreten Wissenschaften wie der Mathematik oder der Physik auch als Wissenschaft Anerkennung zu finden. Aber das Schlimmste, was die Welt auf uns armen Geistmenschen losgelassen hat, sind die Fachtexte.
Nicht, weil ich jetzt lesefaul wäre. Im Gegenteil, ich lese gerne Sachbücher (und schreibe ja auch gerade eines). Das ist nicht der Punkt. Aber da ist so viel Wichtigtuerei enthalten, so viel Phrasengedresche und Selbstbeweihräucherung, das es manchmal schon an körperliche Schmerzen grenzt.

Ich will es mit einem Beispiel illustrieren. Ich zitiere es einfach mal, und sage danach was dazu:

So verfährt die Wissenschaft i.a. selbstverständlich nicht, sondern in der Regel ist sie bemüht, ein Problem zu lösen, einen Zusammenhang zu erklären, eine wichtige Frage zu beantworten, kurz: sich auf Inhalte zu beziehen usw. Dieses Interesse steht am Anfang der Wissenschaft. Jeder Wissenschaftler hat, tätigkeitstheoretisch gesprochen, ein Bedürfnis, ein Motiv und ein sich daraus ergebendes Ziel, das er erreichen möchte. Für den Diskursanalytiker kann ein solches Ziel natürlich sein, Antwort auf die Frage zu bekommen, wie man einen Diskursstrang in seiner gesamten Ausdehung und historischen „Verwurzeltheit“ überhaupt in „den Griff“ bekommen kann, bzw. welches die dazu erforderliche angemessene Vorgehensweise bzw. Methode ist.

Uff. Das klingt ungeheuer wichtig, mit all diesen langen Wörtern und diesen verwirrenden Schachtelsätzen. Aber es sagt, wenn man es mal genauer betrachtet, erst mal gar nichts aus. Die Wissenschaft ist bemüht ein Problem zu lösen. Jeder Wissenschaftler hat ein Ziel und das möchte er erreichen. Und es ist, generalisiert, offenbar das Bedürfnis eines Wissenschaftlers, die dazu angemessene Methode zu finden.
Wow.
Jeder Schreiner hat ein Ziel, nämlich beispielsweise einen Schrank zu bauen. Er ist bemüht, das Ziel zu erreichen und wird dafür eine angemessene Methode wählen.
Jeder Taxifahrer hat ein Ziel, beispielsweise die Turmstraße in Aachen. Er ist bemüht, das Ziel zu erreichen und wird dafür eine angemessene Route wählen.
Mein Kater hat ein Ziel, beispielsweise den Schinken auf der Küchenablage. Er ist bemüht, dieses Ziel zu erreichen und wird demnach eine angemessene Methode – den Sprung vom Stuhl auf den Esstisch und von dort auf die Arbeitsplatte – wählen, um an das Fleisch zu gelangen.

Mal im Ernst. Das ist platt, ein Allgemeinplatz und derart zu generalisieren, das der Aussagewert gegen Null tendiert. Aber kommen wir zum wirklich traurigen Teil, der Quelle:

Jäger, Siegfried; Jäger, Margarete: Kritische Diskursanalyse. 4. erw. Aufl. DISS: Duisburg 1993. S. 213.

Ich habe den Auszug zugegebenermaßen sehr isoliert gelesen, da er mir – ironisch genug – in einem Seminar als Negativbeispiel für Wissenschaftsdeutsch präsentiert wurde. Die DISS ist auch so eine Geschichte für sich, das „Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung“ hat ein paar ganz interessante und ein paar ziemlich schreckliche Texte rund um die immer mal wieder auf den Tisch gelegte Verquickung der Gothic- und NeoNazi-Szenen verfasst (hier mal weiter unten nachschauen) . Aber das führt zu weit fort vom Thema.

Herr Jäger ist seit 1987 Leiter dieses Instituts, ein Geisteswissenschaftler in führender Position also. Und dann Tete wie der Auszug da oben. Aber es ist ja nicht so, als ob das böse Absicht sein müsse, oder als ob ich sie ihm unterstellen wolle. Aber schon im Grundstudium bzw. heute im Bachelor werden angehende Geisteswissenschaftler derart auf genau so eine Schreibe gedrillt, wird ihnen eingebläut wie ein Text aussehen muss, damit er „wissenschaftlich“ ist.
Eigentlich ist es nicht erstaunlich, das ich noch niemals inhaltlich für das Fehlen von Wissenschaftlichkeit kritisiert worden bin. Derartige Kritik, so sie den kam, bezog sich immer auf Formalia – die Breite des Seitenrandes etwa. Wir machen zunehmend die Ästhetik zum Inhalt. Das ist fast so, als würde ich auf die Frage, was denn mein zuletzt gemaltes Ölbild zeigen würde, nicht mehr antworten „Einen Strand.“, sondern „Ölfarbe.“

Die Geisteswissenschaft verliert vermutlich auch deshalb immer mehr an Boden auf dem Parkett der Gesellschaft, weil sie zu einem Wiederkäu-Apparat wird. Es denkt niemand mehr nach, vor allem: Es lehrt auch niemand mehr das Nachdenken. Andere haben gedacht, teilweise vor fast 2000 Jahren. Deren Worte können wir am Ende artig aufsagen. Nicht, dass das schlecht wäre – aber der Anwendungsbezug geht verloren. Das Nachdenken wird zur Tautologie, denn das Ergebnis hat ja eigentlich eh schon im Vorfeld festzustehen. Den Applaus gibt es für die wortreiche Verpackung, die zur Not auch das letzte geistige Gammelfleisch noch lecker aussehen lässt, zumindest solange man nicht wagemutig ist und den Brocken anschneidet, mal in das Innere blickt. Den Gegenwartsbezug schaffen wir nicht mehr inhaltlich, wir schaffen ihn rhetorisch.

Es läge mir fern, an diese Stelle jetzt einen Kreuzzug gegen den Herrn Jäger loszutreten. Er wird seinen Posten nicht unverdient haben und vielleicht habe sogar ich im Gegenzug durch den schon elliptisch anmutenden Auszug dem Buch Unrecht getan. Jedenfalls dem Buch in seiner Gesamtheit.
Der obige Absatz und die nachfolgenden, hier nicht vorgelegten Seiten aber machten es einfach zu einem prädestinierten Beispiel.

Die Taktik ist fortan einfach. Wer Sachtexte liest und langsam das Gefühl hat, den Text einfach nicht erfasst zu bekommen, der sollte nicht direkt an sich zweifeln. Einfache Methoden, etwa die Absätze mal jeweils in Kurzfassungen zu schreiben um besser an der Argumentation fühlen zu können, helfen schnell und enttarnen im Zweifelsfall schnell die Stellen, wo aufgebläht wurde.

Es verbleibt die Frage, ob man das Denken und Nachdenken denn nun wirklich lehren könnte, wenn man wollte?
Ich behaupte einmal: Ja, man könnte.

Und berufe dazu Heinrich von Kleist in den Zeugenstand. Denn dessen „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ ist zweifelsohne eine Lektüre wert. Sprachlich ob des Alters auch nein wenig sperrig, aber dennoch eine kurze, knappe und spannende Lektüre.

Viele Grüße,
Thomas

4 Kommentare zu “Über das Bedürfnis des Wissenschaftlers, tätigkeitstheoretisch betrachtet

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  2. Tatsächlich muss auch ich immer wieder die Erfahrung machen, die Geisteswissenschaften als Wissenschaft zu verteidigen. Wenn jemand in einem Keller Gensequenzen ändert oder eine neue Maschine planen kann, dann wird das bewundert, wenn jemand anders in kurzen Worten Dinge prägnant erklären kann, dann ist das trivial. Oder auch die beliebte Frage „Was kann man denn damit machen?“, wenn ich Leuten erzählt habe, das ich Politische Wissenschaften studiere. Viele begreifen nicht, dass ein geisteswissenschaftliches Studium keine feste Ausbildung ist, die zu einem festen Beruf führt. Das die während eines geisteswissenschaftlichen Studiums erworbenen Kompetenzen nicht klar vermittelbar sind, merke ich ja auch durch meine nunmehr fast einjährige Arbeitslosigkeit, nachdem ich mein Studium der Politischen Wissenschaften mit „sehr gut“ abgeschlossen und an die 50 Bewerbungen geschrieben habe, die gerade mal zu zwei Vorstellungsgesprächen geführt haben. Aber viele der angesprochenen Probleme sind tatsächlich hausgemacht. Die große Breite der Publikationen ist katastrophal geschrieben und um „Seriösität“ bemüht, führt jedoch nur zu unverständlicher Schreibe. Es gilt wohl: je weniger Leute den Text verstehen, desto klüger muss man selbst als Autor sein. Von der gesammelten Inhaltslosigkeit mancher Publikationen mal ganz abgesehen. Einer der größten Kritikpunkte die ich selbst gegen die Geisteswissenschaft vorbringen möchte, ist jedoch die auch erwähnte Reproduktion von Bekanntem. Gerade das Studium in der Neueren Deutsche Literaturgeschichte war eine reine Reproduktionsarbeit, bei der man nur die Anmerkungen anderer Germanisten wiedergeben musste. Das beste, was einem als NDLer passieren kann, ist von neuen NDLern gelesen und zitiert zu werden. Meine Erfahrung mit NDL war, dass es sich um eine sich nur selbsterhaltende Wissenschaft handelt, die Texte von Germanisten für Germanisten aufbereitet. Den Mehrwert sucht man ebenso vergeblich, wie eine Beschäftigung mit Themen oder Texten, deren Autoren oder Vordenker nicht mindestens zehn Jahre tod sind. Politische Wissenschaften ist dabei vielleicht sogar noch schlimmer, da es nur eine „Metawissenschaft“ aus Soziologie und Geschichte darstellte und ich während meines Studiums in diesem Fach keine durchgängige Linie feststellen konnte. Ich hätte gerne als Beispiel für unverständliche Texte gerne noch etwas aus meinem Reclam-Heft zum Pragmatismus von Dewey zitiert, um völlig für Kopfschmerzen zu sorgen, doch das Heft ist leider schon weggepackt.

  3. Oh ja, das kenne ich auch nur zu gut. Amerikanistik/PoWi seit einem Jahr beendet, immer noch arbeitslos nach ebenso sicherlich 50 Bewerbungen, aber nur 1 Vorstellungsgespräch.

    Den roten Faden in PoWi habe ich auch immer vergeblich gesucht und bis zum Ende nicht gefunden. Keine Frage, da waren überaus spannende Sachen dabei und ich denke, dass mich einige Sachen wirklich weiter gebracht haben, mir auch einige Sachen wirklich hilfreich sind bei der Analyse von irgendwelchen politischen Ereignissen – oder auch sogar im privaten Umfeld. Aber mir kam das Fach immer als „best of Sozialwissenschaften“ vor, ein Potpourri bei dem man einfach alles reinkippt, was gut klingt.

    Und gerade dieses fehlende Berufsbild macht es ungemein schwer. Mir wurde jetzt vom Arbeitsamt sogar nach einem Jahr Arbeitssuche empfohlen, mich selbständig zu machen – alles Andere hätte wenig Sinn. Und in der Politikwissenschaft erzählte man uns von einem Land in dem Milch und Honig fließen, wenn wir dann tapfer bis zum Ende durchhalten. Pustekuchen…

    Witzig fand ich besonders in der Politikwissenschaft immer: Deutsche Texte waren häufig vollkommen unverständlich, obwohl die Inhalte sehr einfach waren. Englische Texte hingegen waren häufig interessanter geschrieben und verständlicher. Mir kam es wirklich häufig so vor, dass in erster Linie die deutsche PoWi krankt und die englische PoWi noch einigermaßen mehr „Sinn“ macht. Bei den Deutschen schien mir zu sehr das Erbe des „Landes der Dichter und Denker“ zu lasten und keiner traute sich, Sachen auch einmal einfach zu schreiben. Klar, gibt es auch auf Englisch. Aber mir machten englische Texte meist mehr Spaß und habe ich eher verstanden. Bei deutschen Texten driftete ich mit den Gedanken sehr bald ab und merkte nach einer Seite, dass ich die Seite gedanklich nicht mehr zusammenfassen konnte, wovon der Autor da sprach.

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